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Können Doktoranden aus Versehen plagiieren?


Das Gespräch führte FRANZ HIMPSL

Der Promotionsexperte Wolfgang Löwer über gute wissenschaftliche Praxis.

Können Doktoranden aus Versehen plagiieren?© Volker Lannert - Universität BonnWolfgang Löwer versucht, die Dissertation in ihrer Gesamtheit zu würdigen
DIE ZEIT: Herr Löwer, es vergeht kaum ein Monat, in dem nicht ein Politiker aufgrund seiner Dissertation in der Kritik steht - zurzeit ist es der Generalsekretär der CSU, Andreas Scheuer. Die Suche nach Plagiaten in Doktorarbeiten ist zu einer Art Volkssport geworden. Beunruhigt das die Promovierenden?

Wolfgang Löwer: Ich spüre jedenfalls eine gewisse Verunsicherung bei meinen Doktoranden. Sie erkundigen sich verstärkt nach der richtigen Zitierweise und wollen wissen, wie sie verhindern können, in Plagiatsverdacht zu geraten. Viele beschäftigt die Frage: Wann muss ich eine Quelle angeben?

ZEIT: Gibt es darauf eine einfache Antwort?

Löwer: Nein, ganz so einfach ist das nicht. Es gibt die Regel, dass allgemein bekannte Tatsachen, die man in Lexika nachschlagen kann, nicht belegt werden müssen - beispielsweise die Lebensdaten und Berufsstationen einer Person. Das bedeutet allerdings nicht, dass man Texte, die solche Informationen enthalten, grundsätzlich nie als Quelle anführen muss. Zu entscheiden, wo die Grenze zwischen Alltagswissen, das nicht zitierbedürftig ist, und zu kennzeichnender Literatur verläuft, ist nicht immer leicht.

ZEIT: Wie eignet man sich die Fähigkeit zum sauberen wissenschaftlichen Arbeiten an?

Löwer: Eine gute Arbeitsorganisation ist natürlich empfehlenswert: Man sollte eine Technik entwickeln, mit der sich Fundstellen zuverlässig fixieren lassen. Das war früher weniger problematisch, als man noch gewohnt war, sich die Literaturstellen auf Karteikarten zu notieren. Heute wird sehr viel sofort in den Computer getippt. Das geht schneller, aber die Gefahr, aus Unachtsamkeit die Quellenangabe zu vergessen, ist größer geworden.

ZEIT: Welche Konsequenzen muss ein Doktorand fürchten, wenn er - aus Versehen - einmal vergisst, eine Quelle anzugeben?

Löwer: Gar keine. Bei der Bewertung einer Doktorarbeit wird das Kriterium des »werkprägenden Musters« herangezogen. Man versucht also, das Werk in seiner Gesamtheit zu würdigen. Wenn da einige wenige Fundstellen oder Anführungszeichen vergessen worden sind, wird das niemandem zum Verhängnis. Gegen solche Sorgfaltsmängel ist kein Autor gefeit - so etwas kann immer passieren, egal, ob man digitale oder analoge Arbeitstechniken verwendet. Anders sieht es natürlich aus, wenn sich in sehr großer Zahl oder an zentralen Stellen problematische Textabschnitte finden.

ZEIT: Darf man eigentlich aus seinen eigenen Texten abschreiben?

Löwer: Das sogenannte Eigenplagiat gibt es nicht - denn das würde ja bedeuten, dass es möglich wäre, sich selbst zu beklauen. Es gibt allerdings Regeln der Transparenz, die festlegen, wie mit bereits bestehenden Texten eines Autors umzugehen ist. Bei Dissertationen haben diese Regeln einen hohen Stellenwert, weil es hier in besonderem Maße darauf ankommt, dass ein wissenschaftlicher Fortschritt erzielt wird. Doktoranden sollten deshalb offenlegen, welche Teile ihrer Dissertation wirklich neu sind.

ZEIT: Empfehlen Sie Doktoranden, ihre Arbeit vor der Abgabe mittels Plagiatssoftware zu prüfen?

Löwer: Ich halte das nicht für sinnvoll. Wer bewusst getäuscht hat, kennt seine Plagiatsstellen ohnehin sehr genau und braucht dazu keine Software. Alle anderen müssen sich keine Sorgen machen. Wer redlich gearbeitet hat, dem wird niemand später aus Flüchtigkeitsfehlern einen Strick drehen. Außerdem haben solche Programme ihre Grenzen. Sie mögen ganz nützlich sein, um einen Anfangsverdacht zu ermitteln. Danach aber muss ein Mensch auf die Arbeit schauen und das Werk in seiner Gesamtheit bewerten.

ZEIT: Sehr korrekt zitierte Arbeiten sind nicht unbedingt immer auch gut lesbare Arbeiten. Könnte es sein, dass die Qualität wissenschaftlicher Texte durch übereifriges Zitieren sogar leidet?

Löwer: Eine Seite voller wörtlicher Zitate zeugt nicht unbedingt von hoher wissenschaftlicher Qualität. Gerade in den Geisteswissenschaften gehört es dazu, dass man Diskussionen sachgerecht mit eigenen Worten zusammenfassen kann. Erst indem man sich von der Sprache eines Autors löst, eignet man sich einen Gedanken wirklich an. Ausufernde Zitat-Collagen sind oft ein Zeichen dafür, dass jemand die Literatur nicht verstanden hat.


Über den Interviewten
Wolfgang Löwer ist Juraprofessor an der Uni Bonn.

Aus DIE ZEIT :: 30.01.2014

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