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Kollekte für die Forscher

VON DIETRICH VON RICHTHOFEN

Expeditionen mit Kleingeld? Junge Wissenschaftler sammeln Spenden für ihre Projekte.

Kollekte für die Forscher© binagel - iStockphoto.com
Um ihre Forschung zu finanzieren, hatte Alison Styring wirklich viel versucht. »Ich habe mich in den vergangenen vier Jahren auf zahlreiche Stipendien beworben und mehrere Förderanträge geschrieben - alles ohne Erfolg«, sagt die 39-jährige Vogelkundlerin, die einen Lehrauftrag an der Evergreen State University im US-Bundesstaat Washington innehat. An Gelder zu kommen sei in ihrem Forschungsgebiet ohnehin schwer. Die Wirtschaftskrise habe die Situation noch verschlechtert.

Styring will das Zwitschern, Rufen und Singen im Dschungel Borneos erforschen. »Wir wollen die Vogelstimmen in den noch unberührten Urwaldgebieten aufzeichnen, künftig sollen diese Klanglandschaften als Referenz für die Biodiversitätsforschung und für Bestandsaufnahmen der Arten dienen«, erklärt sie. Dazu müsse sie neben der Reise und dem einmonatigen Aufenthalt auch die Ausrüstung für Aufnahmen sowie einige Mitarbeiter bezahlen. Mindestens 20 000 US-Dollar brauche sie. Woher nehmen? Da die klassischen Finanzierungsquellen nicht sprudeln wollen, wandte sich Styring Mitte August an die ganze Welt. Auf der Internetplattform Kickstarter beschrieb sie ihr Vorhaben Mapping a Bornean Soundscape, stellte Fotos und Videos ein - und bat die Internetgemeinde um Unterstützung für ihr Vorhaben. Ein Dollar ist der kleinstmögliche Betrag, bis Mitte Oktober läuft die Aktion. Nur wenn bis dahin das 20 000-Dollar-Ziel erreicht wird, bucht Kickstarter das versprochene Geld bei den Spendern ab und reicht es an die Vogelkundlerin weiter, damit diese aufbrechen kann.

Crowd funding wird dieses Konzept genannt, im Deutschen manchmal auch Schwarmfinanzierung: Viele Geldgeber steuern jeweils kleine Beträge bei, eine Mikrofinanzierung durch die Masse. Seit einigen Jahren boomt diese Idee im Kreativ- und Investment-Bereich. Auf einer unüberschaubaren Vielzahl von Plattformen wie Kickstarter wurden mittlerweile schon Hunderttausende Vorhaben finanziert. Junge Bands sammeln Geld, um ein Album einzuspielen, Filmemacher suchen Budgets für Spielfilme oder Videokunst, Jungunternehmer für ihre Start-ups. Inzwischen wenden sich zunehmend Wissen schaft ler wie Alison Styring an die Internetnutzer, um Fördergelder für ihre Forschungsprojekte in kleinen Beträgen einzusammeln.

Der Sparzwang in Zeiten hoher Verschuldung geht auch an staatlicher Forschungsförderung nicht vorbei. Im angelsächsischen Raum sind bereits einige Plattformen entstanden, auf denen den potenziellen Spendern ausschließlich wissenschaftliche Ideen vorgestellt werden: FundScience aus den USA etwa oder die Plattform MyProjects der Krebsforschungsstiftung Cancer Research UK. Angesichts dieser Entwicklung beschwor die renommierte Fachzeitschrift Nature Neuroscience schon die citizen science - eine neue Form der Wissenschaft, an der die Bürger unmittelbar teilhaben. Sie könne Begeisterung wecken und das Verständnis fördern, so schrieben die Herausgeber in einem Editorial, und damit auch zu »mehr Rückhalt für die staatliche Unterstützung wissenschaftlicher Forschung« führen. Was für ein Überbau! Das alles soll sich mithilfe digitaler Spendenbüchsen bewerkstelligen lassen?

Ernst nehmen sollte man solche Ansätze durchaus, findet Joachim Hemer vom Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe. Er hat sich in einem Forschungsprojekt mit Crowd funding im Innovationsbereich befasst - und auch die Nutzung in der Wissenschaft betrachtet. Sein Fazit: Der Eifer, mit dem dieses Konzept im Ausland verfolgt werde, sollte in Deutschland Anlass genug sein, sich ebenfalls damit aus ein ander zu set zen. Bislang existiert hierzulande noch nichts Vergleichbares. Hemer findet, umso mehr müssten auch staatliche Institutionen und Wissenschaftseinrichtungen wie der Stifterverband oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft sich damit befassen. Der Innovationsexperte sieht Crowd funding zwar nicht als künftiges Schwer gewicht der Forschungsfinanzierung (schließlich geht es da jährlich um viele Milliarden Euro), vielmehr könne Crowd funding eine Lücke schließen: vor allem für Pilotprojekte junger Wissenschaftler. »Per Crowd funding ließen sich zumindest Vor- und Machbarkeitsstudien finanzieren, die der Vorbereitung größerer Untersuchungen dienen könnten«, sagt Hemer, der die Schwarmspenden auch als Gradmesser für gesellschaftliches Interesse sieht: »Spender wollen ihre Meinung einbringen, was die Priorisierung von Forschungsthemen angeht.«

So könne diese Finanzierungsmethode zu einer »Demokratisierung« beitragen. Knifflig ist es allerdings, sowohl der charmanten Crowd funding-Idee als auch den wissenschaftsüblichen Transparenzund Qualitätsstandards gerecht zu werden. Andrea Gaggioli schlägt sich seit drei Jahren mit diesem Problem herum. Schon im September 2008 propagierte der Psychologe von der katholischen Universität Mailand Crowd funding in der Wissenschaftszeitschrift Science vor allem als Möglichkeit für junge Wissenschaftler mit neuen, riskanten Ideen. Seit 2009 bastelt der Italiener an dem Projekt Open Genius. »Technisch könnte die Plattform schon längst online sein, aber ich muss zuvor noch jede Menge offene Fragen klären«, sagt Gaggioli. Dann zählt er auf: Wie stellt man Glaubhaftigkeit und Qualität der web basier ten Förderanträge sicher? Wie gewährleistet man, dass Ideen nicht einfach von anderen Forschern abgekupfert werden? Wie können Forscher ihren Spendern Rechenschaft über die Verwendung der Mittel ablegen? Wie verhindert man Betrug?

Der Innovator findet: »Die bisherigen Crowd funding- Plattformen für Wissenschaft machen es sich zu einfach.« Schließlich stellen sie keine andere Funktionalität zur Verfügung als die digitale Va rian te eines x-beliebigen Aufrufs zur Wohltätigkeit. Auch bei Schwarmfinanzierung, so Gaggioli, müsse man stets auf den guten Ruf und die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft achten. Darum soll jeder, der einen Förderantrag auf Open Genius bekannt machen will, zuvor die Verbindung zu einer anerkannten Forschungseinrichtung nachweisen müssen. Alle Projektbeschreibungen werden vorab einem Kreuzgutachten unterzogen. »Das Gutachten wird gemeinsam mit der Projektbeschreibung veröffentlicht, so kann sich jeder potenzielle Spender ein möglichst objektives Bild machen«, sagt Gaggioli. Ein ganz ähn liches Konzept verfolgt das amerikanische Open Source Science Project (OSSP), das Mitte September die ersten Förderanträge publizieren soll, rechtzeitig zum Start des Wintersemesters.

Vogelforscherin Alison Styring ist noch ohne Gutachten und Siegel zur Spendensammlung angetreten. Für sie war die wichtigste Frage, wie sie Begeisterung für ihr Projekt erzeugen kann - und was sie im Gegenzug anbieten soll. Da fiel ihr ein ganz und gar vogelkundlicher Weg ein, die Spender am Erfolg einer möglichen Expedition teilhaben zu lassen. Sie verspricht ihnen Sounddateien mit den Lauten des Urwalds: zehn Minuten für einen Obulus von zehn Dollar, ab 100 Dollar gar eine komplette CD voller Borneo-Sounds und einen persönlichen Dankesbrief. Die großzügigsten Geldgeber werden zudem namentlich auf der Website des Projekts erwähnt. Egal ob viele Dollar oder nur ein einziger - die Forscherin hofft, dass alle Spender das Gefühl erhalten, ein wichtiges Projekt ermöglicht zu haben. Die Natur in Indonesien gerate durch menschliche Nutzung unter immer stärkeren Druck, Eile sei geboten, bevor die letzten unberührten Zonen für immer verschwänden: »Wir wollen die Klänge dieses Urwalds aufzeichnen und kartografieren, solange wir noch können.« Dafür ist sie sich auch nicht zu schade, mit der Sammelbüchse klappern zu gehen.

Aus DIE ZEIT :: 01.09.2011

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