Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Kreativlabor Musikhochschule - Ein Hochschultypus der dritten Art

von MARTIN ULLRICH

Die deutschen Musikhochschulen haben international einen hervorragenden Ruf. Ihr Qualitätsanspruch ist hoch, sie sind eng in unser Musikleben eingebunden. Immer wieder verlassen herausragende Musiker die deutschen Hochschulen. Die Betreuungsrelation ist im Unterschied zu den Universitäten sehr gut. Doch wie behaupten sie sich in dem sich immer schneller drehenden Drittmittelkarussell? Wie ist es um Qualifikationsstellen bestellt? Eine Bestandsaufnahme.

Kreativlabor Musikhochschule@ time. - photocase.comWer an einer Musikhochschule studieren möchte, muss mit dem Üben früh anfangen - doch die Arbeit lohnt sich
Für viele Studenten wissenschaftlicher Fächer fällt die Entscheidung über die genaue Studienwahl erst relativ kurz vor Beginn ihres Studiums. Wer Musik studieren will, befindet sich dagegen in einer grundlegend anderen biographischen Situation. Der Zugang zum Studium ergibt sich nicht aus Numerus-clausus-Berechnungen, sondern einzig und allein durch das Bestehen einer künstlerischen Eignungsprüfung. Angesichts des immens hohen Niveaus der Bewerber schon zu diesem Zeitpunkt, also noch vor Beginn des grundständigen Studiums, heißt das: Die allermeisten Musikstudierenden bereiten sich von ihrer Kindheit an durch kontinuierliches Üben, instrumentalen Einzelunterricht und musikalische Gruppenaktivitäten wie Ensemble- und Orchesterspiel auf ihr späteres Studium vor. Das betrifft grundsätzlich alle Arten von Musikstudiengängen, seien sie rein künstlerischer Art (wie z. B. für das Orchester, die Opernbühne oder den Jazzkeller), künstlerisch-pädagogisch (Instrumental- und Gesangsunterricht, elementare Musikpädagogik), auf das Lehramt Musik bezogen oder spezialisiert wie Kirchenmusik und Tonmeisterausbildung.

Internationaler Vergleich

Der Überblick über die internationale Hochschulszene zeigt zunächst: Es gibt durchaus unterschiedliche institutionelle Modelle, um eine tertiäre Musikausbildung zu gewährleisten. So ist die weit überwiegende Zahl der über 600 Schools of Music in den Vereinigten Staaten in große wissenschaftliche Universitäten eingegliedert. Allerdings gelingt es nur einer kleinen Handvoll dieser US-Schools, das Exzellenzniveau der europäischen Spitzeninstitute zu erreichen. Innerhalb Europas gibt es, vor allem im mediterranen Raum, viele Konservatorien, die ein nach deutschem Verständnis primäres und sekundäres Angebot - vergleichbar mit den hiesigen kommunalen Musikschulen - mit einigen Studienplätzen im tertiären Bereich kombinieren. Im deutschsprachigen Raum hat sich ein besonderes Modell entwickelt, das sich nicht nur begrifflich von den vorgenannten differenzieren lässt: die Musikhochschule. Dass diese interessante Differenzierung nicht nur einer nationalen Binnensicht entsprungen ist, zeigt der Name des europäischen Gesamtverbandes für professionelle Musikbildung: Association Européenne de Conservatoires, Academies de Musique et Musikhochschulen.

Professionelle Ausübung und pädagogische Vermittlung

Die deutschen Musikhochschulen bilden also im nationalen Hochschulraum, gemeinsam mit den Hochschulen für Bildende Künste, einen Hochschultypus dritter Art neben den Universitäten und den Hochschulen für angewandte Wissenschaften. Ihnen obliegt die Pflege und Entwicklung der Künste, sowohl in der professionellen Ausübung als auch in der pädagogischen Vermittlung. Gleichzeitig beheimaten sie auch die zugehörigen Kunstwissenschaften, also vor allem Musikwissenschaft und Musikpädagogik. An einem Teil der deutschen Musikhochschulen treten, je nach Profil des Hauses, noch weitere Fächer wie Theater-, Musiktheater-, Tanz- oder Medienwissenschaft hinzu. Fast alle der insgesamt 24 staatlichen Musikhochschulen in Deutschland haben das Promotionsrecht, einige auch das Habilitationsrecht.

Während die wissenschaftliche Forschung analog zu der an großen Universitäten aufgestellt ist - mit der unschätzbaren Besonderheit der unmittelbaren Nachbarschaft zur Musikpraxis - harrt der in den Hochschulgesetzen der Länder so selbstverständlich gebrauchte Begriff der "künstlerischen Entwicklungsprojekte" einer zeitgemäßen Neubestimmung. Selbstverständlich umfasst er im Sinne einer stets aktualisierenden Traditionspflege die künstlerisch-persönliche Auseinandersetzung mit einem immer von neuem zu erobernden Werkkorpus westlicher Kunstmusik. Doch schon die stilistische Vielfalt, die im 21. Jahrhundert die deutschen Musikhochschulen prägt, verlangt nach einer Erweiterung auf weniger schriftgebundene, stärker oral-improvisatorische Musikkulturen - außereuropäische Musik, "Alte Musik", Jazz und populäre Musikstile.

In jüngerer Zeit mehren sich zudem die Beispiele für das innovative Zusammenwachsen und die enge Vernetzung von wissenschaftlicher Forschung und exzellenter Musikausübung, bis hin zu experimentellen Ansätzen, die - beispielsweise in der zeitgenössischen Avantgardemusik - intersubjektiven Erkenntnisdrang und wissenschaftsanaloge Methodik auf musikalische Kreativität anwenden. Man kann solche neuartigen Synthesen eigens als artistic research ("künstlerische Forschung") apostrophieren oder sie unter dem eingeführten Begriff der künstlerischen Entwicklungsprojekte subsumieren; entscheidend ist die so entstehende Nähe zwischen Künsten und Wissenschaften, die eine neue Dimension von Interdisziplinarität ermöglicht. Die Frage, welche akademischen Graduierungen oder Zertifizierungen in Zukunft solchen künstlerisch-wissenschaftlichen Entwicklungsprojekten gemäß sein werden, stellt sich mit wachsender Dringlichkeit: Konzert- und Solistenexamina? Promotionen? Oder neue, noch zu definierende Zertifikate?

Studienreform als Chance

Es ist kein Zufall, dass die Diskussion über die Frage der akademischen Berufseinstiegsphase jetzt die deutschen Musikhochschulen beschäftigt. Die in einer Mischung aus dynamischer Aneignung und eigensinnigem Sonderweg durchgeführte Studienreform und damit die Gestaltung von Bachelor- und Masterstudiengängen sind an den Musikhochschulen weitgehend abgeschlossen. Aufgrund der Eigengesetzlichkeit von künstlerischer Persönlichkeitsbildung blieb das Prokrustesbett von zehn Semestern Regelstudienzeit insgesamt für Bachelor und Master den Musikhochschulen erspart. Dass die politisch Handelnden dem Drängen der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen nachgaben und die Kombination von achtsemestrigen künstlerischen Bachelorstudiengängen mit viersemestrigen künstlerischen Masterstudiengängen sanktionierten, zählt zu den eindeutigen Ruhmesblättern der Bologna-Reform. Nach den Erfahrungen der ersten Jahre sei dieses Modell anderen Hochschularten durchaus zur Nachahmung empfohlen!

Dabei haben die Musikhochschulen die Reform durchaus als Chance begriffen, auf einen sich dynamisch wandelnden Musik- und Musikerberufsmarkt zu reagieren, auf dem die Vollzeitfestanstellung immer seltener und das kreative Erfinden der eigenen Berufsbiographie immer wichtiger wird. Die Institution Musikhochschule muss dabei eine stets neu auszutarierende Balance herstellen: Kreative Freiräume und Entwicklungsspielräume für hochsensible junge Musiker zu bieten und sie dabei mit der nötigen Konkretion auf ein Berufsleben in der globalisierten Musikwelt, jenseits aller längst geschleiften Elfenbeintürme, vorbereiten. In diesem Sinne wirken Musikhochschulen in einer besonderen Weise in die sie umgebende und unterstützende Gesellschaft: als Kulturträger ersten Ranges. Musikhochschulen zählen stets zu den großen Konzertveranstaltern ihrer Heimatregion - und Qualitätssicherung bedeutet in diesem Zusammenhang nicht nur Akkreditierung und Evaluationsverfahren, sondern die Bewährung jedes einzelnen Studenten vor den kritischen Ohren und Augen einer interessierten Öffentlichkeit. Und das oft schon vom ersten Semester an! Eine große Rolle spielen für die zukünftigen Berufsmusiker auch Musikwettbewerbe. Ein besonders nachhaltiges Beispiel ist der seit diesem Jahr neu gestaltete Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb, der von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und den deutschen Musikhochschulen gemeinsam ausgelobt und jährlich an der Universität der Künste Berlin durchgeführt wird. Neben Geldpreisen winken hier unter anderem Anschlusskonzerte, Workshops, CD-Aufnahmen und Stipendien des Bundespräsidenten. Allein die Vorbereitung auf die Teilnahme an einem solchen Wettbewerb gehört zu den prägenden Studienerlebnissen.

Gute Betreuungsrelation

Unter diesen Bedingungen ist die Beziehung zwischen den Professoren und ihren Studierenden zwangsläufig eine besondere. Die Musikhochschulen erkaufen sich ihre guten Betreuungsrelationen dabei durch einen weitgehenden Verzicht auf quantitatives Wachstum.

Nicht die Maximierung der Studierendenzahl ist das Ziel, sondern die verantwortungsvolle Förderung aller Immatrikulierten. Es mag trotzdem überraschen, dass - über den Zeitraum der letzten zehn Jahre betrachtet - die Gesamtzahl aller Studierenden an den deutschen Musikhochschulen stets nur um rund 20.000 pro Jahr lag. Hier zeigt sich eine gewisse Crux der aufgrund der fachlichen Eigenheiten in der Regel auf Kooperationsbereitschaft und unerbittliche Selbstkritik hin sozialisierten Musiker: Im sich immer atemberaubender drehenden Drittmittelkarussell findet die Musik nicht ohne weiteres ihren Platz. Im hochschulpolitischen Gesamtszenario ist die nachhaltige und faire Finanzierung der verhältnismäßig kleinen und auf je ganz eigene Weise profilierten Musikhochschulen (genauso wie der Hochschulen für Bildende Künste) so gesehen eine der großen Herausforderungen der Zukunft. Eine besonders schmerzliche Lücke klafft dabei in der Stellenstruktur der Musikhochschulen: Das fast völlige Fehlen von Qualifikationsstellen! Wo die Universitäten zur Förderung und Qualifizierung des wissenschaftlichen Nachwuchses Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen, Assistenten und Juniorprofessorinnen haben, neuerdings mancherorts W2-Professuren als Einstieg zum W3-tenure track umdefinieren, haben die Musikhochschulen zur Förderung des künstlerischen Nachwuchses - nur Lehraufträge. Wenn die deutschen Musikhochschulen ihre weltweit führende Position behalten wollen, muss sich hier dringend etwas ändern.

Interkultureller Dialog

Dabei sind die Musikhochschulen in vielerlei anderer Hinsicht ein interessantes Modell: Das betrifft zum Beispiel ihre Verfahren der Studierendenauswahl, ihre institutionelle Flexibilität, aber auch ihre Bedeutung für den interkulturellen Dialog. Auf letzteren Punkt möchte ich noch etwas näher eingehen. Die deutschen Musikhochschulen sind in hohem Maße international. Das betrifft ihre Lehrinhalte, ihre Kooperationen, ihre Lehrenden und - in fast durchgehend höherem Maße als bei wissenschaftlichen Universitäten - ihre Studierenden. Gerade letzteres ist eine große Errungenschaft. Die Anteile von internationalen Studenten, die sich Universitäten und Fachhochschulen als Zielvorgabe wünschen, haben die Musikhochschulen bereits. Allerdings bereitet der Zustand der vorhochschulischen Musikbildung in Deutschland immer ernster zu nehmende Sorgen. So wunderbar es ist, mit den begabtesten jungen Musikerinnen und Musiker aus der ganzen Welt im Kreativlabor Musikhochschule zusammenarbeiten zu dürfen, so nachdenklich stimmt es, wenn ausgerechnet im Musikland Deutschland die musikalische Bildung von Kindern und Jugendlichen auf breiter Front vernachlässigt wird und es oft nur glücklichen Fügungen zu verdanken ist, wenn Talente erkannt und rechtzeitig gefördert werden. Das ist übrigens ein Problem, das natürlich die deutsche Gesellschaft als Ganzes, inklusive "Bildungsinländer" mit Migrationshintergrund, betrifft! Die Musikhochschulen sind sich ihrer Verantwortung für die musikalische Bildung sehr bewusst.

Spitze kann in der Kunst nur aus Breite wachsen, und die Musikhochschulen engagieren sich in vielfältigen Netzwerken und Kooperationen für musikalische Bildung und Musikvermittlung. Mit ihren pädagogischen Studiengängen, für die Lehrämter an allgemeinbildenden Schulen und für Musikschullehrer, sorgen sie für hochqualifizierten Nachwuchs in diesem Bereich. Aber nur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, als Zusammenwirken aller Akteure im Musikbereich kann es gelingen, das komplizierte Ökosystem Musikleben in seiner faszinierenden Artenvielfalt und Buntheit zu erhalten und sich weiterentwickeln zu lassen.

Über den Autor
Professor Dr. Martin Ullrich ist Präsident der Hochschule für Musik Nürnberg sowie Vorsitzender der Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen in der HRK.

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote