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Kein Ohr für Zwischentöne

Von Jan-Martin Wiarda

Den Hochschulmedizinern droht eine Zerreißprobe: Während die Verbandsfunktionäre den Widerstand gegen den Bachelor schüren, wird anderswo längst an neuen Studienmodellen gefeilt.

Kein Ohr für Zwischentöne© Jean-Marie Guyon - 123rf.comDer Medizinbachelor - ein Rückfall ins Mittelalter?
Die Höhle des Löwen hat eine weiß getünchte Stuckdecke und steil ansteigende Sitzreihen. Vorn befindet sich eine Bühne mit Rednerpult darauf, an dem steht Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), und soll ihr Publikum aus Ärzten, Medizinprofessoren und Klinikmanagern davon überzeugen, dass der Bologna-Prozess auch in der Ausbildung von Ärzten eine gute Idee wäre. Wenn man so will, verkörpert die Standesvertretung der Hochschulmedizin in Sachen Studienreform die Antithese zu den Bologna-Vorkämpfern vom Hochschuldachverband: So, wie HRK-Chefin Wintermantel immer dann ihr Gesicht in die Kameras hält, wenn es angesichts von Studentenprotesten gilt, die gestuften Abschlüsse Bachelor und Master zu verteidigen, lassen die Funktionäre des Medizinischen Fakultätentags (MFT) ungern Gelegenheiten aus, um vor dem Rückfall ins Mittelalter zu warnen - der Medizinbachelor sei ein Äquivalent zum Zähne ziehenden Bader.

Vergiftetes Lob für die Reformerin

Umso verwirrender ist, dass der MFT an diesem Frühlingstag zum Bologna-Symposium an den Charitéplatz in Berlin-Mitte geladen hat - noch dazu unter dem etwas holprigen Motto »Frischer Wind im Heiligtum?«, das bis auf das von den Veranstaltern ergänzte Fragezeichen ausgerechnet aus einer der Hochglanzbroschüren stammt, mit der die HRK so regelmäßig wie - zumindest in letzter Zeit - vergeblich versucht, Stimmung für die Reform zu machen.

Verwirrend ist auch die Botschaft, die Wintermantel mitgebracht hat zum Bologna-Symposium der Bologna-Kritiker. »Es ist nicht zielführend, Medizinern die Bologna-Architektur um jeden Preis überzustülpen«, sagt die 63-Jährige und blinzelt irritiert die steil ansteigenden Reihen des Hörsaals hinauf, als sie schallenden Applaus erntet. Was ein diplomatisch verpacktes Plädoyer für die Reform sein soll, kann man, wenn man nur will, auch als Reform-Rückzug missverstehen. Und ihre Zuhörer wollen - so gründlich, dass Wintermantel ihren Satz später in der triumphierenden Pressemitteilung des MFT wiederfinden wird, verbunden mit einem ausdrücklichen, nur leicht vergifteten Lob für ihre »klare Aussage«.

Sah es im vergangenen Jahr noch so aus, als könnte die Abwehrfront der Bachelorgegner in der Medizin demnächst bröckeln, steht sie seit den Studentenprotesten so fest, dass selbst die eingefleischtesten Bologna-Fans in die Defensive geraten. Das verdanken die Funktionäre vom MFT auch dem liberalen Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der gleich mehrfach zu Protokoll gab, dass er die Neugestaltung des Medizinstudiums ablehne. Zumindest auf den ersten Blick sind die Hochschulmediziner auch mit ausgezeichneten Argumenten ausgestattet: In keinem anderen Studienfach ist die Abbrecherquote so gering wie bei den angehenden Ärzten, in Sachen Auslandsaufenthalten liegen sie in allen Vergleichen an der Spitze. »Wir haben zwei der Bologna-Hauptziele längst übererfüllt«, sagt MFT-Generalsekretär Volker Hildebrandt. Hinzu kommt ein Arbeitsmarkt, der gierig jeden Absolventen schluckt, den die Universitäten produzieren. »Über 90 Prozent unserer Absolventen wollen ohnehin Ärzte werden. Wozu sollte ein Bachelor auf halber Strecke da gut sein - außer für eine Erhöhung der Ausbildungskosten?« Entsprechend mitleidig schauen die Teilnehmer des Bologna-Symposiums auf all die Studienfächer, die »nicht das Glück hatten, der Reformmanie zu entgehen«, wie es einer in der Kaffeepause formuliert.

Als dann nach dem Chef der Professorengewerkschaft auch noch der ebenfalls angereiste bayerische Kultusminister einen Bachelor-Zwang für Mediziner ablehnt, ist die Glückseligkeit vollkommen. Einigkeit allenthalben: kein frischer Wind nötig. Punkt. Täuschen lassen sollte man sich indes nicht von der zur Schau getragenen Selbstzufriedenheit. Anderswo ist die deutsche Hochschulmedizin längst auf dem Sprung, und anderswo heißt in diesem Fall nur ein paar Hundert Meter vom Tagungsort entfernt, im Büro von Manfred Gross, dem Studiendekan der Berliner Charité. Der kämpft seit Jahren für ein neues Medizinstudium, dessen Teil der Bachelor wäre.


»Selbst bei einer niedrigen Abbrecherrate müssen wir an das Schicksal derjenigen denken, die das Staatsexamen eben nicht schaffen«, sagt Gross. »Die Physikumsprüfung stellt sie nicht besser als das Abitur, obwohl sie mit ihren erworbenen Fähigkeiten in nichtärztlicher Tätigkeit in anderen Berufen des Gesundheitswesens sicher eine Menge anfangen könnten.« Der Bachelor, so Gross, wäre ein »respektabler Ausweg statt einer sonst völlig verunglückten beruflichen Ausbildung«. Zudem gibt es auch Schätzungen der Bundesärztekammer, wonach nur jeder zweite Absolvent wirklich Arzt wird. Welche Zahl die richtige ist, die von MFT-General Hildebrandt oder die der Bundesärztekammer, ist umstritten. Fest steht: Für jene Medizinstudenten, die den Arztberuf nicht als Ziel haben, ist das lange Studium Lebenszeitverschwendung und für den Staat eine teure Angelegenheit: In keinem anderem Fach sind Studienplätze so teuer.

Erschleichen sich die Oldenburger den Bachelor durch die Hintertür?

Die Hälfte der Distanz hin zu einem grundlegend neuen Medizinstudium haben sie in Berlin und an sieben weiteren Universitäten bereits hinter sich gebracht: In Modellstudiengängen lernen die Studenten vom ersten Semester an auch durch die Behandlung echter Patienten, anstatt wie sonst üblich erst jahrelang nur Theorie zu pauken. Thematisch zusammenhängende Veranstaltungen wurden zu Einheiten zusammengefasst, in der Bologna-Sprache heißen sie Module. Die Studiumsorganisation richtet sich dadurch nach den für den Arztberuf nötigen Fähigkeiten und nicht mehr nach den Grenzen der Fachdisziplinen. Auch das berüchtigte Physikum haben sie in Berlin abgeschafft, dafür auf halbem Weg durchs Studium eine schriftliche Arbeit eingeplant. Je nach politischer Großwetterlage wäre es so künftig kaum ein Problem, rasch auf den Bachelortitel umzustellen.

Diese zweite, noch ausstehende Hälfte des Bologna-Sprungs werden sie indes möglicherweise anderswo, vor den Berlinern machen: Die Uni Oldenburg will die deutschlandweit ersten Bologna-Ärzte ausbilden. Da die Approbationsordnung das Bachelor-Master-System als Weg in den Arztberuf nicht vorsieht und, glaubt man den Worten von Gesundheitsminister Rösler, auch in absehbarer Zeit nicht vorsehen wird, geht das nur über eine Kooperation mit der benachbarten Unversität Groningen: An der European Medial School Oldenburg-Groningen sollen künftig 80 Studenten pro Jahr den deutschen Bachelor und Master in Humanmedizin und zudem einen niederländischen Master in »Geneeskunde« machen. Erst der Groninger Titel wird es den Oldenburger Absolventen ermöglichen, ihre Zulassung als Arzt zu beantragen: Die Abschlüsse anderer EU-Staaten müssen als dem deutschen Staatsexamen gleichwertig anerkannt werden. Entsprechend verärgert fällt die Reaktion der Funktionäre aus. »Die Oldenburger nehmen die Hintertür, um in Deutschland einen Abschluss zu etablieren, den die überwiegende Mehrheit der Mediziner nicht will«, sagt Hildebrandt. Ob die Niedersachsen das überhaupt dürfen, entscheidet der einflussreiche Wissenschaftsrat, dessen Experten die Pläne ausgiebig durchleuchtet haben. Vergangene Woche sollte das Ergebnis verkündet werden, dann vertagte der Rat seinen brisanten Beschluss, offenbar auf Betreiben Röslers, kurzfristig. Die Bologna-Fans werten das bereits als hoffnungsvolles Zeichen, dass der Bachelor abgesegnet werden könnte.

Womöglich sind ja auch die vermeintlich so hervorragenden Argumente der Bologna-Gegner doch nicht so gut. Das sagt zumindest Kolja Briedis vom Hochschul-Informations-System (HIS). Mit bedrückter Miene hockte der hochgewachsene Forscher nach dem Symposium in seinem Stuhl und wunderte sich darüber, wie zufrieden die MFT-Funktionäre auch seinen Vortrag über die Studienstatistik in der Medizin aufgenommen haben. Er sagt: »Wer sich die Zahlen genau ansieht, kann daraus nun wirklich nicht ableiten, dass alles zum Besten steht.« Ja, die Abbrecherquote sei niedrig, aber das könne kaum verwundern angesichts einer fast ausschließlich aus Einserabiturienten bestehenden Klientel. »Studenten mit guten Noten brechen grundsätzlich selten ab, ob sie nun Medizin studieren oder was anderes«, sagt Briedis - eine Beobachtung, die der MFT gern mit dem Hinweis kontert, bei den Psychologen seien die Abi-Noten ähnlich gut, und die Schwundraten seien höher.

Das sei aber noch nicht alles, ergänzt Briedis. Die Rückmeldungen der Medizinstudenten über die tatsächliche Qualität ihres Studiums sähen alles andere als ermutigend aus: Die Kontakte zu den Lehrenden seien zu gering, die Beratung ungenügend. »Und auf ihren Beruf fühlen sich viele Studenten unzureichend vorbereitet«, sagt Briedis noch, bevor er geht. Für derlei Zwischentöne interessieren sich die Bologna-Gegner am Ende ihres Bologna-Symposiums recht wenig. Warum auch: An diesem Abend geht es ihnen richtig gut in ihrem Heiligtum.

Aus DIE ZEIT :: 12.05.2010

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