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Kein Platz für kluge Köpfe

VON JOHANNES VOSWINKEL

Forscher haben es schwer in Russland - viele fliehen vor Misswirtschaft und Bürokratie ins Ausland. Konstantin Sewerinow will das ändern.

Kein Platz für kluge Köpfe© zettberlin / photocase.comForschung in Russland muss einige Hürden überwinden - und sei es lästige Bürokratie
Die linke Flurseite lässt erahnen, was der Molekularbiologe Konstantin Sewerinow vor acht Jahren in der Heimat vorgefunden hat: eine angestaubte Rumpelkammer voller elektrischer Apparate und Laborflaschen, mehr Museum als Forschungstempel. Unser »Bordell« nennen seine Studenten scherzhaft das Chaos, das sich über den ganzen langen Gang hinzieht.

Im hintersten Zimmer sitzt Sewerinow, den Laptop auf den Knien, in seinem Minibüro, das er mit einer Mitarbeiterin teilt. Mit seinem Wuschelkopf, schlabberigem T-Shirt und Jeans entspricht er kaum dem Typ eines würdevollen Professors an der Akademie der Wissenschaften. Die Zeit in Amerika hat ihn geprägt, seine Studenten nennen ihn familiär »Kostja«. Sie sind ihm dankbar, denn er bietet ihnen eines der besten Labors für genetische Forschung in der unterfinanzierten russischen Wissenschaft, mit einem Partnerlabor an der Rutgers University in New Jersey, USA. Für die Renovierung der rechten Flurseite hatte Sewerinow immerhin Geld aufgetrieben. Die Putzfrau müssen die Biologen allerdings privat bezahlen.

Der 45-jährige Sewerinow gilt vielen in Russland als Vorzeigewissenschaftler. Nicht, weil er vor 20 Jahren in die USA auswanderte und später einen amerikanischen Pass erhielt. Sondern weil er nach Moskau zurückgekehrt ist. Zur Rettung der vaterländischen Biologie, wie die Legende der Wissenschaftspatrioten lautet. In Wirklichkeit zog ihn die Geburt seiner Tochter nach Moskau. Aber nach einem Vaterjahr entschied er sich voller Tatendrang, die russische Forschung neu mit aufzubauen. Obwohl er ahnte, worauf er sich einließ. Anfangs ging es vor allem darum, im Labor zerbrochene Fensterscheiben zu ersetzen und exsowjetische Angestellte vor die Tür zu setzen, deren wissenschaftliche Ergebnisse sich locker auf ihrer Karteikarte in der Personalverwaltung hätten darstellen lassen. Dann suchte Sewerinow nach Stipendien, mit denen er seinen Doktoranden 400 Euro monatlich bezahlen konnte, ein weit überdurchschnittliches Gehalt. Er behielt sein Labor an der Rutgers University und bietet Austauschprogramme an.

Dennoch ist der Frust seiner Studenten deutlich hörbar. Beim Geburtstagsumtrunk in der Küchenecke des Labors beklagen sie die hiesige Bürokratie, die zahllose Rechenschaftsberichte verlangt - die aber niemand liest. Sie tauschen sich über die Stipendien an den besten Universitäten der Welt und über Visumsregeln aus. Beschwingt von einem Glas Weißwein, redet Sewerinow eindringlich auf sie ein: Bleibt in Russland, wo die Konkurrenz gering ist; entwickelt euer Projekt hier und nehmt ein Jahr in Harvard nicht als Garantie für eine glänzende Karriere. Doch seine Studenten bleiben skeptisch. »An der Rutgers University habe ich immerhin einen Arbeitsplatz, an dem alles funktioniert«, sagt einer.

Der Braindrain, der »Abfluss der Gehirne« ins Ausland, hat die russische Forschung schon eine Generation gekostet. Anfang der neunziger Jahre, im Chaos nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, siedelten ganze Labormannschaften in die USA oder nach Israel über. Seither ist Russland wirtschaftlich gesundet und steckt wieder mehr Geld in den Wissenschaftshaushalt. Doch der Braindrain ist bis heute nicht gestoppt. Zwischen 25.000 und 100.000 Emigranten aus Russland forschen im Ausland. Keiner kennt die genaue Zahl. Zwar wandern auch aus China viele Wissenschaftler ab, aber sie kehren meist zurück. Für russische Wissenschaftler gilt dagegen die Faustregel: Wer fünf Jahre weg war, kommt nicht wieder.

Wer heute das Land verlässt, folgt kaum mehr purer Not wie oft in den neunziger Jahren. Ein talentierter Wissenschaftler kann in Russland mittlerweile seine Familie ernähren und dabei gut leben. Aber es fehlen die freie Selbstverwirklichung, eine berufliche Perspektive, soziale Garantien und gesellschaftliches Ansehen. Fast alle Top-Wissenschaftler aus Russland arbeiten im Ausland. Die russischstämmigen Physiker Andrej Geim und Konstantin Nowosjelow erhielten 2010 den Nobelpreis für die Erforschung von Graphen an der Universität von Manchester. Auf die Frage, ob er sich eine Rückkehr nach Russland vorstellen könne, antwortete Geim: »Erst nach meiner Wiedergeburt.«

Die Trutzburg der russischen Forscher heißt Akademie der Wissenschaften. Sie gilt zugleich als Hort von Misswirtschaft und Korruption. Viele ihrer Altvorderen propagieren noch immer eine staatlich geplante Wissensproduktion. Einen Wettbewerb um Stipendien, den die Liberalen vorziehen, lehnen sie ab. »Die russische Wissenschaft ist die konservativste Institution aus der Sowjetzeit«, konstatierte der frühere Wissenschaftsminister Andrej Fursenko. »Sie ist absolut reformfeindlich.« Für den Kampf mit den Beamten in den Akademiebehörden bräuchte es allein eine Vollzeitstelle. Zum Forschen kommt Sewerinow deshalb eher selten.

Stattdessen beansprucht die Verwaltung seinen Erfindergeist. Staatsmittel fließen niemals regelmäßig, Überweisungen verzögern sich oft monatelang. Laborleiter müssen im Safe unerlaubt Bargeld lagern, um liquide zu bleiben. »Das ist ein ewiges Rattenrennen«, sagt Sewerinow, »ich muss die Buchhaltung formal betrügen, um überleben zu können.« Er führt im Institut für Molekulargenetik ein zweites Labor. So kann er die Risiken verteilen. »Wenn die eine Verwaltung aus irgendwelchen Gründen kein Geld zahlt, bleibt mir die Grundfinanzierung im anderen Institut. Untersagen mir die einen Experimente, weil sie angeblich ungesetzlich seien, dann führe ich sie halt am anderen Ort durch.«

Die Arbeit finanziert Sewerinow vor allem mittels russischer Forschungsstipendien. »In Amerika sitze ich still im Labor und schreibe wissenschaftliche Artikel, um mit den Erfolgen neue Gelder anzuwerben«, sagt er. »In Russland muss man sich in die Kette einklinken, in der das Geld nach ungeschriebenen Regeln verteilt wird. Dank meiner gesellschaftlichen Aktivität kann ich Entscheidungen hoher Amtsträger beeinflussen und sie persönlich um Hilfe bitten.« Die Versorgung der Labore mit Arbeitsmaterial ist ein weiteres Problem. Jede Anschaffung, ob Klimaanlage oder Glühbirnen, muss öffentlich ausgeschrieben werden. Das mag in manchen Wirtschaftsbranchen die Korruption eindämmen, aber für Wissenschaftler ist es eine Tortur.

Kein Platz für kluge Köpfe Konstantin Sewerinow versucht den russischen Brain-Drain zu stoppen
Die Ausschreibung dauert Wochen und endet nicht selten mit dem Ergebnis, dass es in Russland keinen Lieferanten gibt. Hinter Sewerinows Schreibtischstuhl steht deshalb eines seiner wichtigsten Arbeitsmittel: ein Koffer. In ihm bringt er Präparate, Reagenzien oder Fruchtfliegen aus den USA nach Russland, damit das Labor läuft. Die Kosten begleicht er mit Geld aus Stipendien seines US-Labors. »Das ist eine absurde Situation«, sagt Sewerinow, »aber vertretbar, da sich die Arbeit der Labore in Russland und den USA überschneide.« Wegen solcher Arbeitshindernisse schrecken viele russische Forscher vor einer Karriere in ihrer Heimat zurück. »Vierzig Jungforscher haben mein Labor durchlaufen«, sagt Sewerinow. »Nach Russland kamen zwei zurück.«

Entsprechend leidet die Qualität der hiesigen Wissenschaft unter dem Braindrain. In manchen Universitätsrankings der weltweiten Top 500 finden sich gerade mal zwei russische Hochschulen. Thomson Reuters beziffert Russlands Anteil an den globalen Wissenschaftsveröffentlichungen auf knapp drei Prozent - damit liegt das Land weit hinter Indien oder China. Russlands Wissenschaftler publizierten lieber in russischen Fachzeitschriften, wenden Verteidiger der momentanen Situation ein. Ihr Argument verdeutlicht zugleich, wie wenig sich die postsowjetische Forschung in die globale Wissenschaft eingliedern möchte. Englisch ist vielen russischen Forschern fremd. Wer dennoch internationalen Austausch sucht, hat es oft schwer. Mal fehlt das Geld, mal das Visum.

Russlands Regierung versucht, vor allem mit eindrucksvollen Milliardensummen und Leuchtturmprojekten die Wissenschaft zu retten. Bis 2020 ist der Aufbau mehrerer Forschungsuniversitäten von Weltrang geplant. In Zusammenarbeit mit dem Massachusetts Institute of Technology entsteht ein Hightech-Zentrum bei Moskau. Mega-Stipendien über je 3,5 Millionen Euro sollen 80 Wissenschaftler auch aus dem Ausland verlocken, in Russland hochmoderne Labors aufzubauen.

Doch diese gute Idee prallt wie so oft auf die russische Wirklichkeit in Gestalt von Beamten, Zöllnern, Geheimdienstlern. Viele Wissenschaftler, die Mega-Stipendien erhielten, beschweren sich über Visumsprobleme, den Antragswust, Mangel an qualifizierten Mitarbeitern und den vollen Verlust der Rechte auf ihre Forschungsergebnisse - diese fallen in Russland an die Institute.

Der deutsche Ökosystemforscher Ernst-Detlef Schulze vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie bekam all die Schwierigkeiten zu spüren. Seine Expedition zum sibirischen Jenissej-Fluss musste um ein Jahr verschoben werden. Schulze will den Kohlenstoffaustausch zwischen verschiedenen Ökosystemen untersuchen. Im vergangenen Jahr wurden ihm Ein- und Ausfuhr von technischen Apparaten oder Bodenproben und Pflanzenresten verboten. Lebendkulturen liegen zuweilen so lange beim russischen Zoll, bis das Trockeneis, mit dem sie gekühlt wurden, verdampft ist. Sogar Papiertücher, für Expeditionen nach Russland mitgebracht, müssten formal korrekt als Müll wieder ausgeführt werden.

Konstantin Sewerinow hat sich erfolglos um ein Mega-Stipendium beworben. Vielen Honoratioren aus der Akademie der Wissenschaften, die an der Vergabe beteiligt waren, ist er ein Ärgernis. Er gilt als unbequemer Rückkehrer aus Amerika, geprägt vom Unternehmergeist eines Besserwissers. Mit seiner offenen Kritik am Wissenschaftsprogramm von Präsident Wladimir Putin hat er sich Feinde geschaffen. Noch genießt er seine Rolle als bunter Hund unter den Biologen. Und wenn er mal wieder ungestört forschen möchte, zieht er in sein Labor an der Rutgers University.

Aus DIE ZEIT :: 04.10.2012

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