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Kreuzverhör am Morgen - Drittmitteleinwerbung


VON JONAS KRUMBEIN

Ohne Geld von außen können Unis kaum noch forschen. Doch wie kommt man an die Drittmittel? Professoren geben Einblick, wie sie es hinbekommen haben.

Kreuzverhör am frühen Morgen© inkje - photocase.deFür Hochschulen sind Drittmittel unentbehrlich, die Antragstellung entpuppt sich jedoch als Herausforderung
Ein Punkt ist nicht einfach nur ein Satzzeichen. »Der Punkt«, schwärmt Wolfgang Schäffner, »ist eine kleine Maschine, die das Rechnen, Schreiben und Zeichnen erst möglich macht.« Er ist Wissenschaftshistoriker an der Berliner Humboldt-Universität (HU) und hat die Geschichte des Zeichens erforscht. Doch veröffentlicht hat er seine Erkenntnisse bislang nicht - dafür fehlt ihm die Zeit.

In den vergangenen Jahren war der Hochschullehrer mehr damit beschäftigt, Geld für seine Forschung zu beschaffen, als zu forschen und zu publizieren. Drei Jahre lang hat Schäffner zusammen mit dem Kunsthistoriker Horst Bredekamp an einem Antrag für ein Exzellenzcluster gearbeitet: Die beiden wollten ein interdisziplinäres Projekt mit dem Namen »Bild, Wissen, Gestaltung« auf die Beine stellen, in dem 120 Architekten, Natur- und Geisteswissenschaftler gemeinsam die schöpferische Kraft der Bilder erforschen.

Bredekamp und Schäffner investierten enorme Energie in ihr Projekt. »In der Antragsphase flossen Tränen aus schierem Schlafmangel«, erinnert sich der 66-jährige Kunsthistoriker Bredekamp an durchgearbeitete Nächte. Aber würden sie das Geld auch bekommen? Dass sie jahrelang umsonst arbeiten könnten, war von Anfang an nicht unwahrscheinlich.

Denn nicht nur Schäffner und Bredekamp brauchen das Geld. Weil die Länder bei der Grundfinanzierung für ihre Hochschulen knausern, müssen Wissenschaftler immer öfter zusätzliche Mittel für Forschungsprojekte von anderen Geldgebern einwerben: von Unternehmen, Stiftungen, aber vor allem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Diese sogenannten Drittmittel, die so heißen, weil sie nicht zur Grundfinanzierung durch die Länder gehören, sind mittlerweile ein gewichtiger Posten im Haushalt der Unis. Sie machen im Schnitt ein Viertel des gesamten Budgets aus, bei großen technischen Unis sogar noch mehr. Das sind über 200 Prozent mehr als noch 1995. Im gleichen Zeitraum wuchs die Grundfinanzierung nur um 42 Prozent. »Ohne Drittmittel könnten wir unsere Aufgaben in Forschung und Lehre nicht mehr erfüllen«, sagt der Präsident der HU, Jan-Hendrik Olbertz.

Doch weil es allen Universitäten so geht, herrscht ein heftiger Wettbewerb um das zu verteilende Geld. Er zwingt die Unis zu Höchstleistungen in der Wissenschaft, befördert aber auch die Bürokratie: Es müssen viele Projekte ausgelotet, Fördertöpfe gefunden und Anträge geschrieben werden. Der Aufwand, den Professoren und Universitäten dafür betreiben, ist enorm. »Alle Hochschulen klammern sich an den Strohhalm Drittmittel. Die Maßstäbe werden strenger, der Aufwand steigt«, sagt Olbertz. Schon heute müsse die HU Drittmittelanträge aus ihren Grundmitteln finanzieren. Olbertz sorgt sich, »dass wir die Grundmittel künftig noch stärker angreifen müssen, um Drittmittelanträge mit Erfolgsaussicht vorzubereiten«. Den Wettbewerb will der Uni-Präsident trotzdem nicht missen: »Er sichert Qualität.«

Geber und Nehmer von Drittmitteln

Die Geber

Drittmittelgeber 2011 nach Summen in 1.000 Euro.


Deutsche Forschungsgemeinschaft 2.142.860
Bund 1.538.484
Wirtschaft 1.318.933
EU 525.765
Stiftungen 436.794
Länder 170.889

Die Nehmer

Einnahmen der drittmittelstärksten Universitäten Deutschlands 2011 in 1.000 Euro.


RWTH Aachen 230.851
TU München 213.438
TU Dresden 167.167
TU Berlin 158.911
KIT 156.715
Uni Stuttgart 145.617
Wer im Kampf um Fördergelder versagt, verliert Forschungsfreiräume, Nachwuchswissenschaftler und Prestige. Wie weit der Kampf um Drittmittel selbst renommierte Hochschulen treiben kann, zeigte jüngst die New Yorker Columbia University. Sie feuerte zwei Professoren. Der Grund: Die beiden hatten zu wenig Fördergelder eingeworben.

Deutsche Hochschulen reagieren zwar weniger rabiat, aber ähnlich entschlossen. In den Präsidien und Rektoraten werden Stabsstellen eingerichtet, eine Heerschar von Mitarbeitern soll Fördertöpfe finden und anzapfen sowie Professoren beim Formulieren von Anträgen unterstützen. Doch der Zuschlag am Ende ist auch damit noch lange nicht garantiert. »Drittmittelanträge sind Psychodramen, fast immer«, sagt Bredekamp.

Bei ihm und Schäffner beginnt das Drama um ihren Antrag für das Exzellenzcluster »Bild, Wissen, Gestaltung« schon mit dem Titel. Die DFG duldet bei der Exzellenzinitiative kein deutschsprachiges Wort im Titel des Antrags. Der soll in englischer Sprache abgefasst werden, wegen der internationalen Gutachter. Bredekamp besteht jedoch auf einem deutschen Titel. Es beginnt der Kampf des Forschers gegen die Bürokraten. In der HU gibt es dazu Streit. Bredekamp soll nachgeben. »Es ist doch nur ein Wort«, hört er. Ein anderer Mitarbeiter verflucht die DFG: »Das ist doch Idiotie!« Bredekamp pokert: »Dann ziehen wir den Antrag zurück.« Ist er ein Zocker? Bredekamp lacht. »Das liegt in der Familie. Mein Urgroßvater hat sich in Monte Carlo erschossen.« Die DFG jedenfalls gibt nach.

In den Tagen zuvor haben Nicole Münnich, die damals die Stabsstelle Exzellenzinitiative leitete, und ihre vier Mitarbeiter Tausende Antragsseiten redigiert, Floskeln gestrichen, geprüft, ob die Versprechen von Forschergruppen und Unispitze übereinstimmen. Sie haben Textbausteine und Formatvorlagen bereitgestellt, den Druck in Auftrag gegeben, die dicken Umschläge schließlich nach Bonn zur DFG geschickt. Der Antrag kommt in die engere Wahl, die DFG kündigt Gutachter an, die die Antragsteller ins Kreuzverhör nehmen sollen. Angekündigt sind sie für den 2. Dezember 2011, 8.15 Uhr. »Nicht meine beste Zeit«, weiß Schäffner, der deshalb das Frühaufstehen trainiert. Morgens um 7 Uhr steigt er im Fitnessstudio auf das Laufband.

Es ist noch dunkel, als 25 Gutachter aus Australien, den USA und anderen Ländern vor der Humboldt-Uni aus ihren Taxen steigen. Gleich geht es zur Sache: Ein amerikanischer Naturwissenschaftler glaubt nicht daran, dass Kunsthistoriker, Mediziner und Germanisten gemeinsam forschen können, er spricht von einer »großen Fata Morgana«.

Bredekamp befällt Jähzorn. Er will aufstehen, antworten, spürt eine Hand am Rücken, die ihn niederdrückt. Der Kollege Schäffner antwortet an Bredekamps Stelle. »Ich hätte überzogen«, sagt Bredekamp, der sich immer noch darüber aufregen kann: »Der Kollege aus Amerika konnte nicht glauben, was er hörte, weil er nie interdisziplinär geforscht hat.« Letztlich verläuft die Begutachtung positiv. In der Endausscheidung der Exzellenzinitiative von Bund und Ländern kann die HU mit ihrem Cluster überzeugen. Alle sind erleichtert.

Nun fließen fünf Jahre lang 28 Millionen Euro. Die HU liegt im Kampf um Drittmittel insgesamt weit vorn. In der zweiten Runde der Exzellenzinitiative schaffte sie den Sprung in den Kreis der Exzellenzuniversitäten, sie gewann Graduiertenschulen und das Exzellenzcluster.

Weniger dramatisch und dennoch sehr aufwendig, verläuft die Einwerbung von Drittmitteln im Tagesgeschäft, abseits der großen Forschungscluster. Besonders erfolgreich sind dabei die großen technischen Universitäten. Im Ranking der drittmittelstärksten Hochschulen liegen auf den ersten fünf Plätzen fünf technische Unis. Die RWTH Aachen steht an der Spitze. Dort warb 2011 jeder Professor im Schnitt 717.000 Euro Fördergeld ein, insgesamt knapp 231 Millionen Euro. Das entspricht mittlerweile 40 Prozent des gesamten Haushalts. Und weil das so ist, ist kein Drittmitteljäger in Deutschland so wichtig wie Gero Bornefeld.

Seit 2011 leitet der 41-jährige Ingenieurwissenschaftler die Abteilung Forschungsförderung der RWTH. Seine 20 Mitarbeiter sollen Wissenschaftler von Verwaltungsaufgaben entlasten und die Erfolgsaussichten der Drittmittelanträge steigern. Er prüft vor allem Anträge für Großprojekte wie DFG-Sonderforschungsbereiche. »Wir haben ein hohes Interesse am Erfolg von Drittmittelanträgen, weil einige unserer Stellen selbst drittmittelabhängig sind«, sagt Bornefeld. Schon gibt es Kritik, die Unis seien vom Drittmittelwahn befallen. Das System drohe aus dem Gleichgewicht zu geraten. Einerseits haben sich die Unis durch Drittmittel neue Spielräume für die Forschung geschaffen, zugleich machen sie sich immer stärker abhängig von den externen Fördergeldern, die nur befristet vergeben werden. Bei der DFG sorgt sich Generalsekretärin Dorothee Dzwonnek, ihre Organisation könne bald zum Grundfinanzier der Hochschulen werden.

Dabei soll die DFG vor allem exzellente Forscher fördern. Doch die Flut von Förderanträgen erschwert zunehmend die Auswahl der Besten: »Wir brauchen deutlich mehr Gutachter, und diese sind in manchen Fächern schon jetzt schwerer zu finden«, sagt sie. »Dadurch steigen die Bearbeitungszeiten, und das verzögert die Forschung.« Mehr als sechs Monate müssten Antragsteller inzwischen auf Antwort der DFG warten und damit einen ganzen Monat länger als noch 2009. Dabei müssen die Wissenschaftler wegen der steigenden Konkurrenz noch sorgfältiger an ihren Anträgen feilen und noch mehr Arbeitszeit in ihre Anträge stecken. Zeit, die dann zum Forschen fehlt. »Wir sollten kreative Kollegen wie Wolfgang Schäffner fürs Forschen bezahlen, nicht für das Einwerben von Drittmitteln«, sagt Jan-Hendrik Olbertz, Präsident der Humboldt-Uni.

Der Münchner Maschinenbau-Professor Klaus Drechsler, einer der erfolgreichsten Drittmittelempfänger Deutschlands, hat einen Weg gefunden, Forschungsgeld aus der Industrie einzusammeln, ohne ellenlange Anträge zu schreiben. Drechsler wirbt um Risikokapital wie ein IT-Unternehmer im Silicon Valley, und er hat dafür einen Verein gegründet wie ein deutscher Beamter. Wer aufgenommen werden will, muss eine Aufnahmegebühr zahlen: 3.000 bis 12.000 Euro je nach Unternehmensgröße, dazu jährliche Mitgliedsbeiträge in gleicher Höhe.

Das Werben um Unternehmensgelder kostet natürlich auch Zeit, und Drechsler schreibt auch nach wie vor klassische Drittmittelanträge. Erst neulich hat er 80 Millionen Euro eingeworben - für ein einziges Projekt: ein Spitzencluster an der TU, eine Großforschergruppe, gefördert je zur Hälfte vom Bundesforschungsministerium und der Industrie. Ingenieure von Audi und BMW band Drechsler schon in der Antragsphase ein. Ihr Ziel: Karbonfasern in die Massenproduktion bringen. Ohne die Industrie hat Drechsler keine Chance. Und Gelder fließen nur, wenn Drechsler belegen kann: »Das ist nicht nur die spinnerte Idee irgend eines Professors.«

Doch der Maschinenbauer hat einen Vorteil: Er forscht in der Gruppe, er kann Arbeit an Assistenten auslagern. Es ist eine Möglichkeit, die Geisteswissenschaftlern wie Wolfgang Schäffner meist fehlt. Der Berliner Wissenschaftshistoriker braucht Zeit für sein Buch. Die Geschichte des Punktes will er zu Ende erzählen. Schäffner könnte Zeit einwerben. Es gibt Drittmittel, damit Wissenschaftler ihre Arbeit fertig stellen können. Schäffner müsste nur einen Antrag stellen.

Aus DIE ZEIT :: 15.05.2014