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Krieg oder Frieden mit den Viren

VON KAI KUPFERSCHMIDT

Warum toleriert unser Körper Erreger? Das erforscht der Immunologe Ruslan Medzhitov, der jetzt mit einem neuen hoch dotierten Wissenschaftspreis ausgezeichnet worden ist.

Krieg oder Frieden mit den Viren© Vertigo Signs - Fotolia.comRuslan Medzhitov wird für seine Erkenntnisse in der Immunforschung mit einem Preis der Else Kröner-Fresenius-Stiftung ausgezeichnet
Ruslan Medzhitov mag einfache Fragen. Warum fühlen wir uns während einer Infektion so schlecht? Warum werden wir müde, verlieren den Appetit? »Oft wird behauptet, das sei eine Anpassung des Körpers, der Energie spart und sich auf den Kampf gegen die Infektion konzentriert«, sagt der Immunforscher. »Aber dafür gibt es keine Belege.« Wenn es um Energie ginge, müssten Menschen mehr essen statt weniger. »Die einfachsten Fragen sind die interessantesten«, sagt Medzhitov. Auf den scheinbar einfachen Fragen hat der Wissenschaftler eine beachtliche Karriere aufgebaut. Medzhitov forscht an der Elite-Uni Yale, er publiziert in den wichtigsten Fachzeitschriften. Als man ihn vor zwei Jahren bei der Verleihung des Medizinnobelpreises überging, kritisierten zahlreiche Kollegen die Entscheidung in einen offenen Brief.

Diese Woche aber wird Medzhitov ein neuer Preis der Else Kröner-Fresenius-Stiftung verliehen, dotiert mit vier Millionen Euro. Eine halbe Million ist Anerkennung für seine bisherige Leistung, der Rest soll helfen, neue Antworten zu finden (Tempus Corporate, eine Tochter des ZEIT-Verlags, hat für die Else Kröner-Fresenius-Stiftung die Publikationen zur Preisverleihung erstellt).

»Wir haben uns für den innovativsten Forscher entschieden«, sagt der Jury-Vorsitzende Stefan Kaufmann vom Berliner Max-Planck-Institut für Immunbiologie. Sein Bonner Kollege Veit Hornung lobt Medzhitovs besondere experimentelle Eleganz. Dabei hatte Medzhitov anfangs wenig Chancen zu experimentieren. 1966 in Taschkent in eine Familie von Mathematikern geboren, schrieb er seine Doktorarbeit in Biochemie Anfang der neunziger Jahre in Moskau, während um ihn herum die Sowjetunion zusammenbrach. »Es gab keine Ressourcen, experimentelles Arbeiten war fast unmöglich«, sagt er. Stattdessen las er Fachliteratur und dachte nach. In einer Veröffentlichung des Immunforschers Charles Janeway stolperte Medzhitov über die erste einfache Frage: Wie erkennt das Immunsystem einen Eindringling? Medzhitov war fasziniert, er wechselte in das Labor von Janeway. Dort entdeckte er einige Jahre später, dass ein Rezeptor auf Immunzellen des Menschen molekulare Muster auf der Oberfläche von Krankheitserregern erkennt. Das sei die Initialzündung für ein neues Forschungsfeld gewesen, sagt Veit Hornung. Inzwischen ist eine Reihe solcher Rezeptoren bekannt. Sie alarmieren das Immunsystem und beeinflussen, wie es auf den Erreger reagiert. »Medzhitov hat unser Verständnis des Immunsystems revolutioniert«, sagt der Münchner Immunologe Jürgen Roland.

Nun strebt Medzhitov eine zweite Revolution an. Denn Erreger zu erkennen und aufzuspüren sei nur ein Teil der Immunantwort, glaubt er. »Der Körper kann gleichzeitig versuchen, den Erreger zu tolerieren und den Schaden so gering wie möglich zu halten.« Er könnte etwa manche Organe schützen und die Selbstheilungskräfte bestimmter Gewebe gezielt erhöhen. »Aber wir wissen so gut wie gar nichts über Toleranzstrategien«, sagt Medzhitov.

In einer Studie, die er kürzlich in Science veröffentlichte, hat Medzhitov Mäuse untersucht, die mit einem Grippevirus und zusätzlich mit Legionella-Bakterien infiziert waren. Das Bakterium allein überleben die Tiere, die Kombination ist fast immer tödlich. Erstaunlicherweise liegt das nicht daran, dass die Bakterien sich im grippekranken Tier leichter vermehren und die Lunge überwuchern. »Die Zahl der Bakterien ändert sich kaum«, sagt Medzhitov. Doch die virusinfizierten Mäuse konnten die bakteriellen Schäden in der Lunge schlechter reparieren. Die Gene, die die Selbstheilungskräfte des Organs ankurbeln, waren durch den Virusbefall ausgeschaltet. »Das Problem ist, dass der Körper die Schäden schlechter verkraftet«, sagt Medzhitov. Damit sei belegt, dass der Toleranzmechanismus bei Infektionen eine Rolle spiele, sagt Hornung. »Die nächsten Jahre werden zeigen, wie wichtig er ist.« Möglich, dass die Toleranz auch erklärt, weshalb wir uns so schlecht fühlen während einer Infektion. Das könnten Mechanismen sein, die bestimmte Teile unseres Körpers schützen, sagt Medzhitov. »Ob wir uns wohlfühlen, kümmert die Evolution nicht. Nur, ob wir überleben.«

Aus DIE ZEIT :: 06.06.2013

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