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Kontakte in die Industrie

Das Interview führte Frauke Zbikowski

Der interdisziplinäre Studiengang Wirtschaftschemie vereint Elemente aus Naturwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre. Damit bietet er beste Voraussetzungen für die Bewertung von Projekten und Prozessen, sowohl in Bezug auf deren Nachhaltigkeit als auch auf wirtschaftliche Faktoren. Wirtschaftschemiker Martin Kirchner spricht im Interview über seinen Arbeitsalltag.

Kontakte in die Industrie© shotsstudio - Fotolia.comInterdisziplinäre Studiengänge bieten fächerübergreifende Bildung und vielseitige Jobmöglichkeiten
Nachrichten aus der Chemie: Was sind Ihre Aufgaben bei Evonik?

Martin Kirchner: Ich führe Life-Cycle-Assessments durch und unterstütze so die Geschäftsbereiche bei Nachhaltigkeitsthemen.

Nachrichten: Was sind Life-Cycle-Assessments?

Kirchner: Wir untersuchen die möglichen Umweltauswirkungen eines Produkts oder eines Prozesses, und zwar über den gesamten Lebensweg, von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung. Dabei betrachten wir nicht nur das Treibhauspotenzial, sondern auch weitere Umweltkategorien, etwa das Versauerungspotenzial, das Ozonbildungspotenzial oder den Bedarf an Primärenergie.

Nachrichten: Was kommt dabei heraus?

Kirchner: Möglicherweise stellen wir fest, dass es sinnvoll ist, erhöhte Treibhausgasemissionen während der Produktionsphase in Kauf zu nehmen, etwa wenn das Produkt während der Nutzungsphase höhere Einsparungen bringt.

Nachrichten: Welche Funktion hat die Abteilung innerhalb des Unternehmens?

Kirchner: Wir sind als Kompetenzzentrum für Life-Cycle-Assessments und verwandte Themen gegründet worden und unterstützen die Geschäftsbereiche von Evonik.

Nachrichten: Befassen Sie sich dabei nur mit bestehenden Produkten?

Kirchner: Für das Science-to-Business-Center Eco2 von Evonik bewerten wir auch Innovationsprojekte. Dafür haben wir einen eigenen Ansatz entwickelt, die Carbon-Footprint-Estimation-Methode.

Nachrichten: Bewerten Sie auch die ökonomische Nachhaltigkeit?

Kirchner: Die wirtschaftlichen Perspektiven, etwa Marktpotenzial oder Kosten, bewerten die Geschäftsbereiche in der Regel selber.

Nachrichten: Mit wem arbeiten Sie zusammen?

Kirchner: Da die Arbeit interdisziplinär ist, sind die Kollegen sehr unterschiedlich ausgebildet. Die meisten haben einen naturwissenschaftlichen oder technischen Hintergrund und sind Chemiker oder Chemieingenieure. Es sind auch Physiker oder Maschinenbauingenieure dabei.

Nachrichten: Aber Sie haben Wirtschaftschemie studiert. Warum?

Kirchner: In der Schule hat mir Chemie großen Spaß gemacht. Ich hatte aber das Gefühl, dass mir die reine Naturwissenschaft zu wenig sein könnte. In der elften Klasse gab es an der Universität Münster Schülertage, die wir besuchten. Dabei wurde auch der Studiengang Wirtschaftschemie vorgestellt, und der war genau das Richtige für mich.

Nachrichten: Inwiefern?

Kirchner: Mir gefiel die Kombination aus Naturwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre. Außerdem war der Studiengang modular aufgebaut, das Grundstudium war ein ganz normales Chemiestudium. Wirtschaftswissenschaften gab es erst im Hauptstudium. Ich hätte also nach dem Vordiplom ohne Zeitverlust ins Chemiestudium wechseln können. Meine Zukunft habe ich aber nicht im Labor gesehen und war daher froh, mich im Hauptstudium einem anderen Thema zuwenden zu können.

Nachrichten: Anders als die Chemiker starten viele Wirtschaftschemiker direkt nach Master oder Diplom ins Berufsleben. Sie haben sich für eine Promotion entschieden.

Kirchner: Ich hatte als Student ein Hilfskraftstelle am Institut für betriebswirtschaftliches Management im Fachbereich Chemie und Pharmazie. So konnte ich schon ein wenig in die Wissenschaft hineinschnuppern. Für meine Diplomarbeit hatte ich mich bei der BASF in Ludwigshafen mit dem Thema Ökoeffizienzanalyse befasst. Als Professor Jens Leker mir anbot, in Münster eine Doktorarbeit zum Thema Nachhaltigkeit zu schreiben, fiel mir die Entscheidung leicht.

Nachrichten: Das Thema interessierte Sie?

Kirchner: Ja, ich fand das Thema spannend, und es passt gut zu dem, was ich als Wirtschaftschemiker gelernt hatte. Während der Promotion konnte ich mich außerdem persönlich weiterentwickeln und Erfahrungen für das Berufsleben sammeln.

Nachrichten: Wie gestaltete sich Ihr Berufseinstieg?

Kirchner: Der war problemlos. Während meiner Promotion suchte Evonik den Austausch mit dem Institut beim Thema Nachhaltigkeit. Ich wurde daraufhin eingeladen, an den regelmäßigen Treffen teilzunehmen. Als ich so langsam mit der Doktorarbeit fertig wurde, hat Evonik mich angesprochen.


Über den Interviewten
Martin Kirchner hat an der Universität Münster Wirtschaftschemie studiert und über die Messung der Nachhaltigkeitsperformance von Unternehmen promoviert. Seit Mai 2012 arbeitet er im Life-Cycle-Management bei Evonik Industries in Marl.

Aus Nachrichten aus der Chemie» :: Februar 2014