Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Koran und Vaterunser

Von Martin Spiewak

Deutsche Universitäten sollen künftig muslimische Geistliche ausbilden. Dazu braucht es Islamwissenschaftler wie Bülent Uçar, die auch in der hiesigen Kultur heimisch sind.

Koran und Vaterunser© Elena Scholz/Pressestelle Universität OsnabrückProf. Dr.phil. Bülent Uçar, 33, lehrt Islamische Religionspädagogik an der Universität Osnabrück und schult Pädagogen zu muslimischen Religionslehrern
Der Anruf erreichte den Professor beim Einkauf. Ein Anwalt von Schalke 04 war dran. Wegen der Hymne des Clubs. »Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht«, heißt es darin. Seit Jahrzehnten singen die Fans das Lied. Doch nun hatten strenggläubige Muslime die dritte Strophe entdeckt und bombardierten den Verein mit Hassmails. Ob der Professor vielleicht in einem Gutachten klären könnte, ob sich Allahs Anhänger zu Recht beleidigt fühlten?

Erst dachte Bülent Uçar an einen Scherz. Doch als er hörte, dass angesichts der Drohungen von Islamisten der Staatsschutz tätig geworden war und Islamkritiker wiederum die Affäre nutzten, um den Muslimen Intoleranz und Fanatismus vorzuwerfen, setzte sich der Korangelehrte hin und schrieb seine Fußball-Fatwa. Auf sechs Seiten legt Uçar mit wissenschaftlicher Akribie und nicht ganz heiligem Ernst dar, dass die umstrittene Liedzeile zwar »etwas salopp« formuliert, bei einem Sportereignis jedoch »durchaus zu vertreten « sei. Mohammed könne schließlich kein Fußballexperte gewesen sein, da es das Spiel zu seiner Zeit in der arabischen Wüste noch gar nicht gegeben habe. Und selbst der Prophet vermöge - bei allem Respekt - nicht in die Zukunft zu blicken. »Wenn Extremisten auf beiden Seiten die Debatte über den Islam zu beherrschen drohen, hilft eben nur Aufklärung«, sagt Uçar.

Aufklärung im besten europäischen Sinn - genau das erhoffte sich der Wissenschaftsrat, als er kürzlich vorschlug, Religionslehrer und Imame in Zukunft in Deutschland auszubilden und dafür an hiesigen Universitäten Lehrstühle für islamische Theologie zu gründen. Die Forderungen des höchsten deutschen Beratungsgremiums in Wissenschaftsfragen trafen auf breite Zustimmung. Die Bundesregierung stellte prompt Geld in Aussicht (siehe Interview auf der Seite gegenüber), und mehrere Hochschulen wollen sich für das Programm bewerben. Sehr gute Chancen, den Zuschlag zu bekommen, werden der Universität Osnabrück eingeräumt - und ihrem jungen Professor Bülent Uçar.

Seit drei Jahren schult der Islamexperte im Rahmen eines Modellversuches in Niedersachsen Pädagogen zu muslimischen Religionslehrern. Vom nächsten Wintersemester an bieten Uçar und seine Osnabrücker Kollegen darüber hinaus erstmals in Deutschland muslimischen Geistlichen eine Weiterbildung an der Universität an. Das langfristige Ziel jedoch ist ambitionierter: Es heißt Imam BA, die sechs- bis achtsemestrige Bachelorausbildung muslimischer Gläubiger zu Vorbetern und Gemeindevorstehern. In deutscher Sprache sollen sie Koranexegese und islamische Philosophie studieren, bundesrepublikanisches Recht und zeitgenössische Pädagogik. Zugleich werden die angehenden Gottesmänner lernen, ihre Religion nach außen glaubwürdig zu vertreten: gegenüber Lokalpolitikern, Journalisten oder Kirchenvertretern, die wissen wollen, was in ihrem Stadtteil in der Moschee gelehrt wird.

Dem Islam, sagt Uçar, fehle es »in dramatischer Weise an theologisch geschulten Führungspersönlichkeiten «. Der Deutschtürke könnte auch sagen: Es gibt zu wenige Leute wie ihn. Redegewandt und selbstbewusst, in Deutschland geboren und ausgebildet, im Glauben ebenso verwurzelt wie in der modernen Gesellschaft, gehört der 33-jährige Uçar zu einer neuen Ge ne ration von Muslimen. Noch sind sie weit davon entfernt, den Diskurs über ihren Glauben zu bestimmen. Noch dominieren in den Führungsetagen der islamischen Verbände Ingenieure, Naturwissenschaftler und Ärzte. Selbst in der Deutschen Islamkonferenz sitzt kein einziger studierter Theologe. Dafür streiten über die Religion des Korans viele Funktionäre sowie kritische Kulturmuslime, die lange keine Moschee mehr von innen gesehen haben.

Doch die neue muslimische Elite meldet ihre Ansprüche an. Und sie wird zunehmend gehört. Bülent Uçar kann es an seinem Terminkalender ablesen. Schulbuchverlage und Kultusministerien, Volkshochschulen, Medien und Universitäten: Sie alle suchen seine Expertise, wollen seine Meinung hören. »Ich muss aufpassen, dass ich nicht häufiger in der Bundesbahn sitze als in der Universität«, sagt Uçar.

An diesem Tag hat der Professor einen Termin im niedersächsischen Innenministerium, es geht um die Imamausbildung. Zuvor jedoch schaut er noch bei einer Moschee in Hannover vorbei, zum Beten und zur »Basisarbeit«, wie es Uçar nennt. Die Gemeinde ist in einem ehemaligen Schuhlager untergebracht, der Andachtsraum ist nüchtern, der Teppich abgewetzt. Einziger Schmuck sind die Gebetsnische und die verzierte Kanzel. Der Imam, ein bejahrter Mann mit schwarzem Anzug und weißem Bart, begrüßt Uçar mit Wangenküssen.

Viele Jahre habe er in einer Moschee in Zentralanatolien gepredigt, erzählt der Gottesmann. Erst nach seiner Pensionierung folgte er dem Ruf seiner Glaubensbrüder nach Hannover. Hier leitet er das fünfmalige Gebet, schließt Ehen und hält am Freitag die Predigt. Drei Monate versieht er seine Dienste, dann kehrt er zu seiner Familie in der Türkei zurück - und es kommt ein neuer Rentnerimam. »Viele der Jungen in der Gemeinde verstehen mich nicht mehr«, verrät der Hodscha seinen Besuchern auf Türkisch. Umgekehrt ist auch ihm die deutsche Lebenswelt fremd. Schließlich kommt er aus dem Gotteshaus kaum heraus. Seine Wohnung, der Hodscha zeigt nach oben, befindet sich über den Gebetsraum.


Der Imam sei typisch für seine Zunft, sagt Uçar später. Mehr als neunzig Prozent der Vorbeter führen ein Leben wie dieser, ohne Sprachkenntnisse, der türkischen Tradition verhaftet, abgekapselt in ihrer Moschee. »Mit ihrem Körper sind sie in Hannover, Stuttgart oder Berlin, mit ihrem Geist in ihrer alten Heimat«, weiß Uçar. Nur die Prediger der Ditib-Verbandes, die vom türkischen Staat geschickt werden, dürfen bis zu drei Jahre in der Bundesrepublik bleiben. Aber auch sie sprechen nur selten mehr als ein paar Brocken Deutsch und »hätten kein Interesse, sich zu integrieren«.

Dabei will Uçar die Arbeit der muslimischen Gemeinden nicht schlecht machen. Schließlich stammt er selbst aus einer. Wenn er von seiner Jugend in der Ditib-Moschee in Oberhausen-Sterkrade berichtet, gerät er ins nostalgische Schwärmen. Jeden Samstag radelte er zum Hodscha. Hier entdeckte er seine Liebe zum Koran, traf seine türkischen Freunde. »Wenn wir gut gelernt hatten, ging es auch mal ins Schwimmbad oder in den Zoo.« Und der kleine Bülent war fleißig, paukte Suren und Arabisch und durfte als einer der wenigen Jungen der Gemeinde vorbeten.

Dabei wäre es seinen Eltern lieber gewesen, er hätte mehr für die Schule gelernt. Bewusst hatte sein Vater, ein Bergarbeiter, seinen Erstgeborenen an einer katholischen Grundschule angemeldet. Weil die Schule religiös war und es nur wenige Türken gab. »So lernte ich nicht nur das Vaterunser, sondern auch anständig Deutsch«, erinnert sich Uçar. Als der Schulleiter den Jungen nach vier Jahren auf die Hauptschule schicken wollte, bestand der Vater auf dem Gymnasium. Am Ende einigte man sich auf die Realschule, von der Uçar später den Sprung auf die Oberschule schaffte. »Als einziger von zwei Schülern der Klasse. « Sein mündliches Prüfungsfach im Abitur hieß evangelische Religion. Bis heute sucht Uçar den Kontakt zu den christlichen Kirchen. Wenn er in Osnabrück unterrichtet, wohnt er entweder in einer Moschee oder im katholischen Priesterseminar.

Diskriminiert habe er sich niemals gefühlt, sagt Uçar rückblickend. Im Gegenteil, die deutsche Gesellschaft brauchte und förderte den strebsamen jungen Muslim. Nach seinem islamwissenschaftlichen Studium bot man ihm eine Stelle als Lehrer für Islamkunde an - obwohl er vorher niemals ein Pädagogikseminar belegt hatte. Nach drei Jahren Unterricht rief man ihn ins Kultusministerium nach Düsseldorf, wo er schon bald für den muslimischen Religionsunterricht im ganzen Bundesland zuständig war. Als in Osnabrück die erste Professur für Islamische Religionspädagogik in Niedersachsen geschaffen wurde, war er der einzige ernsthafte Bewerber. Neben Schule und Behördenjob hatte Uçar promoviert und seine Habilitation über die Moderne Koranexegese und die Wandelbarkeit der Scharia geschrieben.

Vom Arbeiterkind aus einer Einwandererfamilie zum deutschen Professor: Uçars Aufstieg liest sich wie ein Musterbeispiel gelungener Integration. Bei allem persönlichen Erfolg hat er jedoch seine Sensibilität für Zurücksetzungen seiner Religion nicht verloren. Dass es auch nach dreißig Jahren Diskussion bis heute keinen regulären islamischen Religions unter richt gibt, ist für Uçar »ein großes Versäum nis der Politik«. Ebenso, dass man erst jetzt über Lehrstühle für islamische Theologie nachzudenken beginnt. Und warum erregen sich die Deutschen, wenn Muslime Schulen errichten wollen, während katholische und evangelische Einrichtungen selbstverständlich sind? »Wenn wir im Umgang mit dem Islam mit doppelten Standards hantieren «, sagt Uçar und gebraucht bewusst die erste Person Plural, »dann verraten wir unsere demokratischen Ideale.«

Die Gleichberechtigung gilt auch für die Beteiligung der muslimischen Verbände an der Besetzung der neuen theologischen Lehrstühle, analog dem Recht der christlichen Kirchen. Für vieles kritisiert Uçar die islamischen Vereinigungen: für ihren mangelnden Integrationswillen, für ihre zu enge Verbindung zum türkischen Staat. Doch in einem Punkt springt er ihnen vehement zur Seite. »Ohne ein Mitspracherecht des organisierten Islams werden die Professuren eine Fehlinvestition.« Wer solle die angehenden Imame nach ihrer Ausbildung einstellen, wenn sie nicht das Vertrauen der Gemeinden genießen? Wen sollen die neuen islamischen Religionslehrer unterrichten, wenn die Eltern der Kinder die Pädagogen nicht ernst nehmen?

»Ohne Akzeptanz keine Autorität«, sagt Uçar und erzählt eine Geschichte. Als er in Bonn Schülern den Islam beibringen sollte, war die Klasse anfangs nur halb gefüllt. Ein Lehrer, der Deutschtürke ist und noch nicht einmal einen Bart trägt, kann nichts von unserer Religion verstehen, dachten viele der arabischstämmigen Eltern und ließen ihre Kinder zu Hause. Bis sich eines Tages eine Mutter in die letzte Bank setzte und dem Unterricht folgte. Wenig später füllte sich die Klasse. »Ich hatte den Test bestanden«, sagt Uçar, »und die Skepsis der Eltern überwunden.«

Vor eine noch größere Herausforderung stellt ihn seine neue Aufgabe, die Imamausbildung: Denn er soll Theologen ausbilden, ohne selbst einer zu sein. Da es bislang in Deutschland keine islamisch-theologische Fakultät gab, konnte Uçar nur die glaubensneutralen Islamwissenschaften studieren. Ehrgeizig, wie er ist, möchte er diesen Makel tilgen. Wenn die Arbeiten seiner Osnabrücker Studenten korrigiert sind, sitzt Uçar an seiner zweiten, einer theologischen Doktorarbeit. Am Ende wird er dann Prof. Dr. phil., Dr. theol. Bülent Uçar auf seine Visitenkarte schreiben. Mehr kann man nicht verlangen.

Aus DIE ZEIT :: 25.02.2010