Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Kleine Fächer: Exoten an Unis

VON JAN-MARTIN WIARDA

Kleine Fächer sind die Exoten der Unis. Manche sind vom Aussterben bedroht, andere gedeihen prächtig. Eine Auswahl.

Kleine Fächer: Exoten an Unis© peter zelei - iStockphoto.comAuch Keltologie gehört zu den "kleinen Fächern"
Vier Jahre lang haben Wissenschaftler der Universität Potsdam Vorlesungsverzeichnisse gewälzt, Personallisten durchforstet, Professoren befragt und Lehrstühle gezählt. Das Ergebnis ist eine einzigartige Bestandsaufnahme der kleinen Fächer an deutschen Universitäten, von der Afrikanistik bis zur Wissenschaftsgeschichte. Online ist sie abrufbar unter www.kleinefaecher.de. Oft nur eine einzige Professur pro Standort; wenige, häufig weit voneinander entfernte Standorte: Das sind die Eigenschaften, die alle untersuchten Fächer gemeinsam haben. In einem unterscheiden sich diese Exoten dagegen erheblich: im Grad ihrer Gefährdung.

»Als wir das Projekt anfingen, gingen wir davon aus, dass die kleinen Fächer insgesamt unter Druck stehen«, sagt Norbert Franz von der Arbeitsstelle Kleine Fächer. »Das konnten wir so nicht bestätigen.« Im Vergleich zu 1992 hat die Zahl der Professuren bundesweit sogar marginal zugenommen. »Das hat uns überrascht und erfreut zugleich«, sagt Margret Wintermantel, Präsidentin der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), die die Kartierung in Auftrag gegeben hat. Die Potsdamer Liste soll dabei helfen, dass das so bleibt. »Jetzt, wo deutlich wird, dass Fächer wie zum Beispiel die Kaukasiologie in Jena oder die Jiddistik in Düsseldorf einzigartig sind in Deutschland, ja in Europa, wird man künftig wohl sensibler mit Fächern dieser Art umgehen«, sagt Wintermantel. Wobei in der Transparenz womöglich auch manchmal eine Gefahr liegt: dann nämlich, wenn die Zahl der ermittelten Standorte höher ist als zunächst gedacht.

Denn dass viele kleine Fächer trotz des erstaunlich guten Gesamtergebnisses unter Druck stehen, zeigt die Kartierung ebenfalls deutlich: die Mineralogie etwa, die seit 1997 ein Viertel der Professuren verloren hat, oder die Altphilologien, die Dutzende Lehrstühle abgeben mussten. Andere Disziplinen wie die Gender Studies profitieren von gesellschaftlichen Debatten und wachsen kräftig. Auch innerhalb der einzelnen Fächer gibt es Gewinner und Verlierer. Beispiel Paläontologie: »Manche Standorte scheinen den Anschluss an die neuen Forschungstrends gefunden zu haben, andere nicht«, sagt Norbert Franz, der als Slawist selbst Vertreter eines kleinen Fachs ist. Grundsätzlich gelte: Wer es nicht schaffe, seine gesellschaftliche Relevanz zu demonstrieren, bleibe zurück. »Die alte Zeit, in der ein Fach einfach aus sich selbst heraus eine Daseinsberechtigung hatte, gibt es nicht mehr.«

Deshalb sei es gefährlich, wenn sich mancher Wissenschaftler angesichts brutaler Sparrunden in die innere Emigration zurückziehe, warnt HRK-Präsidentin Wintermantel. »Die kleinen Fächer dürfen sich nicht einfach geschlagen geben, sie müssen ihren Universitäten klarmachen, dass sie unverzichtbar sind, dass es sich lohnt, für sie zu kämpfen.« Tatsächlich, auch das hat die Kartierung ergeben, verfügen die kleinen Fächer über eine Reihe Stärken, die zum Teil aus der Not der Eine-Professur-Standorte gewachsen sind: Die Betreuung der Studenten ist hervorragend, die internationale Vernetzung dicht, die Zusammenarbeit über Disziplingrenzen hinweg vorbildlich. Hier hat sich ein Stück alte Universität erhalten - und das, so Franz, seien Trümpfe in der modernen Hochschulwelt, die »die ganze Zeit von guter Lehre, Internationalität und Interdisziplinarität redet und oft genug genau das Gegenteil bietet«.

Indologie

Horst Brinkhaus weiß seit über zehn Jahren, dass es zu Ende geht mit seinem Lehrstuhl. »Damals haben wir demonstriert«, sagt er. »Geholfen hat es nicht.« Wenn er 2013 das Pensionsalter erreicht, wird die Indologie, seit 1875 in Kiel, verschwinden von der Christian-Albrechts-Universität, die über anderthalb Jahrhunderte aufgebaute Bibliothek soll aufgelöst werden. Wer erwartet, einen deprimierten Wissenschaftler anzutreffen, irrt jedoch. »Professor für Indologie zu sein war immer eine Herausforderung«, sagt Brinkhaus gut gelaunt. Normalerweise gibt es pro Standort nur einen Vertreter, bei einem Fach, das Literatur, Kultur, Geschichte und Soziologie eines gesamten Subkontinents umfasst - groß wie Europa und ebenso reich an Geschichte und Geschichten. »Stellen Sie sich einen Professor für Europäologie vor, dann wissen Sie in etwa, was mein Job ist.«

Ein Job, der ihm immer Spaß gemacht hat. Auf Nepal hat er sich spezialisiert, auf Hinduistik und Sanskritliteratur. »Von anderen Dingen haben andere mehr Ahnung.« Es ist eines der Prinzipien kleiner Fächer: Jeder Standort spezialisiert sich auf einen Teilbereich. Was im Umkehrschluss heißt: Fällt einer weg, fehlt allen anderen auch etwas. In Brinkhaus' Büro duftet es nach Darjeeling, von der Wand starrt eine schwarze Puppe mit Maske. »Die Prioritäten der Politik haben sich geändert«, sagt er. »Heute stehen nicht Inhalt oder Relevanz im Vordergrund, sondern die Zahl der Studenten und die Höhe der Drittmittel.« Da könne und wolle er als Indologe nicht mithalten. »Die Indologie ist ein Kind der Romantik, es geht um die Rückbesinnung auf die Wurzeln menschlicher Kultur, das ist etwas viel Grundsätzlicheres, das lässt sich nicht in Zahlen messen.« Der Abbau schon: 18 Indologieprofessuren gibt es in der Bundesrepublik, fünf weniger als 1997. »Wir sind ein kleines Fach und als solches immer gut gefahren«, sagt Brinkhaus.

Wo sonst gebe es einen so intensiven Austausch mit den Kollegen im Ausland, wo ein so angenehmes Arbeiten in kleinen Gruppen mit derart motivierten Studenten? »Zu uns verirrt sich keiner einfach so.« Wie aufs Stichwort klopft es an der Tür. Eine seiner letzten Studentinnen tritt ein, Celina Mittelbach. Sie will ihre Magisterarbeit besprechen, Thema: das Epos Ramayana. Neue Studenten nimmt Brinkhaus längst nicht mehr - bei ihrem Studienabschluss wäre er nicht mehr da. Mittelbachs Mutter ist Inderin, das hat ihr Interesse geweckt. Fürchtet sie sich als Absolventin eines Fachs, das selbst um die Zukunft fürchtet? Eigentlich nicht, sagt sie. Noch überlegt sie allerdings, wie es nach dem Abschluss weitergeht. Ihr Professor sagt: »Wer so mutig und neugierig ist, sich auf ein Fach wie Indologie einzulassen, wird immer etwas finden.«

Gender Studies

Ein kleines Fach? Gender Studies? Helma Lutz sitzt im 26. Stock des AfE-Turms in der Frankfurter Innenstadt und runzelt die Stirn. »So habe ich das noch nie gesehen.« Dabei scheint die Sache klar zu sein: Lutz ist die einzige Professorin mit dem Lehrauftrag Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität. Bundesweit zählt das Fach lediglich 62 Lehrstühle, verteilt auf 22 Unis. Doch wer sich in Frankfurt genauer umschaut, versteht, wie ein kleines Fach in der öffentlichen Wahrnehmung so groß werden kann: Neben Lutz gibt es drei weitere Professorinnen, die zwar einer anderen Disziplin angehören, aber einen Großteil ihrer Zeit auf das Thema verwenden. Da ist die Erziehungswissenschaftlerin mit dem Fokus empirisch-pädagogischer Geschlechterforschung, eine Politologin erforscht Entwicklungsländer »unter besonderer Berücksichtigung der Geschlechterverhältnisse«, eine Amerikanistin hat den Schwerpunkt Gender und Ethnics. Insgesamt zwei Dutzend Vertreter verschiedenster Disziplinen haben sich im Cornelia Goethe Centrum zusammengetan.

Das Centrum verkörpert dabei in geradezu idealtypischer Weise die Interdisziplinarität kleiner Fächer, von der Forscher immer schwärmen: jede Menge Konferenzen, Fachtagungen, internationale Gastvorträge und Forschungsprojekte. Gemeinsam drehen sie das ganz große Rad. Lutz sagt: »Nur weil eine Frau Kanzlerin ist, heißt das nicht, dass die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern aufgehoben ist.« Längst hat sich das ehemals reine Frauenfach auch der Männerforschung zugewandt. Diese Entwicklung erklärt die Professorin Lutz so: »In einer Gesellschaft, in der Frauen ihre Rollen neu definieren, hat das automatisch Folgen für das Selbstverständnis der Männer.« Entsprechend rasant steigt die Zahl männlicher Studenten. Lenard Gunkel, 25, hat bei Lutz das Thema Intersektionalität belegt, ein neues Forschungsgebiet, das sich mit dem Zusammenspiel von Geschlecht, ethnischer und sozialer Herkunft bei der Verteilung von Lebenschancen befasst. In Gunkels zweitem Seminar geht es um Männergesundheit. Ein wenig, gesteht er, sei er bei der Wahl des Schwerpunkts in seinem Soziologiemaster auch strategisch vorgegangen: »Die Politik hat erkannt, dass sie etwas tun muss, und setzt auf Gender-Mainstreaming. Und in der Administration solcher Programme sind Männer unterrepräsentiert.« So entsteht aus der Kombination von gesellschaftlicher Zielsetzung und persönlichem Einsatz der Lehrenden eine Dynamik, die das Fach bald auch offiziell aus der Riege der Kleinen herauskatapultieren könnte: 30 Lehrstühle zusätzlich hat die Politik seit 1997 spendiert. Sechs neue Standorte sind dazugekommen. Eine Entwicklung, von der andere Fächer nur träumen können.

Keltologie

Es ging gemütlich zu bei der Weihnachtsfeier der Bonner Keltologen. Der Sprachdozent holte seine Flöte heraus und spielte alte Volksweisen; einer seiner Vorgänger, inzwischen ein bekannter Liedermacher in Irland, war eigens angereist und sang ihnen seine neuesten Stücke. Es sind diese Augenblicke, in denen Gisbert Hemprich sich ein bisschen Stolz erlaubt auf das, was sie hier auf die Beine gestellt haben. Sie veranstalten Filmabende, organisieren Konzerte, und im Sommer haben sie schon mal gemeinsam ein traditionelles keltisches Ruderboot gebaut. »Das ist das, was wir unseren Studenten bieten können«, sagt Hemprich. »Kleine Fächer bekommen vom Staat so lächerlich wenig Geld, umso mehr kommt es auf unseren Einfallsreichtum an.« Wenn der Begriff »kleines Fach« irgendwo passt, dann in der Keltologie: Von den einst drei Standorten bundesweit ist einer (Berlin) bereits gestrichen, in Marburg gibt es noch einen Professor; in Bonn hoffen sie, dass die Universität bald einen Nachfolger benennt für den vor einem Jahr in Pension gegangenen Lehrstuhlinhaber. Bis dahin hält der wissenschaftliche Mitarbeiter Hemprich zusammen mit einer Kollegin und dem Sprachdozenten für Neuirisch die Stellung. Keltologie, das ist die Sprachwissenschaft des Bretonischen, Irischen, Kymrischen und Schottisch-Gälischen.

So exotisch die Sprachen, so seltsam sind mitunter die Wege, über die Studenten ihren Weg in das Fach finden: Manche begeistern sich zunächst nur fürs Dudelsackspielen, andere lieben es, in ihrer Freizeit in Kilts he rumzulaufen und historische Schlachten nachzustellen. »Zu meiner Zeit gab es das nicht«, sagt Hemprich. »Aber ich kenne Studenten, die darüber zur Keltologie kamen und hervorragende Wissenschaftler geworden sind.« Zwar können sie Keltologie nur im Nebenfach anbieten, doch schon das hält für die Studienanfänger ein anspruchsvolles Programm bereit: von der Geschichte der Kelten im Altertum über die Christianisierung bis hin zu den ersten schriftlichen Zeugnissen. Erst wenn die Studenten das überstanden haben, fängt der eigentliche Sprachunterricht an. »Diese völlig anderen Laute, dazu die komplizierte Rechtschreibung, das ist noch keinem leichtgefallen«, sagt Hemprich. Wenn der ganze Kurs am Zungen-R feilt und im Chor mitspricht, muss mancher seine Scheu erst überwinden. Und doch: Von den rund 50 Anfängern jedes Jahr entschließen sich am Ende zwei oder drei zu promovieren. Die schicken sie dann nach Marburg. »Am Bettelstab gelandet ist von denen übrigens noch keiner.«

Paläontologie

Im Flur vor Wolfgang Oschmanns Büro hängt eine Gesteinsplatte, graubraun mit Einsprengseln. Ein »Korallenriff aus den nördlichen Kalkalpen« sei das, verkündet ein Schild. Ein paar Meter weiter noch eine Platte, die an einen Grabstein erinnert, daneben steht: »Devonischer Riffschutt«. Wer seine Vorurteile von einem langweiligen Nischenfach pflegen will, einem Nischenfach, dessen Vertreter bei der Betrachtung uralter Steine und Knochen in Verzückung geraten, ist bei den Paläontologen richtig. Unter den kleinen Fächern gehören sie zu den großen Verlierern: 21 Professuren mussten sie seit 1997 abgeben, mehr als ein Drittel, acht von 27 Standorten wurden ganz gestrichen. Ein Fach vor dem Aus? Als Wolfgang Oschmann, Professor für Paläontologie an der Frankfurter Goethe-Uni, das hört, muss er grinsen angesichts so vieler Ahnungslosigkeit. »Was Sie beschreiben, gibt es kaum noch«, sagt er. »Die klassische Paläontologie, in der ein Wissenschaftler Experte ist für irgendeine exotische versteinerte Schnecke und ihre Besonderheiten, hat die Evolution des Faches nicht überlebt.« Heute fahren Paläontologen zum Beispiel auf Bohrschiffen raus aufs Meer, nehmen Gesteinsproben und analysieren mit aufwendigen chemischen Verfahren, welches Klima vor Jahrmillionen geherrscht hat. Eine Muschel, sagt Oschmann, könne 500 Jahre alt werden, und für jedes dieser Jahre ließen sich die Temperaturschwankungen in ihrem Material ablesen.

Als Oschmann Mitte der Achtziger promovierte, schüttelten manche seiner Kollegen den Kopf. »Du mit deinem Klima«, hieß es. »Und plötzlich ist Klimaforschung eines der heißesten Themen überhaupt«, sagt er und zuckt mit den Achseln. So kann es gehen. Geahnt hat er das nicht. Die Belohnung jedoch können die prähistorischen Klimaforscher am Stellenplan ablesen: Standorte wie Frankfurt und Bonn haben gegen den Trend zugelegt, Bonn kam von drei auf fünf Professuren, Frankfurt gar von null auf drei. Und so kommt es, dass es selbst in einem vermeintlichen Verliererfach Gewinner gibt. Und die Studenten sind fasziniert. Dominik Leonhardt zum Beispiel. »Am Anfang meines Geowissenschaftenstudiums dachte ich, Paläontologie sei das langweiligste Fach von allen«, sagt er. Heute schwärmt er von mikroskopisch kleinen Meeresorganismen und plant ein Praktikum in einem Bohrkernlager. Um seine Karriere macht sich der 23-Jährige keine Sorgen. Als Paläontologe könne man beispielsweise hervorragend in der Erdölindustrie arbeiten, wobei das für ihn persönlich moralisch nicht infrage komme. Eher schon, den Klimawandel weiter zu erforschen. So oder so, sagt Leonhardt: »Jobs gibt es im Überfluss.«

Aus DIE ZEIT :: 05.01.2012

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote