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Kollaps auf Knopfdruck

Von Frauke Hinrichsen

An Robotern üben junge Mediziner den Ernstfall. Die Puppen husten, schwitzen oder simulieren die Wirkung von Spritzen.

Kollaps auf Knopfdruck: patientensimulator© Andre Panneton - iStockphoto.com
Rasselnd geht sein Atem. Der etwa vierzigjährige Mann liegt keuchend im Bett und ringt nach Luft. Schweißtropfen stehen auf seiner Stirn. Die Tür wird aufgerissen, zwei Rettungssanitäterinnen eilen ins Zimmer, beugen sich über den Notfallpatienten. »Ich kriege so schlecht Luft«, stößt dieser hervor. Die beiden Rettungssanitäterinnen stülpen eine Sauerstoffmaske über sein Gesicht. »Haben Sie Asthma?«, fragen sie. »Nein, kein Asthma«, antwortet der Mann. »Ganz plötzlich tat mir die Brust so weh.« Den jungen Frauen ist ihre Anspannung deutlich anzumerken. »Verdammt, er ist kaltschweißig« sagt die eine zur anderen. Gemeinsam rätseln sie über die Ursache. »Lungenödem wahrscheinlich«, tippen sie. An dieser Stelle schaltet sich Oberarzt Gernot Rücker ein. Denn er hat den angeblichen Patienten programmiert und ihm per Mikrofon und Verstärker seine Stimme geliehen. »Kaltschweißigkeit, Atemnot, beginnendes Lungenödem, was ist denn das?«, fragt der Notfallmediziner. »Wenn ihr das EKG gemacht hättet, wäre die Diagnose glasklar: Das ist ein klassischer Herzinfarkt im Vollbild.« Vor lauter Aufregung haben die beiden Auszubildenden das Nächstliegende vergessen. Für einen echten Patienten wäre ihre Fehldiagnose in dieser lebensbedrohlichen Situation fatal, doch in diesem Falle ist die Sache halb so wild. Vor ihnen liegt nur eine Maschine, ein Patientensimulator, dessen rasselndes Keuchen von Gernot Rücker nach dem Ende der Übung einfach auf Normalatmung umgestellt wird.

Infarkt, Schädeltrauma und Diabetes durchleidet die Puppe an einem Tag

Der künstliche Patient ist die neueste Anschaffung der Simulationsanlage für Notfallausbildung, die Gernot Rücker an der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie der Universität Rostock leitet. Eigentlich heißt der Simulator »iStan« und stammt aus den USA, doch in Rostock nennen ihn alle nur »Igor«. Solche Trainingspatienten kommen zunehmend in Kliniken zum Einsatz (siehe Kasten), und ein Besuch in Rostock zeigt, wie weit die Kunst der Simulation mittlerweile fortgeschritten ist.

Igor kann mit den Augen blinzeln. Sein Brustkorb hebt und senkt sich beim Atmen. Auch seine »Haut«, die aus einer Silikonverbindung besteht, fühlt sich recht lebensecht an. Organe hat Igor nicht; statt Leber und Milz befinden sich zwei Flüssigkeitsbehälter samt entsprechender Elektronik unter seiner Silikonbauchdecke. Igor kann nach Bedarf mit Kunsturin, Filmblut oder anderen klaren Flüssigkeiten betankt werden. Puls und Herzschlag werden von einem kleinen Computer gesteuert, der auch für Atmung und Bauchgeräusche sorgt. Ein ebenfalls eingebauter Kompressor erzeugt den notwendigen Druck für die pneumatischen Funktionen: Damit kann Igor Atem ausstoßen oder die Flüssigkeiten aus den Tanks durch seine Körperöffnungen ausscheiden. Über einen Computer und eine kabellose Verbindung lässt sich dieses Innenleben von außen programmieren und steuern. Ein Druck auf die Computertastatur, und Igor muss würgen, fängt an zu bluten, bekommt einen Asthmaanfall oder eine Zungenschwellung - je nachdem, was gerade trainiert werden soll. Die Rettungssanitäter sollen schließlich üben, auch in Überraschungssituationen die richtige Diagnose zu stellen.

»Die meisten kritischen Notfälle bei Patienten lassen sich über knallharte Symptome definieren«, erläutert Gernot Rücker, »und diese Symptome müssen natürlich erkannt werden.« In der Rostocker Übungseinheit steht heute nicht nur der Herzinfarkt auf dem Programm. Ein zweites Team wird damit konfrontiert, dass aus Igors Ohr eine Flüssigkeit läuft (was auf ein Schädel- Hirn-Trauma hindeutet); die Nächsten müssen erkennen, dass Igors Herzfrequenz zu niedrig ist; und vor der Mittagspause simuliert Igor noch einen stark unterzuckerten Diabetiker. Die Rostocker Simulationsanlage für Notfallausbildung (RoSaNa) ist eines von einem Dutzend Simulationszentren in Deutschland, zu denen unter anderem auch die Universitätskliniken Mainz, Würzburg und Tübingen gehören.

Allein in Rostock werden jährlich 2000 Ärzte, Studenten, Schwestern, Sanitäter und Ersthelfer geschult, und Patientensimulatoren sind mittlerweile ein unverzichtbares Hilfsmittel dafür. Auf über vierzig verschiedene Puppen und Modelle aller Alters- und Gewichtsklassen kann Gernot Rücker zurückgreifen; zudem verfügt der RoSaNa-Leiter über eine Simulations-Intensivstation mit drei Beatmungsbetten, einem Narkosearbeitsplatz und einer kompletten Rettungswagenausrüstung.

Kollaps auf Knopfdruck
Nicht alle Puppen sind so komplex wie Igor. Rücker unterteilt sein Arsenal grob in Demonstrationspuppen, mechanische und elektrische Funktionspuppen und echte Simulatoren. Geht es nur darum, die Anatomie oder bestimmte Krankheitsbilder zu veranschaulichen, kommt eine Demonstrationspuppe zum Einsatz. An einer mechanischen Funktionspuppe dagegen lassen sich medizinische Handgriffe trainieren - das Entfernen von Fremdkörpern aus dem Rachen, das Intubieren oder das künstliche Beatmen. Noch komplexer sind die elektrischen Funktionspuppen, die einen Herzstillstand oder Kammerflimmern simulieren können und an denen Sanitäter die Wiederbelebung mit einem Defibrillator üben. Die Königsklasse bilden dann die Simulatoren, die vollgestopft sind mit Elektronik und Pneumatik. Igor, der Ferrari im Rostocker Puppenpark, hat 65 000 Euro gekostet und ist der vielseitigste der kabellosen Patientensimulatoren. Weil er über eine Batterie läuft, ist er unbegrenzt mobil und kommt der Realität besonders nahe. Das erklärt auch seine Beliebtheit: Weltweit sind derzeit 500 Igors im Einsatz, in Kliniken, Pflegedienstschulen und in Forschungseinrichtungen ebenso wie in Unternehmen und beim Militär.

In Rostock sind heute nach den Rettungssanitätern die Medizinstudenten dran. Sie sollen unter anderem das Verlegen eines Patienten üben. Und weil das nicht nur den Studenten, sondern auch Igor selbst mehr abverlangt, hat Gernot Rücker von seinem Kollegen Matthias Koch Verstärkung bekommen. Der Assistenzarzt sitzt nun am Computer neben Igor und dirigiert ihn. Für die heutige Übungsstunde hat sich Koch folgendes Szenario ausgedacht: Der Patient kam gestern abend betrunken mit einer Platzwunde in ein kleines Provinzkrankenhaus. Dort wurde er versorgt und zur Beobachtung über Nacht aufgenommen. Heute morgen liegt er bewusstlos im Bett, die Schwester hat es nicht geschafft, ihn aufzuwecken.

Igor kann auch sterben, doch meistens greift vorher der Oberarzt ein

Die Studenten stehen im Kreis um Igor herum. Stefan Pribbernow ist im achten Semester, er zieht sich jetzt den Arztkittel an, die anderen dürfen beraten. Pribbernow misst den Blutdruck, legt dann EKG und Pulsoximeter an. Die Werte und Kurven erscheinen auf einem angeschlossenen Bildschirm. Unisono vermuten die Studenten eine Blutung im Kopf, können in der kleinen Klinik aber keine Computertomografie machen. Deshalb muss der Patient in die neurochirurgische Abteilung einer größeren Klinik verlegt werden. Auf dem Transport soll Igor sicherheitshalber beatmet werden, und dafür wiederum müssen die Studenten eine Narkose einleiten. Was braucht der Patient dazu? Ein Einschlafmittel, sagt Pribbernow, danach noch ein Schmerzmittel und ein Muskelrelaxans, damit der Körper sich nicht gegen den Beatmungsschlauch wehrt.

Mit der genauen Dosierung wird es schon schwieriger. Gernot Rücker assistiert. »Hundert Milligramm Succinyl«, empfiehlt er. »Wenn das Succinyl anfängt zu wirken, zittert der Patient, und wenn das Zittern nach ungefähr vierzig Sekunden aufhört, dann ist die volle Wirkung erreicht. « Die Studenten suchen das Präparat im Notfallkoffer, setzen die Spritze an und tun so, als ob sie das Mittel injizierten. Nun muss Matthias Koch schnell reagieren: Unter den rund sechzig Medikamenten, die in Igors Computerprogramm gespeichert sind (inklusive Nebenwirkungen), wählt er Succinyl aus. Die Zeitspanne, bis das Mittel anschlägt, und dessen Wirkungsdauer entsprechen dem menschlichen Durchschnittswert. Zwanzig Sekunden, dann setzt die Atmung aus, und Igor beginnt, am ganzen Körper zu zittern. Vierzig Sekunden später liegt er ganz still. Jetzt hat Stefan Pribbernow nur wenige Minuten Zeit, um ihn zu intubieren und zu beatmen. »Man hat Stress, wenn man hier an der Puppe steht«, sagt der Student, »aber man kann eben auch mal das üben, was am echten Patienten bedenklich wäre.« Den größten Gewinn sieht Gernot Rücker darin, dass bei einem modernen Patientensimulator Diagnose und Behandlung ineinander übergehen können. »Damit ist eine Lücke geschlossen zwischen der einfachen Wiederbelebungspuppe und dem echten Patienten. Ich möchte mich ja auch nur in ein Flugzeug setzen, wenn ich weiß, dass der Pilot die Maschine in einer kritischen Situation beherrscht.« Was bei Piloten üblich ist - das realitätsnahe Training in einem Simulator -, zieht daher folgerichtig nun in die Medizin ein.

Dabei ist die Idee an sich alles andere als neu. Schon im Altertum wurde an Puppen geübt, meist zur Vorbereitung auf kriegerische Kampfübungen. Die Medizin zog mit Verspätung nach. Für die Ausbildung von Krankenschwestern gab es lange Zeit nur Strohpuppen. Erst Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entwarf Martha Chase in den USA eine menschlich aussehende Stoffpuppe. Dieser Klassiker wurde unter dem Namen »Mrs. Chase« international bekannt und verfügte bereits über nachgebildete Hüft-, Knie-, Ellenbogen- und Schultergelenke. 1914 wurde ein Nachfolgemodell vorgestellt, an dem Schwesternschülerinnen und Pfleger das Spritzen üben und verschiedene Unterleibsuntersuchungen vornehmen konnten. Ende der fünfziger Jahre entwickelte der Spielzeugfabrikant Asmund Laerdal schließlich zusammen mit dem amerikanischen Anästhesisten Peter Safar die Wiederbelebungspuppe Resusci-Anne. Sie bekam einen Kunststoffkörper und das Gesicht der berühmten »unbekannten Toten aus der Seine «, einer jungen Frau, die sich Anfang des vergangenen Jahrhunderts in Paris das Leben genommen hatte und von deren Gesicht ein Abdruck gegossen worden war. Posthum erhält sie seither millionenfach den Kuss des Lebens - an ihr trainieren bis heute Mediziner wie Laien die Wiederbelebung und die Herz-Lungen-Massage. In den sechziger Jahren kam dann die erste Puppe auf den Markt, die Herz- und Lungengeräusche erzeugte. Und 1969 wurde an einer amerikanischen Universität gar ein Anästhesie-Simulator gebaut, der bereits komplett computergesteuert war und auf vier Medikamente richtig reagieren konnte. Das Gerät war allerdings seiner Zeit weit voraus und für damalige Verhältnisse zu teuer; aus der Serienproduk tion wurde nichts. Erst in den achtziger Jahren, als die Computer immer leistungsstärker und kostengünstiger wurden, erhielt das Geschäft mit den Patientensimulatoren neuen Schwung.

Heute trainieren nahezu alle Medizinstudenten - zumindest im Anästhesie-Blockpraktikum - wenigstens einmal an einem Simulator. Dafür hat jede deutsche Universitätsklinik von der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin ein Vorgängermodell des Igor-Simulators zur Verfügung gestellt bekommen. Zunehmend werden solche Programme jedoch auch in der Chirurgie eingesetzt. So werden etwa mithilfe von komplexen Computersimulationen endoskopische Operationen oder Bauchspiegelungen trainiert, allerdings gibt es dafür noch keine geeigneten Kunstpatienten in Menschengestalt.

Doch diese Entwicklung, glaubt Gernot Rücker, wird nicht lange auf sich warten lassen. »Es wird sicher irgendwann Simulatoren geben, die noch echtere Haut haben, die sich bewegen können, die man im großen Stil operieren kann, und die man auch dank noch besserer Computersimulation überall im Körperinneren untersuchen kann.« Bei Igor ist das noch nicht möglich, weil in seinem Bauch so viel Elektronik sitzt. Natürlich weiß auch Rücker, dass bei einem Simulator immer ein Gefühl der Künstlichkeit bleibt. Selbst wenn Igor atmet, blutet und spricht wie ein Mensch, bleibt er ein Stück tote Materie. Doch so ganz kalt lässt die Puppe kaum einen, der an ihr arbeitet und trainiert. Seine Erfahrung habe ihn gelehrt, erzählt Rücker, dass auch Igors »Tod« Frustration und Versagensängste hervorrufen kann bei jenen, die vergeblich versucht haben, sein Leben zu retten. Daher greift der Oberarzt lieber rechtzeitig ein, bricht eine falsche Behandlung ab und lässt die Trainingseinheit wiederholen. Nur in Ausnahmefällen lässt er auch einmal Behandlungsfehler zu, die einen echten Patienten vom Leben zum Tode befördern würden.

In der heutigen Übungsstunde in Rostock geht allerdings alles gut. Unter Rückers Aufsicht haben die Studenten Igor an eine Beatmungsmaschine angeschlossen und transportfähig gemacht. Vier von ihnen hieven die 60-Kilogramm-Puppe auf Kommando vom Krankenbett auf die Rettungswagentrage. Fertig. Die Studenten haben für heute ihr Pensum geschafft. Igor dagegen hat noch sieben Narkosen vor sich.

Aus DIE ZEIT :: 20.05.2009

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