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Leopoldina und Junge Akademie gegen Lehrprofessur

 

Die Verbindung von Forschung und Lehre soll entgegen der Vorstellungen des Wissenschaftsrates nicht getrennt werden. Reine Lehrprofessuren würden die Qualität der Ausbildung beeinträchtigen.

Leopoldina und Junge Akademie gegen Lehrprofessur© LeopoldinaDie Leopoldina
Die Junge Akademie an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina haben sich gegen den Vorschlag des Wissenschaftsrates gewandt, Lehrprofessuren mit erhöhtem Deputat als eigene Personalkategorie einzuführen. Damit werde der Verlust der Einheit von Forschung und Lehre institutionalisiert. Durch einen substantiellen Anteil von Lehrprofessuren an Universitäten verliere die Universitätsprofessur darüber hinaus deutlich an Attraktivität.

"Entscheidend für die Qualität der Ausbildung an deutschen Universitäten ist die enge Verbindung von Forschung und Lehre", heißt es in gemeinsamen Empfehlungen "Zur Zukunft der Lehre an Universitäten in Deutschland".

Die Akademien befürchten auch, dass die weniger angesehenen Lehrprofessuren "mit hoher Wahrscheinlichkeit primär" mit Frauen besetzt werden. Diese erwarte hier weniger Konkurrenz und daher bessere Erfolgschancen. "Wir sehen ein gleichstellungspolitisches Fiasko vorher: Frauen lehren, Männer forschen", heißt es in dem Papier.

Die Akademien wenden sich ebenfalls gegen den Vorschlag, eine Deutsche Lehrgemeinschaft ähnlich der Deutschen Forschungsgemeinschaft zu gründen. Eine solche von der Forschungsförderung getrennte Institution würde die Einheit von Forschung und Lehre noch weiter unterminieren. Stattdessen sollte die Integration dieser beiden Kernaufgaben auch in der finanziellen Förderung erfolgen.

Beide Akademien sprechen sich dafür aus, die enge Verbindung von Forschung und Lehre zu stärken. Diese setze allerdings mehr Freiheit als bisher voraus. An die Stelle der bürokratischen Einengung, die derzeit mit der Bachelor- und Masterreform Einzug halte, müssten bewusst zeitliche, finanzielle und organisatorische Freiräume für die Studenten und Lehrenden treten. Darüber hinaus müsse das Forschen bereits im Studium fester Bestandteil der Lehre werden. Die Akademien mahnen weiter eine wesentlich bessere Betreuungsintensität als bisher an.

"Gute Lehre" lebt vor allem vom persönlichen Kontakt und der intellektuellen Nähe zwischen Lehrenden und Lernenden. Deshalb sei es notwendig, die starren Deputate der Lehrverpflichtungsverordnung abzuschaffen und stattdessen eine bestimmte Summe an Semesterwochenstunden über längere Zeiträume zu vereinbaren. Je nach Lebensalter, Karrierephase und individuellen Bedürfnissen könnten sich zeitlich begrenzte Phasen intensiverer Lehr- oder Forschungstätigkeit abwechseln. Bei der Berufung von Professoren sollte die Lehrleistung der Kandidaten wesentlich stärker als bisher berücksichtigt werden. Die Akademien plädieren auch dafür, neben der Anzahl geleisteter Semesterwochenstunden ein Engagement in den "Grauzonen der Lehre" zu würdigen. Dies beziehe sich etwa auf die Sprechstunden, die Betreuung von Studienprojekten und Abschlussarbeiten und das Engagement für eine Überarbeitung der Studienpläne.

Um die Qualität der Lehre an den Universitäten zu verbessern, fordern die Akademien zusätzliche Mittel "weit über das Maß der derzeitigen Studiengebühren" und den Hochschulpakt 2020 hinaus.


Die Empfehlungen sind im Internet unter www.diejungeakademie.de» abrufbar.


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Leerprofessor - Der Kommentar von Michael Hartmer

Die Junge Akademie hat Intelligentes und Nachlesenswertes über die Zukunft der universitären Lehre vorgelegt. Sie macht - unter anderem, aber vor allem - den zunehmenden Verlust der Einheit von Forschung und Lehre als Kernproblem aus. Folgerichtig wendet sie sich gegen den Vorschlag, Lehrprofessuren mit erhöhtem Lehrdeputat als eigene Personalkategorie einzurichten. "Unter dem Deckmäntelchen einer passgenauen ... Strukturreform" gehe es eigentlich nur um eines: "Die Quantität der Lehre preisgünstig zu steigern."

Genau so ist es - und alle wissen das. Dass der Schuldner Staat wieder einmal versucht, im Wege des Null-Summen- Spiels mehr Leistung, in diesem Fall mehr Lehre, aus den Universitäten herauszupressen, ist zumindest verständlich, seitdem nicht mehr die Wissenschafts-, sondern die Finanzminister die Grundsätze der Hochschulpolitik bestimmen. Aber was treibt den Wissenschaftsrat, dieses wissenschaftsfeindliche Sparkonzept auch noch als attraktive Reform zu promovieren? Warum verkauft er dem staunenden Publikum die von Forschung entleerte Lehrprofessur als wesentlichen Beitrag, das Renommee der akademischen Lehre zu steigern?

Vielleicht sollte sich der Wissenschaftsrat bei solchen Begründungen auch einmal um sein eigenes Renommee sorgen. Denn etwas können Wissenschaftler überhaupt nicht leiden: Wenn man sie für dumm verkaufen will.

Autor: Michael Hartmer
Der Autor ist Rechtsanwalt und Geschäftsführer des Deutschen Hochschulverbandes.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2008

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