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Keine Zukunft für die Zukunftskonzepte?
Der Bericht der Imboden-Kommission eröffnet Debatte

Von FELIX GRIGAT

Der Bericht der internationalen Expertenkommission für die Evaluation der Exzellenzinitiative ("Imboden-Kommission") ist von der Politik und den Wissenschaftsorganisationen begrüßt worden. Allerdings ist wahrscheinlich, dass die Empfehlungen der Kommission nicht eins zu eins umgesetzt werden. Kritisiert wird vor allem der Vorschlag der Kommission, die Zukunftskonzepte nicht mehr weiterzuführen und stattdessen eine Exzellenzprämie für leistungsstarke Universitäten einzuführen.

Keine Zukunft für die Zukunftskonzepte? Der Bericht der Imboden-Kommission eröffnet Debatte© kallejipp - photocase.deWie sieht die Zukunft der Exzellenzinitiative aus?
Einig ist man sich darin, dass die Exzellenzinitiative der deutschen Wissenschaft neue Energie und Dynamik verliehen habe. Nach Ansicht von Bundesbildungsministerin Professor Dr. Johanna Wanka könne sich die deutsche Spitzenforschung mit der Welt messen. "Die Forschungsleistungen konnten gesteigert werden, vielfach haben sich Hochschulen strategisch neu aufgestellt und ihre Profile geschärft. Das Ziel, die Spitzenforschung an Universitäten im internationalen Wettbewerb zu stärken, ist und bleibt richtig", betonte Wanka. Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Professor Peter Strohschneider, sagte, der Bericht sei ein "unmissverständliches Plädoyer für gezielte Förderung der Spitzenforschung in Universitäten" und sei "richtungweisend für eine neue Bund-Länder-Initiative". Die DFG teile das positive Fazit der Kommission zum Verlauf und zu den Wirkungen der bisherigen beiden Phasen der Exzellenzinitiative und freue sich vor allem über die Bewertung der Exzellenzcluster. Die DFG hob vor allem den vorgeschlagenen Forschungsfeld-Wettbewerb (Exzellenzcluster II) heror. Mit Nachdruck unterstreiche die DFG das Votum der Kommission, dass die Auswahl der zu fördernden Projekte der Spitzenforschung ausschließlich auf der Basis ihrer wissenschaftlichen Exzellenz erfolgen soll.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Professor Manfred Prenzel, ließ laut Die Zeit erhebliche Skepsis erkennen: "Es bleibt unklar, ob die Prämie für Vorhaben und Maßnahmen eingesetzt würde, die der Ausbildung von Spitzenleistungen in der Forschung dienen", so seine Stellungnahme. "Besonders geschickte Strategien und effektive Maßnahmen würden also auch keine Vorbildfunktion entfalten können. Es bleibt offen, inwiefern das Hochschulsystem von einer solchen Prämie profitieren könnte." Nach Ansicht von Professor Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbandes (DHV), biete der Bericht eine gute Grundlage, um die Entscheidung über die Ausgestaltung der Exzellenzinitiative II voranzutreiben. Unmissverständlich werde in dem Bericht empfohlen, die Exzellenzinitiative weiterhin auf die Förderung der universitären Spitzenforschung auszurichten und den neuen Wettbewerb nicht durch die Ausweitung auf Fachhochschulen, die Lehre oder den Wissenstransfer zu verwässern. Auch werde der von Teilen der Politik befürworteten Förderung von "Spitzenregionen" eine klare Absage erteilt. "Wissenschaftliche Exzellenz muss sich in erster Linie nach Leistung und nicht nach regionalem Proporz bemessen", betonte Kempen.

Der DHV-Präsident begrüßte den Vorstoß, die Exzellenzcluster thematisch offener und in der finanziellen Förderung flexibler zu gestalten, um einer Benachteiligung einzelner Fächer oder kleinerer und geografisch dislozierter Universitäten entgegenzutreten. Richtig sei ebenfalls, die bisherige Förderlinie "Zukunftskonzepte" durch "Exzellenzprämien" zu ersetzen, bei der die zehn besten Universitäten aufgrund ihrer Leistung einen Bonus von jährlich 15 Millionen Euro per annum auf sieben bis acht Jahre erhalten sollen. "Dieser Vorschlag ist wissenschaftsadäquat. Statt Anträgen, die den Realitätstest erst noch bestehen müssen, würde bereits unter Beweis gestellte wissenschaftliche Exzellenz honoriert", so Kempen. Der Schweizer Dieter Imboden, Vorsitzender der Internationalen Expertenkommission zur Evaluation der Exzellenzinitiative, kritisierte nach Veröffentlichung des Berichts in einem Interview mit der Wochenzeitung Die Zeit Tabus an deutschen Hochschulen, auf die er während der Auswertung des Elite-Uni-Wettbewerbs gestoßen sei: "Es gibt ein falsch verstandenes Demokratiebedürfnis an den deutschen Universitäten. Eigentlich sollten sie nach Leistung entscheiden, aber an der Uni müssen immer alle zufrieden sein", sagt Imboden. "Das Problem liegt auf der Führungsebene. Mich hat erschüttert, wie wenig manche Rektoren führen wollen, obwohl sie die Möglichkeit dazu hätten. (...) Vielen fehlt das Machtbewusstsein", so Imboden weiter. Er fordert die Universitäten auf, sich deutlicher voneinander zu unterscheiden: "Deutschen Universitäten fehlt es an Mut. Sie müssen bereit sein, klare Entscheidungen zu treffen!" Für ihn heiße dies, dass sich Universitäten auf Fächer konzentrieren sollten, in denen sie gute Leistungen erbrächten. "Auf den Rest verzichtet man."

Die Reaktion von Bildungsministerin Johanna Wanka auf seine Vorschläge kommentierte Imboden wie folgt: "Ja, das hat mich ein bisschen enttäuscht. Ich hätte erwartet, dass sie sagt ,Wir werden die Vorschläge genau prüfen und transparent machen, wenn wir in einzelnen Punkten zu anderen Schlüssen kommen sollten.' So klang es eher danach: ,Wir stecken die Vorschläge in die Tasche und zaubern dann etwas Neues hervor'." Bundesbildungsministerin Johanna Wanka hatte sich gegenüber dem Deutschlandradio skeptisch zu dem Vorschlag der Kommission, die bisherigen Zukunftskonzepte der Exzellenzinitiative durch ein Prämiensystem für die zehn besten Universitäten zu ersetzen, geäußert. "Wenn wir so begonnen hätten in der Exzellenzinitiative vor Jahren, glaube ich, hätten wir nie diese Dynamik, diese Bewegung", sagte Wanka gegenüber dem Sender. Es gehe nicht nur darum "sich auf dem vorhandenen Lorbeer auszuruhen", sondern auch um eine Strategie für die Zukunft. Dies sei für sie "unverzichtbar". Der Bildungsexperte der CDU im Bundestag, Michael Kretschmer, sagte laut Tagesspiegel, über die Zukunftskonzepte werde die Governance der Universitäten verbessert. "Wir müssen die kollektive Verantwortungslosigkeit, die wir zumindest in Teilen der Hochschulen durch die Gremienstruktur haben, brechen", forderte Kretschmer. Auch der stellvertretende SPD-Fraktionsvorsitzende Hubertus Heil äußerte Zweifel daran, dass das neu vorgeschlagene Förderformat zu mehr Dynamik im Wissenschaftssystem führen könne.

Bewertung der bisherigen Exzellenzinitiative

Die wesentlichen Aspekte des Imboden-Berichts: Die Imboden-Kommission schlägt vor, die Exzellenzinitiative "mindestens im selben Umfang" wie bisher fortzusetzen, d.h. die künftige Initiative soll - wie im Jahr 2014 - mit mindestens 500 Millionen Euro pro Jahr dotiert sein. Dabei hat die Kommission eine Reihe von Bereichen ("Baustellen") identifiziert, in denen Veränderungsprozesse eingeleitet worden seien, um dem Ziel der Förderung der universitären Spitzenforschung näher zu kommen. Besonders wichtig seien dabei die "universitäre Differenzierung" und die "Governance". Universitäre Differenzierung ist nach Ansicht der Kommission die Grundvoraussetzung für die Herausbildung international konkurrenzfähiger Universitäten. Während für das gesamte deutsche Universitätssystem eine verstärkte Ausdifferenzierung als Folge der Exzellenzinitiative nicht nachweisbar sei, zeigten bibliometrische Untersuchungen eine beeindruckende qualitative Leistung der im Rahmen von Exzellenzclustern entstandenen Publikationen. Es sei allerdings unklar, inwieweit diese universitären Forschungsschwerpunkte durch die Exzellenzförderung "neu" geschaffen oder durch Bündelung bereits vorhandener Forschungskapazitäten sichtbar gemacht worden seien. Als wichtige Folge der Exzellenzinitiative sei aber zumindest aufgezeigt worden, dass es im deutschen Universitätssystem bei der Forschungsleistung markante Unterschiede gebe.

Die Kommission ist überzeugt davon, dass ein erfolgreicher Differenzierungsprozess eine dafür geeignete Governance der Universität bedinge, welche auf Autonomie und starken Führungsstrukturen beruhe. Ferner besitze die Exzellenzinitiative auch das Potenzial, im Zuge des angestoßenen "Wettbewerbsföderalismus" positiv auf die Landeshochschulgesetze zu wirken und dadurch die institutionellen Rahmenbedingungen des gesamten deutschen Universitätssystems zu verbessern. Allerdings seien als Folge der Exzellenzinitiative an einzelnen Universitäten auch nicht beabsichtigte Nebenwirkungen auf die Governance zu beobachten: Insbesondere Exzellenzcluster neigten dazu, sich zu gesonderten Einheiten innerhalb der Universität zu entwickeln, was eine Universitätsleitung mit zentrifugalen Kräften konfrontiere. Die Kommission kommt zum Schluss, dass bei der Governance an den deutschen Universitäten ein "substanzieller Nachholbedarf" bestünde.

Der Einfluss der Exzellenzinitiative auf weitere "Baustellen" des Universitätssystems, so auf die Einbettung der Universitäten in das nationale Forschungssystem und die Internationalisierung, ist nach Kommissionseinschätzung tendenziell positiv. Hingegen sei die Wirkung auf den "Akademischen Nachwuchs" ambivalent. Die Exzellenzinitiative sei nicht als Nachwuchsprogramm konzipiert worden und könne die Problematik des akademischen Nachwuchses in ihrer Gesamtheit nicht lösen und sogar kontraproduktiv wirken: So habe sich der Zeitpunkt der Entscheidung für oder gegen eine akademische Karriere durch die Schaffung von mehr PostDoc-Stellen im Rahmen der Exzellenzinitiative tendenziell nach hinten statt nach vorne zu jüngerem Alter verschoben.

Vorschläge für eine Exzellenzinitiative II

Die Kommission fordert, dass das Nachfolgeprogramm der Exzellenzinitiative sein zentrales Ziel, nämlich die Stärkung der Spitzenforschung in Deutschland und die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der Universitäten als zentrale Träger des Forschungssystems, noch konsequenter in den Fokus nehmen müsse, und es dürfe im Hinblick auf die begrenzten Mittel seine Wirksamkeit nicht durch die Vermischung mit anderen Zielen schwächen, seien diese noch so berechtigt und dringend. Mit Recht sei darauf hingewiesen worden, dass die Zeit zwischen der Entscheidung über die Ausgestaltung eines Nachfolgeprogramms und dem Ende der laufenden Initiative (Ende 2017) sehr knapp bemessen sei und die Universitäten vor große Planungsprobleme stelle. Nach Ansicht der Kommission ist dieser Zeitdruck extrem kontraproduktiv. Deshalb schlägt sie vor, die Laufzeit aller Projekte der jetzt laufenden Exzellenzinitiative um zwei Jahre, d. h. bis Ende 2019, zu verlängern. Diese Lösung würde auch der speziellen Situation jener Projekte Rechnung tragen, welche erst in der zweiten Phase der Exzellenzinitiative I begonnen wurden.

Für die Fortsetzung der Initiative schlägt die Kommission zwei Förderlinien vor, welche in teilweise stark modifizierter Form eine Fortsetzung der bisherigen zweiten und dritten Förderlinie darstellen. Die erste Förderlinie der aktuellen Exzellenzinitiative (Graduiertenschulen) soll als eigenständiges Programm nicht weitergeführt werden. Die Förderlinie A Exzellenzcluster II soll die erfolgreichen Elemente der bisherigen Exzellenzcluster übernehmen, ist aber vom Zuschnitt her offener, sowohl im Hinblick auf die Thematik als auch auf die Geometrie und den finanziellen Umfang, um einer Benachteiligung einzelner Fächer oder kleinerer und geografisch dislozierter Universitäten entgegenzuwirken. Die Evaluation der Anträge müsse auf rein wissenschaftlicher Basis erfolgen und sei unabhängig von politischen, auch regionalpolitischen, Faktoren. Regionale Zusammenarbeit müsse allein aus wissenschaftlicher Sicht besondere Vorteile bieten.

Der "risikofreundliche Charakter der Förderung" soll durch eine Finanzierung von sieben bis acht Jahren mit einem Minimum an Zwischenevaluationen unterstrichen werden. Um den Prozess der Differenzierung zu unterstützen, sollen die beteiligten Universitätsleitungen zusätzlich zur normalen (DFG-) Programmpauschale eine Prämie von 20 Prozent erhalten. Diese diene der Stärkung der Governance der Universität, soll möglichen zentrifugalen Wirkungen des Clusters entgegenwirken und die Umlagerung von Mitteln erleichtern. Die Förderlinie B Exzellenzprämie soll nach Ansicht der Kommission den Differenzierungsprozess top down unterstützen, indem sie der Universitätsleitung zusätzliche Mittel an die Hand gibt. Die Exzellenzprämie soll - im Unterschied zur bisherigen dritten Förderlinie - nicht auf Antrag, sondern einzig aufgrund der vergangenen Leistung an die zehn besten Universitäten für einen Zeitraum von sieben bis acht Jahren vergeben werden. Die Prämie soll pro Universität und Jahr ungefähr 15 Mio. Euro betragen.

Während die Methodik für die vergleichende Beurteilung der deutschen Universitäten von einem speziellen Gremium erarbeitet werden müsse, hat sich die Kommission im Rahmen einer einfachen Machbarkeitsstudie davon überzeugt, dass beispielsweise eine Kombination von eingeworbenen DFG-Drittmitteln und Preisen (Leibniz-Preise, Humboldt-Professuren, Starting-Consolidator- und Advanced Grants des European Research Council etc.), beide jeweils auf die Anzahl der Professuren normiert, ein sinnvoller und einfacher Ausgangspunkt für die Entwicklung einer Methode für die Vergabe der Exzellenzprämie sein können.

Der Imboden-Bericht kann unter www.gwkbonn.de abgerufen werden.

Aus Forschung & Lehre :: März 2016

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