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Künstliche Inszenierung

Von Mathias Binswanger

"Wettbewerb" war in den letzten Jahren bis hin zur Exzellenzinitiative mit ihrem kompetitiven Charakter das Mantra in Hochschul- und Wissenschaftspolitik. War und ist das für die Wissenschaft angemessen? Oder geht es dabei eher um ein großes Spektakel? Eine Kritik.

Künstliche Inszenierung - über Wettbewerbe in Forschung und Lehre© sör alex - Photocase.com
In vielen Bereichen der Wirtschaft gibt es keine oder nur unvollständig funktionierende Märkte. Deshalb ist man im Zuge einer zunehmenden Wettbewerbsgläubigkeit über die letzten Jahrzehnte auf die fatale Idee gekommen, künstliche Wettbewerbe zu inszenieren, um so die angeblich überlegene Effizienz der Marktwirtschaft bis in den hintersten Winkel jeder öffentlichen und privaten Institution voranzutreiben. Mit missionarischem Eifer werden überall Leistungsanreize gesetzt, doch was dabei als Leistung herauskommt, ist in Wirklichkeit ein gigantischer Unsinn.

Ein Markt lässt sich nicht künstlich inszenieren. Künstlich inszenieren lassen sich nur Wettbewerbe, aber diese sorgen im Gegensatz zu einem funktionierenden Marktwettbewerb nicht dafür, dass die Produktion optimal auf die Bedürfnisse der Nachfrager angepasst ist. Nur wo Wettbewerb und Markt zusammenfallen und Marktwettbewerb herrscht, kann die von Adam Smith erstmals beschriebene "unsichtbare Hand" unter bestimmten Bedingungen über das Preissystem wirken und für Effizienz sorgen. Bei Wettbewerben ohne Markt ist das hingegen nicht der Fall. Statt an den Bedürfnissen der Nachfrager orientieren sich die Produzenten eines Produktes oder einer Leistung an irgendwelchen Kennzahlen oder Indikatoren, die für den Erfolg im Wettbewerb maßgebend sind. Die Ausrichtung an diesen Kennzahlen führt jedoch nicht zu Effizienz, sondern sorgt für perverse Anreize, die dann folgerichtig auch perverse Resultate ergeben. Da werden von Wissenschaftlern mit Fleiß und Akribie jedes Jahr in Tausenden von Fachzeitschriften über Hunderttausende von Seiten Fragen beantwortet, deren Antwort niemand wissen will. Immer mehr junge Menschen werden als Studenten in Hochschulen über lange Jahre ausgebildet, um irgendwelche Bachelors und Masters zu erwerben, die nichts zu ihrem Können in ihrem zukünftigen Berufsleben beitragen. Und es werden immer mehr medizinische Untersuchungen und Tests für die Prävention von Krankheiten durchgeführt, die nie eintreten.

Je mehr, desto besser?

Diese Entwicklungen sind aber, so wird uns gesagt, zentral für unseren Wohlstand und unser persönliches Wohlbefinden. Je mehr Fachartikel publiziert werden, je mehr Menschen studieren, je mehr medizinische Untersuchungen wir haben, desto besser gehe es uns. Nur leider ist das nicht der Fall. Die Produktion von Unsinn schafft zwar Arbeitsplätze, doch verhindert sie gleichzeitig die Produktion der qualitativ wertvollen Erzeugnisse, die tatsächlich benötigt werden. Sinn wird durch Unsinn verdrängt, Qualität durch Quantität und die Freude an einer Tätigkeit durch Zuckerbrot und Peitsche. Auf diese Weise ist eine neue Wettbewerbsbürokratie entstanden, welche die alte Beamtenbürokratie abgelöst hat. Doch die neue Bürokratie ist viel raffinierter, da sie unter dem Deckmantel von Markt, Wettbewerb und Effizienz daherkommt. Besonders gravierend sind die sinnlosen Wettbewerbe neben dem Gesundheitswesen in den Bereichen Wissenschaft und Bildung. Seit der Zeit der Aufklärung findet Forschung überwiegend an Universitäten bzw. an deren Instituten statt und der Staat beschränkte sich darauf, die gesetzlichen Rahmenbedingungen zu erlassen. Was die wissenschaftliche Arbeit betraf, so übten sich die zuständigen staatlichen Gremien mit Ausnahme einiger unrühmlicher Zwischenepisoden (Nazizeit) in vornehmer Zurückhaltung. Man hatte das aus heutiger Sicht geradezu ungeheuer anmutende Vertrauen, dass die Forscher selbst am besten wissen, womit sie sich konkret beschäftigen sollen.

Generell war man sich der Tatsache bewusst, dass man den besten wissenschaftlichen Köpfen eines Landes nicht von außen aufoktroyieren kann, wofür sie sich interessieren sollen und wie und wo sie Forschung betreiben müssen. Aus diesem Grund wurde die Tätigkeit von Professoren und anderen Forschenden kaum systematisch erfasst und bewertet, denn man ging davon aus, dass diese aus eigenem Antrieb heraus gute Arbeit leisten. In vielen Fällen stimmte das, manchmal aber auch nicht. Das Resultat waren gewaltige Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Forschenden, die jedoch den Wissenschaftsbetrieb nicht weiter störten. Wissenschaftliche Genies und wissenschaftliche Nieten bevölkerten gemeinsam die Forschungslandschaft, wobei es längst nicht immer schon zu Lebzeiten der Forscher erkennbar war, wer die Niete und wer das Genie darstellte. "Das Außerordentliche ist das seltene Resultat durchschnittlicher Forschung und erst die breite Qualität, die aus dem Mittelmaße wächst, beschert uns am Schluss die große Leistung" meint dazu der Wissenschaftsphilosoph Jürgen Mittelstrass.

Quantitativ messbarer Unsinn

Inzwischen hat der Staat seine Zurückhaltung gegenüber den Universitäten aufgegeben und aus einst stolzen Bastionen unabhängigen Denkens sind Umsetzungs- und Ausführungsorgane staatlicher Programme und Initiativen geworden. Es gilt wieder der Lenin zugeschriebene Ausspruch: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Damit die knappen Mittel "effizient" eingesetzt werden, zwingt der Staat die Universitäten und die zur "Wissensproduktion" und "Bildungsproduktion" angestellten Professoren mit ihrem wissenschaftlichen Anhang auch zur ständigen Teilnahme an künstlich inszenierten Wettbewerben. Und das gleich von zwei Seiten her. Universitäten müssen sich nämlich sowohl in Forschungswettbewerben als auch in Bildungswettbewerben bewähren, um so bei den immer weiter um sich greifenden Rankings vorne mit dabei zu sein.

Universitäten, die sich nach außen als großartige Tempel der wissenschaftlichen Exzellenz darstellen, sind intern zu Kindergärten verkommen, wo Professoren sich gegenseitig mit Publikationslisten und der Menge eingeworbener Forschungsgelder zu übertrumpfen versuchen. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit werden Projekt- und Publikationsolympiaden veranstaltet, wobei die Gewinner dann statt Medaillen mit Elite- und Exzellenzstatus, Befreiung von Lehrverpflichtungen und im "besten Fall" auch noch mit höheren Salären belohnt werden. Und das, obwohl viele Projekte und Publikationen für den Rest der Menschheit nicht die geringste Bedeutung besitzen und diese "Wissenschaftsolympiaden" auch nicht annähernd den Unterhaltungswert von Olympischen Spielen besitzen. Das Fazit aus diesen Überlegungen ist eindeutig: Schluss mit diesen künstlichen Wettbewerben. Sowohl in Wissenschaft, Bildung als auch im Gesundheitswesen entstehen qualitativ gute Arbeit und Höchstleistungen dadurch, dass man fähigen und motivierten Menschen die Chance gibt, sich in einer möglichst freien, stimulierenden Umgebung zu entfalten.

Deshalb ist es kontraproduktiv, Wissenschaftler, Professoren, Lehrer oder Ärzte unter den Generalverdacht der Leistungsverweigerung zu stellen und in jedem ein potentiell schwarzes Schaf zu vermuten, aus dem man eine gute Leistung mit einem Zuckerbrot herauskitzeln oder mit der Peitsche herausprügeln muss. Auf diese Weise verdrängt man erstens die intrinsische Motivation der eigentlich begabten und motivierten Menschen, wodurch echte Höchstleistungen mehr und mehr ausbleiben. Und zweitens holt man aus unmotivierten und/oder wenig fähigen Menschen selbst mit noch so großen Zuckerbroten und drohend schwingenden Peitschen keine Höchstleistungen heraus. Was diese dann wirklich produzieren, ist quantitativ messbarer Unsinn, den niemand braucht, während die wahre Qualität immer mehr verdrängt wird.

Zu diesem Thema liegt vom Autor das im Herder-Verlag 2010 erschienene Buch "Sinnlose Wettbewerbe - Warum wir immer mehr Unsinn produzieren" vor.


Über den Autor
Mathias Binswanger ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz in Olten und Privatdozent an der Universität St. Gallen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Makroökonomie, Finanzmarkttheorie, Umweltökonomie und in der Erforschung des Zusammenhangs zwischen Glück und Einkommen.


Aus Forschung und Lehre :: Juli 2011

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