Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Leitbildorientierte Lehrerbildung - eine Perspektive für den Umgang mit der Fächervielfalt

Von Joachim Kahlert

Die Lehrerbildung soll nach den Vorstellungen von Politik und Gesellschaft vielen Anforderungen gerecht werden. Eine Überfrachtung des Studiums mit heterogenen Zielen ist die Folge. Ein Plädoyer für eine integrierende Idee, die das gemeinsame Anliegen, den "Geist" der Lehrerbildung an der jeweiligen Universität zum Ausdruck bringt.

Leitbildorientierte Lehrerbildung© bellemedia - Fotolia.com
Vorschläge und Ansprüche an die universitäre Lehrerbildung leiden oft an dem, was der Lehrerbildung selbst angelastet wird: an der Diskrepanz zwischen Theorie und Praxis. Kompetenzorientierung wird gefordert und eine bessere Abstimmung der Studienanteile. Anwendungsbezogener soll die Lehrerbildung werden, aber möglichst auch polyvalent. Fachlich hochklassig sollen ihre Absolventen ausgebildet sein, aber selbstverständlich auch fit im fächerübergreifenden Denken und bestens aufgeklärt über die vielfältigen erzieherischen Herausforderungen, mit denen Schulen heute zurechtkommen müssen. Diese Anforderungen und noch viele mehr lassen sich allesamt gut begründen. Doch sobald Ansprüche und Ideen die Fachtagungen, Journals und Expertengremien in Richtung universitäre Praxis verlassen, unterliegen sie dem Härtetest des Hochschulalltags: An Angeboten für das Lehramtsstudium sind weitaus mehr Fakultäten beteiligt als für die meisten anderen Studiengänge. Schon innerhalb einer Fakultät herrschen unterschiedliche Vorstellungen über die Bedeutung der Lehramtsstudiengänge sowie über Anforderungen und Ziele von Veranstaltungen, die für Studierende des Lehramts angeboten und manchmal auch nur für sie geöffnet werden. Die chronische Unterfinanzierung der Universitäten im Allgemeinen und der Lehrerbildung im Besonderen zwingt die angehenden Lehrer in Massenveranstaltungen. Dort können sie von einer Mitwirkung an bildungswirksamen Diskursen über inhaltliche, emotionale, soziale und ethische Anforderungen des Lehrerberufs allenfalls träumen. Und allerorts müssen Inhalte, Ziele und Bildungsideen auch für Lehramtsstudiengänge in einen akribisch geregelten Zeit- und Punkteplan eingezwängt werden. So mutieren sie zu bürokratisch überregulierten Modulen. Gerade wenn Ideen gut, aber die Bedingungen schlecht sind, sollte daran erinnert werden, wie wichtig die Lehrerbildung für die Qualität unseres Zusammenlebens heute und in Zukunft ist. Auf Globalisierungsrhetorik und ökonomistische Engführungen kann man dabei getrost verzichten.

Am Kerncurriculum für Demokratie und Kultur mitwirken

Alle Kinder und Jugendlichen nach bestem pädagogischen Wissen und Gewissen zu fördern - dies gehört heute zu unserem grundlegenden Verständnis von Gerechtigkeit und Demokratie. Jeder soll das Recht und die Chance haben, seine Persönlichkeit nach Maßgabe von Anlagen, Fähigkeiten und Interessen zu entwickeln - und nicht nach den Zufällen von Geburt und Herkunft. Dies bedeutet mehr als Wissen aus verschiedenen Sach- und Fachgebieten zu erwerben. Gemeinschaft, Staat und Wirtschaft profitieren auch davon, wenn Menschen in ihrer Kindheit und Jugend zum Beispiel ermutigt worden sind, eigene Ziele zu verfolgen, ohne die Interessen anderer dabei aus dem Auge zu verlieren, oder wenn sie frühzeitig gelernt haben, Anerkennung nicht nur zu nehmen, sondern auch zu geben.

Leider werden nicht alle Kinder und Jugendlichen bereits im Elternhaus in diesem Sinne gefördert. Von Müttern und Vätern können wir wünschen und erhoffen, dass sie das versuchen. Von der Schule können wir das erwarten und einfordern. Ihre Aufgabe ist es, allen Kindern und Jugendlichen die Chance zu geben, am kulturellen Kapital unserer Zeit teilzuhaben, also am Wissen, an Reflexionsmöglichkeiten, an ästhetischen Verfeinerungen - und dies unabhängig davon, ob die jungen Menschen in reiche oder in arme Familien hineingeboren worden sind und auch unabhängig von der Weltanschauung und vom Glauben ihrer Eltern. In dem Maße, wie der Schule dies gelingt, stärkt sie die Basis für die Verständigung in unserer heterogenen Welt mit ihren zahlreichen konkurrierenden Lebensstilen. Dann wird Schule zu dem Ort, an dem die jungen Menschen das Kerncurriculum für Demokratie und Kultur erfahren.


Wissen als gedankliche Fertigware?

Angehende Lehrer studieren in der Regel zwei Unterrichtsfächer, die dazu gehörenden Fachdidaktiken und verschiedene erziehungs- und sozialwissenschaftliche Disziplinen. Hinzu kommen Praktika an den Schulen. Eine große Bandbreite an Angeboten kommt dabei zusammen. Jedes Angebot für sich mag gut begründet und aus der Sicht der jeweiligen Fachkollegen unverzichtbar sein. Aber wir müssen die Studierenden mehr als bisher dabei unterstützen, Verbindungen herzustellen zwischen dem angebotenen Fachwissen, dem erziehungswissenschaftlichen Wissen über Kinder und Jugendliche und dem fachdidaktischen Wissen. Auf diese Verbindung kommt es an, wenn wir das Kerngeschäft unserer zukünftigen Lehrer im Auge haben: Kinder und Jugendliche später so zu unterrichten, dass nicht nur Stoff behandelt, sondern auch Verständnis gefördert wird. Das lernt man nicht im Studium alleine, dafür ist es zu kurz. Aber wenn man sich im Studium nicht gründlich mit möglichen Denkwegen und Vorstellungen der Schüler zu ausgewählten Unterrichtsinhalten auseinandergesetzt hat, dann besteht die Gefahr, später das Unterrichten falsch anzugehen. Unterricht wird dann zu eng und zu schnell an der Sachlogik des Stoffes ausgerichtet. Für die fragenden und suchenden Gedanken der Lernenden bleibt zu wenig Spielraum. So wird Wissen nicht wirklich durchdacht erworben, sondern im Vorbeigehen. Es ist nicht in den Gedanken und Vorstellungen der Lernenden gewachsen, sondern es wird als gedankliche Fertigware angeboten und übernommen. Antworten sind da, ehe Vorstellungen dazu reifen konnten.

Das führt dann z.B. dazu, dass unter meinen rund 300 Erstsemestern in der Einführungsvorlesung kaum jemand ist, der nachvollziehbar für alle erklären kann, warum ein schweres Schiff schwimmt, aber das Steinchen, das von der Reling aus ins Wasser geworfen wird, untergeht. Die Studierenden haben alle mehrere Jahre Physik in der Schule gehabt. Aber mehr als einzelne Begriffe wie "leicht", "schwer", irgendein Konzept mit Luft oder eine vage Erinnerung an Archimedes werden als Erklärung nicht angeboten. Auch Kollegen aus anderen Disziplinen machen die Erfahrung, dass es sich mit dem in langen Schuljahren erworbenen Wissen mitunter verhält wie mit Zertifikaten des Finanzmarkts - viel ging hinein, doch wenn man es nutzen möchte, ist das meiste weg. Wenn unsere Studierenden später einmal verstehensorientiert unterrichten sollen, dann dürfen wir sie im Studium nicht mit Kenntnissen und Informationen überfluten. Wir müssen auch dafür sorgen, dass sie einen offenen Blick für die Vorstellungen und Denkprozesse der Schüler bekommen. Dies gelingt nicht mit Vorstellungen von einem 08/15-Standard-Schüler. Vielmehr gehört dazu heute auch die Bereitschaft, sich auf eine sehr heterogene Schülerschaft einzustellen. Es geht hier nicht darum zu behaupten, das Lehramtsstudium könne die angehenden Lehrer auf alle damit verbundenen Herausforderungen konkret vorbereiten. Die Universität ist keine Berufsakademie und zur Lehrerpersönlichkeit wächst man nicht heran mit geistiger Nahrung, die nach dem Rezept zubereitet wurde, "Was mache ich, wenn...". Vielmehr kommt es darauf an, sich mit den Anforderungen des Berufsfeldes kritisch und reflexiv, auf der Basis soliden Wissens und angemessener Theoriebildung, auseinanderzusetzen.

Lehrerpersönlichkeit braucht Bildung - keine Rezepte

"Selbstbesinnung" sei mit das Wichtigste im Beruf des Lehrers, schrieb Theodor Adorno vor über 40 Jahren. Das gilt auch heute noch. Aber Selbstbesinnung, die den Namen verdient, gelingt nicht abgehoben. Distanzgewinn durch Theorie ist gut. Doch das darf nicht dazu führen, den Bezug auf Probleme, die sich in der Praxis stellen, als Praxeologie abzutun. Vielmehr geht es um Distanzgewinn auf Sichtweite: die schulische Realität vor Augen und die Probleme im Lichte der Theoriebildung scharf gestellt. Wolfgang Frühwald hat daran erinnert, Bildung bedeute "die Durchbrechung des elitären Wissens durch seine Rückbindung an die Gemeinschaft, an deren Ängste und Leidenschaften". Es käme darauf an, Forschungs- und Erkenntnisziele in einen "sozialen Rahmen" einzubetten, in dem auch der gesunde Menschenverstand gefragt sei.

Diese Einbettung von Wissenschaft in den sozialen Rahmen wird gerade im Lehramtsstudium vermisst. Ob man Studierende befragt, Referendare in der zweiten Phase oder deren Ausbilder, immer wieder zeichnen die einschlägigen Studien das gleiche Bild: Kritisiert wird, die vielen Angebote im Lehramtsstudium würden zu sehr nebeneinander stehen. Fachliche Spezialisierung wird als gut und richtig anerkannt, aber was fehlt, ist die Integration im Hinblick auf die pädagogischen und damit kommunikativen Herausforderungen im Lehrerberuf. Der Sammelplatz einer gemeinsamen Fakultät, wie er mancherorts propagiert oder für Standorte mit einigen wenigen Lehramtskombinationen umgesetzt wird, nützt dafür herzlich wenig. An den großen Universitäten mit mehreren Tausend Lehramtsstudierenden wollen nicht alle Gymnasial- oder Realschullehrer werden, sondern auch Haupt- oder Grundschullehrer, Schulpsychologe oder Lehrkraft für eine sonderpädagogische Fachrichtung. Alle Studierenden zusammen fragen das ganze Spektrum von geisteswissenschaftlichen, sozialwissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fächern nach. Und das Interesse der Studierenden an pädagogischen und psychologischen Problemen unterscheidet sich auch noch von Schulart zu Schulart.


Ein Leitbild für die Lehrerbildung

Um der großen Zahl von Studierenden und der heterogenen Nachfrage gerecht zu werden, braucht die Lehrerbildung gerade an den großen Universitäten eine integrierende Idee, die das gemeinsame Anliegen, den "Geist" oder auch die "Philosophie" der Lehrerbildung an der jeweiligen Universität über alle beteiligten Fakultäten hinweg zum Ausdruck bringt. Lehrerbildung braucht ein Leitbild, das flexibel genug ist, um die Vielfalt der Fächer mit ihren unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen anzusprechen, und klar genug, um das Kernanliegen der Lehrerbildung an der Universität zum Ausdruck zu bringen. Wofür stehen wir? Was sind unsere Essentials? Worauf kommt es uns an? Ein Vorschlag für ein solches Leitbild ist: "Schule verstehen - Professionalität entwickeln".

Der Weg zum Lehrer bedeutet nicht, einfach nur die Seite und damit die Blickrichtung zu wechseln. Vielmehr kommt es darauf an, sich ein umfassendes Verständnis von den späteren Herausforderungen zu erarbeiten. Das hat weniger damit zu tun, Aufbau und Organisation der Schule kennenzulernen. Viel wichtiger ist es zunächst einmal, die grundlegende Idee von Schule zu verstehen. Schule verstehen heißt, sich mit ihrem Bildungsauftrag auseinanderzusetzen, mit ihrer Bedeutung für Demokratie und Kultur, mit ihren Entwicklungschancen, aber auch mit ihren Zumutungen. Der Bildungsauftrag der Schule ist größer als die Summe der Lehrpläne einzelner Fächer. Ihn verstanden zu haben, unterscheidet den Lehrer, der mit reflektierter Leidenschaft versucht, die Kinder und Jugendlichen von seinem Fach zu begeistern, von dem Lehrer, der als Unterrichtsbeamter agiert und Stoff unterrichtet, weil das so im Lehrplan steht. Die Verständigung über ein Leitbild für die Lehrerbildung trägt dazu bei, Profile zu schärfen und den Beitrag aller beteiligten Fächer und Fakultäten an der Lehrerbildung zu klären und sichtbar zu machen. Der gemeinsame Geist, den die fächerübergreifende Aufgabe der Lehrerbildung braucht, lässt sich nicht topdown über alle beteiligten Fächer und Fakultäten hinweg verordnen. Er muss im Dialog entstehen, in Diskussionen Gestalt gewinnen und in Veranstaltungen lebendig werden. Daran können alle Fächer, die an der Lehrerbildung beteiligt sind, jede Fachwissenschaft und jede Fachdidaktik mitwirken.

Allerdings ist es mit einem Leitbild alleine nicht getan. Es soll ja nicht am Himmel der Ideen schweben oder dazu dienen, Webseiten und Briefköpfe von Lehrerbildungszentren und Fakultäten zu schmücken. Vielmehr soll es wirksam werden in den Vorlesungen und Seminaren. Auch hier gilt: weniger ist mehr. Die heute verbreitete Vorstellung, mit ausufernden Kompetenzkatalogen ließe sich die Professionalität junger Menschen für einen der intellektuell anspruchsvollsten Kommunikationsberufe entwickeln, grenzt an den Glauben an eine "hidden hand" in der Lehrerbildung: es wird sich schon irgendwie sinnvoll fügen.

Drei Kernfragen

Dabei wäre schon viel gewonnen, wenn die Studierenden sich im Laufe des Studiums folgende drei Kernfragen immer klarer und immer besser begründet beantworten könnten: Worauf will ich als Lehrerin, als Lehrer hinaus? Wie komme ich dorthin? Wie wirke ich dabei? Antworten auf die erste Kernfrage beziehen sich auf die unverzichtbare Klärung zentraler Sinnfragen des Unterrichtens: Welche fachlichen Ziele verfolge ich mit dem Inhalt? Wie begründe ich diese Ziele vor dem Hintergrund übergreifender Bildungsansprüche? Die zweite Frage dreht sich um das Kerngeschäft, also um Fragen des Unterrichts, um die Gestaltung von Lernumgebungen und um eine angemessene Anordnung der Unterrichtsinhalte. Und die dritte Frage zielt auf das professionelle Auftreten der Lehrerinnen und Lehrer, auf das Hineinfinden in die Lehrerolle, auf die Weichenstellung für die Entwicklung einer Lehrerpersönlichkeit. Wenn jeder Lehrende in seinem Bereich dazu beiträgt, dass Studierende des Lehramts sich diese drei Fragen nach und nach immer klarer beantworten können, dann unterstützen wir sie dabei, sich den Zusammenhang zwischen den unterschiedlichen Angeboten in der Lehrerbildung zu erarbeiten. Dann reifen die Studierenden im Denken zum Lehrer, vielleicht auch ein wenig schon im Können - und sogar im Herzen. Der bayerische Staatsminister a.D. Hans Zehetmair schrieb kürzlich in einem Beitrag über die Herausforderungen der demographischen Entwicklung, es habe ein "Zeitalter für Gesellschaftspioniere" begonnen. Diese Formulierung lässt sich für die Lehrerbildung aufgreifen. Wenn alle, die Veranstaltungen in der Lehrerbildung anbieten, sich an einem gemeinsamem Leitbild orientieren, dann können wir mit dafür sorgen, dass die zukünftigen Lehrer auch Pionieraufgaben wahrnehmen, dass sie zu Bildungspionieren werden, beim Mitgestalten einer guten Welt heute und einer besseren morgen.


Über den Autor
Professor Joachim Kahlert lehrt Pädagogik an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ist Direktor des Lehrerbildungszentrums.


Aus Forschung und Lehre :: November 2009

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote