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Lebendige Tradition - Der Beruf des Universitätsmusikdirektors

von PHILIPP AMELUNG

An den Universitäten in Deutschland gibt es eine erstaunliche Zahl an Orchestern und Chören. Einige Universitäten haben sogar einen Universitätsmusikdirektor (UMD), der für die universitäre Musik verantwortlich ist. Fragen an den Universitätsmusikdirektor der Universität Tübingen.

Lebendige Tradition© Forschung & LehrePhilipp Amelung ist Dirigent und Universitätsmusikdirektor an der Universität Tübingen.
Forschung & Lehre: Was hat Sie an der Aufgabe des Universitätsmusikdirektors an der Universität Tübingen besonders gereizt?

Philipp Amelung: Die Vielfalt. Mit der Leitung eines großen Akademischen Orchesters ist es möglich, die gesamte Palette der Orchesterliteratur abzudecken, angefangen von klein besetzten barocken oder klassischen Werken bis hin zur Hochromantik. Gerade in den letzten drei Semestern haben wir uns der Musik von Camille Saint-Saens, Arthur Honegger und Gustav Mahler gewidmet - eine Literatur, die ich bis dahin nur selten dirigiert hatte. Und auch bei den Chören kann ich Musik aus allen Epochen erarbeiten, da es sowohl einen Kammerchor als auch einen Akademischen Chor gibt. Auch sehr reizvoll ist die Kooperation mit dem Musikwissenschaftlichen Institut, da ich auf diese Weise einen engeren Bezug zur Theorie habe, als es oft bei Dirigenten der Fall ist. Dort biete ich neben meinem wöchentlichen Unterricht in Satzlehre Dirigierkurse und Einführungsvorträge zu den anstehenden Konzerten an, um die inhaltliche Auseinandersetzung mit den Werken anzuregen.

Das Collegium musicum der Universität ist in der Stadt Tübingen sehr verwurzelt. Aus diesem Grund besteht ein enger Kontakt zu weiteren Ensembles und auch zur Stadtverwaltung selbst. Diese gute, auch im organisatorischen Bereich bestehende Zusammenarbeit ist ebenfalls ein Punkt, der die Arbeit des Universitätsmusikdirektors durchaus interessant macht.

F&L: Sie haben sowohl mit Studentenorchestern als auch mit Profimusikern gearbeitet. Worin unterscheiden sich die gegenseitigen Erwartungen von Musikern und Dirigent?

Philipp Amelung: Was das Musikalische betrifft, so wollen die studentischen Ensembles relativ viel über die Hintergründe eines Werkes wissen, eine Tatsache, die bei professionellen Ensembles nicht so ausgeprägt ist, weil diese sich schon häufiger mit den gespielten Werken beschäftigt haben. Die hiesigen Studenten erwarten von mir sehr genaue und präzise Angaben in Bezug auf Phrasierung und Artikulation, professionelle Orchestermusiker sind nach meiner Erfahrung recht dankbar, wenn sie, besonders bei den Solobläsern, ihre Themen eigenständig ausmusizieren können und der Dirigent die Verantwortung abgibt, was aber natürlich nicht immer funktioniert.

Studenten, die sich für Chor und Orchester an der Universität interessieren, haben meist auch Interesse, nach den Proben oder Konzerten mit dem Dirigenten zusammen zu sitzen und über die Musik oder andere Dinge zu sprechen. Das Persönliche spielt hier eine wesentlich stärkere Rolle als bei professionellen Orchestern. Wobei gegenseitige Sympathie in beiden Fällen für ein gelungenes Endergebnis sehr wichtig ist.

F&L: Welche Qualifikation müssen Studierende mitbringen, um im Chor oder Orchester an der Universität Tübingen mitmachen zu dürfen?

Philipp Amelung: Einerseits müssen sie bereits Erfahrung auf ihrem Instrument vorweisen können. Die Aufnahmeprüfung besteht bei uns aus einigen Takten aus dem anstehenden Semesterprogramm sowie aus zwei eigenständig ausgewählten Werken (langsam und schnell). Dabei achten wir neben der technischen Versiertheit auch auf die Musikalität der Studentinnen und Studenten. Für den Akademischen Chor teste ich anhand einiger Übungen die Qualität der Stimme und lasse im Anschluss noch ein mittelschweres Werk vom Blatt singen.

Die zweite wichtige Voraussetzung ist die Bereitschaft, an allen Proben und Konzerten teilzunehmen und für den gelungenen Auftritt etwas Zeit zu investieren, auch durch häusliche Vorbereitung.

F&L: Wer bestimmt die Auswahl des Programms? Gibt es Vorlieben, wo liegen die Schwerpunkte?

Philipp Amelung: Da das Akademische Orchester der Eberhard Karls Universität ziemlich groß besetzt ist und v.a. auch einen nahezu vollständig besetzten Bläserapparat hat, bietet es sich an, den Schwerpunkt auf die Werke der Romantik zu legen. Gerade diese Literatur spornt unsere Mitglieder auch sehr an, weil sie in den Orchestern, in denen sie bisher gespielt haben, nur selten die Gelegenheit dazu hatten. Dies führt dazu, dass die Nachfrage an qualifizierten Mitgliedern recht hoch ist und wir so die Größe und das Niveau hoch halten können.

Auf der anderen Seite habe ich ein gewisses Interesse daran, auch Literatur abseits der "großen Schinken" auf das Programm zu setzen, einerseits aus früheren Epochen, aber gerne auch zeitgenössische Werke wie z.B. das Violinkonzert des amerikanischen Komponisten Randall Svane, welches wir im kommenden Semester uraufführen werden, oder das Konzert für Marimba und Orchester des Münchener Komponisten Kay Westermann vom letzten Sommersemester.

Erfreulicherweise gehen die Studenten bei diesen Anregungen gut mit und interessieren sich auch sehr für Werke oder Komponisten, von denen sie noch nichts gehört haben. Das Programm wird von mir in Rücksprache mit den Orchestersprechern und der Konzertmeisterin festgelegt.

F&L: Hat sich durch die BA/MA-Studiengänge das musikalische Engagement der Studierenden verändert?

Philipp Amelung: Da ich erst seit April 2011 die Position des UMD an der Tübinger Universität inne habe, kann ich das schlecht beurteilen. Allerdings weiß ich aus der Historie der hiesigen Ensembles, dass die Studenten bereits unter meinen Vorgängern sehr engagiert waren, was ich für meine bisherige Zeit auch unterstreichen kann. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass sie sich nach wie vor für die Musik begeistern und selbst bei einem sehr zeitintensiven Studium der Wunsch nach einer Betätigung in Chor oder Orchester sehr groß ist.

F&L: Wie lebendig ist die musikalische Tradition an deutschen Universitäten, welche Bedeutung hat sie für die Institution "Universität"?

Philipp Amelung: Bei meiner Recherche war ich erstaunt und beeindruckt, wie vielfältig das musikalische Angebot an den Universitäten in Deutschland ist, angefangen von der Chor- und Orchesterlandschaft hin zu popularmusikalischen Bereichen. Insofern scheint die Bedeutung der Musik für die Universitäten sehr hoch zu sein. Dies kann ich aus der Erfahrung in Tübingen nur bestätigen, was sich auch in den Umrahmungen hausinterner Veranstaltungen zeigt. Hinzu kommt eine große Unterstützung bei Konzerten und Konzertreisen durch das Rektorat und viele Fakultäten - das macht die Arbeit für das Collegium musicum sehr angenehm.

Aus Forschung & Lehre :: März 2013

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