Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Krise? Geforscht wird trotzdem

Von Judith Jenner

Viele Wissenschaftler können sich eine Karriere in der freien Wirtschaft vorstellen. Für Ingenieure, Informatiker und Naturwissenschaftler stehen die Chancen für einen erfolgreichen Wechsel in die Wirtschaft trotz Krise gut. Dabei spielen wissenschaftlich erworbene Kompetenzen auch in der Industrie eine wichtige Rolle.

Krise? Geforscht wird trotzdemWerner Brendli, Berater für akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit in München
Ein besseres Gehalt, mehr Sicherheit, gute Entwicklungsmöglichkeiten - diese Argumente bewegen viele Wissenschaftler dazu, die Forschung an der Universität oder einem Forschungsinstitut nach der Promotion an den Nagel zu hängen und gegen einen Job in der freien Wirtschaft zu tauschen. "Insbesondere nach der Promotion gleich in ein Unternehmen zu wechseln, bietet mittelfristig doch breitere Perspektiven", sagt Werner Brendli, Berater für akademische Berufe bei der Agentur für Arbeit in München. Völlig verbaut sei der Weg zurück an die Universität dadurch nicht, vor allem nicht in technischen und wirtschaftlichen Fachrichtungen.

Bei Ingenieuren ist der Praxisbezug auch für eine Professur gefragt

Bertram Welker betreut im Nachwuchsbüro TU-DOC der Technischen Universität Berlin Promovierende. "In den Ingenieurwissenschaften sind ein starker Praxisbezug und Erfahrung in der Industrie erforderlich - gerade für eine spätere Professur", sagt Welker. Bei der Wahl des Promotionsthemas falle für manche Doktoranden bereits eine Vorentscheidung für ihren Berufsweg. "Wer an der Uni bleiben will, wird sich öfter der Grundlagenforschung verschreiben, wer eine Karriere in der Wirtschaft anstrebt, sucht sich eher ein anwendungsorientiertes Thema aus", sagt Welker. Viele Fähigkeiten, die wissenschaftliche Mitarbeiter an der Universität erwerben, sind auch in einem Unternehmen wichtig. Das Betreuen von wissenschaftlichen Projekten bringt beispielsweise wertvolle Erfahrungen für eine spätere Teamleitung in einem Wirtschaftsunternehmen.

Forschung und Entwicklung: Von Krise keine Spur

Die Wirtschaftskrise scheint die Jobs in der Forschung und Entwicklung weniger zu treffen als andere Bereiche. Gute Chancen auf einen Job in der Wirtschaft haben Informatiker, Ingenieure und Naturwissenschaftler. Dabei sind typische Einstiegspositionen für promovierte Neu-Einsteiger in der Wirtschaft die Team- oder Projektleitung.

Beim Energiedienstleister RWE wird Personal in der Forschung und Entwicklung sogar trotz Krise aufgestockt. "Wir suchen Naturwissenschaftler und Ingenieure, speziell aus den Fachbereichen Physik, Chemie, Biologie, Wirtschaftsingenieure und Maschinenbau", sagt Martin Pack von RWE. Zu den aktuellen Forschungsprojekten des Konzerns gehört zum Beispiel ein Algen-Projekt im Innovationszentrum Kohle. "Algen benötigen Kohlendioxid für ihr Wachstum. Es wird erforscht, ob diese Algen später als Energieträger verwendet werden können und so zu einer Minderung der CO2-Emissionen beitragen können", erklärt Pack.


Auch beim Chemiekonzern BASF hat die Wirtschaftslage keinen negativen Einfluss auf die Nachfrage nach Naturwissenschaftlern und Ingenieuren. "Sie werden immer gebraucht - gerade in schwierigen Zeiten. Daher haben wir keinen Einstellungsstopp, sondern stellen weiterhin qualifizierte Bewerber ein - natürlich auch in der Forschung", sagt BASF-Sprecher Christian Siemens. Wer nach einer Promotion oder einem Postdoc bei BASF einsteigt, beginnt direkt als Laborleiter in der Forschung. Dabei erleichtern Mentoren und maßgeschneiderte Weiterbildungsmöglichkeiten den Berufseinstieg. Das Einstiegsgehalt orientiert sich am Tarifvertrag für Akademiker in der Chemischen Industrie. Für 2009 lagen die tariflichen Mindestjahresbezüge für das zweite Jahr der Beschäftigung für Angestellte mit Promotion bei rund 63.000 Euro. "Darüber hinaus legen wir das individuelle Entgelt markt-, funktions- und leistungsorientiert fest", sagt Siemens.

Krise? Geforscht wird trotzdem Frank Stefan Becker, Bildungsexperte bei Siemens

Umwelttechnologien als Jobmotor

"Bei uns gibt es momentan 1.500 freie Stellen, überwiegend für Hochschulabsolventen in den Bereichen Elektrotechnik, Maschinenbau und Informatik", sagt Frank Stefan Becker, Bildungsexperte bei Siemens, "der Stellenabbau trifft bei Siemens hauptsächlich den Verwaltungsapparat, nicht so die Forschung und Entwicklung". Ein großer Teil der neuen Stellen wurde bei Siemens im Bereich der Umwelttechnologien geschaffen. Im Fokus liegt dabei die Vorfeldforschung, also die anwendungsorientierte Forschungsarbeit. Bereits ein Viertel der weltweit 410.000 Mitarbeiter ist mit der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von umweltfreundlichen Techniken für die Infrastruktur im Energie- und Verkehrssektor beschäftigt. Gefragt sind von Hochschulabsolventen neben fachlichen Qualifikationen auch kommunikative Fähigkeiten, wirtschaftliches Hintergrundwissen und erste Kenntnisse im Projektmanagement. Wer hier Nachholbedarf hat, sollte sich an der Uni umschauen: Schon während des Studiums bieten viele Career Center dazu Seminare an.

Jobeinstieg in der medizinischen Forschung

Zu besetzende Stellenausschreibungen gibt es momentan auch in der medizinischen und pharmazeutischen Forschung. Für Einstiegspositionen werden von den Bewerbern zwei bis vier Jahre Berufserfahrung erwartet - wobei die Promotion als Berufserfahrung zählt. Ausnahme sind Mediziner, die die Promotion meist parallel zum Studium absolvieren.

Mehr Forschungsfreiheit an der Universität

Trotz guter Verdienst- und Entwicklungsmöglichkeiten in der Wirtschaft entscheiden sich viele junge Wissenschaftler aber auch bewusst für die Hochschule. Dafür spricht die "Forschungsfreiheit und zum Teil auch die Freude an der Lehre", wie Bertram Welker von der TU Berlin betont. Sein Eindruck ist, dass die Strukturen etwas durchlässiger werden - nicht immer muss die Wahl zwischen Universität bzw. Forschungseinrichtung und Wirtschaft also eine Lebensentscheidung sein.

Quelle: academics

Ausgewählte Artikel