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Kooperation oder Führungsanspruch? - Das Positionspapier "Helmholtz 2020"


Interview mit JÜRGEN MLYNEK

Die Führungsrolle, die die Helmholtz-Gemeinschaft in ihrem Papier für bestimmte Forschungsfelder reklamiert, ist bei den Universitäten auf zum Teil heftige Kritik gestoßen. Von einer "Helmholtzifizierung des deutschen Wissenschaftssystems" ist die Rede. Der Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft spricht indes von einer notwendigen "offenen Debatte ohne Tabus", von Missverständnissen - und rät von einem "Weiter so" bestehender Strukturen ab.

Kooperation oder Führungsanspruch?© real-enrico - photocase.comDie Helmholtz-Gemeinschaft möchte mit den Universitäten an einem Strang ziehen und so die Zukunft des Wissenschaftssystems sichern
Forschung & Lehre: In einem Interview forderten Sie eine offene Debatte ohne Tabus über die künftige Wissenschaftslandschaft in Deutschland. Welche Tabus haben Sie dabei konkret vor Augen?

Jürgen Mlynek: Das größte Tabu sehe ich in der Bereitschaft, überhaupt etwas verändern zu wollen. Wir haben vergangenes Jahr mit unserem Positionspapier "Helmholtz 2020" eine Debatte über die Zukunft des Wissenschaftssystems anstoßen wollen und sind dafür von manchen als egoistisch und machtstrebend gescholten worden. Natürlich ist es viel leichter, einfach "Weiter so!" zu rufen. So eckt man nicht an. Aber für richtig halte ich das nicht.

F&L: Das Positionspapier "Helmholtz 2020" ist bei den Universitäten auf deutliche Kritik gestoßen. Es gehe dort nicht um Kooperation auf Augenhöhe, sondern um die Formulierung eines Führungsanspruchs durch die Helmholtz-Gemeinschaft. Was sagen Sie dazu?

Jürgen Mlynek: Diese Reaktion ist Ausdruck dieses Tabus. In Wahrheit steckt in ihr ein großes Missverständnis. Natürlich wollen wir mit den Universitäten auf Augenhöhe zusammenarbeiten: in Forschungsprojekten, in strategischen Kooperationen oder auch bei der Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses. Wir tun das ja auch schon längst, fragen Sie mal an den Unis herum. Darum lautet der häufig unterschlagene Untertitel unseres Positionspapiers auch "Zukunftsgestaltung durch Partnerschaft". Nur: Wir wollen eben manches anders machen als bislang. Die Universitäten haben ihre spezifischen Forschungsschwerpunkte, wir haben unsere. Helmholtz steht für die Wahrnehmung nationaler Forschungsinteressen. Hier sehen wir uns künftig noch stärker in der Verantwortung, bei Themenfeldern, in denen wir uns kompetent fühlen, eine Koordinierungsrolle zu übernehmen. Dazu suchen wir uns Partner, die mit uns gemeinsam Projekte auflegen wollen. Umgekehrt sind wir auch gern Juniorpartner, wenn die Universitäten oder andere Forschungsorganisationen bei ihren Themen die Initiative ergreifen. Einen absoluten Machtanspruch, wie er uns gelegentlich vorgeworfen wird, kann ich darin nun wirklich nicht erkennen.

F&L: Kritik erhielt auch der Vorschlag der Helmholtz-Gemeinschaft, zukünftig Projektförderung zu betreiben. Ist die Trennung von Forschungs- und Förderorganisation nicht gerade ein Qualitätsmerkmal des deutschen Wissenschaftssystems?

Jürgen Mlynek: Hier geht es gleich weiter mit den Missverständnissen. Natürlich will Helmholtz keine Neben-DFG werden. Den Anspruch, Projekte in dem Umfang zu fördern, wie es die DFG tut, haben wir nicht, und das ist auch nicht unsere Aufgabe. Sehr wohl aber war und ist es Teil unserer von der Politik definierten Mission, Projekte und Kooperationen zu fördern, die innerhalb unserer Forschungsbereiche liegen. Es geht darum, Akzente bei der Bearbeitung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen zu setzen. Dafür steht Helmholtz. Im Übrigen glaube ich, die von Ihnen geäußerte Kritik an Helmholtz wäre in dem Augenblick obsolet, in dem das Kooperationsverbot im Grundgesetz fallen würde. Im Moment sind wir dem Generalvorwurf ausgesetzt, die Universitäten mit unserem Geld zur Zusammenarbeit drängen zu wollen. Könnte der Bund die Hochschulen direkt fördern, und zwar institutionell, wäre ihre finanzielle Situation weniger prekär, und wir könnten mit den Universitäten im Sinne unserer gesellschaftlichen Mission auf Augenhöhe kooperieren, ohne dafür etwas vorschnell kritisiert zu werden.

F&L: Wie geschlossen stehen die Mitglieder der Helmholtz-Gemeinschaft hinter dem Papier und dem dort formulierten Führungs- und Gestaltungsanspruch?

Jürgen Mlynek: Alle Mitglieder stehen hinter der Absicht von Helmholtz, sich konstruktiv und in seinen Kompetenzfeldern im Wissenschaftssystem einzubringen. Kein Mitglied ist für einen übergeordneten Führungs- und Gestaltungsanspruch.

F&L: Der Präsident der DFG bezeichnete die Universität unlängst "als Herzkammer der Wissenschaft". Ihre Leistungskraft sei funktional konstitutiv für die Leistungsfähigkeit des gesamten Wissenschaftssystems. Welche Rolle hat nach Ihrer Vorstellung die Universität im deutschen Wissenschaftssystem? Welche sollte sie in Zukunft haben?

Jürgen Mlynek: Ich stimme der Einschätzung Peter Strohschneiders bezüglich der Bedeutung der Universitäten hundertprozentig zu. Das Wissenschaftssystem kann nur leistungsfähig sein, wenn die Universitäten es auch sind. Die außeruniversitären Einrichtungen wären ohne dynamische Universitäten sinnentleert. Anders formuliert: Uns bei Helmholtz, Leibniz, Max-Planck oder Fraunhofer kann es auf Dauer nur gut gehen, wenn es den Universitäten gut geht. In einem Wissenschaftssystem, das in seiner Vielfalt auch international einzigartig ist, müssen und werden wir uns mit den Universitäten zusammentun und auf den zu uns passenden Feldern als gleichberechtigte Partner die Kooperation suchen.

F&L: Im Sommer 2013 will der Wissenschaftsrat ein Papier zu den Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems veröffentlichen. Was erwarten Sie vom Wissenschaftsrat?

Jürgen Mlynek: Ich bin guter Dinge, dass es eine ausgewogene und faire Bestandsaufnahme sein wird. Die Universitäten werden sicher als Herzstück des Wissenschaftssystems die gebührende Stärkung erfahren. Wer glaubt, dass eine solche Besserstellung zum Nachteil der außeruniversitären Forschungsorganisationen wäre, irrt gewaltig. Es gibt hier kein "Entweder-Oder", sondern nur ein "Sowohl-als-auch", und somit sind wir für jede Unterstützung der Universitäten.

F&L: In Ihrem Strategiepapier heißt es, das deutsche Wissenschaftssystem sei durch seine Vielfalt und Aufgabenteilung leistungsstark aufgestellt, daher sollten die Partner auch zukünftig im Rahmen des Paktes für Forschung und Innovation in engem Schulterschluss interagieren. Vor diesem Hintergrund sei die Helmholtz-Gemeinschaft der Überzeugung, dass ein "Weiter so" bestehender Strukturen und Konzepte nicht die Fortschritte ermöglichen werde, die zur Bearbeitung zukünftiger Herausforderungen nötig seien. Warum eigentlich nicht? Ist diese Aussage nicht widersprüchlich?

Jürgen Mlynek: Im Gegenteil! Wenn wir uns ein leistungsfähiges System erhalten wollen, müssen wir zwangsläufig immer auch an den Strukturen arbeiten und sie teilweise verändern. Es wäre schön und ganz im Sinne unserer Wissenschaftslandschaft, wenn wir mit unseren universitären und außeruniversitären Partnern bei dieser Weiterentwicklung an einem Strang ziehen könnten. Denn eines steht fest: Bei einem bloßen "Weiter so" stößt das deutsche Wissenschaftssystem bald an seine Grenzen.


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Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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