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Kunst für alle

VON JAN-MARTIN WIARDA

Hamburger Studenten haben eine einzigartige Kulturfreikarte für die Studienanfänger der Hansestadt initiiert.

Kunst für alle© Boris Juhl - freiKartEIn Hamburg bekommen Studienanfänger eine freiKartE zu kulturellen Veranstaltungen
Es ist auch ein Großversuch. Was muss passieren, damit sich junge Menschen stärker für das klassische Kulturangebot von Theatern, Konzerthäusern und Museen begeistern? Stimmt das Argument, dass viele von ihnen gern öfter hingingen, aber die vermeintlich hohen Kosten für den Eintritt scheuen? Fünf Studenten der Hamburger Hochschule für Musik und Theater wollen es herausfinden. In einer deutschlandweit einzigartigen Aktion namens freiKartE haben sie es hinbekommen, dass 19 der wichtigsten Bühnen und Kultureinrichtungen allen 16 000 Studienanfängern der Hansestadt für Veranstaltungen von Oktober bis Dezember den Eintritt erlassen. »Wir waren monatelang unterwegs, haben eine Kultureinrichtung nach der anderen abgeklappert und mussten oft Überzeugungsarbeit bei den Verantwortlichen leisten«, sagt Daniel Opper, 29, der wie seine vier Mitstreiter gerade einen Master für Kultur- und Medienmanagement macht. Doch die Mühe habe sich ausgezahlt: »Inzwischen kommen erste Einrichtungen von sich aus auf uns zu.« Die Hamburgische Staatsoper zum Beispiel, die erst vor wenigen Tagen kurz entschlossen auf den freiKartEn- Zug aufgesprungen ist.

Ausgestattet unter anderem mit einer Anschubfinanzierung der ZEIT-Stiftung, können die Initiatoren den Erstsemestern mittlerweile noch mehr anbieten als nur freien Eintritt. Werkstattgespräche mit Regisseuren und Schauspielern des Thalia-Theaters zum Beispiel, direkt im Anschluss an eine Vorstellung, Poetry-Slams oder die Einbindung in soziale Netzwerke, um sich für gemeinsame Theater- oder Konzertbesuche verabreden zu können. »Gerade für Erstsemester, die neu in der Stadt sind und sich für Kultur interessieren, ist das eine tolle Möglichkeit, um Kontakte zu knüpfen«, sagt Opper, der selbst ein bisschen überrascht ist, wie gut die Netzwerkidee funktioniert. »Bei der Generation, die jetzt an die Hochschulen kommt, ist die Web-2.0-Anbindung ein entscheidendes Argument.« Lob für die freiKartE kommt aus allen Ecken. Hamburgs Kultursenator Reinhard Stuth, der derzeit wegen seiner Kürzungspolitik in der Kritik steht, zeigt sich ebenso angetan wie der Asta der Universität Hamburg, der das Projekt am liebsten gleich als seine Idee adoptieren würde. »Die meisten Studenten geben lieber 20 Euro für einen Kinobesuch als acht für ein Museum oder Theater aus«, sagt Asta-Referent Daniel Oetzel. »Wir wollen ihnen auf diesem Weg zeigen, dass klassische Künste spannend und vor allem auch viel tief greifender sein können.«

Auch Daniel Opper glaubt, dass das Preisargument durchaus wichtig sei, obwohl Studenten schon bislang recht günstig an Theater- oder Konzertkarten kamen. »Wenn Menschen nicht gleich in jungen Jahren in Berührung mit Kultur kommen, nehmen sie die Möglichkeiten vielleicht ihr ganzes Leben lang nicht wahr.« Ja, man könne sogar sagen, die Strategie der freiKartE entspreche der von Fitnessstudios: »Für die sind solche kostenlosen Kennenlernangebote ganz selbstverständlich, ohne Bedingungen und Verpflichtungen.«

Ob der Großversuch am Ende ein Erfolg ist, soll eine wissenschaftliche Evaluation zeigen, die von Anfang an Teil des Projekts ist. »Wenn die positiv ausgeht, bin ich sicher, dass wir die freiKartE nächstes Jahr wieder anbieten können - möglicherweise sogar für weitere Zielgruppen wie Neu-Hamburger, Azubis oder sozial Benachteiligte«, sagt Opper. Die Frage, wie sozial Benachteiligte durch derartige Aktionen erreicht werden oder ob nicht doch vor allem jene profitieren, die ohnehin ins Theater gingen, könnte sich Opper sogar als Thema seiner Masterarbeit vorstellen. Die wäre eigentlich im August fällig gewesen, aber »der Aufwand für die freiKartE war doch etwas größer als gedacht«, sagt Opper - und greift das durch seine reichlich eigenwillige Schreibweise betonte Wortspiel im Namen der Initiative auf: »Man könnte sagen, die Sache ist ausgeartet.«

Aus DIE ZEIT :: 14.10.2010

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