Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Klausurerfolg trotz Unwissenheit - Akademische Leistungsbewertung mit dem Antwort-Wahl-Verfahren

von MARKUS KLEIN

Prüfungsordnungen halten manches Mal Überraschungen für den Prüfer parat. Da geht es um absolute und relative Bestehensgrenzen und um vorgegebene Benotungen, die dem Autor dieses Beitrags wenig einleuchten. Das Verhältnis von "Schweregrad der Prüfung" und "Leistungsvermögen der Prüflinge" scheint aus der Balance.

Klausurerfolg trotz Unwissenheit - Akademische Leistungsbewertung mit dem Antwort-Wahl-Verfahren© Teka77 - photocase.deIm schlimmsten Fall ermöglichen relative Bestehensgrenzen Klausurerfolg trotz Unwissenheit der Prüflinge
Wer kennt das nicht? Auf dem Schreibtisch stapeln sich Berge von Klausuren, deren Lektüre nur in den wenigsten Fällen Vergnügen bereitet. Die Handschrift der Studierenden ist oftmals kaum zu entziffern, und verständlich formulierte, grammatikalisch korrekte Sätze sind eher selten. Das alles gipfelt in durch Spiegelstriche gegliederte Stichwortsammlungen, die sich um eine zusammenhängende Argumentation gar nicht erst bemühen. Befindet man sich in dieser Situation, dann erscheinen Klausuren nach dem sogenannten Antwort-Wahl-Verfahren als Verheißung. Die Korrektur beschränkt sich dann nämlich auf das Anlegen einer Lösungsschablone und kann durch das Scannen der Klausurbögen oder aber die Durchführung elektronischer Prüfungen sogar vollständig automatisiert werden.

Auch der Autor dieses Beitrags war vor einiger Zeit geneigt, dieser Versuchung zu erliegen. Dies änderte sich bei der Lektüre der Prüfungsordnung des von mir bedienten Studiengangs sehr schnell. Dort ist in § 19 (3) Folgendes festgehalten: "Eine nach dem Antwort-Wahl-Verfahren (z.B. Single-Choice oder Multiple-Choice) durchgeführte Prüfung ist bestanden, wenn der Prüfling mindestens 51 von Hundert der Fragen zutreffend beantwortet hat (absolute Bestehensgrenze). Abweichend davon wird in den Fällen, in denen der Mittelwert aller Prüfungen abzüglich 18 von Hundert schlechter ist als die absolute Bestehensgrenze der so ermittelte Wert als relative Bestehensgrenze festgelegt".

Da diese Bestimmungen zunächst eher technisch verklausuliert daher kommen, versuchte ich mir die Konsequenzen für die Bewertung meiner Klausuren auszumalen. Die relative Bestehensgrenze bedeutet zunächst, dass Situationen eintreten können, in denen Studierende die Klausur auch dann bestehen, wenn sie weniger als 51 Prozent der Fragen richtig beantworten. Dies ist immer dann gegeben, wenn die Prüflinge im Durchschnitt weniger als 69 Prozent zutreffende Antworten aufweisen. Werden beispielsweise im Durchschnitt aller Klausuren nur 30 Prozent der Fragen richtig beantwortet, dann verschiebt sich die relative Bestehensgrenze auf 12 Prozent. Sinkt also die durchschnittliche Qualität der Klausurbearbeitung, dann sinkt auch die relative Bestehensgrenze.

Nach unten sind dabei in der Prüfungsordnung keine Grenzen gesetzt. Konsequent zu Ende gedacht gilt folglich: Werden durchschnittlich nur 18 Prozent aller Fragen richtig beantwortet, dann verschiebt sich die relative Bestehensgrenze auf 0 Prozent. In diesem Fall würden alle Prüflinge die Klausur bestehen und zwar selbst dann, wenn sie alle Fragen entweder gar nicht oder aber falsch beantwortet haben.

Die Prüfungsordnung regelt aber nicht nur detailliert die Bestehensgrenze. Auch die Benotung ist für Prüfungen im Antwort-Wahl-Verfahren haarklein vorgeschrieben. In § 19 (4) ist ein detailliertes Bewertungsschema festgehalten. So erhält ein Prüfling beispielsweise die Note 3,0, wenn er mindestens 66, aber weniger als 71 Prozent der Fragen richtig beantwortet. Ergänzt wird dieses Schema durch folgende Bestimmung aus § 19 (3): "Zur Ermittlung der einzelnen Prüfungsergebnisse wird die Differenz zwischen der relativen und absoluten Bestehensgrenze bei jedem Prüfling addiert". Die Notenskala wird folglich auf Räder gestellt und zwar dergestalt, dass eine Klausur, deren Prozentanteil richtiger Antworten dem Durchschnitt aller Klausurteilnehmer entspricht, immer mit der Note 3,0 bewertet wird.

All dies fand ich erstaunlich. Ich versuchte mir auszumalen, wie eine im Antwort-Wahl-Verfahren gestellte Klausur ausfallen würde, die von Studierenden im Zustand vollkommener Unwissenheit bearbeitet wird. Hierfür stellte ich mir der Einfachheit halber eine Single-Choice-Klausur mit 100 Fragen mit jeweils vier Antwortmöglichkeiten vor. Bei jeder Frage besteht damit eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, die richtige Antwort zu erraten. Der Erwartungswert für den Prozentanteil richtiger Antworten liegt damit sowohl für den einzelnen Studierenden als auch für die Studierendengruppe insgesamt bei 25 Prozent. Die absolute Bestehensgrenze wäre folglich deutlich verfehlt. Allerdings greift nun die relative Bestehensgrenze und die Klausur wäre mit sieben Prozent richtiger Antworten bestanden. Mittels des statistischen Modells der Binomialverteilung lässt sich die dabei zu erwartende Durchfallquote bestimmen. Diese ist erst auf der fünften Nachkommastelle von Null verschieden, d.h. alle Klausurteilnehmer bestehen die Klausur. Eine Klausur mit einem dem Erwartungswert von 25 Prozent entsprechenden Anteil gültiger Antworten wird mit der Note 3,0 bewertet.

Wie kommen diese in ihren Konsequenzen teilweise absurden Bestimmungen der Prüfungsordnung zustande? Zunächst sind diese Regelungen keine Besonderheit meiner Universität. Sie finden sich in mehr oder weniger ähnlicher Form in allen Prüfungsordnungen, in denen das Antwort-Wahl-Verfahren vorgesehen ist. Hintergrund ist die geltende Rechtsprechung, nicht zuletzt ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1989 (BVerfGE 80, 1). Argumentiert wird dabei im Wesentlichen, dass der Schwierigkeitsgrad von Prüfungen im Antwort-Wahl-Verfahren im Vorhinein nicht zuverlässig bestimmt werden könne. Ihr Schwierigkeitsgrad schwanke daher von Prüfung zu Prüfung. Um die Gleichbehandlung der Prüflinge verschiedener Prüfungstermine zu gewährleisten, dürften sich die Bestehensgrenze und die Notenskala daher nicht ausschließlich an absoluten Kriterien festmachen, sondern müssten sich auch am durchschnittlichen Klausurergebnis aller Prüflinge eines Termins orientieren.

Diese Argumentation übersieht allerdings, dass das Prüfungsergebnis nicht nur vom Schweregrad der Prüfung abhängt, sondern natürlich auch vom Leistungsvermögen der Prüflinge. Relative Bewertungsmaßstäbe korrigieren daher für Unterschiede im Schwierigkeitsgrad der Prüfung - aber eben auch für Unterschiede in der akademischen Leistungsfähigkeit der Prüfungskohorten.

Relative Bestehensgrenzen machen es außerdem letztlich unmöglich, einen substanziell definierten Mindestanspruch festzulegen, dem Prüflinge unter allen Umständen genügen müssen. Im Extremfall ermöglichen sie Klausurerfolg trotz Unwissenheit. Will man akademische Prüfungen aber nicht ad absurdum führen, dann muss man Prüfern das Recht zubilligen, inhaltliche Mindestanforderungen für das Bestehen zu formulieren. Und man muss ihnen auch zutrauen, deren Erfüllung in angemessener Weise zu kontrollieren.


Über den Autor
Markus Klein ist Professor für Politische Soziologie an der Universität Hannover. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Wählerverhaltens, des Wertewandels und der Methoden der empirischen Sozialforschung.

Aus Forschung & Lehre :: Januar 2016

Ausgewählte Stellenangebote