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Krippen statt Quote

von Andrea Lüther

Ein wissenssoziologisches Missverständnis.

Krippen statt Quote© Piotr Marcinski - Fotolia.comLiegt die Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft nur an mangelnden Krippenplätzen?
Das CHE veröffentlichte unlängst eine Studie zur Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft. Befragt wurden Professorinnen und Professoren in den Naturwissenschaften nach ihrer persönlichen Sicht. Die Autorin dieses Beitrages kritisiert, dass die subjektiven Meinungsäußerungen der Befragten nicht als Diskurs über Gleichstellung, sondern als zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit dargestellt worden seien.

Mitten in die Debatte um Zielvereinbarungen und Quotenregelungen in der Wissenschaft brachten Medien im Frühjahr diesen Jahres eine Meldung, die aufhorchen ließ: "Krippenplätze wichtiger als Frauenquote", "Frauen sind auf Professuren vor allem deshalb unterrepräsentiert, weil sich Familie und wissenschaftliche Karriere schlecht miteinander vereinbaren lassen." Wie kommt es zu diesem Befund, der bisherigen Forschungsergebnissen zum Geschlechterverhältnis in der Wissenschaft widerspricht? Die Forschung sagte bisher, dass die Vereinbarkeitsproblematik als alleinige Ursache für die geringe Zahl an Wissenschaftlerinnen in Führungspositionen überschätzt werde. Belegt ist vielmehr eine Kumulation von strukturellen und individuellen Faktoren. Zu nennen sind hier beispielsweise die starke Personenorientierung und geringe Standardisierung von Qualifikationsphasen, verbunden mit homosozialer Kooptation, an einer männlichen Normalbiographie und Zeitressourcen ausgerichtete Verfügbarkeitserwartungen, geschlechterstereotype Leistungszuschreibungen, ungleiche Teilhabe an Ressourcen wie Vollzeitstellen und Personalstrukturen mit einer unsicheren wissenschaftlichen Laufbahn, die sich insbesondere für Frauen als ausschließend erweisen. Insgesamt zeigen die Studien, dass "es vor allem Faktoren innerhalb der Wissenschaft sind, die den geringen Frauenanteil an hohen Positionen bewirken" (Lind 2007, S. 75).

Die erwähnten Pressemeldungen beziehen sich auf eine CHE-Studie zur Unterrepräsentanz von Frauen in der Wissenschaft aus Sicht von Professorinnen und Professoren in den Naturwissenschaften (Hachmeister 2012), die im Rahmen der Befragung des CHE zum Hochschulranking erstellt wurde. Ermittelt werden sollte dabei unter anderem die "subjektive Sicht" der Befragten für die Gründe der Unterrepräsentanz, und welche Instrumente und Maßnahmen sie für wirkungsvoll halten. Das zentrale Anliegen war also, die Meinungen von Professorinnen und Professoren einer bestimmten Fachrichtung zur Unterrepräsentanz von Wissenschaftlerinnen zu erfahren.

Meinungsbefragung

Eine solche Meinungsbefragung einer großen Anzahl von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern ist ein wichtiger Forschungsansatz zur Vertiefung der Kenntnisse über Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft und über den Diskurs zur Gleichstellung in der Wissenschaft. Problematisch ist jedoch, dass in den Meldungen und zum Teil auch in den Presseverlautbarungen des CHE die subjektiven Meinungsäußerungen der Befragten nicht als Diskurs über Gleichstellung, sondern als zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit und die von ihnen favorisierten Maßnahmen und Instrumente als passende Handlungsempfehlungen für politische Entscheidungen dargestellt werden. Ich möchte im Folgenden deshalb aufzeigen, dass bei dieser Gleichsetzung von Meinungsumfrage und Ursachenanalyse unterschiedliche Wissensebenen vermischt wurden und die CHE-Untersuchung keine Erkenntnisse über die Ursachen der Unterrepräsentanz von Wissenschaftlerinnen, sondern vielmehr über das Geschlechterwissen und die Gender-Kompetenz der Befragten bietet.

Für seine Studie kann sich das CHE auf eine Stichprobe von 1.117 Professorinnen und Professoren stützen. Um die Meinung zu den Ursachen der Unterrepräsentanz zu ermitteln, befragte das CHE die Professorinnen und Professoren nach ihrer Einschätzung bezüglich des Einflusses von Faktoren, die von Studien als relevant für die Unterrepräsentanz erarbeitet wurden. Zudem konnten in einem offenen Antwortformat weitere Gründe genannt werden. Mit einem Mittelwert von vier auf einer fünfstufigen Skala erhielt der Grund "schlechte Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere" die höchste Zustimmung. Bei den weiteren Gründen zeigten sich zum einen erhebliche geschlechterspezifische Unterschiede, zum anderen Unterschiede danach, wie persönlich bedeutsam das Thema Gleichstellung für die befragten Personen ist. Diese Merkmale bestimmen vor allem, wie strukturelle und wissenschaftsimmanente Ursachen bewertet werden.

Zur Ermittlung, welche Maßnahmen und Instrumente für besonders wirkungsvoll gehalten werden, sollten diese aus einer Liste ausgewählt und in eine Rangfolge gebracht werden. Hierbei wird Kinderbetreuung von über 80 Prozent der Professorinnen und Professoren genannt. Die Nennung von weiteren Instrumenten ist wiederum abhängig vom Geschlecht und der persönlichen Bedeutsamkeit des Themas. Die Meinung der Professorinnen und Professoren ist - wie nicht anders zu erwarten - durch eigene Erfahrungen geprägt.

Während die Studie bei der Methodik und der Darstellung der Ergebnisse deutlich macht, dass es sich um eine Meinungsbefragung handelt, verlässt sie bei den Schlussfolgerungen diese Ebene der Meinungsbekundung: "Insofern legen die Befunde der Studie nahe, einen Schwerpunkt der Bemühungen um mehr Frauen in der Wissenschaft auf eine Verbesserung der Kinderbetreuung bzw. organisationale Verbesserungen der Möglichkeiten der Vereinbarkeit von Wissenschaft und Familie zu legen". Meine These ist, dass das Forschungsdesign der Studie nicht geeignet ist, um eine solche Schlussfolgerung zu belegen.

Expertenwissen?

In der Studie steht Deutungswissen im Vordergrund, da nach der Wahrnehmung von Frauenanteilen, der subjektiven Sicht für die Gründe der Unterrepräsentanz und der Einschätzung von wirkungsvollen Instrumenten und Maßnahmen gefragt wird. Es fehlt eine wissenssoziologische Verortung der Meinungsbefragung als Deutungswissen, das interpretiert und systematisiert werden muss, vielmehr erscheinen die Äußerungen der Befragten als unmittelbar nutzbares Fachwissen.

Zu hinterfragen ist auch, in welcher Weise und für welchen Bereich die befragten Professorinnen und Professoren Experten sind. Auch wenn sie über Expertenwissen bezüglich wissenschaftlicher Karrieren verfügen, steht damit noch nicht fest, dass sie auch Experten für Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft sind, eine Einschränkung, die auch in der Studie gemacht wird: "Wer zwar Erfolgsfaktoren für einen wissenschaftlichen Karriereverlauf kennt, aber seinen Blick (noch) nicht auf geschlechtsspezifische Unterschiede gerichtet hat, kann zu dieser Frage weniger sagen." Unabhängig davon, dass ich bezweifle, dass solches Expertenwissen über die Geschlechtszugehörigkeit vermittelt wird, findet die Einschränkung bei der Interpretation der Daten keinen Niederschlag.

Vielmehr handelt es sich bei dem Wissen der Befragten zu Geschlechterverhältnissen um Alltagswissen (Wetterer 2009), das sich auf das soziale Feld "Wissenschaft" und dessen Handlungsroutinen, Selbstverständlichkeiten und Verständigungen in Bezug auf Geschlecht bezieht. Das Forschungsdesign ist nun so angelegt, dass die Befragten die Erkenntnisse sozialwissenschaftlicher Studien, also wissenschaftliches Wissen, auf Grundlage ihres Alltagwissens - ihrer Erfahrungen, Werte, Selbstverständlichkeiten - beurteilen und damit validieren.

Dabei ist auch zu bedenken, dass die Erkenntnisse sozialwissenschaftlicher Studien nicht unmittelbar anschlussfähig an das Alltagswissen sind. Sozialwissenschaftliche Forschungen über Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft rekonstruieren und interpretieren soziale Verhältnisse und decken Strukturen sowie Inklusions- und Exklusionsmechanismen auf. Diese Strukturen sind nicht unmittelbar beobachtbar. Insbesondere indirekte und strukturelle Diskriminierungen werden von den Beteiligten nicht notwendigerweise wahrgenommen, sondern beruhen auf der Analyse und Interpretation von Daten und Informationen.

Relevanz der Studie

Relevant wird die Befragung vor allem dadurch, dass das Deutungswissen der Professorinnen und Professoren in Hochschulen wirkungsmächtig ist: Sie entscheiden über wissenschaftliche Karrieren; sie prägen die Wissenschafts- und Arbeitskultur in ihrem Umfeld und sie beeinflussen auch die Gleichstellungspolitik ihres Instituts, ihrer Fakultät oder ihrer Hochschule. Ob und welche gleichstellungspolitischen Konzepte und Maßnahmen durchgeführt werden, sind politische Entscheidungen, für die auch eine Verständigung über die Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft und über Ursachen der Unterrepräsentanz notwendig ist. Empfehlungen und Beschlüsse der Wissenschaftsorganisationen wie Wissenschaftsrat oder Hochschulrektorenkonferenz haben in dieser Hinsicht den Verständigungsprozess vorangetrieben. Aber gerade für die Umsetzung vor Ort, in den Hochschulen, sind die Deutungsmuster von Professorinnen und Professoren ausschlaggebend, zu denen die Studie wichtige Ergebnisse liefert. So zeigt sich eine hohe Kenntnis über die Frauenanteile im eigenen Fach. Insbesondere die offenen Antworten zu den Gründen für die Unterrepräsentanz sind eine Fundgrube, um das Wissen und den Diskurs über Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft zu rekonstruieren, eine Möglichkeit, die in der Studie leider zu wenig genutzt wird. Trotz einer erstaunlichen Differenziertheit des Diskurses überwiegt insgesamt eine Externalisierung der Gründe und damit des Veränderungsbedarfs.

Ohne eine Rahmung durch wissenssoziologische Kategorien bleibt unklar, ob die Meinungen als Deutungswissen oder als unmittelbar verwertbare Aussage über Geschlechterverhältnisse in der Wissenschaft gedeutet werden. Diese Unklarheit führt dazu, dass die CHE-Studie in den Medien als Beleg dafür präsentiert wurde, die Vereinbarkeitsproblematik sei die zentrale Ursache für die Unterrepräsentanz. Mit der Studie erhalten wir aber keine neuen Erkenntnisse über die Ursachen oder über wirkungsvolle Instrumente für eine bessere Beteiligung von Wissenschaftlerinnen, sondern wir wissen, was Professorinnen und Professoren über Geschlechterverhältnisse und gleichstellungspolitische Instrumente denken.


Über die Autorin
Dr. Andrea Löther ist stellvertretende Leiterin des Kompetenzzentrums Frauen in Wissenschaft und Forschung von GESIS - Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Köln.

Aus Forschung & Lehre :: September 2012

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