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Lebendige Forschung

Von Katrin Althoetmar

Barbara Mayer züchtet Mikrotumore, Hong Liu baut Roboterhände. Beiden ist wichtig, dass ihre Forschungsergebnisse der Gesellschaft zugute kommen. Ein Blick in die Welt der angewandten Forschung.

Der ruhige, mittelgroße Mann mit randloser Brille macht auf Anhieb einen sympathischen Eindruck. Sein Alter ist schwer zu schätzen: "Ich bin schon 43", verrät er. Wieso schon? Hong Liu, der sich von einem Mitarbeiter nur mit gewissem Unbehagen als "unser Bester" bezeichnen lässt, neigt zu Bescheidenheit. Sein Deutsch ist gut, mit einem charakteristischen asiatischen Akzent. Liu hat in China Mechanik studiert und sich schon früh für das Thema Roboter begeistert. Seit 1991 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln, wo er seitdem zu Roboterhänden forscht.

Barbara Mayer begann wegen der schlechten Aussichten für Lehrer statt mit Französisch und Geschichte lieber mit Biologie - ihrem schwächsten Abiturfach. Heute ist sie Bereichsleiterin "Experimentelle Forschung Chirurgie" an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München und als Geschäftsführerin der SpheroTec GmbH eine Erfolg versprechende Jungunternehmerin im Bereich der Krebsmittelforschung. Wenn die leger gekleidete, energiegeladene 46-Jährige von ihren Aufgaben spricht, hört man ihre Begeisterung für ihre Forschung durch.

Sprungbrett Auslandsstipendium

Sowohl Hong Liu als auch Barbara Mayer arbeiten anwendungsorientiert. Ihre Arbeitsergebnisse sollen den Weg zu den Menschen finden. Obwohl angewandte Forschung seit einigen Jahren im Trend liegt, ist sie bei Deutschlands Forschern immer noch eher die Ausnahme.

Für eine stärkere praktische Ausrichtung entschieden sich beide zwischendurch fürs Ausland. Barbara Mayer wechselte 1998 nach ihrem Biologiediplom mit einem kanadischen Stipendium auf eine Postdoc-Stelle nach Toronto. Dort erlernte sie in drei Jahren die so genannte Sphäroid-Technologie, mit der sich kugelförmige Zellkulturen aus kultivierten Zellen herstellen lassen: Die wichtigste Grundlage für ihre jetzige Tätigkeit und zukunftsweisend für die Krebstherapie.

Hong Liu bekam 1991 eins der wenigen Stipendien der chinesischen Regierung für einen Forschungsaufenthalt in Deutschland. Der damals 25-Jährige hatte schon sieben Jahre Studium mit Masterabschluss am Harbin Institute of Technology in China hinter sich und eine fast abgeschlossene Doktorarbeit in der Tasche. Das Stipendium ermöglichte ihm anderthalb Jahre Forschen am DLR im Bereich Robotik.

Für beide Forscher spielt das Interkulturelle noch heute eine große Rolle: Während Barbara Mayer sich in der Forschungsarbeit und im Bereich der Akquise auf ihre internationalen Kontakte stützt, übernimmt Hong Liu für deutsch-chinesische Kooperationsprojekte eine wichtige sprachliche und kulturelle Vermittlerrolle.


Die Idee aus der Schublade: Mikrotumore züchten

Barbara Mayer kehrte 2001 nach München auf eine Lebenszeitstelle als wissenschaftliche Assistentin zurück. Sie schloss ihre Habilitation ab und optimierte die Sphäroid-Technologie umfassend. Als sie 2003 den Aufruf "Haben Sie eine Idee in der Schublade?" der Technologie- und Transferstelle der LMU las, bewarb sie sich kurzerhand zusammen mit der Medizinerin Ilona Funke, ihrer heutigen Geschäftspartnerin, für den Münchener Business Plan Wettbewerb. Schnell wurde Ernst aus der Sache: Beide Forscherinnen beantragten die Patentfreigabe für die von ihnen erweiterte Sphäroid-Technologie - eine wichtige Voraussetzung für die Gründung der SpheroTec GmbH im Jahr 2006.

Das Besondere an der weiterentwickelten Sphäroid-Technologie ist, dass man damit etwa stecknadelkopfgroße Mikrotumore aus Zellkulturen züchten kann, die den Tumoren im Krebspatienten sehr ähnlich sind. An diesen lebenden Miniaturtumoren lassen sich neue Wirkstoffe sehr viel realitätsnaher und schneller testen als bisher. Und das verbessert nicht nur die Qualität, sondern spart auch Kosten.

Außerdem stellt SpheroTec aus Krebsgewebe von Patienten Mikrotumore her, die ähnliche Eigenschaften haben wie die Originaltumore. Damit wird eine neuartige, individualisierte Krebstherapie möglich. Kann Barbara Mayer also Krebs heilen? "Nein", sagt sie entschieden, "aber an den Mikrotumoren ist die Wirkungsweise eines Medikaments genauer vorhersagbar." So ist es möglich, vor Beginn der Therapie - abgestimmt auf den individuellen Tumor des Patienten - die optimal wirksamen Medikamente mit den geringsten Nebenwirkungen auszuwählen.

Spezialist aus Leidenschaft: Roboterhände konstruieren

"Wenn man eine Sache im Leben gut machen kann, und die Unterstützung da ist, sollte man sie immer weiter vertiefen". Dieser Einstellung Hong Lius ist es geschuldet, dass er mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern noch immer im Land der "Langnasen" lebt. Nach seinem Stipendienaufenthalt und der Promotion in China hatte Liu das Angebot, als wissenschaftlicher Mitarbeiter für drei Jahre am Institut für Robotik und Mechatronik weiterzuarbeiten. Danach wollte er nach China zurückkehren, aber sein Chef, Prof. Dr. Hirzinger, bot ihm eine Dauerstelle an. Seitdem hat er sich unentbehrlich gemacht und forscht als eine Art Projektleiter - offiziell ist er Koordinator - an multisensoriellen, besonders beweglichen Roboterhänden.

Die zuletzt entwickelte Fünffingerhand ist zum einen für den Einsatz in Forschung und Industrie gedacht, zum anderen soll sie als Handprothese oder als Teil eines Serviceroboters weiterentwickelt werden. "Der Bedarf ist riesig", sagt Liu, "vor allem in Ländern mit einem hohen Anteil Kriegsversehrter und im Bereich der Unterstützung von Älteren und Behinderten". Aber bis die Hand klein genug ist, perfekt greifen kann und die Haut noch menschlicher aussieht, bedarf es noch mindestens drei Jahre intensiver interdisziplinärer Forschung.


Angewandte Forschung: Zahlt es sich aus?

Seiner privilegierten Situation als Forscher am DLR ist sich Hong Liu durchaus bewusst: "Ich bin sehr zufrieden. Hier hat man relativ viel Ruhe zum Denken und Arbeiten." Die finanziellen Mittel für Lius Arbeit kommen aus verschiedenen staatlichen Quellen, aus Projekt- und Drittmitteln und aus dem Verkauf der Hände. Den Ehrgeiz, mit seiner Forschung auch Erfolg zu haben, spürt man unter anderem an dem Stolz darüber, dass einige "seiner" Hände bereits im Einsatz sind und dass sein Team bereits zwei Preise eingeheimst hat.

Als Unternehmerin steht Barbara Mayer da unter größerem Druck: Neben einer Anschubfinanzierung kamen in den ersten Jahren zum Glück diverse Preisgelder hinzu. Zurzeit gibt es Investoren aus dem öffentlichen und privatwirtschaftlichen Bereich, so dass aktuell sogar fünf neue Mitarbeiter gesucht werden. Sie arbeitet viel, oft auch am Wochenende. Aber schließlich hat Barbara Mayer ja auch zwei Hüte auf: Für die Uni arbeitet sie 20, für SpheroTec 80 Prozent - theoretisch. Tatsächlich entspricht ihr Arbeitseinsatz wohl eher ihrem Selbstbild: "Ich bin eine 150-Prozentige".

Angewandter Ruhestand?

Beide Wissenschaftler haben schon jetzt eine Vorstellung davon, was sie nach ihrer aktiven Forscherzeit tun wollen. Barbara Mayer, die immer noch am liebsten "selbst mit der Pipette in der Hand im Labor steht", will Weinexpertin mit eigenem Weinberg werden. Wahrscheinlich wird sie auch dann die Finger von der Laborarbeit nicht lassen können - bis der perfekte Wein gekeltert ist.

Und Hong Liu? "Wenn ich in Rente gehe, dann werde ich wohl halb in China und halb in Deutschland leben", sagt er nach kurzem Überlegen. In China will er an seine erfüllte Kindheit anknüpfen und mit seinen Geschwistern zusammenleben. Ob er dann für seine Enkelkindern und Großneffen den perfekten Spielzeugroboter austüftelt?

Quelle: academics

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