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Kostbares Gut: Forschungsförderung durch die DFG

Von Hannelore Weber und Erich Schröger

Schon immer waren die Fördermittel der DFG begrenzt und begehrt. Doch die Diskrepanz zwischen den zur Verfügung stehenden Mitteln und der Anzahl der als förderungswürdig erachteten Anträgen wächst. Was sind die Gründe für den 'Run' auf die DFG-Mittel? Nach welchen Kriterien sollen künftig förderungswürdige Anträge ausgewählt werden?

Kostbares Gut: Forschungsförderung durch die DFG© Andreas Teske - iStockphoto.comEine Forschungsförderung durch die DFG ist bei Wisseschaftlern sehr begehrt
Seit Dezember 2011 sind die neuen Mitglieder der Fachkollegien der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gewählt. Rund 100.000 Wissenschaftler waren aufgerufen, diejenigen Kolleginnen und Kollegen zu wählen, die für die kommenden vier Jahre zentral an den Entscheidungen über die Bewilligung von Anträgen auf Forschungsförderung mitwirken werden.

Die Fachkollegien

Den Fachkollegien als einem Gremium der DFG kommt bei der Entscheidung über die Bewilligung oder Ablehnung eines Antrags auf Forschungsförderung eine Schlüsselrolle zu. Ihre Aufgabe ist es, in Kenntnis der Anträge die zu jedem Antrag vorliegenden Gutachten daraufhin zu überprüfen, ob die von der DFG beauftragten Gutachter wissenschaftlich einschlägig ausgewiesen sind und ihre gutachterlichen Stellungnahmen eine angemessene Entscheidungsgrundlage darstellen. Jeder Antrag wird zwei Mitgliedern des Fachkollegiums unabhängig voneinander zur Berichterstattung vorgelegt. Anträge, bei denen Gutachten oder Stellungnahmen der Mitglieder der Fachkollegien zu unterschiedlichen Bewertungen und Empfehlungen kommen, werden in den Kollegien diskutiert. Die Diskussion in der Gruppe sichert ein möglichst ausgewogenes, da vielstimmiges Urteil, ohne dass im Einzelfall Fehlentscheidungen auszuschließen sind. Die Fachkollegien besprechen zudem alle positiv bewerteten Anträge und arbeiten Vorschläge für den Umfang der Förderung aus. Befangenheitsregeln sorgen dafür, dass weder Gutachter noch Mitglieder des Fachkollegiums an Entscheidungen beteiligt sind, die Anträge aus dem eigenen Institut oder von miteinander kooperierenden Arbeitsgruppen betreffen.

Verstärkte Entscheidungskonflikte

Die Arbeit in den Fachkollegien ist gekennzeichnet durch das Ringen um faire Entscheidungen. Während viele Anträge auf hohen Konsens unter den Gutachten und im Fachkollegium stoßen (im positiven wie im negativen Fall), fällt die Entscheidung bei anderen Anträgen schwer. Ist dies stets der Sache geschuldet, also der Frage, ob ein Antrag im Hinblick auf die Förderkriterien wie Relevanz, Innovativität, zu erwartender Erkenntnisfortschritt und Klarheit der Fragestellungen förderwürdig ist oder nicht, verstärken sich in jüngerer Zeit die Entscheidungskonflikte aus einem ganz anderen Grund: Da die Mittel der DFG nicht in dem Maße wachsen wie die Anzahl der als förderwürdig erachteten Anträge, stehen die Fachkollegien vor dem Problem, bei ihren Förderempfehlungen diese Anträge in eine Rangfolge zu bringen. Aus der ehedem kategorialen Entscheidung - ein Antrag ist nach Abwägung aller Für und Wider förderwürdig oder nicht - wird eine abgestufte Entscheidung. Die Anträge werden nach einer Einzelentscheidung aufgrund der Gutachten und der Diskussion im Fachkollegium in eine Rangreihe gebracht. Und je nach Höhe der vorhandenen Mittel bricht die Empfehlung für eine Bewilligung an irgendeinem Punkt dieser Rangreihe ab. Damit ändert sich die Entscheidungskultur nachhaltig und wirft zugleich ein Licht auf diskussionsbedürftige Entwicklungen in der Forschungsförderung durch die DFG.

Der 'Run' auf DFG-Fördermittel und seine Folgen

Das Missverhältnis zwischen den zur Verfügung stehenden und den beantragten Mitteln spiegelt zweifellos die an sich erfreuliche Entwicklung wider, dass in Deutschland immer mehr innovative und förderungswürdige Forschung betrieben wird, was sich nicht zuletzt in der zunehmenden internationalen Sichtbarkeit der Forschungsergebnisse zeigt. Die naheliegende Konsequenz wäre eine Erhöhung der Fördermittel. Zugleich stellt sich aber die Frage, ob der stärker werdende Antragsdruck nicht auch durch Prozesse angetrieben wird, die nicht oder nicht allein aus dem Ziel heraus zu erklären sind, für ein gutes Projekt Förderung zu erhalten. Es ist, so scheint es, eine Dynamik entstanden, bei der es nicht allein um Erkenntnisgewinn und Fortschritt in der Wissenschaft geht, sondern die Forschungsförderung durch die DFG zu einem besonders kostbaren Gut geworden ist, mit dem auch andere Ziele erreicht werden sollen. Zu dieser Entwicklung tragen viele bei: Die Universitäten, die über DFG-Projekte einen Wettbewerb austragen, da die kompetitiv eingeworbenen DFG-Mittel in vielen Hochschulen als die Königsklasse der Forschungsförderung angesehen werden; die DFG selbst, die beispielsweise mit Forschungsrankings den Wettbewerb befeuert; die um ihre Existenz oder wissenschaftliche Karriere besorgten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Läuft die Forschungsförderung durch die DFG Gefahr, instrumentalisiert zu werden?

Das Spiel mit der neuen Münze DFG-Mittel wird auf vielen Ebenen ausgetragen: Zielvereinbarungen mit der Hochschulleitung im Hinblick auf Besoldung und Ressourcen zwingen Hochschullehrer und Hochschullehrerinnen zu DFG-Anträgen, unabhängig davon, ob ein durch Vorarbeiten ausgereiftes Forschungsvorhaben vorliegt. Zugleich treten sie in Konkurrenz zu ihrem eigenen wissenschaftlichen Nachwuchs, dem sie bei gemeinsamen Anträgen unter anderen Umständen gerne als Antragsteller den Vortritt ließen, würden sie sich damit nicht selbst schaden. Und der Nachwuchs steht unter Druck: Die DFG ermuntert zu Recht Nachwuchswissenschaftler, sehr bald nach der Promotion ihren ersten eigenen Antrag zu stellen, der eine frühe selbstständige Forschung ermöglicht. Doch aus der gut begründeten und wohlmeinenden Einladung wird für den wissenschaftlichen Nachwuchs schnell eine Pflicht, indem sich bei der Evaluation von Juniorprofessuren oder bei Berufungen die Erwartung an bewilligte DFG-Anträge (und deren Anzahl!) erhöht. Zugenommen hat auch die Anzahl der Einzel-Anträge mit mehreren Antragstellern, die im positiven Fall zumindest für ihre persönliche Leistungsbilanz von einer Bewilligung profitieren, ohne dass immer ersichtlich wird, warum die Bearbeitung eines Projektes gleich einer ganzen Gruppe bedarf.

Und da häufig nicht nur die Bewilligung eines Antrags als solche zählt, sondern auch die schiere Höhe der für Personal und Sachmittel bewilligten Fördersumme, ist der Anreiz groß, Anträge so zu schreiben oder besser: aufzublähen, dass sie größere Summen rechtfertigen. Ein gut begründetes wissenschaftliches Anliegen beispielsweise, das mit einer Mitarbeiterstelle erforscht werden kann, wird ohne zwingende inhaltliche Gründe um weitere Fragestellungen ausgedehnt, die zusätzliche Stellen rechtfertigen. Ohnehin lieben Hochschulen - und mit ihnen notgedrungen die Antragsteller - die großen, teuren Förderformate wie Forschergruppen, Schwerpunktprogramme oder Sonderforschungsbereiche mehr als die kleinen Förderformate, so herausragend der wissenschaftliche Gewinn auch ist, der mit ihnen erzielt werden kann.

Nach welchen Kriterien soll künftig entschieden werden?

Der 'Run' auf die DFG-Mittel wird absehbar zu einer deutlich geringeren Bewilligungsquote führen. Damit stellt sich die Frage, wie und nach welchen Kriterien unter den an sich förderwürdigen Anträgen ausgewählt werden soll, und in welcher Form der neuerlich verstärkte Entscheidungsdruck implementiert wird. Sollen Gutachten bereits nach einem abgestuften Punkte- oder Notensystem vorgehen, die ein späteres Ranking erlauben? Oder werden Anträge erst bei der Gesamtschau aller zur Diskussion stehenden Anträge in den Fachkollegien in eine Reihenfolge gebracht? Die Entscheidungen auf der Grundlage eines wie auch immer ermittelten Punktwertes offenbaren zugleich die ganze Schwäche dieses Entscheidungssystems: Anträge, die bewilligt werden, unterscheiden sich im Hinblick auf ihre Qualität und Förderwürdigkeit manchmal nur hauchdünn von denen, die nur minimal entfernt liegen, aber eben nicht mehr gefördert werden (können). Die Interpretation einer Bewilligung in diesem verschärften System wird aber einen gewaltigen Vorsprung der bewilligten Anträge sehen, denn je weniger Anträge gefördert werden, desto kostbarer wird die Bewilligung. Aus dem tatsächlich knappen Vorsprung wird ein glanzvoller und seltener Erfolg, dessen Wert innerhalb des Systems umso besser verkauft werden kann: The winner takes it all. Und je mehr die Bewilligung von DFG-Projekten als kostbares, da seltenes Gut im Wissenschaftssystem gehandelt wird, desto mehr läuft sie Gefahr, zu anderen Zwecken als den der Forschungsförderung instrumentalisiert zu werden.

Den Mitgliedern der Fachkollegien, die wie wenige andere im System der DFG-Förderung die Anträge überschauen, wird dieser Prozess besonders schmerzhaft bewusst. Denn sie kennen den Antrag, der es eben noch geschafft hat, und wissen, wie wenig er sich von dem unterscheidet, der es gerade nicht mehr geschafft hat. Einen Ausweg aus diesem Dilemma zu finden fällt schwer, denn letztlich definiert die DFG als ihre Kernaufgabe die wettbewerbliche Auswahl der besten Forschungsvorhaben von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern an Hochschulen und Forschungsinstituten. Manche der diskutierten Nachteile müssen also (aus guten Gründen) in Kauf genommen werden. Im Übrigen zeigt ein Blick in die Wissenschaftsförderung anderer europäischer Länder viele Vorteile der hiesigen Entscheidungsprozesse. Denn mit Ausnahme des finanziellen Rahmens werden die Entscheidungen ausschließlich nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten durch die im deutschen Wissenschaftssystem partizipierenden Wissenschaftler getroffen. Ist damit doch alles in Ordnung? Nein, denn die Kriterien für förderungswürdige Anträge müssen permanent ausgehandelt und an neue wissenschaftsimmanente und wissenschaftsexterne Herausforderungen angepasst werden. Zu den neuen wissenschaftsexternen Herausforderungen, die aktuell der Bewältigung bedürfen, gehören die absehbar sinkenden Bewilligungsquoten und die beschriebene Instrumentalisierung von DFG-Fördermitteln.


Über die Autoren
Prof. Dr. Hannelore Weber und Prof. Dr. Erich Schröger sind Sprecher und stellvertretende Sprecherin des Fachkollegiums Psychologie der DFG.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2012

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