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Kooperationen auf Augenhöhe - Zur Zukunft des Wissenschaftssystems

von BERNHARD KEMPEN

Die Universitäten spielen für die Zukunft der Wissenschaft und das Gemeinwesen eine zentrale Rolle. Leider ist dies vielen nicht bewusst. Während die Banken ihre "systemische" Bedeutung allenthalben bewusst gemacht haben, ist dies den Universitäten nicht geglückt. Umso wichtiger ist, dies immer wieder einzufordern.

Kooperation auf Augenhöhe© Darkone - http://de.wikipedia.org Universitäten müssen sich ihrer Rolle in der Forschung bewusst werden, nur so können sie die Zukunft der Wissenschaft sichern
Wer ein ganz klein bisschen die Augen öffnet, dem wird nicht entgehen, dass einige Herausforderungen auf das deutsche Wissenschaftssystem zukommen.

Prekäre Finanzlage

Die fetten Jahre, die gar nicht wirklich fett waren, aber uns so vorkamen, weil sie gegenüber den vielen mageren Jahren zuvor einigermaßen im Futter standen, diese halbwegs auskömmlichen Jahre also, sie sind wohl vorbei. Die nicht enden wollende Eurokrise, die Schuldenbremse in Bund und Ländern und viele ehrgeizige staatliche Ausgabeprojekte - Energiewende, Betreuungsgeld, Schaffung von Kindergartenplätzen - sorgen dafür, dass die Wissenschaftsetats in nächster Zeit nicht zu steilen Höhenflügen ansetzen werden. Hinzu treten drei verschärfende Faktoren: fehlende Planungssicherheit, schwindendes Vertrauen und inadäquate Struktur. Wie es mit den großen Programmen, dem Pakt für Forschung und Innovation, dem Hochschulpakt, der Exzellenzinitiative und der Hochschulbauförderung weiter gehen soll, steht nicht fest.

Klar ist allein, dass nichts klar ist. Nach der Bundestagswahl wird eine neu gewählte Bundesregierung zu entscheiden haben, ob und wie weit sich der Bund nach dem Ende der Programme engagieren wird. Nun ist das für sich genommen noch nichts Ungewöhnliches. Nach jeder Bundestagswahl werden die Haushaltskarten neu gemischt. Und doch muss an die Unberechenbarkeit, die in den Legislaturzyklen liegen, erinnert werden. Ein Naturgesetz ist diese Unberechenbarkeit nämlich keineswegs. Den Hochschulen ist nur nicht gelungen, was dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk geglückt ist. Der ist - bei identischer verfassungsrechtlicher Ausgangslage - schon seit Jahrzehnten im Besitz einer staatlichen Finanzgewährleistungsgarantie, die alle öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten vor massiven Einschnitten bewahrt und ihnen ein Maximum an Planungssicherheit gibt.

Den Hochschulen ist es bedauerlicherweise aber auch nicht gelungen, ihre systemische Bedeutung ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Dies wiederum ist den Banken geglückt, die mit diesem Coup ungeahnte staatliche Finanzkräfte mobilisieren konnten und immer noch mobilisieren. Nicht Rundfunk, nicht Bank: Hochschulen werden nach Demoskopie und Kassenlage finanziert. Wie viel es gibt, hängt von der Durchschlagskraft politischer Chiffren ab: "Bildung", "Chancen", "Arbeitsmarkt", "Innovation", "Zukunft" sind einige der Vokabeln, deren reale oder vermeintliche Resonanz beim Wähler die politische Entscheidung über Wissenschaftsetats stärker beeinflusst als irgendein Sachargument. Wir sollten uns hier nichts vormachen: Die angebliche Bildungsrepublik Deutschland sieht in den Hochschulen einen Sektor, den tertiären Sektor, den es nur deswegen zu pflegen gilt, weil mangelhafte Pflege zu einem Schaden führen könnte, der an den Wahlurnen zu Tage tritt.

In der notorischen Indifferenz des politischen Gesamtsystems gegenüber dem Subsystem Wissenschaft steckt das Risiko, dass in finanziell angestrengten Zeiten zuerst und gerade hier gespart wird, will sagen: weniger investiert wird.

Schwindendes Vertrauen

Den zweiten problemverschärfenden Faktor des schwindenden Vertrauens hat sich die Wissenschaft zu einem guten Teil selbst zuzuschreiben. Die Plagiatsaffären der jüngeren Zeit werfen nicht gerade ein gutes Licht auf die Qualitätsicherungsmechanismen in den Universitäten. Konnte anfangs noch von einzelnen schwarzen Schafen gesprochen werden, die in der jährlich um rund 25.000 Stück wachsenden Herde der Promovierten nicht ins Gewicht fallen, können wir heute eine signifikante Zahl von nicht-weißen Schafen nicht mehr glaubhaft ausschließen.

Wie groß diese Zahl tatsächlich ist, erscheint dabei fast nebensächlich. Entscheidend ist, dass in der Öffentlichkeit der verheerende Eindruck von Professoren-Pflichtvergessenheit, Professoren-Fahrlässigkeit und Professoren-Nachlässigkeit entstanden ist, und dieser Eindruck setzt sich bei den haushaltspolitischen Entscheidungsträgern fort. An den Kabinettstischen und in den Haushaltsausschüssen der Parlamente jedenfalls wird die Bereitschaft, mehr Geld in das Wissenschaftssystem zu pumpen, angesichts der Plagiatsfälle der jüngeren Zeit nicht gestiegen sein.

Wir alle sind daher aufgerufen, verlorenes Vertrauen wieder zurück zu gewinnen und vorhandenes Vertrauen zu festigen. Das wird uns mit mehr Kontrolle und mit intensiverer Betreuung allein noch nicht gelingen. Wir werden uns bei aller Wahrung der Fakultätsautonomie über den Status der Doktoranden verständigen müssen. Wir werden uns der gemeinsamen wissenschaftlichen Standards des Zitierens und Paraphrasierens vergewissern müssen. Wir werden die Promotionsordnungen im Blick auf die verwaltungsmäßige Erteilung und den Entzug von Doktortiteln einer kritischen Revision unterziehen müssen. Wir werden entscheiden müssen, ob der Rechtsgedanke der Verjährung beim Titelentzug eine Rolle spielen soll.

Der Deutsche Hochschulverband arbeitet an diesen Fragen intensiv und nicht erst seit gestern. Unsere Vorschläge werden wir im nächsten Monat vorlegen und ich hoffe und bin zuversichtlich, dass sie viel Gefolgschaft finden werden.

Strukturelle Schieflage

Doch nun zu dem dritten Faktor, zur strukturellen Schieflage: Die Gesamtarchitektur des Wissenschaftssystems weist Mängel auf, deren Beseitigung ein pflichtbewusster Bauherr besser rasch in die Hand nimmt, ehe es zu spät ist. Ein erster Mangel liegt in dem unseligen Kooperationsverbot, das den Bund davon abhält bei der Finanzierung der Hochschulen seiner gesamtstaatlichen Verantwortung gerecht zu werden. Derzeit befinden wir uns in der grotesken Situation, dass der Bund mitunter nur über halblegale, also in Wahrheit illegale Umwege Finanzmittel in die Hochschulen fließen lässt und dabei darauf vertraut, dass da, wo kein Kläger auch kein Richter ist. Dieser strukturelle Mangel wird in der kommenden Legislaturperiode im Wege einer längst überfälligen Verfassungsänderung zu beheben sein.

Schwieriger zu beheben sein dürfte die mancherorts verschleierte Sicht auf das Essentielle der Universität. Sie wird in ihrer Funktion als wichtigster tragender Stützpfeiler des Wissenschaftssystems nicht überall mit der wünschenswerten Klarheit gesehen.

Die Hybris, mit der bisweilen angenommen wird, die Zukunft des Wissenschaftssystems liege in der Bewältigung von drängenden Gegenwartsproblemen durch - natürlich "exzellente"! - außeruniversitäre Einrichtungen, hat etwas stark Irritierendes. Wer bestimmt eigentlich, was die Gegenwartsprobleme sind und in welchem Maße sie drängen? Ist man sich bewusst, dass jedes Agenda-Setting in der Wissenschaft immer auch einen negativen Exklusionseffekt gegenüber der Erforschung all der Themen mit sich bringt, die im Augenblick nicht auf der Agenda stehen?

Die zentrale Rolle der Universität

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin nicht grundsätzlich gegen die Konzentration auf bestimmte Forschungsfelder, aber ich würde mir bisweilen schon etwas mehr Selbstreflexion wünschen. Und schließlich: sollte es wahr sein, dass allen Ernstes angenommen wird, die sogenannten drängenden Gegenwartsprobleme ließen sich außerhalb der Universitäten wissenschaftlich bewältigen? Die besondere Dimension der Gegenwartsprobleme, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden - Klimaerwärmung, Energieversorgung und demographische Entwicklung - liegt doch weniger in ihrer globalen Präsenz als in ihrer fächerübergreifenden Vielschichtigkeit. Der Umgang mit Fächervielfalt, Transdisziplinarität und Interdisziplinarität ist das Kerngeschäft der Universität, die Fähigkeit, in meta-disziplinären Kategorien zu forschen und zu lehren, gehört zu den Alleinstellungsmerkmalen der Universität.

Deswegen darf die Gesellschaft erwarten, dass die Erforschung der großen Themenfelder auch genau dort, in der Universität stattfindet. Allen Versuchen, außeruniversitären Forschungseinrichtungen ein exklusives oder auch nur bevorzugtes Abonnement auf bestimmte Wissenschaftsthemen zur Verfügung zu stellen, erteilen wir eine klare Absage. Wir sind für eine starke Intensivierung von Kooperationen, aber wir werden nicht zulassen, dass die Universitäten dabei auf die Rolle des Personalbeschaffers reduziert wird.

Bevor Sie meinen, es ginge hier um das Wahren von Besitzständen, um eifersüchtiges Statusdenken oder überflüssiges Professorengezänk, malen Sie sich bitte für einen Moment aus, wie ein Wissenschaftssystem aussähe, in dem die Universitäten als unterfinanzierte Anstalten mit beschränkter Forschung sich an der Bewältigung von Studentenbergen abmühen, während außeruniversitäre Forschungseinrichtungen als noble Clubs mit der Lizenz zur Spitzenforschung die Harvards, ETHs und Oxfords dieser Erde das Fürchten lehren. Das kann so nicht funktionieren. Wenn das die Zukunft wäre, könnten die außeruniversitären Forschungseinrichtungen alsbald personell nur noch aus einem Reservoir akademisch unterausgebildeter Universitätsabsolventen schöpfen, so dass sie am Ende nicht in der Championsleague, sondern in der Regionalliga der Wissenschaft mitspielen würden.

Nein, wir brauchen ein anderes Bild: Wir brauchen im Interesse der Studenten von heute und von morgen eine universitäre Lehre, die sich Tag für Tag aus einer relevanten, wettbewerbsfähigen und erfolgreichen Forschung speist, wir brauchen das Faszinosum "Forschung" in den Hörsälen der Erstsemester, wir brauchen mit einem Wort forschungsstarke Universitäten. Nicht erst seit der Exzellenzinitiative wissen wir, dass Partnerschaften mit hochintensiven außeruniversitären Forschungseinrichtungen dabei eine wichtige Rolle spielen. Kooperationen auf Augenhöhe auszubauen, das ist die Aufgabe der nächsten Zukunft. Die Zukunft des Wissenschaftssystems liegt nicht im Nebeneinander, schon gar nicht im Gegeneinander, sondern im Miteinander universitärer und außeruniversitärer Forschung.


Über den Autor
Bernhard Kempen lehrt Völkerrecht und ausländisches öffentliches Recht an der Universität zu Köln und ist Präsident des Deutschen Hochschulverbandes. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Völkerrecht, Europarecht, öffentlichen Recht und Wissenschaftsrecht.

Aus Forschung & Lehre :: Mai 2013

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