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Kritik am Bachelor: Kernziel verfehlt?

Von JAN-MARTIN WIARDA

Unredliche Kritik am Bachelor hilft keinem weiter.

Kritik am Bachelor: Kernziel verfehlt?© GFXpert - Photocase.comIst die Kritik am Bachelor gerechtfertigt?
Kritik am Bachelor: In den neuen Studiengängen seien studienbezogene Auslandsaufenthalte seltener geworden als im alten Diplom, beklagte kürzlich die Gewerkschaft der Professoren, der Deutsche Hochschulverband (DHV): Während 35 Prozent der Diplomstudenten ihrer deutschen Uni zeitweise den Rücken kehrten, täten das nur 16 Prozent der Bachelorstudenten. Die Studienreform, folgerte der DHV bedauernd, habe daher eines ihrer Kernziele, eben mehr internationale Mobilität, »klar verfehlt«.

Nun muss man wissen, dass der DHV seit Jahren gegen die für Professoren arbeitsintensiveren neuen Abschlüsse wettert. Hinzu kommt, dass die Urheber der noch unveröffentlichten Studie, aus der die Zahlen stammen, sich umgehend gegen die DHV-Interpretation verwahrten: Das Diplom sei nur noch in einem Restbestand an Studiengängen existent und umfasse vor allem Studenten höherer Semester, betonten die Forscher des Hochschul-Informations-Systems (HIS). Daher sei ein Vergleich mit dem Bachelor unsinnig.

Wie beliebig derlei Gegenüberstellungen tatsächlich sind, zeigt sich anhand eines weiteren Vergleichs mit Daten aus der Studie: Von allen Uni-Bachelorstudenten im dritten Studienjahr waren 22 Prozent im Ausland, unter ihren Diplomkollegen im selben Jahr waren es 12 Prozent. Heißt das, dass Bachelorstudenten am Ende doch fleißiger im Reisen sind? Nein! Es heißt nur, dass man auf die Forscher hören sollte, bevor man einseitige Schlussfolgerungen aus komplexem Forschungsmaterial zieht. Und siehe da: Masterstudenten, so das HIS, gehen in etwa genauso oft ins Ausland wie Diplomer.

Und nur die seien mit Letzteren vergleichbar. Sicher, die Kritik am Bachelor ist nicht unberechtigt: Es bleibt viel zu tun, bis Bologna ein voller Erfolg ist - von der zu hohen Stoffdichte und dem ungeklärten Masterübergang bis zur teilweise wirklich übertriebenen Belastung für die Lehrenden. Aber die Reform komplett infrage zu stellen, dazu noch mit Statistikspielchen, die nach hinten losgehen, hilft wenig. Und was den sich scheinbar so uneigennützig sorgenden DHV angeht: Als Gewerkschaft für die Interessen seiner Mitglieder einzutreten ist nichts Ehrenrühriges. Doch sollte man das offen und direkt tun.

Aus DIE ZEIT :: 01.09.2011

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