Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Knowledge Diplomacy - Das Paradigma der Zukunft?

von DOROTHEA RÜLAND

Der Austausch von Wissenschaft und Wissenschaftlern gehört zu den Eckpfeilern moderner erfolgreicher Wissenschaftssysteme. Abschottungstendenzen wie in Großbritannien und den USA, aber auch der schwierige Umgang mit Ländern wie der Türkei werfen die Frage auf, wie Politik und Wissenschaft darauf reagieren sollen.

Knowledge Diplomacy - Das Paradigma der Zukunft?© Robert Kneschke - Fotolia.comKnowledge diplomacy: Internationaler Austausch als Schlüsselrolle erfolgreicher Wissenschaft
Wissenschaft und Außenpolitik stehen seit jeher in einem Spannungsverhältnis, zunehmend aber auch in einer immer stärkeren Dependenz. Was mit der Einführung des Begriffs "soft power" durch Joseph Nye begann, wurde kürzlich von Jane Knight, die ganz maßgeblich die Internationalisierungsforschung mit geprägt hat, als "knowledge diplomacy" in den Diskurs eingeführt. Neben die klassischen Felder der Außenpolitik - Sicherheit, Wirtschafts- und Handelsbeziehungen, Zugang zu Ressourcen - tritt die Erkenntnis, dass "Wissen" als Ressource des 21. Jahrhunderts ein nationales Interessensfeld ist, das einer auswärtigen Politik bedarf. Wo wird neues Wissen generiert? Wie beteiligen sich deutsche Einrichtungen, Personen und Unternehmen daran? Wie können wir sicherstellen, dass die besten Bedingungen für Austausch, Kooperation und Zugang geschaffen sind?

Ganz offensichtlich bewegen sich hier zwei Felder aufeinander zu und verzahnen sich. Wissen über Wissenschaftssysteme, die besten Forschungseinrichtungen und herausragende Forscher wird immer wichtiger, und die Positionierung, das "nation branding", entscheidet mit über die internationale Reputation. Das Ansehen befördert die Attraktivität, die wiederum bewirkt, dass man die besten Köpfe gewinnen und vor allem auch halten kann. Nur mit Talenten und Köpfen, die weltweit rekrutiert werden, kann ein modernes Wissenschaftssystem seinen Stand halten. Deshalb gehört Marketing für den eigenen Standort, die eigene Institution inzwischen zum Handwerkszeug aller Betroffenen. In Deutschland ist man sogar einen Schritt weitergegangen und hat an wichtigen wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Knotenpunkten der Welt Deutsche Häuser der Wissenschaft aufgebaut, um die Stärken des deutschen Wissenschaftssystems noch sichtbarer zu machen.

Internationalisierung als Motor

Macht misst sich heute auch an der wissenschaftlichen Wissensproduktion, Nobelpreisträgern und den Impactfaktoren von Publikationen. Internationalisierung wirkt hier als Motor. Entsprechend haben sich im letzten Jahrzehnt Indikatorensysteme wie Rankings entwickelt, um dies scheinbar zu objektivieren. Viele Länder haben deshalb Programme aufgelegt, um ihre Systeme an die Spitze zu führen; die verschiedenen Exzellenzinitiativen und Rekrutierungsprogramme weltweit legen davon beredt Zeugnis ab. Auch die Wissenschaft in Deutschland hat in großem Maße davon profitiert, indem viele Länder dieser Welt auf eigene Rechnung ihren akademischen Nachwuchs zur Weiterqualifikation nach Deutschland schicken und gerade die deutsche Exzellenzinitiative ganz wesentlich dazu beigetragen hat, das Profil des deutschen Wissenschaftssystems international erheblich zu verbessern.

Dies kann auch nur im Interesse einer Außenwissenschaftspolitik sein. Dennoch ist dies kein spannungsfreies Feld: Ist Internationalisierung zunächst wissenschaftsgetrieben, wobei die Wissenschaftsfreiheit und der wissenschaftliche Wettbewerb im Fokus stehen, spielen bei einer auswärtigen Wissenschaftspolitik auch andere Aspekte eine Rolle. Diese können durchaus von dem Streben nach Exzellenz bestimmt sein, um mit den besten Partnern weltweit eine möglichst große Sichtbarkeit zu erreichen. Ein gutes Beispiel dafür sind Zentren, an denen punktuell deutsche wissenschaftliche Interessen mit Interessen in Partnerländern gebündelt werden und zusammen eine ganz neue Qualität erreichen - sei es im Feld der marinen Wissenschaft in Kolumbien oder den Naturwissenschaften in St. Petersburg, um nur zwei Beispiele zu nennen. Aber es ist kein Feld der schnellen Erfolge: Wissenschaft braucht Freiräume und lange Zeitschienen, nicht zuletzt, um das nötige wechselseitige Verständnis und Vertrauen aufzubauen. Kooperation weltweit kann nur funktionieren, wenn sie auf guter wechselseitiger Kenntnis fußt. Sie ist also immer eine Investition in die Zukunft mit langfristiger Perspektive.

Dann kann sie wiederum auch prägende Kraft in den Gesellschaften entwickeln, mit denen langfristig zusammengearbeitet wird, wie Kooperationen in den Rechtswissenschaften mit Südkorea, Japan oder Taiwan belegen, wo wesentliche Teile des Zivilrechts auf deutschem Recht fußen. Hierbei wird aber auch deutlich, wie sehr Wissenschaft auf positive politische Rahmenbedingungen angewiesen ist, auf transparente Verfahren und Offenheit der Gesellschaft. Umso sorgenvoller stimmen nationalistische Tendenzen in immer mehr Ländern der Welt, die genau dies erheblich einschränken. Wissenschaft lebt vom Austausch von klugen Köpfen; vielfach haben gerade Einwanderung und Austausch zu wissenschaftlichen Höchstleistungen beigetragen. So kommen alleine in Großbritannien 17 Prozent der Wissenschaftler aus der Europäischen Gemeinschaft und laut Umfragen befürchten 90 Prozent aller Wissenschaftler in Großbritannien negative Folgen durch den Brexit für das britische Hochschulsystem. Ähnlich haben sich amerikanische Wissenschaftler über das Dekret zum Einreisestopp aus sieben mehrheitlich islamischen Ländern geäußert.

Brückenfunktion von Wissenschaft

Wie aber sieht es aus mit Kooperationen, bei denen nicht ausschließlich Exzellenz im Fokus steht? Es stellen sich Fragen nach der Brückenfunktion von Wissenschaft gerade auch in fragilen Gesellschaften, nach Freiräumen, die die Wissenschaft in Krisenländern schafft als Orte von Aufklärung und Wertediskursen. Dazu trägt auch ganz wesentlich Mobilität bei, indem Verständnis für andere Kulturen und Gesellschaften geschaffen wird. Wissenschaft kann hier eine zentrale Mittlerrolle übernehmen, Kommunikation aufrechterhalten, wo dies für die Politik mitunter schwierig wird. Die Beispiele reichen dabei von Afghanistan über den Irak oder Myanmar bis hin nach Nordkorea. Kooperationen finden in diesen Ländern unter zum Teil erheblich erschwerten Bedingungen statt. Dennoch ermöglichen sie für die Academia in den betroffenen Ländern eine Kommunikation nach draußen, bieten ein Prinzip Hoffnung in dem Bewusstsein, dass Bildung und Wissenschaft auch in ihren Ländern langfristig ganz wesentlich zur Entwicklung beitragen können. Kooperationen können darüber hinaus auch Wissenschaftler schützen, indem sie Teil einer internationalen Wissenschaftlergemeinschaft sind und autoritäre Systeme aus Angst vor kritischer Presse oftmals vor Sanktionen zurückschrecken. So kann nationaler Abschottung entgegengewirkt werden. Dies bedeutet für alle Beteiligten immer wieder eine Gradwanderung, inwieweit man sich auf derartige Strukturen, die sich nicht den Prinzipien unserer Wissenschaftsfreiheit verpflichtet fühlen, einlassen kann und will.

Eine Brückenfunktion kommt der Wissenschaft auch in der Entwicklungszusammenarbeit zu. Weltweit lässt sich dabei eine steigende Nachfrage beobachten. Hochschulen spielen auf dem Weg zu einer Wissensgesellschaft eine Schlüsselrolle. Dabei liegt der Fokus vor allem auf praxisorientierten Ansätzen und langfristigen Partnerschaften - beides Felder, auf denen deutsche Hochschulen über jahrzehntelange Erfahrung verfügen. Von besonderer Bedeutung sind hier große Hochschulprojekte wie die Deutsch-Jordanische Universität oder in Zukunft die geplante Deutsch-Ostafrikanische Hochschule für angewandte Wissenschaften, da sie allein durch ihre Größe stark auf das ganze System ausstrahlen. Dies deckt sich ganz wesentlich mit der Wahrnehmung in den Gastländern, wie eine Studie zeigt, und ist der Grund, warum viele Länder derartigen Projekten so positiv gegenüberstehen. Dabei bewegt sich Wissenschaft in einem sehr dynamischen Umfeld. Die globale Wissenschaftslandschaft verändert sich ebenso schnell wie auch das Wissen, das in den verschiedenen Ländern produziert wird.

Um sich im globalen Wettbewerb gut zu positionieren, wird es auch darauf ankommen, das nötige Wissen über Hochschulbildung und Forschung zur Verfügung zu stellen. Dies wird weltweit auch so gesehen und hat in verschiedenen Ländern dazu geführt, entsprechende Forschungsinstitute und Think Tanks einzurichten. Auch für Deutschland wären hier eine noch stärkere Auseinandersetzung und entsprechende Forschungseinrichtungen wünschenswert. Internationalisierung oder vielmehr Multinationalität, denn zunehmend wird nicht mehr nur bilateral, sondern multilateral gedacht und agiert, und knowledge diplomacy sind also in gewisser Weise zwei Seiten einer Medaille und bedingen sich wechselseitig: Beide müssen an den akademischen Interessen ihrer Mitglieder ansetzen, ihre akademische Freiheit wahren, um jeweils ihre Potenziale optimal zu heben. Damit bringt der Begriff knowledge diplomacy sehr viel genauer als soft power auf den Punkt, worum es sich handelt: einen Aushandlungsprozess komplexer Kooperationen im Interesse aller Beteiligten.


Über die Autorin
Dr. Dorothea Rüland ist Generalsekretärin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).

Aus Forschung & Lehre :: März 2017

Ausgewählte Stellenangebote