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Kein Kommentar

VON JAN SCHWEITZER

Eine amerikanische Wissens-Website lässt unter ihren Artikeln keine Debatte mehr zu. Der Grund: Die Äußerungen beeinflussen die Leser.

Kein Kommentar© Artur Marciniec - Fotolia.comDas bekannte amerikanische Magazin "Popular Science" hat auf seiner Website die Kommentarfunktion abgeschaltet
Schluss. Aus. Vorbei. Keine geistreichen Kommentare mehr, keine angeregten Diskussionen - aber auch keine Pöbeleien: Vergangenene Woche hat das ehrwürdige amerikanische Magazin Popular Science kurzerhand die Kommentarfunktion auf seiner Website abgeschaltet. Moment mal: Keine Kommentare mehr? Das, was viele Menschen am Internet so schätzen - dass jeder mitreden, seine Meinung sagen darf. Dass Debatten entstehen und daraus neue Sichtweisen und Ideen - das alles soll es bei Popular Science nicht mehr geben?

Genau. Denn: »Kommentare können schlecht für die Wissenschaft sein.« So beginnt die Online-Redakteurin Suzanne Labarre ihre Begründung für das Vorgehen. Nach dem üblichen »Wir haben uns die Entscheidung nicht leicht gemacht« kommt sie zum Punkt: Es gebe wissenschaftliche Belege dafür, dass eine aufgebrachte Minderheit durch ihre Meinungsäußerungen Macht über die Wahrnehmung einer Geschichte gewinne. Eine amerikanische Studie habe den Zusammenhang gezeigt. Und der habe drastische Konsequenzen: Die Kommentare beeinflussten die öffentliche Meinung, die wiederum die Politik. Und die bestimme, welche Forschung gefördert werde, schreibt Labarre. Ist die Entscheidung von Popular Science nicht fast unausweichlich? »Es ist schon ein wenig tragisch, dass man das Web 2.0 zum Web 1.5 zurückdreht«, sagt Dietram Scheufele, aber er könne den Schritt verstehen.

Scheufele ist quasi mitverantwortlich für die Entscheidung von Popular Science. Der Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität von Wisconsin ist einer der Autoren der von Labarre angeführten Studie. Schaut man sich seine Untersuchung aus diesem Frühjahr (veröffentlicht im Journal of Computer-Mediated Communication) an, dann ist der Schritt von Popular Science nur konsequent. Er und vier Mitautoren baten mehr als 2.300 Probanden, sich einen Artikel sowie die zugehörigen Kommentare in einem Blog einer kanadischen Zeitung anzuschauen. Das Stück beschrieb die Vor- und Nachteile von Silber-Nanopartikeln - detailliert, ausgewogen und korrekt. Die Kommentare allerdings hatten die Forscher manipuliert: Die eine Hälfte der Probanden bekam sachliche Beiträge zu lesen, die andere unhöfliche wie »Wer nicht die Risiken für Fische und andere Tiere und Pflanzen erkennt, die im mit Silber verschmutzten Wasser leben, der ist dumm«.

Diese Art der Kommentare beeinflusste die Leser derart, dass sie das Thema nicht mehr ausgewogen betrachteten (im Gegensatz zu den Probanden, die die sachlichen Kommentare gelesen hatten), sondern in ihrer Meinung radikalisiert wurden. Kritiker wurden deutlich kritischer und weniger zugänglich für die Meinung der anderen Seite. Die guten Argumente im Artikel hatten ihre Kraft verloren - durch ein paar irrlichternde Aussagen. »Es hat uns schon überrascht, wie stark die Reaktionen auf die Kommentare waren - und das bei einem Spezialthema wie Nanotechnologie, über das die Leute nicht so viel wissen. Bei einem Thema wie Impfen wären die Reaktionen wohl noch stärker gewesen«, sagt Scheufele.

Aber soll man Diskussionen gar nicht erst zulassen, nur weil sie entgleiten und ihre Leser manipulieren könnten? Sind sie nicht auch wichtig, um wissenschaftliche Entwicklungen gesellschaftlich einzuordnen? Ja, schon, sagt Scheufele. Doch er frage sich, ob das Internet das beste Forum dafür sei. Und wenn ja: Seien Online-Kommentare als gesellschaftliche Debattenform geeignet? Es sei ein bisschen so, »als läse ich auf dem Marktplatz eine Zeitung, und wildfremde Menschen um mich herum schrien mir zu, was ich glauben solle«.

Auch der Soziologe Stephan Humer, Forschungsleiter und Gründer des Arbeitsbereichs Internetsoziologie an der Universität der Künste Berlin, hat bei vielen Online-Debatten »ein Gefühl wie bei einer Party, zu der auch ungeladene Gäste kommen«. Doch man muss ehrlich sein: Der Datenbestand ist dünn; über die Thematik wurde wenig geforscht, das gibt auch Scheufele zu. Deswegen bezeichnet er den Schritt von Popular Science als »Ausdruck einer Phase, in der wir über das richtige Vorgehen diskutieren«. Viele Online-Medien kümmern sich bereits mit viel Aufwand um das Problem, indem sie die Diskussionen unter den Artikeln moderieren (wie auch ZEITonline).

Scheufele schlägt etwas anderes vor: Man sollte die Kommentare von Lesern bewerten lassen und die nach oben stellen, die besonders gute Noten bekommen. »Dann hat man eine demokratische Entscheidung darüber, was gute Kommentare sind.« Auch Popular Science kann sich offensichtlich nicht so ganz von der alten Tradition trennen: Die Leserstimmen zu der Kommentar-entscheidung, die die Online-Redaktion zusammengestellt hatte, konnten kommentiert werden.

Aus DIE ZEIT :: 02.10.2013

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