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Kommt alle nach Deutschland!

VON MARION SCHMIDT

Die Regierung will mehr Studenten aus der ganzen Welt an die Unis holen. Aber wer bezahlt die Betreuung?

Kommt alle nach Deutschland!© view7 - Photocase.deDeutschland will mehr Studenten aus dem Ausland anwerben
Es gibt in ganz Deutschland wohl kaum einen anderen Ort, der so provinziell und zugleich so international ist wie Clausthal-Zellerfeld. Das Bergbaustädtchen liegt abgeschieden im Harz, rund 70 Kilometer von der nächsten Großstadt Göttingen entfernt, und sieht mit seinen bunt lackierten Holzhäusern fast schon aus wie Bullerbü. Früher haben sie hier in den Minen nach Silber geschürft, heute kann man an der Technischen Universität (TU) studieren, wie man Maschinen baut, Unternehmen führt und Rohstoffe recycelt. Über 4.600 Studenten sind an der Uni eingeschrieben, das ist mehr als ein Drittel der Einwohner. Und wer die Hauptstraße im Ort entlanggeht, sieht Chinesen, Iraner, Kameruner und Mexikaner. Eingehüllt in dicke Daunenjacken, laufen sie zu ihren Lehrveranstaltungen. »Vorlesungen sind bei uns wie UN-Vollversammlungen«, sagt TU-Präsident Thomas Hanschke. Knapp 28 Prozent der Studenten kommen aus dem Ausland, bei den Studienanfängern sind es sogar 37 Prozent. Keine andere Universität bundesweit hat einen höheren Anteil an ausländischen Studierenden.

Die TU Clausthal ist so, wie sich Politiker die Hochschulen im ganzen Land wünschen: weltoffen und multikulturell. Bund und Länder haben im vergangenen Jahr eine Strategie zur Internationalisierung der Hochschulen verabschiedet, mit einem ehrgeizigen Ziel: Bis zum Jahr 2020 soll sich die Zahl der ausländischen Studenten von jetzt 300.000 auf 350.000 erhöhen. Im Koalitionsvertrag hat die Bundesregierung dieses Ziel ausdrücklich bekräftigt. Das ist deshalb besonders bemerkenswert, weil es einer der ganz wenigen konkreten hochschulpolitischen Punkte im Regierungsprogramm ist. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) soll jetzt mehr junge Menschen zum Studieren und Arbeiten ins Land holen. Aber warum eigentlich? Es gibt keinen Mangel an Studenten, im Gegenteil: Noch nie studierten so viele Menschen an deutschen Hochschulen wie jetzt. Wozu die ohnehin überfüllten Seminare noch zusätzlich vollstopfen? »Ausländische Studenten sind eine enorme Bereicherung für das Wissenschaftssystem«, sagt Margret Wintermantel. »Deutsche Studierende profitieren davon, wenn sie sich mit Kommilitonen aus anderen Ländern austauschen können.« Sie muss das sagen - sie ist die Präsidentin des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD), der die Internationalisierungsstrategie umsetzen soll. Entscheidender ist, was sie dann noch hinzufügt: »Wir brauchen die Zuwanderung von Talenten auch, um unsere Innovationsfähigkeit zu erhalten.«

Der viel zitierte Fachkräftemangel

Spätestens von 2020 an sollen die Studentenzahlen wieder sinken. Dann kommen geburtenschwache Jahrgänge an die Unis und von dort in die Unternehmen. Schon jetzt werben Firmen Fachkräfte mit großem Aufwand aus dem Ausland an. Warum sie also nicht schon früher ins Land holen? Etwa vier Millionen mobile Studenten gibt es weltweit und einen internationalen Wettbewerb um die besten Talente. Deutschland ist es in den vergangenen Jahren gelungen, immer mehr von ihnen zu gewinnen. 2013 kamen etwa 220.000 Ausländer zum Studium ins Land, im Jahr 2000 waren es noch 110.000. Die meisten kommen aus China, gefolgt von Russland, Österreich und Bulgarien. Sie wollen in Deutschland studieren, weil dies ein hoch technisiertes Land ist und weil sie sich von dem Studium bessere Berufschancen versprechen, zeigt eine Befragung des Deutschen Studentenwerks.

Auch der gute Ruf der Hochchulen spielt eine Rolle und die Tatsache, dass das Studium - anders als in anderen Ländern - hierzulande auch für ausländische Studenten kostenfrei ist. Shengkai Yu etwa studiert seit dem Sommer 2012 Geoumwelttechnik an der TU Clausthal. Den Ort kannte der 22-Jährige aus Sichuan nicht, aber er wollte nach Deutschland. »Die Ingenieurtechnik ist die beste der Welt«, sagt er. Er findet es toll, dass die TU Clausthal so klein ist und dass die Professoren, anders als in China, Zeit für ihn haben. Dafür gibt der Staat pro ausländischem Studenten jährlich etwa 13.000 Euro aus. Das hat kürzlich die Prognos-Studie im Auftrag des DAAD ergeben.

Diese Investition ist allerdings eine Wette auf die Zukunft: Wenn einer nach dem Abschluss in seine Heimat zurückkehrt, ist das Geld verloren. Wenn er aber bleibt und hier arbeitet, lohnt sich das gleich mehrfach - für den Staat, der Steuern einnimmt, für die Sozialkassen und für die Firmen. Die Rechnung geht jedoch nur auf, wenn mindestens 30 Prozent der Absolventen mindestens fünf Jahre im Land bleiben, zeigt die Prognos-Studie. Also sollten Politik, Wissenschaft und Wirtschaft alles daransetzen, ausländische Studenten nicht nur anzuwerben, sondern auch zu halten. Doch genau daran hapert es noch. Im Moment bleibt nur jeder vierte, und das, obwohl die rechtlichen Rahmenbedingungen dafür gelockert worden sind. Das liegt auch daran, dass zu viele ausländische Studenten im Studium scheitern. Knapp jeder zweite Bachelorstudent, der nach Deutschland kommt, bricht sein Studium ab. In einigen Studiengängen sind es sogar über 60 Prozent.

Die Unis müssen der hohen Studienabbrecher-Quote mit Hilfsangeboten entgegenwirken

»Wir brauchen mehr Unterstützung«, sagt Margret Wintermantel vom DAAD, »es hat keiner etwas davon, wenn die Studenten negative Studienerfahrungen machen und frustriert von dannen ziehen.« Bewerber müssten vor Studienbeginn besser auf ihre Sprachkenntnisse überprüft sowie über Studieninhalte und Anforderungen informiert werden. Wintermantel kann sich vorstellen, ausländische Studenten über sogenannte MOOCs (massive open online courses), kostenfreie Seminare im Internet, auf ein Studium in Deutschland vorzubereiten, auch verpflichtend.

Wie eine Universität es schafft, ein Viertel ihrer Studenten im Ausland zu rekrutieren, ihnen gute Studienbedingungen zu bieten und viele von ihnen sogar hier zu halten, lässt sich an der TU Clausthal beobachten. Die Uni macht vieles richtig und zeigt damit, was möglich ist. Gleichzeitig zeigt sich an Clausthal aber auch, wo die Grenzen liegen. »Internationalisierung ist für uns ein ganz wichtiger Erfolgsfaktor«, sagt TU-Präsident Thomas Hanschke. Ohne die internationalen Studenten würde man seine Uni vermutlich schließen, sie wäre zu klein. Und Clausthal hätte ein Problem, denn in der strukturschwachen Region sinkt die Einwohnerzahl, nur die Studentenzahl steigt. Daher hat er aus der Not eine Tugend gemacht. »Wir wollenabernichtnurmöglichstvieleausländische Studenten haben«, sagt Hanschke, »sondern persönliche Beziehungen auf bauen, aus denen dann Kooperationen entstehen, in der Lehre, aber auch in der Forschung.«

Die Lücke überbrücken

Vor ihm auf dem Tisch liegen Plakate einer neuen Werbekampagne. Hier lächeln einen die Gesichter dieser Welt an. »We are bridging the gap«, lautet der Slogan, wir überbrücken die Lücke. Welche Lücke gemeint ist, bleibt allerdings offen: die Fachkräftelücke oder die Einwohnerlücke. Auf Flughäfen und Bahnhöfen sollen die Plakate hängen und noch mehr ausländische Studenten nach Clausthal locken. Hanschke ist zuversichtlich, dass das klappt. Aber auch der Ort müsse mitziehen, sagt er. In den Supermärkten stünden zwar mittlerweile Instantnudeln und Sojasoßen. Doch im Einwohnermeldeamt könne noch nicht jeder Englisch sprechen.Obwohl Clausthal schon immer ein internationaler Ort war.

Der Vorläufer der TU, die Königlich-Preußische Bergakademie, wurde 1775 gegründet, um den Nachwuchs aus aller Welt für den Bergbau auszubilden. Seit Anfang der 1980er Jahre kommen vor allem Chinesen in den Harz. Der chinesische Forschungsminister Wan Gang hat in Clausthal studiert und promoviert, viele Alumni sind Rektoren oder Professoren chinesischer Unis. »Jeder Student ist ein Botschafter für uns«, sagt Hanschke. Und damit im Ausland auch die richtige Botschaft ankommt, werden die Studenten in Clausthal gut umsorgt.

Die TU Clausthal war die erste deutsche Hochschule mit einem eigenen China-Beauftragten. Michael Zhengmeng Hou macht den Job seit zehn Jahren. Er hat den ersten deutsch-chinesischen Studiengang mit Doppelabschluss aufgebaut. Die Studenten hierfür und für 13 weitere Fächer rekrutiert er direkt von sieben chinesischen Partneruniversitäten. Er fliegt mehrmals im Jahr dorthin, um Sprachprüfungen abzunehmen und Studenten auszuwählen. »So stellen wir sicher, dass die Richtigen zu uns kommen«, sagt er. Und wenn die Studenten dann auf dem Flughafen Hannover landen, steht dort jemand von der TU Clausthal und holt sie ab. Mitarbeiter von Hou kümmern sich um Visum, Krankenversicherung, Sprachkurs und Wohnheimplatz. Sie begleiten zum Einkaufen, erklären die Mülltrennung und wie die Küche im Wohnheim sauber gehalten wird. Diesen Service lässt sich die Uni bezahlen. Er kostet 1.500 Euro, inklusive Sprachkurs. Hou zufolge nehmen alle chinesischen Studenten das Angebot in Anspruch.

Beratung und Förderung für ausländische Studenten

Wenn man Hou fragt, was das Erfolgsrezept der Clausthaler ist, zählt er auf: gezielt Partnerhochschulen im Ausland suchen, Kooperationsprogramme einrichten, Studenten vor Ort selbst auswählen und auf das Studium vorbereiten, fachlich und sprachlich. »Man muss alles aufeinander abstimmen«, sagt Hou. Studienabbrecher gebe es bei den Studenten, die über ein solches Programm an die Uni kommen, keine. Und etwa jeder zweite Absolvent bleibe in Deutschland, einige promovierten, die meisten gingen zu Auto- oder Chemiefirmen. Sie würden teilweise direkt vom Campus abgeworben.

Doch auch in Clausthal kämpfen sie mit einem großen Problem, das auf die Unis bundesweit zukommen wird, wenn noch mehr ausländische Studenten kommen: Beratung und Förderung kosten Geld. Bundesministerin Johanna Wanka spricht von Investitionen, die sich lohnen, von »handfesten volkswirtschaftlichen Vorteilen«, die ausländische Studenten brächten. Aber woher die Mittel für die Hochschulen kommen sollen, sagt sie nicht. Der DAAD zahlt nur für Förderprogramme und Stipendien. »Wir werden im Land gern als Vorbild vorgezeigt«, sagt der TU-Präsident Thomas Hanschke, »dabei werden wir für den Mehraufwand bei der Betreuung der ausländischen Studenten nicht extra honoriert.« Gerade einmal zwei Prozent der leistungsbezogenen Haushaltsmittel, die er vom Land bekommt, sind für ausländische Studenten bestimmt. Die Clausthaler versuchen das durch kostenpflichtige Angebote wie das Willkommenspaket auszugleichen.

DAAD-Präsidentin Margret Wintermantel hält solche Betreuungsleistungen für sinnvoll. Denkbar seien aber auch Kooperationen mit Unternehmen, die einen Teil der Kosten übernehmen könnten. Sie sind es ja letztlich, die von den international erfahren, gut ausgebildeten Fachkräften profitieren. Shengkai Yu jedenfalls möchte nach seinem Abschluss in Geoumwelttechnik gern in Deutschland bleiben. Zuerst für eine Promotion, dann auch, um zu arbeiten. Allerdings nicht unbedingt im sehr internationalen Clausthal. Schön wäre eine andere Stadt, die größer ist, sagt er - und in der es nicht so viele Chinesen gibt.» Da lernt man dann auch mal Deutsche kennen.«

Aus DIE ZEIT :: 13.03.2014