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Lehre in der Krise?

Interview mit Sabine Koller und Matthias Klatt

Je mehr Studenten an den Universitäten ausgebildet werden sollen, desto drängender stellt sich die Frage, wie anspruchsvolle Inhalte sinnvoll vermittelt bzw. gelehrt werden können.

Lehre in der Krise?© cmfotoworks - iStockphoto.comUm die Lehre aus ihrer Krise zu befreien ist ein Umdenken erforderlich - weg von der Schaffung großer Strukturen, hin zur Umsetzung konkreter Lehrprojekte
Forschung & Lehre: Seit geraumer Zeit befindet sich das Thema Lehre im Aufwind: "Qualitätspakt Lehre", zahlreiche Lehrpreise, Auszeichnungen innovativer Lehrmethoden... Sind das eher Lippenbekenntnisse oder sind die Universitäten damit auf dem richtigen Weg?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Die Konjunktur des Themas "Lehre" ist Ausdruck einer Krise. Die zahlreichen Preise und Maßnahmen zeigen, dass der Stellenwert der Lehre in den Universitäten nicht besonders hoch ist. Der Aufwind für das Thema Lehre weht vielfach von außen in die Universitäten hinein. Die wesentlichen Impulse der letzten Jahre haben Wissenschaftspolitik und Stiftungen gesetzt - nicht die Universitäten selbst. Deren Aufgabe ist es nun, über Lippenbekenntnisse und Mitnahmestrategien hinauszuwachsen: Sie müssen die externen Impulse verinnerlichen. Jetzt ist Gelegenheit, nach der Etablierung hochschuldidaktischer Zentren und anderer Steuerungsinstrumente hochqualitativer Lehre den einzelnen Lehrenden die nötige Unterstützung zu bieten, etwa in Form von zusätzlichen Personalmitteln oder Deputatsreduktion. Die Maßnahmen sollten sich weniger auf die Schaffung großer Strukturen konzentrieren als vielmehr konkreten Lehrprojekten zugutekommen. Das Entscheidende aber ist: Der Anspruch guter Lehre muss in den Köpfen jedes Einzelnen ankommen, intrinsisch motiviert sein.

F&L: Offensichtlich hat die Lehre ein Reputationsproblem: In Berufungsverfahren zähle nach wie vor "fast ausschließlich die Forschungsleistung", heißt es in Ihren Empfehlungen "Zur Zukunft der Lehre an Universitäten in Deutschland" aus dem Jahr 2008. Wie beurteilen Sie die Lage vier Jahre später?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Die Reputationsasymmetrie zwischen Forschung und Lehre besteht fort. Die Befreiung von der Lehrpflicht zugunsten der Forschungsfreiheit bringt Prestige. In Berufungsverfahren kommt Lehrleistungen und Lehrqualität entgegen expliziten Regelungen und ausdrücklicher Rhetorik praktisch keine Bedeutung zu. Nur selten wird in den Ausschreibungen besonderes Engagement in der Lehre gefordert. Dies ist bedauerlich, weil die Fakultäten mit jedem Berufungsverfahren ein wirksames Mittel für den benötigten Paradigmenwechsel selbst in der Hand halten. Es ist in unseren Augen in keiner Weise zu rechtfertigen, dass in Berufungsverfahren neben den wissenschaftlichen Fachvorträgen selten Lehrproben gefordert werden, zumal die Forschungsqualifikation bereits umfassend durch schriftliche Gutachten bewertet wird. Das übliche Verfahren, den Fokus ausschließlich auf die Forschungsleistung zu legen, ist nicht annähernd in der Lage, das Gesamtbild des vielfältigen Tätigkeitsspektrums von Professoren adäquat zu erfassen. Herausragende Lehre trägt ebenso wie ein Forschungsschwerpunkt zur Profilbildung einer Universität bei.

F&L: Wie ist es unter den Bedingungen der Massenuniversität möglich, das Verstehen von Zusammenhängen und die Ausbildung einer eigenen Urteilsfähigkeit bei den Studierenden zu befördern?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Erforderlich ist ein Umdenken von der Lehr- hin zur Lernorientierung. Die Studierenden und ihre Lernprozesse müssen im Mittelpunkt der Lehrplanung und Lehrgestaltung stehen. Das gilt für die grundsätzlichen Strukturen von Curricula und Prüfungen bis zur Gestaltung einzelner Lehrveranstaltungen, indem man z. B. in Großvorlesungen Einheiten mit Gruppenarbeit einplant. Wir Lehrende müssen unsere innere Einstellung verändern. Die Studierenden geraten dann in den Mittelpunkt unserer Einstellung zur Lehre, wenn wir uns als Unterstützer studentischen Lernens verstehen. Der beste Weg zur Bildung der Urteilsfähigkeit der Studierenden sind die vielfältigen Ansätze kompetenzorientierten Lernens. Sie erlauben es, Wissenserwerb und Kompetenzförderung zu kombinieren. Zudem führen sie bei einer gelungenen Umsetzung Lehre und Forschung wieder näher zusammen, als es derzeit in vielen Fächern der Fall ist.

Lehre in der Krise © Forschung & Lehre Sabine Koller und Matthias Klatt
F&L: In der Universität geht es um Lernen und Verstehen. Welche Bedeutung hat im Zeitalter der BA-MA-Studiengänge - neben der Lehre - noch das Selbststudium?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Selbststudium ist ein unverzichtbarer Bestandteil jedes wissenschaftlichen Studiums. Die Bildungsziele der Universität gehen über die reine Vermittlung und Einübung von Fachwissen weit hinaus. Sie erfassen neben der Sachkompetenz auch die Dimensionen der Selbstkompetenz, der Methodenkompetenz und der Sozialkompetenz. Diese Vielfalt kann nur durch studentische Aktivität erreicht werden. Die Lehrenden dürfen aber keineswegs die Verantwortung für das Lerngeschehen an die Studierenden abgeben. Vielmehr muss der akademische Unterricht den Studierenden Anreize zum Selbststudium bieten, dieses anleiten und mit der klassischen Präsenzlehre vernetzen. Hier liegen große Potenziale zur Verbesserung von Lehr-/Lernprozessen. Unwahr ist jedenfalls die Behauptung, BA-MA-Studiengänge ließen für das Selbststudium keinen Raum. Bei gelungener Umsetzung konsekutiver Studiengänge bleibt dieser Freiraum erhalten - und ist essenziell: Das aufklärerische "sapere aude" ist im Zeitalter von Bologna eine enorme Chance zur individuellen Profilbildung der Studierenden. Mehr noch: Gerade im Selbststudium erleben sie, wie erfüllend, sinnstiftend und identitätsbildend die intellektuelle und wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Fach ist.

F&L: Wie wichtig ist das Kriterium "Wissenschaftlichkeit" für die Qualität eines Universitätsstudiums?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Die Wissenschaftlichkeit ist das zentrale Merkmal jedes Universitätsstudiums. Gäben wir sie auf, erlösche die Daseinsberechtigung der Universität. Anders als vielfach behauptet, besteht zwischen den Bildungszielen der Wissenschaftlichkeit und der Arbeitsmarktbefähigung kein Widerspruch. Wissenschaftlichkeit heißt vor allem Bildung zur Kritik und zu Reflektion. Sie vertraut auf Prozesse des Verstehens, Zweifelns und Kritisierens statt auf fertige Ergebnisse. Wissenschaftlichkeit bedeutet Erziehung zum eigenständigen, methodisch geschulten Denken. Diese Fähigkeiten spielen auch für die Berufsfähigkeit außerhalb der Wissenschaft die entscheidende Rolle. Wissenschaftlichkeit als Erkenntnisinstrument und (Werte-)Orientierung ist angesichts der zunehmenden Instrumentalisierung von Wissen heute von größter Bedeutung.

F&L: Die Kritik an der Qualität der Lehre in Deutschland ist kein neues Phänomen. Ist sie gerechtfertigt?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Universitäre Lehre basiert vielfach auf einer Instruktionsdidaktik, die auf Frontallehre und gelenktes Unterrichtsgespräch setzt. Die Vielfalt didaktischer Ansätze von entdeckendem und problembasiertem bis forschendem und projektorientiertem Lernen ist noch nicht annähernd entdeckt, geschweige denn systematisch und flächendeckend genutzt. Die Kritik mag nicht neu sein, sie ist aber so lange gerechtfertigt, wie die Lehrenden die Herausforderung einer didaktisch sinnvollen Gestaltung ihres Unterrichts nicht annehmen. Dafür benötigen sie unterstützende Strukturen. Denn die Komplexität des Wissens und die Kompetenzanforderungen an die Studierenden haben sich enorm verändert. In unserem extrem ausdifferenzierten Wissenssystem scheint sich ein inhaltliches Vakuum aufzutun, wie mit Bildung umzugehen ist - bei gleichzeitigem Informationsüberfluss. Hierauf haben wir in der Lehre Antworten zu finden.

F&L: Sie stehen nach wie vor für die Humboldtsche Einheit von Forschung und Lehre ein und lehnen die Lehrprofessur ab. Wie gehen Sie mit dem Vorwurf um, dies sei eine etwas anachronistische Position?

Sabine Koller/Matthias Klatt: Der Vorwurf ist ebenso pauschal wie "die" Lehrprofessur als Patentlösung. Für jedes Fach ist genau zu durchleuchten, wo erhöhter Lehrbedarf besteht und wie er abgedeckt werden kann. Für die Professuren ist die Interaktion von Grundlagenwissen und forschungsorientiertem Wissen zu vergrößern, nicht die Kluft zwischen Forschung und Lehre. Außerdem arbeiten Lehrprofessuren mit einer drastischen Erhöhung des Lehrdeputats. Wer aber Erfahrung mit der Gestaltung qualitativ hochwertiger Lehre hat, weiß genau, dass die dafür benötigte Zeit immens ist. Auch für das Lehrdeputat der Professoren gilt: Weniger Lehre ist bessere Lehre. In Zeiten der Massenuniversitäten und knappen Kassen, die auf der mangelnden Bereitschaft beruhen, in Bildung zu investieren, mag diese Position anachronistisch erscheinen. Es ist aber ein Anachronismus, den wir uns leisten sollten. Es sind die Verhältnisse, die sich ändern müssen, nicht die Ideale.


Über die Interviewten
Dr. Sabine Koller ist Privatdozentin am Institut für Slavistik an der Universität Regensburg und Mitglied der Jungen Akademie.
Matthias Klatt ist Juniorprofessor für Öffentliches Recht an der Universität Hamburg und Mitglied der Jungen Akademie.
Von Matthias Klatt und Sabine Koller (Hg.) erscheint im September 2012 im Campus Verlag das Buch "Lehre als Abenteuer. Anregungen für eine bessere Hochschulausbildung".

Aus Forschung & Lehre :: Juni 2012

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