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Künstlich sportlich

VON HARRO ALBRECHT UND URS WILLMANN

Prothesen, Höhentraining, Hightech-Geräte - die Grenze zum Doping ist fließend geworden.

Künstlich sportlich© MichaelSvoboda -iStockphoto.comWo liegt die Grenze zwischen erlaubten und unerlaubten Hilfsmitteln?
Als der »schnellste Mann auf keinen Beinen« am vergangenen Sonntag endlich ausgeschieden war, atmeten viele auf. Oscar Pistorius, vierfacher Goldmedaillengewinner bei Paralympischen Spielen, war auf Beinprothesen auch im olympischen 400-Meter-Lauf bis ins Halbfinale gesprintet. Dort war für ihn Schluss. Wäre er aber bis ins Finale gestürmt und hätte er am Ende gar eine Medaille gewonnen: Die Sportwelt wäre nicht mehr zur Ruhe gekommen. Pistorius, so fanden Beobachter, verdanke seinen Kohlefaser-Schenkeln einen Wettbewerbsvorteil. Der Internationale Sportgerichtshof CAS hatte dies jedoch nicht so gesehen und dem »blade runner« die Teilnahme an den Spielen ermöglicht.

Pistorius ist nicht der erste beinamputierte Athlet bei Olympischen Spielen. Doch die australische Langstreckenschwimmerin Natalie Du Toit, die 2008 in Peking 16. wurde, ging ohne Prothese an den Start. Der Südafrikaner dagegen rannte in London auf seinen »Cheetah« (Gepard) genannten Ersatzteilen durch das Stadion. Damit trat erstmals ein Athlet an, der mit offiziellem Segen etwas nutzte, was grundsätzlich als verboten gilt: künstliche Hilfsmittel. Es sind die federnden Karbonstelzen, die ihm ermöglichen, seine Leistung zu entfalten. Pistorius ist der erste Hybridsportler, der um olympische Medaillen kämpfte.

Normalerweise steht künstliche Hilfe nur dann im Fokus, wenn über die Einnahme leistungssteigernder Substanzen oder das Tuning mit verbotenen Methoden diskutiert wird: Anabolika, Hormone, Blut- oder Gendoping. Erreichen Sportsleute dieselbe Wirkung (höhere Sauerstoffaufnahme des Blutes) nicht mit dem Blutbildungshormon Epo, sondern mit einem Höhentrainingslager oder in der Klimakammer, haben die Dopingfahnder nichts einzuwenden.

Die Prothesen von Pistorius machen ein Dilemma des Spitzensports offenkundig. Gibt es, wenn ein Athlet die Unzulänglichkeit seines Körpers kompensiert, einen grundsätzlichen Unterschied zwischen dem Einsatz künstlicher Präparate und dem Gebrauch von Gepard stelzen? Letztlich erzielen Ausdauersportler im erlaubten Höhentraining oder der Klimakammer dieselbe Wirkung wie mit dem geächteten Epo.

Die Geisteswissenschaften fühlen sich herausgefordert, diese Frage grundsätzlich anzugehen. Für die Frankfurter Sportphilosophin Claudia Pawlenka etwa ist die Grenze zwischen Doping und Nichtdoping, so wie sie heute gezogen ist, eine willkürliche. Sie basiert im Wesentlichen auf einer simplen Negativliste, die verbotene Substanzen aufzählt.

Mr. Karbonfuß

Auf diesen Präzedenzfall könnten sich künftig Athleten berufen: Nachdem der südafrikanische 400-Meter-Läufer Oscar Pistorius bereits bei der Weltmeisterschaft 2011 starten durfte, rannte er in London auf Prothesen erstmals um olympische Ehren. Fachleute streiten darüber, ob es sich bei dem federnden, »Cheetah« (Gepard) genannten Unterschenkelersatz um ein wettbewerbsverzerrendes Hilfsmittel handelt - ähnlich wie Doping. Denn was wäre, wenn ein Hybridwesen dank künstlicher Ersatzteile plötzlich schneller rennen würde als Usain Bolt?
Grundsätzlicher ließe sich das Problem diskutieren, wenn man als Maßstäbe die Natürlichkeit und die Natur des Menschen nähme. Diese zu definieren fällt jedoch ungemein schwer. Im genetischen Sinn ist »natürlich«, was einen natürlichen Ursprung hat. »Natürlich« im qualitativen Sinn ist für die Philosophen jedoch, was sich von dem in der Natur Vorgefunden nicht unterscheidet. Wie ließe sich da der finnische Skilangläufer Eero Mäntyranta einordnen? Der Goldmedaillengewinner der 1960er Jahre ist wegen eines Gendefekts quasi mit »Natur-Epo« ausgestattet. Damit weist er sowohl genetische Natürlichkeit auf, als auch qualitative Unnatürlichkeit.

Was also wäre, fragt Pawlenka, ein leistungsoptimierter Athletenkörper? Ist er »nicht auch bereits ein Kunstprodukt«? Spätestens wenn Teile davon »künstlich zum Wachsen veranlasst« werden, sei die Grenze zum Doping überschritten.

Kritik an Trainingsmethoden kam im Fall der Schnellsten im 10 000-Meter-Lauf auf: Der Engländer Mo Farah und der Amerikaner Galen Rupp siegten in London, nachdem sie ihre Leistung im umstrittenen Oregon- Projekt optimiert hatten - mit Unterwasser- und Anti- Schwerkraft-Laufbändern, Höhenkammern, Diagnostik per Computer. Nur selten hatten sie an der frischen Luft trainiert; ihre Körper wurden in einer durch und durch künstlichen Umgebung getunt.

Solche Trainingstechniken, meint die Philosophin Pawlenka, optimierten den menschlichen Körper noch »innerhalb des vorgefundenen Naturrahmens« und daher »diesseits natürlicher Barrieren und Grenzen«. Dopingtechniken dagegen zielten darauf ab, »die jeweils vorgefundenen, genetisch bedingten Dispositionen zu sprengen«. Auch dass natürliche Künstlichkeit, wie im Falle des finnischen Langläufers, auftrete, stelle höchstens für die Dopinganalytik ein Problem dar. Anders beurteilt sie jedoch den Einsatz des genetic enhancement - und auch Prothesen. Bei Pistorius stelle sich nämlich die Frage, woran man sich orientiere, wenn man mithilfe der Prothesen eine »Rekonstruktion der natürlichen Ausgangsbedingungen« anstrebe: »Welche Natur ist der Maßstab, nach dem sich die Aussage über einen unfairen Vorbeziehungsweise Nachteil bemisst?« So ist etwa die Ausprägung des Fersenbeins im Sprint ein wichtiger Faktor. »Was aber sind die simulierten natürlichen Anlagen von Oscar Pistorius?«

Die Schwierigkeit des Vergleichens ist auch für den Präsidenten des Deutschen Leichtathletik- Verbandes ein Hindernis, Künstlichkeit zuzulassen. Leistung, verriet Clemens Prokop der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ergebe sich »als Summe von Talent und Training«. Nur dann seien »Leistungen objektiv vergleichbar«. Unter diesen Voraussetzungen hält Prokop die Benutzung von künstlichen Hilfsmitteln wie Pistorius' Karbonprothesen für »ausgeschlossen«.

Mögen die Geräte für Friedhelm Julius Beucher, den Präsidenten des Deutschen Behindertensportverbandes, schlicht »ein Ersatz der Beine« sein. Für viele sind sie nichts anderes als mechanisches Doping. Die Idee, körperliche Defizite vor Wettkämpfen künstlich auszugleichen, geht für Claudia Pawlenka am eigentlichen Sinn des Sports vorbei. Der liege eben auch im Messen körperlicher Fähigkeiten. »Natürliche Abnormalitäten und Wettbewerbsvorteile, das heißt, Naturtalente, sind im Sport willkommen. Der Sport feiert die genetische Lotterie.«

Künstlich erzeugten Leistungen, ist die Philosophin überzeugt, fehle die natürliche Obergrenze der menschlichen Natur als Relationspunkt. Ein Hochspringer, der einen Katapultschuh benutze, müsste sich die Frage gefallen lassen, warum er sich noch die Mühe mache, die Latte zu überqueren.

So gesehen, sind die Karbonfüße von Oscar Pistorius Traumzerstörer. »Wenn der Zuschauer zweifelt und nicht mehr weiß, ob da jemand mit einer Rakete im Hintern läuft und der andere mit der Feder im Schuh«, sagt Helmut Digel, Council-Mitglied im Leichtathletik-Weltverband, »ist das für ihn kein Wettkampf mehr.« Erst Waffengleichheit garantiert Fair Play. Die Idee des Fair Play sei entstanden, als die Engländer anfingen, auf die Läufer zu wetten, erklärt Digel: »Man musste sich darauf verlassen können, dass die Athleten nichts einbringen als ihr Talent.«

Inzwischen sichern dicke Manuale für jede Sportdisziplin die Fairness. »Es geht darum, dass jeder die gleiche Chance hat«, sagt Digel, »aber jetzt kommt mit Pistorius einer in den Wettkampf, der mit einem technischen Hilfsmittel läuft.« Vergleichbare Federn unter den Füßen bleiben Nichtbehinderten versagt. Doch Gutachter hatten geurteilt, dass Pistorius keinen Vorteil durch seine Unterschenkelprothesen habe.

Aber bald könnten behinderte Läufer dank besserer Federtechnik die 400 Meter in 42 Sekunden schaffen, während die Konkurrenz weiter 44 Sekunden benötigt. »Ein unfairer Wettkampf, würde es sofort heißen«, sagt Digel. Die Fortsetzung der Debatte um technische Hilfsmittel blieb den Funktionären vorerst erspart. Pistorius schied aus. Vielleicht flammt sie aber noch wieder auf - wenn er am Freitag mit der Staffel eine Medaille holt. Digel hofft auf einen Sieg. »Spätestens dann müssen die Herren über neue Regeln nachdenken.«

Die »Cheetah«-Prothesen werden nicht die letzte Herausforderung des fairen Wettbewerbs sein. Waren Wissenschaft und Technik einst unverdächtige Helfer der Athleten, treiben sie den Sport heute vor sich her. Das bessere Boot, das leichtere Rad sichern ohne Doping Vorteile. Im Grunde müsse bei den Londoner Spielen jeder mit dem gleichen Gerät antreten. Doch, sagt Digel: »Letztendlich siegen hier in vielen Disziplinen die Ingenieure. « Dieser Makel ist für die deutsche Ruder- Ikone Peter-Michael Kolbe keiner. Die Faszination des Sports liege eben auch im Tüfteln und in der Entscheidung für bestimmte Materialien: »Wenn sich alle aufs gleiche Rad setzen, geht etwas verloren. « Der fünffache Weltmeister sieht aber auch Grenzen technischer Tüfteleien. Künstlichkeit am Körper wie im Fall Pistorius geht für ihn zu weit.

Mit der Ächtung des enhancement geht die Sportwelt einen einsamen Weg. Außerhalb ihrer Zone verschönert sich der Mensch mit Implantaten, er dopt, kuriert sich genetisch, optimiert seine Organe, seine Intelligenz. Da ist nicht immer plausibel, warum sich allein Sportler sklavisch an die reine Lehre der Fairness halten sollen. Von ihnen werde dabei erwartet, sagt Helmut Digel, »was außerhalb des Sports von niemandem verlangt wird«. Die Frage sei, wie lange dieser Sonderstatus aufrechterhalten werden könne.

Was wäre, wenn Dopingreglementiert zugelassen würde wie Unterdruckkammer und Karbonfedern? »Es wäre das Ende der Olympischen Spiele, wenn sie zu einem Wettkampf der Pharmakologen würden«, sagt Helmut Digel. Dann träten Monster gegen Monster an.

Aus DIE ZEIT :: 09.08.2012

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