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Keine feudalistische Zentralsteuerung

von OLIVER GÜNTHER

Wie soll die Leitung von Universitäten gestaltet werden? Ist das Präsidialsystem eine "feudalistische Zentralsteuerung", die Hochschullehrer, denen ihre Autonomie am Herzen liegt, ablehnen müssen? Eine Replik aus der Sicht eines Universitätspräsidenten.

Keine feudalistische Zentralsteuerung© codswollop - photocase.deDer Präsident hat heute mehr zu sagen als der Rektor vergangener Jahre
Wie Jürgen Mlynek kürzlich auf der Feier zum 20. Geburtstag der Helmholtz-Gemeinschaft feststellte, geht es der deutschen Wissenschaft heute so gut wie zuletzt vor der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten. Ich möchte dem nicht nur ausdrücklich zustimmen, sondern diese Aussage - trotz gewisser Einschränkungen - auch auf die deutschen Universitäten beziehen. Trotz einer anhaltenden strukturelle Unterfinanzierung an vielen Standorten sind die deutschen Universitäten nicht etwa "im Kern verrottet", wie Peter Glotz noch 1996 konstatierte. Insbesondere die Exzellenzinitiative hat dazu beigetragen, dass die universitäre Spitzenforschung qualitativ wie quantitativ in den letzten Jahren enorm zulegen konnte. Die zunehmende Differenzierung der Hochschulen trägt den unterschiedlichen regionalen Anforderungen Rechnung und stellt zudem die einzige Möglichkeit dar, der mit über 50 Prozent erfreulich hohen Abiturientenquote, den entsprechend hohen Studierendenzahlen und der resultierenden extremen Heterogenität unserer Erstsemesterkohorten zu begegnen.

Eine weitere Differenzierung und ein Überdenken der Studierendenverteilung auf Universitäten und Fachhochschulen sind ebenso erforderlich wie Korrekturen an der Umsetzung der Bologna-Reform, insbesondere was die zu beobachtende Überregulierung von Studien- und Prüfungsordnungen angeht. Auch die Finanzausstattung der Universitäten muss endlich an international übliche Standards angepasst werden. Kurz: Es gibt noch viel zu tun. Aber - wie Scholz und Stein schreiben - "Resignation" (Lesen Sie auch "Sag mir, wo die Uni ist...")? "Tief in seiner Substanz geschädigt"? Und all das aufgrund fehlgeleiteter "präsidialer Bauchgefühle"? Zurückzuführen also auf Universitätsleitungen, denen das "nötige Handwerkszeug" fehlt, die "zwangsläufig überfordert und zum Scheitern verurteilt" sind?

Wie passt ein derart apokalyptisches Szenario zu der stark angestiegenen Nachfrage durch ausländische Studierende aus aller Welt? Zu der internationalen Wettbewerbsfähigkeit unserer Absolventinnen und Absolventen? Und der zunehmenden Präsenz deutscher Universitäten in den diversen Rankings, so sehr man diese aufgrund methodischer Schwächen abtun mag? Und wie mögen derart inkompetente Universitätsleitungen jemals ins Amt gekommen sein?

Vielleicht ticken die Uhren in Saarbrücken und Siegen tatsächlich so anders als in Potsdam und Berlin, den Universitäten, die ich als Präsident bzw. Dekan von innen kenne. Können die Kollegen dort wirklich so einfach durchregieren wie in dem Artikel dargestellt? Dies würde mich überraschen, und es würde mich im Übrigen nicht neidisch machen. Die Vorstellung, Magnifizenz setzt sich morgens an seinen Schreibtisch, um für die nächsten acht oder mehr Stunden kurz mal seine "Durchgriffsrechte" wahrzunehmen und den Fakultäten zu sagen, wo es lang geht, erscheint doch schlichtweg grotesk. Gute Fakultäten nehmen ihre Autonomie sehr bewusst wahr, und das ist auch gut so. Fakultäts- und Strukturreformen werden allerorten intensiv hinterfragt und können einen Amtsinhaber ernsthaft in Bedrängnis bringen, wenn sie nicht gut begründet sind. Ein Maulkorberlass bezüglich der Kommunikation zwischen Professoren und Presse hat eine Universitätspräsidentin vor einigen Jahren das Amt gekostet.

Viele von uns (ich eingeschlossen) sind auch Professor geworden, um nie einen "Chef" zu haben. Kreative Geister brauchen und beanspruchen nicht nur intellektuelle, sondern auch administrative Freiheit. Vor diesem Hintergrund wäre autokratisches präsidiales Verhalten, wie in dem Artikel postuliert, von vornherein zum Scheitern verurteilt. Und auch das ist gut so.

Ich lade die Kollegen Scholz und Stein gerne einmal zu mir nach Potsdam ein, um den präsidialen Alltag kennenzulernen. Nach außen gerichtet sind die Verhandlungen mit der Politik, die Kontakte zu Kultur und Wirtschaft sowie der Austausch mit anderen Hochschulen. Nach innen sind die üblichen Prozesse wie Berufungen und Gremiensitzungen zu administrieren, aber es gilt stets auch, Strukturen grundsätzlich zu überdenken. Universitäre Veränderungsprozesse sind aufgrund der geachteten Autonomie der Fakultäten, Institute, Hochschullehrer und Personalvertretungen stets Prozesse, die von zahlreichen Akteuren auf unterschiedlichen Entscheidungsebenen mitgetragen werden müssen. Ein gutes Präsidium muss dieses "Mittragen" vorbereiten und begleiten, eine gute Präsidentin, ein guter Präsident ist Mittler, nicht Diktator. Dies gilt in abgewandelter Form auch für den Dekan, dazu hatte ich mich in diesen Seiten schon geäußert (Lesen Sie auch "Dekan versus Dean - Ein universitäres Selbstverwaltungsamt im Umbruch").

Eine derart konsensuale Führungskultur führt oft zu längeren und manchmal auch anstrengenderen Prozessen als in einem betrieblichen, medizinischen oder gar militärischen Umfeld, in dem ein auf Weisungsbefugnis beruhender Top-Down-Führungsstil nach wie vor die Regel darstellt. In einer Hochschule ist ein solches Führungsmodell nicht systemadäquat. Es wäre kontraproduktiv.

Die Vorstellung der Autoren, deutsche Universitätspräsidenten schwelgten in ihrer "feudalistischen Zentralsteuerung" und rieben sich die Hände ob ihrer Möglichkeiten zur "Professorendisziplinierung", zeugt von einer erstaunlichen Naivität. Sicherlich ist gelegentlich auch eine harte, manchmal auch eine einsame Entscheidung der Präsidentin oder des Präsidenten gefragt, nicht alles lässt sich im Konsens oder über einen Kompromiss erreichen. Aber selbst dann sorgen die vorhandenen Checks and Balances für eine adäquate Kontrolle. Und wenn es gar nicht anders geht, stehen die demokratischen Instrumente bereit, um einen Präsidenten nicht mehr wiederzuwählen oder auch vorzeitig abzuwählen. Um im Bild der Autoren zu bleiben: Dies dürfte im Falle der allermeisten deutschen Universitätspräsidenten wesentlich leichter fallen als bei Angela Merkel.

Hat der Präsident heute mehr zu sagen als der Rektor alter Prägung? In der Tat. Aber wollen die Autoren wirklich einen Grüß-August als Präsidenten, der alle relevanten Entscheidungen dem zuständigen Ministerium überlässt? Das würde deutsche Hochschulen nach innen lähmen und nach außen im Wettbewerb mit außeruniversitären Forschungseinrichtungen und ausländischen Hochschulen stark zurückwerfen. Selbst wenn auch unsere ausländischen Kollegen über den angemessenen Führungsstil reflektieren. Wie sagte 2009 der damalige Präsident der UC, Mark Yudof: "Being president of the University of California is like being manager of a cemetery: there are many people under you, but no one's listening."


Über den Autor
Professor Oliver Günther, Ph.D., ist Präsident der Universität Potsdam.

Aus Forschung & Lehre :: September 2015

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