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Kein zweigliedriges System - die ärztliche Ausbildung in Großbritannien und der Bologna-Prozess

Von Anthony Weetman

In Großbritannien hat sich in den letzten 15 Jahren in der Medizin-Ausbildung einiges verändert. Was waren die Ziele der britischen Reform? Warum lehnt Großbritannien eine zweigliedrige medizinische Qualifizierung mit einem dreijährigen Bachelor ab? Ein Bericht zur gegenwärtigen Diskussion im Vereinigten Königreich.

Kein zweigliedriges System - die ärztliche Ausbildung in Großbritannien und der Bologna-Prozess© ritschratschklick - Photocase.comDer englische Bachelor - besser ausgebildet als seine europäischen Kollegen?
Die Erklärung des Bologna-Prozesses schlägt für die Hochschulen ein dreigliedriges System von Abschlüssen vor, nämlich den Bachelor, den Master und die Promotion. Die Mindeststudienzeit für einen Bachelor-Abschluss wird darin auf drei Jahre festgelegt. Einige europäische Länder haben zusätzlich für den Master-Abschluss zwei weitere und für die Promotion drei weitere Studienjahre vorgesehen. Die Erklärung gesteht einzelnen Ländern zu, ihre Vielfalt zu bewahren und ihre eigenen Abschlüsse beizubehalten, obwohl das langfristige Ziel dieses Prozesses die Harmonisierung der Studienabschlüsse» sein wird.

Die Europäische Union hat bereits in der Richtlinie 2005/36/EG die Anerkennung der medizinischen Grundausbildung an die Bedingung eines zumindest sechsjährigen Medizinstudiums bzw. 5 500 Stunden theoretischen und praktischen Unterrichts geknüpft. Im Vereinigten Königreich werden die Abschlüsse der medizinischen Grundausbildung durch die Ärztekammer (General Medical Council) geregelt, welche die Mindestanforderungen für Studenten und die erforderlichen Prüfungsergebnisse an der Medizinischen Fakultät festsetzt. Die Ärztekammer ist für die Qualitätssicherung verantwortlich und entscheidet, welche Universitäten Abschlüsse der medizinischen Grundausbildung vergeben dürfen.

Besser auf die Praxis vorbereitet

1993 erstellte die Ärztekammer ein Grundsatzpapier mit dem Titel "Die Ärzte von morgen" ("Tomorrow's Doctors"). In diesem Papier sind die Mindestanforderungen aller medizinischen Studiengänge im Vereinigten Königreich festgelegt, damit Universitäten eine ärztliche Grundausbildung anbieten und bescheinigen können. Zwei wesentliche Empfehlungen des Papiers waren, dass das Medizinstudium lernerzentriertes Lernen fördern und Kerninhalte mit einer im Vergleich zu den heutigen Studiengängen reduzierten Faktenlast vermitteln soll. Selbstverständlich müssen die Studenten während des gesamten Studiums das einschlägige klinische und theoretische Wissen erwerben und nachweisen. Doch es gab noch weitere Anforderungen einschließlich der Einführung spezieller Studienmodule, um den Studenten die Erkundung spezifischer medizinischer Inhalte zu ermöglichen. Entscheidend für die aktuelle Diskussion ist, dass diese Empfehlungen für das Medizinstudium im Vereinigten Königreich die Abkehr von der traditionellen Trennung in vorklinische und klinische Semester bedeuteten. Klinische Inhalte sollen vom Beginn des Medizinstudiums an genutzt, klinische Fertigkeiten von Anfang an gelehrt und der Kontakt mit dem Patienten über das gesamte Studium sichergestellt werden. Dieses Papier» hatte enormen Einfluss auf die Ärzteausbildung im Vereinigten Königreich und wurde jüngst überarbeitet.


Obwohl sich die neueste Fassung von "Die Ärzte von morgen" auf die Ergebnisse konzentriert (also: den Arzt als Wissenschaftler, den Arzt als Praktizierenden und den Arzt als Sachverständigen), wird die Einbeziehung vorklinischer und klinischer Themen beibehalten, ja sogar intensiviert. Die Medizinischen Fakultäten und die Ärztekammer sind der Auffassung, dass die heutigen Absolventen eines Medizinstudiums im Vereinigten Königreich besser auf die Praxis vorbereitet sind als die früheren: und zwar durch gründliche klinische Fertigkeiten wie auch durch eine solide Grundlage für die Berufsausübung in einem immer schneller sich wandelnden Gesundheitssystem. Der für den Inhalt von "Die Ärzte von morgen" verantwortliche Bildungsausschuss der Ärztekammer hat vor kurzem Bedenken geäußert, dass die Annahme des dreigliedrigen Bologna-Modells die Trennung zwischen vorklinischen und klinischen Semestern wieder einführen und damit die Erwartung nähren würde, nach drei Jahren an einer britischen Medizinischen Fakultät einen Bachelor-Abschluss und nach zwei weiteren Jahren den Abschluss der ärztlichen Grundausbildung zu erhalten. Dies wiederum könnte die gesunde Versorgungsvielfalt im gesamten Vereinigten Königreich gefährden, die zu vielen neuen Entwicklungen bei den Studieninhalten und deren Bewertung geführt hat.

Bachelor ist nicht gleich Bachelor

Im Vereinigten Königreich ist der Abschluss des Medizinstudiums traditionell der Bachelor. An meiner eigenen Universität qualifizieren sich die Studenten mit zwei Bachelor-Abschlüssen (MBChB), die die alte Praxis der Verleihung von Abschlüssen in Medizin und Chirurgie widerspiegelt. Allerdings wissen wir auch, dass Studenten, die das dreijährige Studium absolviert haben, lediglich mit dem BMedSci abschließen, einem so genannten Ausstiegsabschluss ("exit degree") für diejenigen, die meinen, dass das weiterführende Studium und die Praxis der Medizin für sie nicht in Frage kommen. Darüber hinaus bieten die meisten Medizinischen Fakultäten im Vereinigten Königreich einen erweiterten BMedSci- oder BSc-Abschluss an, der nach einem zusätzlichen Studienjahr verliehen wird, wenn zwei oder mehr Jahre des Hauptstudiums absolviert sind. Es handelt sich hierbei um einen Standard-Bachelor-Abschluss, der neben dem Abschluss der ärztlichen Grundausbildung erworben und typischerweise von denjenigen gewählt wird, die eine akademische Laufbahn anstreben.

All dies zeigt, dass Medizinstudiengänge im Vereinigten Königreich, auch wenn die Abschlüsse der ärztlichen Grundausbildung Bachelor heißen, anspruchsvoller sind als gewöhnliche Bachelorqualifikationen. Dies wurde von der Qualitätssicherungsagentur (QAA), die für die Überprüfung der akademischen Standards an den Universitäten des Vereinigten Königreichs zuständig ist, ausdrücklich anerkannt. Sie kam zu dem Schluss, dass der Bachelor-Abschluss, der nach einem fünfjährigen Medizin-Studium erlangt wird, tatsächlich einem Master-Abschluss gleichkommt (s. Bericht»).

Kein zweigliedriges System

Diese Lösung weist für die Medizinabschlüsse im Vereinigten Königreich den besten Weg, und weder die Ärztekammer noch die Medizinischen Fakultäten wollen eine Veränderung der derzeitigen integrierten Struktur von Medizinabschlüssen mit kürzeren Studienzeiten. Die Ärztekammer hat in diesem Zusammenhang die zuständigen Minister der vier das Vereinigte Königreich konstituierenden Länder um Klarstellung ersucht. Ihr wurde versichert, dass der Bologna-Prozess mit der aktuellen Struktur des Medizinstudiums im Vereinigten Königreich vereinbar ist. Ich hoffe, dass diese kurze Erklärung die heutige Situation im Vereinigten Königreich skizziert und dass der Grund deutlich wird, warum wir nicht den Weg einer zweigliedrigen medizinischen Qualifizierung mit förmlichen Bachelor-Abschlüssen nach drei Studienjahren gehen wollen.


Über den Autor
Anthony Weetman ist Prorektor und Professor an der Fakultät für Medizin, Zahnmedizin und Gesundheitswesen an der Universität Sheffield, Großbritannien


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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