Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Lebensretter aus dem Labor

Von Kathrin Wanke

Biotechnologen forschen an den neuesten Impfstoffen. Mit deren Hilfe könnte einmal Tausenden Menschen geholfen werden.

Lebensretter aus dem Labor: Impfstoffe© FreezeFrameStudio - iStockphoto.com
Wenn Detlef Oswald daran arbeitet, Leben zu retten, sieht das ein wenig aus, als spiele er Scrabble am Computer: TTTTCCATAG GCTCCGCCC - Hunderte solcher Letternfolgen flimmern in Spalten über seinen Bildschirm, einige schwarz, andere rot, blau, grün. Oswald kopiert, fügt ein, löscht. So entwirft der Biotechnologe DNA-Moleküle: A, T, G und C sind Basen, die in verschiedenen Kombinationen Aminosäuren kodieren. Sie legen so fest, in welcher Reihenfolge sich diese zu Eiweißen verbinden - den Grundbausteinen jeder Zelle.

Gene zu verändern und zu vervielfältigen gehört zum Alltag von Biotechnologen wie Oswald. Seit einigen Monaten forscht der 42-Jährige für das Berliner Unternehmen Mologen an einem Impfstoff aus bakterieller DNA, der vor Leishmaniose schützen soll. Leishmanien sind Parasiten, die von infizierten Sandmücken übertragen werden und jedes Jahr etwa zwei Millionen Menschen krank machen - vor allem in Bangladesch, Indien, Nepal, Äthiopien, Brasilien und im Sudan. Ein Viertel der Betroffenen leidet an der tödlichen Leishmaniose-Form: Der Erreger befällt ihre Organe, 50 000 Menschen sterben pro Jahr an inneren Blutungen oder weiteren Infektionen.

Damit sich das ändert, steht Oswald täglich im Labor. Die von ihm designten Moleküle sollen in menschliche Zellkerne eindringen, damit dort Antikörper gegen Leishmanien gebildet werden. Der Impfstoff, für den er mit Kollegen aus der ganzen Welt zusammenarbeitet, ist ein typisches Produkt der Biotechnologen: Sie erforschen mit Methoden der Molekularbiologie komplexe Organismen wie Pflanzen, Tiere und Menschen, aber auch Einzeller wie Bakterien oder noch kleinere Teile, etwa Moleküle. Die Erkenntnisse werden in neue Verfahren und Produkte umgesetzt. Vier Fünftel der etwa 10 000 Biotechnologen, die in deutschen Unternehmen beschäftigt sind, arbeiten wie Oswald in der sogenannten Roten Biotechnologie, sie entwickeln Medikamente oder eben Impfstoffe. Ohne Oswald und seine Kollegen wäre eine neue Vakzine heute kaum noch denkbar. Derzeit werden gentechnisch hergestellte Impfstoffe unter anderem gegen Genitalherpes, Malaria und Tuberkulose geprüft.

»Mich treibt natürlich auch der Gedanke an, dass man an Dingen arbeitet, die Menschen irgendwann helfen«, sagt Detlef Oswald. An einer Universität ist er dafür nicht gewesen. Das Biologiestudium war ihm zu breit angelegt, er brach es ab und machte eine Ausbildung zum Technischen Assistenten, das war näher an der Praxis. Im Anschluss fing er bei Mologen an, heute leitet er die Abteilung Molecular Cloning and Bioanalytics. Manche Projekte begleiten ihn über Monate oder Jahre, etwa die Entwicklung einer Methode, mit der sich die Menge hergestellter DNA nachweisen lässt. »Wenn so etwas am Ende funktioniert, ist das ein besonderes Gefühl - auch weil es Folgen für die weitere Arbeit hat.«

Haben Oswald und seine Kollegen Erfolg, steht in wenigen Jahren ein Wirkstoff bereit, der Menschen vor Leishmaniose bewahren kann - theoretisch. Ob irgendwann Menschen geimpft werden, liegt nach der Entwicklung nicht mehr in ihrer Hand: Dann muss der Wirkstoff in mehreren Studien zeigen, dass er sicher ist und bei Mäusen und Menschen gleichermaßen effektiv. Nur ein Bruchteil der entwickelten Substanzen übersteht diese Phase - im Rekordjahr 2006 schafften es in der Europäischen Union gerade einmal sieben neue Impfstoffe auf den Markt, darunter jener gegen Gebärmutterhalskrebs, für dessen Entwicklung der Medizin-Nobelpreis vergeben wurde. Eine DNA-basierte Vakzine, wie sie Oswald erforscht, ist noch nicht zugelassen. Trotzdem ist der Forscher optimistisch: »Wenn ich von der Methode nicht überzeugt wäre, könnte ich nicht daran arbeiten.«

Flexibel, gleichzeitig genau und geduldig - so beschreibt er den idealen Impfstoffsucher. »Wenn eine Probe um sieben Uhr fertig wird, kann ich nicht um fünf nach Hause gehen. Außerdem muss jede Pipette, jeder Schritt exakt dokumentiert werden.« Auch detektivischer Spürsinn ist gefragt: »Als Entwickler sollte man Lust haben, Probleme zu lösen, im Großen wie im Kleinen, und sich immer neue Strategien auszudenken.« Und was lehren die Jahre im Labor? »Dinge, die nicht klappen, nie als persönliche Niederlagen zu werten, auch nicht, wenn man selbst Fehler gemacht hat. Das passiert jedem - gerade dann, wenn sich Abläufe immer wiederholen.« Weil die Entwicklung und die anschließenden klinischen Studien Millionen kosten, suchen sich die meisten der rund 400 Biotech -Unternehmen in Deutschland Partner. So auch Mologen: Den Großteil der Kosten für die Forschung am Leishmaniose-Impfstoff trägt die Europäische Union; sie fördert das Projekt mit drei Millionen Euro. Bevor die aufwendigen klinischen Studien beginnen, sollen die Rechte an ein Unternehmen oder eine Organisation verkauft werden.

Besonders teuer werden derzeit die Lizenzen therapeutischer Impfstoffkandidaten gehandelt. Diese sollen nicht vorbeugen, sondern das Immunsystem gegen bestehende Krankheiten mobilisieren, Asthma zum Beispiel, Multiple Sklerose oder Alzheimer. Vor einigen Monaten verkaufte ein österreichisches Biotech-Unternehmen die Rechte an zwei möglichen Impfstoffen gegen Alzheimer, die sich am Beginn der klinischen Prüfung befinden. GlaxoSmithKline Biologicals, die Impfstofftochter des Pharma riesen, zahlte für die Lizenz 22,5 Millionen Euro - ein Bruchteil der Milliardenerlöse, die beiden Unternehmen winken, wenn die Studien erfolgreich verlaufen.

Um die Rechte am Leishmaniose-Impfstoff werden sich die Pharmaunternehmen kaum streiten - vergleichsweise gering scheinen die möglichen Gewinne im Kampf gegen die Krankheit der Ärmsten. Wahrscheinlicher ist es, dass die Weltgesundheitsorganisation die Entwicklung des Impfstoffs vorantreibt. Läuft alles wie von Mologen geplant, kommt das Mittel in naher Zukunft auf den Markt. Detlef Oswald wird dann längst neue DNA-Moleküle aus Buchstabenkolonnen entwerfen - wahrscheinlich wieder für ein Therapeutikum gegen Krebs.

Aus DIE ZEIT :: 16.04.2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote