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Keine Angst vor der Zukunft

Das Gespräch führte MARCUS ROHWETTER

Brian David Johnson liest und schreibt Science-Fiction, damit sein Arbeitgeber Intel auch in zehn Jahren noch Geld mit Computerchips verdient.

Keine Angst vor der Zukunft© MACIEJ NOSKOWSKI - iStockphoto.comWie fühlt es sich in zehn oder fünfzehn Jahren an, ein Mensch zu sein?
DIE ZEIT: Brian, Sie nennen sich Futurist und blicken hauptberuflich in die Zukunft. Wissen Sie auch, was ich Sie gleich fragen werde?

Brian David Johnson: Sie werden mich fragen, was ein Futurist eigentlich genau macht.

ZEIT: Genau! Also?

Johnson: Futuristen gibt es schon seit Langem, und mit ganz unterschiedlichem Selbstverständnis. Nehmen Sie meinen Landsmann Ray Kurzweil - der prognostiziert, wie die Dinge sein werden. Ich gehöre zu einer neuen Generation von Futuristen. Statt um Vorhersagen geht es mir mehr um kreative Prozesse. Ich will die Zukunft mitgestalten.

ZEIT: Dass sich Unternehmen für die Zukunft interessieren, ist nicht neu. Früher hieß das Marktforschung - was machen Sie anders?

Johnson: Ich will herausfinden, wie es sich in zehn oder fünfzehn Jahren anfühlt, ein Mensch zu sein. Wie verändern sich die Beziehungen zwischen einzelnen Menschen und die zwischen ihnen und Regierungen? Ich will verstehen, wie Menschen einkaufen, wie sie sich unterhalten und so weiter.

ZEIT: Und wie machen Sie das?

Johnson: Am Anfang stehen sozialwissenschaftliche Studien von Anthropologen und Ethnologen. Wir erforschen langfristige Trends wie die Bevölkerungsentwicklung ebenso wie den Klimawandel oder die wirtschaftliche Entwicklung. Erst danach kommen die Computerwissenschaften ins Spiel. Auf den Punkt gebracht, beobachten wir also die Menschen und folgern daraus, wie die Welt künftig aussehen könnte. Und dann untersuchen wir, wie Technologie diese Entwicklung beeinflussen kann.

ZEIT: Das machen Sie also nicht allein?

Johnson: In unserem Labor arbeite ich mit rund hundert Leuten zusammen. Informatiker, Sozialwissenschaftler, Designer, alles in allem eine richtig gute Mischung. Meine Chefin ist beispielsweise Kulturanthropologin. Schon daran sehen Sie, dass sich bei uns viel um den Menschen dreht.

ZEIT: Aber Ihr Geschäft bleiben Computerchips.

Johnson: Natürlich vergessen wir nicht, dass Intel ein Industriebetrieb ist. Das Ergebnis meiner Arbeit fließt in die Arbeit unserer Chipdesigner ein. Die entwickeln gerade die Technik für das Jahr 2019 und müssen wissen, was die Menschen dann von Prozessoren erwarten.

ZEIT: Und was können Sie Ihren Technikern sagen? Was erwarten die Menschen?

Johnson: Vor fünf Jahren war Rechenleistung vor allem ein Thema für Großrechner und PCs. Heute steckt sie in Autos und Telefonen. Bald reicht es aber nicht mehr aus, Chips kleiner, schneller und billiger zu machen. Viel wird davon abhängen, wofür Menschen technische Geräte verwenden. Bei einigen Chips wird es dann stärker auf die Leistung ankommen, bei anderen eher auf geringere Hitzeentwicklung.

ZEIT: Konsumenten nutzen heute oft Smartphones und Tablets, in denen aber keine Chips von Intel stecken, sondern von der Konkurrenz. Warum haben Sie das nicht vorausgesehen?

Johnson: Wie ich schon sagte, ich mache keine Vorhersagen ...

ZEIT: ... das klingt jetzt wie eine Ausrede.

Johnson: Bei meinem Selbstverständnis als Futurist wären solche Voraussagen nutzlos. Viel wichtiger ist doch, dass künftig eine Vielzahl von ganz unterschiedlichen Geräten miteinander kommunizieren werden. Das ist entscheidend.

ZEIT: Wissen Sie eigentlich, wie man einen Chip konstruiert?

Johnson: Glücklicherweise habe ich einen Fuß in beiden Welten, ich bin ja auch Ingenieur.

ZEIT: Seit wann begeistern Sie sich so für Technik und die Zukunft?

Johnson: Seit dem 2. Oktober 1972.

ZEIT: Warum wissen Sie das so genau?

Johnson: Das ist mein Geburtstag.

ZEIT: Guter Scherz.

Johnson: Spaß beiseite. Schon in meiner Kindheit war ich ständig von Technik umgeben. Mein Vater arbeitete als Ingenieur für Radartechnik, meine Mutter war Informatikerin. Noch bevor ich lesen konnte, brachte mein Vater Schaltpläne von Radaranlagen mit nach Hause und erklärte mir, wie die Dinger funktionieren, wie der Strom fließt und was die einzelnen Bauteile machen. Später als Jugendlicher habe ich mein erstes Geld in Computerlaboren verdient und interessierte mich für Science-Fiction.

ZEIT: Science-Fiction?

Johnson: Ja. Science-Fiction ist für meine heutige Arbeit unglaublich nützlich. Mein Tagesgeschäft kann furchtbar langweilig sein. Forschungsergebnisse lesen, Daten interpretieren und Muster suchen, das alles ist nicht besonders spannend. Dann aber gehe ich raus, um mit den Menschen zu reden. Ich spreche mit Regierungsmitarbeitern, Wissenschaftlern an Universitäten, unseren Kunden und Konsumenten. Dabei habe ich etwas Interessantes bemerkt. Wenn es um die Zukunft geht, fallen Menschen nämlich oft sehr viele Gründe ein, warum etwas nicht passieren wird. Weil die Gesetze es nicht zulassen, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen und so weiter.

ZEIT: Was hat das mit Science-Fiction zu tun?

Johnson: Wünsche lassen sich nur schwer formulieren. Hätte Henry Ford die Menschen seiner Zeit gefragt, welche Produkte sie sich wünschten, hätten sie wohl geantwortet: schnellere Pferde. Konsumenten fehlen oft Sprache und Vorstellungsvermögen, um über künftige Innovationen zu reden - die es ja noch gar nicht gibt. Science-Fiction vermittelt ihnen ein Bild von der Zukunft, über das man diskutieren kann. Es sind Geschichten über Menschen und ihren Umgang mit Technologien, die es heute nicht gibt, die es vielleicht aber einmal geben wird.

ZEIT: Ein Beispiel, bitte.

Johnson: Vor ein paar Jahren gab es da eine Geschichte, in der Menschen, die sich an verschiedenen Orten befinden, miteinander Poker spielen. Der eine hat ein Smartphone, der andere einen Tablet-PC, und so spielen sie. Wenn man das jemandem erzählt, bekommt er eine Vorstellung von vernetzten Geräten - schon hat man eine Basis für ein Gespräch. Science-Fiction inspiriert.

ZEIT: Ich denke bei Science-Fiction an Aliens oder Terminator. Zu was inspiriert Sie das?

Johnson: Ich bevorzuge Science-Fiction, die stärker auf Fakten beruht. Von Autoren wie Cory Doctorow, Charlie Stross und Vernor Vinge kann ich viel lernen, weil die sich mit der näheren Zukunft befassen. Also nicht mit einer Zeit, die Jahrhunderte vor unserer liegt.

ZEIT: Auch Apples iPad war ja mal Science-Fiction. Regisseur Stanley Kubrick hatte schon 1968 einem Helden seines Raumfahrtepos A Space Odyssey ein Tablet in die Hand gedrückt.

Johnson: Kubrick hat mit Sicherheit einen Futuristen beschäftigt, der sich überlegte, wie die Menschen im Jahre 2001 leben werden. Aber verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Science-Fiction und Filme wie Transformers. Das ist tolles Popcornkino für jemanden, der einen Abend lang gut unterhalten werden will. Aber wenn eine Geschichte mit zu wenigen Fakten unterfüttert ist, hilft sie mir nicht dabei, eine plausible Vision von der Zukunft zu entwickeln. Wir dürfen ja auch nicht vergessen, dass wir unsere Zukunft täglich selbst gestalten.

ZEIT: Aber wenn es um Technologie geht, fragen sich trotzdem viele Menschen, ob diese Zukunft gut oder schlecht sein wird.

Johnson: Ich sage ihnen: Habt keine Angst, wir müssen die Zukunft nicht fürchten. Wir können sie schon dadurch beeinflussen, dass wir über sie reden. Darüber, was wir wollen und was nicht. Ein gutes Beispiel hat George Orwell mit 1984 geliefert. Er zeigt uns eine Gesellschaftsvision, in der ein Staat seine Bürger überwacht und Fernsehgeräte die Menschen beobachten. Big Brother wurde so zu einem kulturellen Synonym, dessen Bedeutung weit über Science-Fiction hinausgeht. Orwell beschrieb mit literarischen Mitteln soziale Veränderungen und ermöglichte den Menschen so, sich über die Zukunft zu verständigen. Das Ergebnis war, dass wir so etwas wie Big Brother nicht wollen.

ZEIT: Sie scheinen ja sehr zuversichtlich zu sein. Dabei dachte ich, dass Intel-Mitarbeiter immer mit dem Schlimmsten rechnen müssen.

Johnson: Wieso denn das?

ZEIT: Weil Andy Grove, einer der Gründer von Intel, sein Erfolgsrezept mal so formuliert hat: Nur die Paranoiden überleben.

Johnson: Ich bin definitiv Optimist. Die Zukunft ist unser Geschäft. Wir schreiben sie mit und wollen sie zu einer besseren Zukunft machen.

ZEIT: Also keine Paranoiker mehr bei Intel?

Johnson: Nicht unter den Futuristen.

ZEIT: Okay. Aber an der Zukunft bauen außer Intel noch andere mit. Welche Zukunft errichtet die Menschheit zurzeit?

Johnson: Computer werden immer leistungsfähiger. Davor sollten wir uns nicht fürchten, sie sind ja nur Werkzeuge. Gleichzeitig senden Menschen immer mehr Daten aus, von Spuren im Internet bis zu Gesundheitsinformationen. Diese Daten entwickeln eine Art Eigenleben, sie entschwinden irgendwohin, und man wird sich fragen, wo sie sind und was gerade damit geschieht.

ZEIT: Klingt unheimlich.

Johnson: Ja, für manche. Aber wir haben die Kontrolle über die Daten. Sie haben für Maschinen keinen Wert; nur für Menschen, die sie verwenden.

ZEIT: Aber gerade das bereitet ja Angst. Erst recht, weil die Geschwindigkeit des technischen Wandels zunimmt.

Johnson: Angst kann sehr zerstörerisch sein und verhindert Innovationen, deswegen befasse ich mich auch intensiv damit. Eines meiner Projekte heißt Die Zukunft der Angst. Wissen Sie eigentlich, was ein Boogeyman ist?

ZEIT: Wer?

Johnson: Das ist eine Art Monster, eine irrationale Form von Angst. Eltern erzählen manchmal ihren Kindern: Wenn du nicht brav bist, holt dich der Boogeyman. Man hat Angst davor, aber real ist das nicht - und wenn man darüber nachdenkt, merkt man das auch. Wenn ich mit den Menschen spreche, bemerke ich viele Boogeyman-Ängste. Viele fühlen sich vom technologischen Wandel überfordert.

ZEIT: Können Sie das bitte konkretisieren?

Johnson: Ja. Einmal sprach ich mit einem Vater, der darüber klagte, dass die Technik seine Tochter vollständig im Griff habe. Sie tippte ununterbrochen auf ihrem Handy herum, und er machte sich deswegen große Sorgen.

ZEIT: Was haben Sie ihm gesagt?

Johnson: Dass es gut sei, wenn er sich um seine Tochter sorgt. Smartphones sind ein vergleichsweise neues Phänomen, und uns fehlen noch soziale und kulturelle Normen im Umgang mit solchen Geräten. Es braucht Zeit, diese zu entwickeln. Aber es wird geschehen.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Johnson: Läuft in Ihrer Familie der Fernseher, wenn Sie zusammen Abendbrot essen?

ZEIT: Nein, das tut er nicht.

Johnson: Sehen Sie? Es geht nicht um Technologie, sondern um menschliches Verhalten. Sie haben irgendwann, so wie die meisten Familien, entschieden, dass der Fernseher beim Abendessen ausgeschaltet bleibt. Die Frage, was Sie der Technik erlauben und was nicht, haben Sie im Fall des Fernsehers schon beantwortet, und Sie denken nicht mehr darüber nach. Solche kulturellen Normen werden sich auch bei Smartphones, Tablets und anderen neuen Geräten herausbilden.

Aus DIE ZEIT :: 01.12.2011

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