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Kinder und Karriere? In dubio contra scientiam


Von Karina Schneider-Wiejowski

Wissenschaftlerinnen, die eine akademische Karriere mit Kindern anstreben, sehen sich mit vielen Hindernissen konfrontiert. Daher fällt ihnen die Entscheidung für oder gegen Kinder häufig sehr schwer. Überlegungen einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin, die sich diese Frage stellt.

In dubio contra scientiam© luxuz::. - Photocase.comKinder und Karriere - in der Wissenschaft schwer vereinbar
"Karina, ich bin schwanger", sagte kürzlich eine Kollegin zu mir, und ihrem Gesichtsausdruck nach schien sie überglücklich zu sein, was mich ein wenig verwunderte. Mich verwunderte dies nicht, weil ich keine Kinder mag, sondern, weil sie gerade an ihrer Masterarbeit schreibt und fest entschlossen ist, eine Promotion anzuschließen. "Aha", sagte ich zunächst vorsichtig, und dann kam die Frage, die mir affektartig über die Lippen ging: "War das Kind gewollt oder ein Unfall"? Meine Kollegin schaute mich voller Erstaunen an: "Natürlich war es gewollt", sagte sie. "Ich habe doch die Zusage, dass mein Vertrag, der im September ausläuft, für ein Jahr verlängert wird. Doch zunächst gehe ich für ein Jahr in Elternzeit und werde sicherlich dann schon Zeit haben, die ersten Recherchen für meine Dissertation zu machen". Ich freute mich für sie, und wir stießen auf ihre Schwangerschaft an. Doch einige Tage später, wir waren eigentlich verabredet, um Baby-Anziehsachen und Schwangerschafts-Kleider zu kaufen, musste ich ihre Tränen trocknen, da ihr Vertrag nicht verlängert wird, des Projektes wegen.

Natürlich steht es meiner Kollegin jetzt frei, gegen die Nicht-Weiterbeschäftigung zu klagen, doch das wird sie nicht tun, da sie befürchtet, als Querulantin abgestempelt zu werden, was ihr zukünftig die Türen an dieser Universität verschließen könnte. Und mit diesem Problem steht sie nicht alleine da, denn ich kenne mehrere Kolleginnen in meinem Arbeitsumfeld, die ein Kind erwarten. Und viele von ihnen, insbesondere diejenigen, die bereits einige Zeit als wissenschaftliche Mitarbeiterinnen tätig sind und an ihrer Promotion arbeiten, haben sich bewusst für eine Schwangerschaft entschieden, ganz nach dem Motto: Und nach der Dissertation erstmal ein Kind. Doch bei einigen von ihnen wird es nach der Geburt und dem Elternjahr zunächst zu einem Karriereknick kommen, dessen sie sich bewusst sind, da die Projekte, in denen sie momentan noch arbeiten, nach Ablauf der Elternzeit abgeschlossen sein werden. Vielleicht werden sie etwas Neues finden, vielleicht aber auch nicht. Die Angst bleibt, auch wenn diese durch die Freude auf das Kind derzeit noch verdrängt wird.

Familienfreundliche Hochschule

Und wenn ich über diese Kolleginnen nachdenke, frage ich mich, wie familienfreundlich unsere Hochschulen tatsächlich sind? Im internationalen Wettbewerb um qualifizierte Fachkräfte ist der Arbeitgeber darauf angewiesen, attraktive Angebote, auch für Frauen, bereit zu stellen. Viele deutsche Hochschulen schmücken sich mit dem Zertifikat "Familienfreundliche Hochschule". "Die Universität Bielefeld definiert den Begriff 'Familie' als das soziale Netzwerk. Dazu gehören neben der Kernfamilie auch allein erziehende Mütter und Väter, nicht-eheliche und gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften, Patchwork- und Pflegefamilien. Der Familienbegriff umfasst alle Formen des auf Dauer angelegten privaten Zusammenlebens. Familie bedeutet: ein lebenslanger Generationenverbund, der sich durch die Wahrnehmung von Verantwortung füreinander auszeichnet", heißt es auf der Homepage der Universität Bielefeld, jener Universität, an welcher ich studiert habe und auch mein Promotionsverfahren abschließen werde.

Und insbesondere die Ausführung des "lebenslangen Generationenverbundes, der sich durch die Wahrnehmung von Verantwortung füreinander auszeichnet", macht mich nachdenklich, da ich das Glück habe, eine sehr große Familie zu besitzen, mit welcher ich in einer Stadt lebe. Da ich verheiratet bin, kommt auch noch die Schwiegerfamilie hinzu, die ebenfalls in Bielefeld lebt. Eigentlich wären dies die optimalen Voraussetzungen, eine eigene Familie mit Kindern zu gründen, denn an Betreuungsmöglichkeiten würde es mir nicht fehlen. Doch die Realität sieht anders aus, denn wie bei den meisten Wissenschaftlerinnen ist mein Arbeitsvertrag befristet. Und ob ich nach Ablauf der Zeit in Bielefeld oder im Umkreis bleiben werde, liegt sicherlich auch an den Möglichkeiten, die sich mir eröffnen werden und könnte auch mit den Anforderungen des Wissenschaftssystems im Konflikt stehen, das Mobilität verlangt und Lebensläufe schätzt, in denen unterschiedliche Stationen dokumentiert werden.

Vor die Entscheidung gestellt

Noch habe ich genügend Zeit, mich auf die Wissenschaft zu konzentrieren, doch irgendwann werde ich an einen Punkt gelangen, an welchem ich möglicherweise eine Entscheidung für oder gegen eine wissenschaftliche Laufbahn treffen muss, wie sehr viele Frauen, die ich kenne. Einige von ihnen haben die Entscheidung gegen die wissenschaftliche Karriere nicht bereut, und wenn ich sie besuche, tollen wir mit den Kindern durch den Garten. Und ich nehme es diesen Frauen ab, dass sie glücklich sind. Andersherum frage ich mich auch sehr oft, ob Wissenschaft einen Ersatz für Kinder darstellen kann, denn viele Professorinnen, die ich kenne, sind kinderlos, einige von ihnen pendeln wöchentlich zwischen Haus und Mann und Universität hin und her. Von Montag bis Donnerstagnachmittag wird dann im Akkordtempo am Wissenschaftsstandort gearbeitet, Vorlesungen, Seminare, Gremiensitzungen und Sprechstunden reihen sich dabei aneinander, von Donnerstagabend bis Sonntag ist frau zuhause, um Forschungsarbeiten ohne die turbulenten Unterbrechungen des Universitätsalltags voranzubringen oder evtl. auch einmal das Privatleben zu genießen. Kindererziehung wäre da allein des Pendelns wegen eher schwierig. Auf die Frage, ob sie es bereute, keine Kinder bekommen zu haben, antwortete mir eine Professorin kürzlich, dass sie es tue, aber dass sie damals - und mit damals meinte sie die Zeit nach ihrer Promotion jenseits des 30. Lebensjahrs - mithalten wollte und sie deshalb mobil sein musste. Jetzt aber wäre sie zu alt für ein Kind, und deshalb könnte sie sich voll und ganz auf die Wissenschaft und die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses konzentrieren. Sie sagte, dass ihre Doktoranden und Doktorandinnen doch irgendwie auch ihre Kinder wären. Da mag sie Recht haben, doch ich frage mich, warum nicht alles möglich ist: die wissenschaftliche Laufbahn und eigene Kinder zugleich.

Ja natürlich, würden jetzt viele Gleichstellungsbeauftragte aufspringen, sofern sie mir gegenüber säßen; wir haben doch eine Kita, Coaching-Angebote und auch Telearbeit ist möglich. Richtig, würde ich, wenn man mich fragen würde, antworten, aber ich z.B. brauche keine Kita, da ich Eltern und Großeltern und einen Ehemann habe, auch Telearbeit ist für mich nicht notwendig. Nein, es ist die familienunfreundliche Gesetzeslage der Befristung und die nur sehr geringe Chance, an eine längerfristige oder im Idealfall unbefristete Stelle an der Wunschhochschule zu gelangen, die bei vielen hoch qualifizierten Frauen zu der Entscheidung "in dubio contra scientiam" führt.


Über die Autorin
Karina Schneider-Wiejowski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an den Universitäten Bielefeld und Osnabrück. Ihre Forschungsschwerpunkte sind germanistische Linguistik, Sprachwandel und didaktische Aspekte des E-Learnings. Des Weiteren ist sie frauenpolitisch aktiv.


Aus Forschung und Lehre :: August 2011

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