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Leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin

Von Matthias Kern

Die leistungsorientierte Mittelvergabe wird von vielen als entscheidendes Instrument zur Qualitätsverbesserung im Wettbewerb angesehen und eingesetzt. Dass dies zu ungerechtfertigten Nachteilen führen kann, zeigt das Beispiel der Medizinischen Fakultät der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel. Ein Bericht.

Leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin© Uni Kiel - Kröger/DorfmüllerCAU Kiel
Man stelle sich vor, bei der letzten Olympiade in Peking wären allen Marathonläufern vor dem Lauf Gewichtswesten umgebunden worden - allerdings mit ganz unterschiedlichen Gewichten, vielleicht schwankend von 5 bis 65 kg. Hätte der Läufer mit der 65 kg-Weste eine Medaillenchance gehabt? Sicherlich nicht. Eine Begründung, dass die unterschiedlichen Gewichtswesten ihre Berechtigung hätten, wäre sicherlich als abstrus abgetan worden. Was haben diese Gedanken mit der leistungsorientierten Mittelvergabe (LOM) in der Hochschulmedizin zu tun, die inzwischen in nahezu allen bundesdeutschen Medizinischen Fakultäten Einzug gehalten hat? Nun, wie beim Marathonlauf geht es bei der LOM auch um eine ausdauernde Leistung, und die unterschiedlich schweren Gewichtswesten stehen sinnbildlich für unterschiedlich starke Handikaps in der Erlangung von LOM-Mitteln aufgrund der Besonderheiten in der Hochschulmedizin.

Besonderheiten der Hochschulmedizin

Die Hochschulmedizin bzw. Medizinischen Fakultäten unterscheiden sich von allen anderen Fakultäten dadurch, dass der überwiegende Anteil des wissenschaftlichen Personals nicht wie in den anderen Fakultäten nur Aufgaben in der Forschung und Lehre (F&L) hat, sondern im klinischen Bereich auch einen großen Aufgabenanteil im Bereich der Krankenversorgung wahrzunehmen hat. Trotzdem forschen natürlich auch viele der klinisch tätigen Wissenschaftler, ist dies doch in der Regel Bestandteil des Dienstvertrages und für die übliche Promotion und natürlich auch eine Habilitation Voraussetzung. Letztere ist nicht nur für die universitäre Karriere erforderlich, sondern verbessert ebenfalls die Karrierechance in außeruniversitären Versorgungseinrichtungen. Bezahlt werden die überwiegend in der Krankenversorgung tätigen Mitarbeiter selbstverständlich auch über die Einnahmen aus der Krankenversorgung. Der häufig vorgetragene und auf den ersten Blick plausible Einwand, stärker in der Krankenversorgung tätige Wissenschaftler hätten weniger Zeit für Forschung als stärker in der Lehre eingesetzte wissenschaftliche Mitarbeiter, ist in der klinischen Medizin übrigens nicht zutreffend, da die stärker in der Lehre eingesetzten Mitarbeiter zu den Nichtlehrzeiten in der Regel auch ärztlich, das heißt krankenversorgend, tätig sind. Denn sonst hätten sie ja kaum die Qualifikation, Studenten ärztlich auszubilden.

Für die Berechnung der über LOM zugewiesenen Mittel einer Einrichtung (Klinik oder Institut) existieren verschiedene Modelle und Empfehlungen. Ein einheitliches Berechnungsmodell existiert für die bundesdeutsche Hochschulmedizin nicht. Unabhängig von den unterschiedlichen Details der Berücksichtigung von Drittmitteln, Publikationsleistungen, Promotionen und Habilitationen etc. kommt in der Hochschulmedizin der Größe der Einrichtung (Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter) eine entscheidende Rolle zu, wenn Einrichtungen bei Beurteilung ihrer Forschungsleistung gerankt werden. Und in der Hochschulmedizin gibt es gemessen an der Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter sehr unterschiedlich große Einrichtungen. Auch der Anteil der Lehraufgaben und Aufgaben in der Krankenversorgung sind sehr unterschiedlich verteilt.

Beispiel Medizinische Fakultät

in Kiel In der Medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität (CAU) zu Kiel existieren Einrichtungen mit weniger als fünf und mehr als 90 wissenschaftlichen Mitarbeitern. Um unterschiedliche Einrichtungsgrößen zu berücksichtigen, hat der Konvent der Medizinischen Fakultät der CAU beschlossen, dass zur Korrektur der Größe der Einrichtungen die Leistungsparameter einer Einrichtung durch die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter geteilt werden, die der Einrichtung aus dem Landeszuschuss Forschung und Lehre im Rahmen der Basisausstattungen für Forschung und Lehre zugewiesen werden. Auch wenn eine Größenkorrektur grundsätzlich sinnvoll erscheint, entsteht bei dieser Methodik die Problematik, dass die Leistungsparameter nicht ins Verhältnis zu allen wissenschaftlichen Mitarbeitern gesetzt werden, sondern lediglich die Mitarbeiter zugrunde gelegt werden, die der Einrichtung aus dem Landeszuschuss Forschung und Lehre im Rahmen der Basisausstattung Forschung und Lehre zugewiesen werden. Die Anzahl dieser Mitarbeiter deckt sich jedoch nicht mit der Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die tatsächlich an der Leistungserbringung beteiligt sind. Sinnbildlich wurde hiermit das Anlegen von unterschiedlich schweren Gewichtswesten für den Marathonlauf LOM beschlossen.
Die klinischen Einrichtungen, die einen hohen Lehranteil haben - und damit einen hohen Anteil aus dem Landeszuschuss F&L im Rahmen der Basisausstattungen für Forschung und Lehre bekommen, erhielten die schwereren Westen. Die großen klinischen Einrichtungen, die einen hohen Krankenversorgungsanteil und einen relativ geringen Lehranteil haben - und damit trotz großem wissenschaftlichen Mitarbeiterstab nur einen geringen Anteil aus dem Landeszuschuss F&L bekommen, erhielten die leichteren Westen. Ein konkretes Beispiel basierend auf den Zahlen von 2006 mag dies beleuchten: Die größte klinische Einrichtung der Medizinischen Fakultät der CAU hatte über 90 wissenschaftliche Mitarbeiter, wobei nur sechs Stellen aus dem Landeszuschuss Forschung und Lehre bezahlt wurden. Die klinische Einrichtung mit dem höchsten curricularen Lehranteil hingegen hatte bei insgesamt 16 wissenschaftlichen Mitarbeitern 14 aus dem Landeszuschuss Forschung und Lehre finanziert, wobei es sich hier um eine der vier Zahnmedizinischen Kliniken handelte. Angenommen, jeder Wissenschaftler beider Einrichtungen würde durchschnittlich einen Leistungspunkt (LP) nach den LOM-Kriterien erbringen, so wären dies bei der großen Einrichtung über 90 LP, bei der kleineren 16 LP. Die anschließende Größenkorrektur der Medizinischen Fakultät der CAU korrigiert dieses exemplarische Ergebnis aber so, dass der größeren Einrichtung 15 LP (90 LP dividiert durch sechs Forschungund Lehre-Stellen) und der kleineren Einrichtung 1,14 LP (16 LP dividiert durch 14 Forschung und Lehre-Stellen) für das fakultätsinterne Ranking zugeschrieben werden.

Im Ergebnis heißt dies, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter der kleineren Einrichtung die 13fache Forschungsleistung erbringen müssen, damit ihre Einrichtung im Fakultäts- Ranking den gleichen Rang wie die größere Einrichtung belegt. Auf die Kalkulation einer adäquaten Gewichtsweste wird hier verzichtet, wobei dem Autor bewusst ist, dass er ein Extrembeispiel gewählt hat. Im Ergebnis führte dieses Berechnungsmodell jedoch dazu, dass die Einrichtung mit dem höchsten curricularen Lehranteil an der Medizinischen Fakultät der CAU seit Einführung der LOM in Kiel im Leistungsranking der Einrichtungen im letzten Drittel landete und damit auf Basis der Forschungsleistung der Einrichtung keinerlei LOM-Mittel erhielt. Denn der Vergabemodus der Medizinischen Fakultät der CAU sieht vor, dass das so berechnete mittlere Leistungsdrittel der Fakultät anteilig ein Drittel der zur Verfügung stehenden LOM-Mittel erhält, während das so berechnete obere Leistungsdrittel der Fakultät zwei Drittel der zur Verfügung stehenden LOM-Mittel erhält und das untere Drittel leer ausgeht. Nicht unerwähnt bleiben darf in diesem Zusammenhang, dass weder die aus den LOM-Mitteln finanzierten noch die aus externen Drittmitteln finanzierten Wissenschaftler bei der Größenkorrektur einer Einrichtung berücksichtigt werden. Das heißt, die Forschungs- und Publikationsleistung dieser aktivsten Wissenschaftler wird zwar bei den Leistungspunkten einer Einrichtung hinzu addiert, aber bei der Berechnung des Rangplatzes wird so getan, als werde diese Leistung auch von den im Rahmen der Basisausstattung F&L finanzierten Wissenschaftlern erbracht.

Forschungsaktive Einrichtungen mit wissenschaftlich und gesundheitspolitisch besonders attraktiven Forschungsthemen können teilweise ein Mehrfaches des aus der Basisausstattung F&L finanzierten Personals über LOM- und externen Drittmittel finanzieren. Da diese mit befristeten Verträgen eingestellten Wissenschaftler publizieren und neue Drittmittel einwerben müssen, um nicht nach Auslaufen ihres Projektes arbeitslos zu werden, ist die Nichtberücksichtigung dieser Wissenschaftler in dem Marathonbeispiel vielleicht am ehesten damit vergleichbar, einigen Läufern Roller Skates zur Verfügung zu stellen - natürlich in unterschiedlicher Qualität. Der Wissenschaftsrat meint in seinen Empfehlungen zu Forschungsrankings im Wissenschaftssystem, dass für die Beurteilung der Effizienz einer Einrichtung "die qualitätsgewichtete Menge der Forschungsprodukte im Sinne der Effektivität hier in Relation zum Aufwand zu bewerten" ist. "Für die Erfassung des Aufwands können z.B. der Personaleinsatz oder die eingesetzten Mittel berücksichtigt werden." Folgt man dieser Empfehlung, ist nicht ersichtlich, warum beim Personaleinsatz nur bestimmte wissenschaftliche Mitarbeiter und nicht alle an der Leistungserbringung beteiligte Wissenschaftler berücksichtigt werden sollten.

Diskussionsbedarf

Aufgrund der sogenannten Größenkorrektur der Einrichtungen, die keine wirkliche Größenkorrektur ist, werden an der Medizinischen Fakultät der CAU in Kiel die besonders lehrintensiven Fächer benachteiligt, zumal keine LOM-Mittel über das Ranking in der Beurteilung der Lehre vergeben werden, sondern lediglich die Forschung berücksichtigt wird. So landeten alle drei besonders lehrintensiven rein Zahnmedizinischen Einrichtungen (Polikliniken), die anders als die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie keinen Krankenversorgungsauftrag haben, im fakultätsinternen Ranking im hinteren Drittel. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass im aktuellen CHE-Ranking (Download .pdf) die Zahnmedizin in Kiel bezogen auf die Publikationen bundesweit den Platz zwei von 30 belegt. So schlecht ist die Forschungsleistung der Zahnmedizin in Kiel also eigentlich gar nicht. Das fakultätsinterne Evaluationssystem spiegelt diese Leistung aber schon alleine aufgrund der genannten Berechnungsmethodik nicht adäquat wider. Weitere Faktoren, wie zum Beispiel fächerspezifisch sehr unterschiedlich gute Chancen, hohe Impactfaktoren zu erzielen, oder Mehrfachberücksichtigungen von Publikationsleistungen, verzerren das Leistungsbild zusätzlich.

Der Autor hofft, mit diesen Gedanken die bundesdeutsche Diskussion über eine adäquate leistungsorientierte Mittelvergabe in der Hochschulmedizin zu beleben, die nicht die lehrintensiven Fächer unangemessen benachteiligt oder sogar auf Dauer von der Erlangung eigener LOM-Mitteln ausschließt, obwohl die fachspezifischen Leistungen überdurchschnittlich sind.

Aus Forschung und Lehre :: November 2008

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