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Kostengünstig und hochschulgerecht - die Akkreditierung des Qualitätsmanagements

Von Hans Weder

Die Kritik an der momentanen Akkreditierungspraxis in Deutschland wächst. Neben grundsätzlichen Erwägungen, inwieweit eine Kontrolle von außen überhaupt notwendig ist, geht es auch um Fragen der praktischen Durchführbarkeit. Gibt es Alternativen, und wenn ja, welche? Ein Blick aus dem Nachbarland, der Schweiz.

Kostengünstig und hochschulgerecht - die Akkreditierung des Qualitätsmanagements© hans12 - Fotolia.comFür die Universitäten ist seit jeher die Überwachung und Verbesserung der Qualität ihrer Lehre eine selbstverständliche Aufgabe.
Die wichtigste Innovation der letzten 50 Jahre auf dem Gebiet des Managements von Universitäten und Fachhochschulen ist der Prozess der Autonomisierung. Den Bildungsinsitutionen des tertiären Bereichs wurde eine je nach Region unterschiedlich weitgehende Autonomie in strategischer und finanzieller Hinsicht gegeben. Das auf Autonomie basierende Führungsmodell entspricht dem Prozess der Wissenschaft selbst am besten. Ein Blick in die weltweite Universitätslandschaft zeigt, dass eine Universität desto erfolgreicher ist, je größer ihre Autonomie ist. Das ist insbesondere darauf zurückzuführen, dass die Freiheit zur Selbstorganisation ein Management erlaubt, das weitgehend durch die Kriterien der Wissenschaft geleitet ist.

Aufsicht und strategische Führung

Die Öffentliche Hand ist - jedenfalls in Deutschland - die weitaus größte Geldgeberin für die Bildungsinstitutionen. Dass die Politik kontrollieren will, ob mit den Mitteln das Richtige richtig gemacht wird, ist in jeder Hinsicht verständlich und berechtigt. Allerdings beaufsichtigt sie die Universitäten nicht mehr selbst, sondern sie hat diese Aufsicht und die strategische Führung an den Universitätsrat delegiert. Das Ausmass dieser Delegation ist in Deutschland je nach Ländern unterschiedlich gestaltet: Die Palette reicht von Universitätsräten mit sehr weitgehenden finanziellen und strategischen Kompetenzen bis zu solchen, die eher als Beratungsinstanz der Universitätsleitung fungieren. Universitätsräte haben grundsätzlich die Pflicht, die operative Führung zu beaufsichtigen und die strategischen Ziele zu diskutieren oder gar zu definieren. Externe und interne Mitglieder werden nach dem Kriterium des Sachverstands in den Rat delegiert, so dass Aufsicht und Führung sachlich kompetent ausgeübt werden.

Sicherstellung minimaler Standards - die Akkreditierung

Die Politik ist sinnvollerweise daran interessiert, dass in den von ihr finanzierten Institutionen bestimmte Minimalstandards eingehalten werden. Da sie dies nicht selbst kontrollieren kann, schreibt sie den Hochschulen vor, sich von einer dazu ermächtigten Agentur akkreditieren zu lassen. Diese Agenturen sind in aller Regel private Firmen, so dass ihr Verhalten wesentlich durch die Kräfte des Marktes mitbestimmt wird. Freilich müssen auch diese Firmen durch den Akkreditierungsrat akkreditiert sein, damit bei ihnen ebenfalls die Einhaltung minimaler Standards sichergestellt ist. In Deutschland wird diese Akkreditierung zur Hauptsache als Programmakkreditierung ausgeführt (die neu geschaffene Möglichkeit der Systemakkreditierung ist meines Wissens bis jetzt nicht verwirklicht worden). Vereinfacht gesagt: Eine Agentur beurteilt mit Hilfe von drei bis fünf Peers, ob ein Studiengang oder ein Programm die erforderlichen Minimalstandards einhält.

Strikt zu unterscheiden vom Vorgang der Akkreditierung ist derjenige der Evaluation. Während die Akkreditierung lediglich die Einhaltung von minimalen Standards kontrolliert, geschieht die Evaluation von wissenschaftlichen Instituten, Verwaltungseinheiten der Hochschulen oder Fachbereichen mit dem Ziel, mit möglichst wenig Ressourcen eine grösstmögliche Steigerung der Qualität zu erreichen. Was mit Evaluationen bezweckt wird, ist eine Kernaufgabe jeder Hochschulleitung: Schon aus Gründen des weltweiten Wettbewerbs muss und will sie dafür sorgen, dass die Leistungen ihrer Institution (Lehre, Forschung, Dienstleistungen, Nachwuchsförderung und anderes) das bestmögliche Qualitätsniveau erreichen. Evaluation ist nicht Sache der Akkreditierungsagenturen, sondern Sache jeder Hochschule.

Wird der strikt zu denkende Unterschied zwischen Akkreditierung und Evaluation verkannt, kommt es zu falschen und schädlichen Signalen an die Hochschulen. In jüngster Zeit ist es mehrfach vorgekommen, dass ein Akkreditierungbericht eine Hochschule kritisierte, weil sie in einem Programm höhere Anforderungen als andere Hochschulen gestellt hat. Eine solche Kritik hat mit der Akkreditierung von Standards gar nichts zu tun; sie ist in hohem Masse schädlich, denn sie behindert die Entwicklung einer Hochschule in schwerwiegender Weise, etwa die Profilbildung: Eine gute Universität wird ihr Profil entscheidend dadurch bilden, dass sie höhere Ansprüche als andere stellt.

Hochschulgerechtes Qualitätsmanagement

Autonomie ist ein wichtiges Element der Führungsphilosophie moderner Hochschulen. Wenn die Autonomisierung ein richtiger Schritt war, muss sie auch konsequent durchgeführt werden. Dies gilt insbesondere für das Qualitätsmanagement einer Universität. Zunächst ist in Erinnerung zu rufen, dass die Universitäten seit Jahrhunderten - und bevor auch nur eine einzige Agentur das Licht der Welt erblickte - in der Lage sind, gute Studiengänge, Forschungsprogramme oder Dienstleistungen anzubieten. Überwachung und Verbesserung der Qualität ihrer Leistungen sind eine selbstverständliche Aufgabe, welche die Universitäten schon immer mit großem Engagement und Erfolg erfüllt haben.

Wer dies erkennt, wird Zweifel daran haben, ob die momentane Akkreditierungspraxis in Deutschland hochschulgerecht ist. Die Programmakkreditierungen wollen von außen kontrollieren, was jede Hochschule aus eigenen Gründen beaufsichtigt und gestaltet. Eine solche Kontrolle ist unnötig, ganz abgesehen davon, dass ihre konsequente Durchführung massive Probleme erzeugen wird. In Deutschland sind schätzungsweise 2 000 Programme zu akkreditieren (und alle fünf Jahre zu reakkreditieren). Bei den aus bisherigen Erfahrungen bekannten Kosten von 40 000 Euro pro Akkreditierung, macht das die ansehnliche Summe von 80 Millionen Euro aus, die durch die Universitäten zu bezahlen sind und die in der Wissenschaft oder im universitätseigenen Qualitätsmanagement sehr viel besser eingesetzt wären. Dazu kommen die Kosten für die Reakkreditierung und die (nicht eingerechneten) Arbeitsleistungen innerhalb der Hochschule. Ferner würden - bei einem durchschnittlichen Bedarf von vier Peers pro Akkreditierung - 8 000 Gutachterinnen und Gutachter gebraucht, deren Kräfte man für Berufungs-, Forschungs- und Habilitationsgutachten viel effektiver einsetzen könnte. Schließlich ist fraglich, ob die Gesetze des Marktes die richtigen Anreize geben für die Agenturen. Immerhin ist es nicht völlig auszuschließen, dass Akkreditierungen wohlwollender und weniger kritisch vorgenommen werden, weil man auf neue Aufträge angewiesen ist.

Daraus folgt freilich nicht, jede Akkreditierung sei abzulehnen. Im Gegenteil, es ist ein universitätsgerechter Modus zu finden, der administrativ schlank, zweckmäßig und kostengünstig sein muss. Die Politik will zu Recht wissen, ob eine Universität ein gut konzipiertes Qualitätsmanagement hat, ob die definierten Instrumente auch operativ sind und ob eine Universitätsleitung in der Lage und willens ist, Schlüsse aus den Qualitätsanalysen zu ziehen. All dies kann in einem schlanken Verfahren akkreditiert werden, in welchem (durch eine Agentur mit entsprechendem Know-How, die das Vertrauen der Politik genießt) das Qualitätsmanagement in regelmäßigem Abstand überprüft wird. Universitätsgerecht ist also eine Systemakkreditierung; diese darf jedoch nicht eine Unmenge von Programmakkreditierungen voraussetzen, sondern muss sich auf ganz wenige (nicht zum voraus angekündigte) Stichproben im Rahmen des regelmäßigen Verfahrens beschränken. Sie akkreditiert das Qualitätsmanagement, nicht die Qualität selbst. Das Ende der Programmakkreditierung also? Gewiss nicht. Denn für kleine Hochschulen mag es zweckmäßig und wünschbar sein, Programme akkreditieren zu lassen. Solche Akkreditierungen sollen nicht für alle obligatorisch sein, sondern nur auf Antrag der Hochschulleitung (und selbstverständlich auf ihre Kosten) durchgeführt werden. Würde die Akkreditierungspraxis im oben skizzierten Sinne geändert, wäre Gewähr dafür gegeben, dass kostengünstig und hochschulgerecht akkreditiert wird.


Über den Autor
Hans Weder ist Ordinarius für neutestamentliche Wissenschaft am Institut für Hermeneutik und Religionsphilosophie an der Universität Zürich. Er war von 2000 bis 2008 Rektor der Universität Zürich.


Aus Forschung und Lehre :: November 2009