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Lernen von der Natur

Interview: Christiane Grefe

Jens Mittelsten Scheid erhält in dieser Woche den Deutschen Stifterpreis - als Förderer von Nachhaltigkeit und Menschlichkeit. Ein Gespräch.

Lernen von der Natur© Pressestelle Bundesverband Deutscher Stiftungen e.V.Jens Mittelsten Scheid erhält am 7. Mai 2010 den Deutschen Stifterpreis
DIE ZEIT: Sie sehen sich als »Anstifter«, das klingt nach Überzeugungsarbeit. Wozu wollen Sie die Leute mit Ihrer Stiftung überreden?

JENS MITTELSTEN SCHEID: Zur Eigenaktivität - selbst etwas zu tun. Dabei reden wir auf niemanden moralisch ein. Wir schaffen Hilfsstrukturen, die das Aktivwerden erleichtern.

ZEIT: Ihr jüngstes Beispiel sind »Interkulturelle Gärten«. Sie werden in Berlin oder München von Migranten unterschiedlicher Herkunft gemeinsam mit Deutschen bepflanzt. Was wächst da?

MITTELSTEN SCHEID: Es wachsen Wurzeln, und Verwurzelung ist Voraussetzung für Integration. In Interkulturellen Gärten gewinnen viele Zuwanderer wieder Boden unter den Füßen.

ZEIT: Wie soll Anbau von Tomaten, Liebstöckel und Dahlien praktische Integration fördern?

MITTELSTEN SCHEID: In Göttingen habe ich beobachtet, wie Migranten erst einmal so anbauten, wie sie es aus ihrer Heimat gewöhnt waren. Die einen zogen Furchen für die Saat, andere häufelten Erde auf. Im ersten Fall sind die Pflanzen abgesoffen, im zweiten vertrocknet. So erlebt man unmittelbar: In Deutschland ist alles anders, der Boden, das Klima, die Menschen. Äthiopier, Türken und Chilenen können sich nur auf Deutsch verständigen. So wird auch die Sprache gelernt, wir helfen dabei mit Kursen. Und in vielen Kulturen hat das Schenken eine zentrale Bedeutung. Nach der Ernte etwas Eigenes geben zu können, stützt das Selbstwertgefühl.

ZEIT: Beim Pflanzen und Unkrautrupfen prallen unterschiedliche Religionen, Werte und Traditionen aufeinander. Gibt es da Spannungen?

MITTELSTEN SCHEID: Wir empfehlen Regeln, zum Beispiel, dass erst mal nur über Pflanzen gesprochen wird, nicht über Religion und Politik. Daran halten sich die meisten schon aus Selbstschutz.

ZEIT: Wollten Sie mit den Gärten zugleich grüne Inseln in der Stadtlandschaft schaffen?

MITTELSTEN SCHEID: Anfangs haben wir nur an Integration gedacht, aber zunehmend ist auch die ökologische Frage gestellt worden. In allen Gärten wird jetzt biologisch angebaut. Dadurch sind wir mit einer neuen Bewegung in Kontakt gekommen, unglaublich, was da alles entsteht! Auf dem Balkon wachsen neben Geranien auch Tomaten und Gewürze. Gemeinschaftliche und therapeutische Gärten werden angelegt. Beim Guerilla Gardening bepflanzen junge Leute ungenutzte Flächen. Wir versuchen mit der Stiftung, urbane Landwirtschaft voranzubringen.

ZEIT: Sie haben auch Häuser für »Eigenarbeit« initiiert, offene Werkstätten, wo man schreinern, malen, bildhauern kann. Warum?

MITTELSTEN SCHEID: Etwas herzustellen hilft, sich selbst wahrzunehmen, an seinem Werk zu wachsen und die Welt zu begreifen. Das Bildungswesen fördert nur noch den Kopf. Unsere Initiative richtet sich an keine speziellen Gruppen, sie fruchtet vom Arzt bis zum Beamten.

ZEIT: Aber wir leben doch in einer Selbermach- Gesellschaft, kaufen Kochbücher, Baumärkte boomen. Wo ist der Unterschied?

MITTELSTEN SCHEID: Wer sich ein Ikea-Regal zusammenbaut, der bleibt Konsument und ist gezwungen, sich mit den vorgegebenen Wertigkeiten der Hersteller auseinanderzusetzen. Man kann in unseren Häusern beobachten, wie viele im Gespräch mit dem Fachberater auf etwas ganz anderes kommen. Das Eigene.


ZEIT: Zum Beispiel?

MITTELSTEN SCHEID: Einer hat sich mal ein Bett gebaut, das direkt am Fuß eine Schiene für den Fernseher hat. Aber neben dem Werkstolz und der Begegnung ganz unterschiedlicher Menschen gibt es in den Häusern der Eigenarbeit noch einen weiteren Effekt: den ökologischen. Ein selbst gefertigtes Möbelstück wird man so schnell nicht austauschen. Und wer stolz ist auf die eigene Leistung, der gewinnt auch politisch und ökonomisch mehr Mut.

ZEIT: Wozu brauchen wir Mut in der Wirtschaft?

MITTELSTEN SCHEID: Es ist schon eine Binsenweisheit, dass sich das Wachstum nicht ewig fortsetzen kann und dass wir Alternativen finden müssen. Wir starren aber weiter wie gebannt auf alle möglichen Indizes wie Bruttoinlandsprodukt, Geschäftsklima- und Börsenkurven oder Preissteigerungen - und sind auf Wachstum fixiert. So werden wir den Karren vor die Wand fahren.

ZEIT: Immerhin hat die Diskussion über das Wachstum wieder begonnen. Meinhard Miegel etwa meint, das Wachstum verschlinge wie ein verheerender Brand Menschen, Tiere, Städte und Kulturen. Flammende Warnungen - was tun?

MITTELSTEN SCHEID: Wir könnten von der Natur lernen. Wenn zum Beispiel ein Wald sich nicht mehr räumlich ausweiten kann, dann investiert er in Erneuerung und Vielfalt. Genau das müssen wir auch tun. Statt den Arbeitsdruck aufwändig immer weiter zu verschärfen, sollten wir in die Menschen investierten. Für mich ist jede technokratische Engführung des Blicks bedrohlich. Wir müssen wieder mehr auf das Nichtkommerzielle schauen: den einzelnen Menschen, soziale Beziehungen, die Kultur, die Familie. Dann werden wir auf neue Ideen kommen.

ZEIT: Viele meinen aber, das Wachstum sei dem Kapitalismus so sehr immanent, dass man es innerhalb des Systems gar nicht verändern kann.

MITTELSTEN SCHEID: Darauf habe ich auch keine letztgültige Antwort. Grundsätzlich halte ich den Markt für ein feingliedriges Steuerungssystem. Aber der zinsgetriebene Wachstumszwang des Kapitalismus ist eine Katastrophe, insbesondere die Abspaltung der Finanz- von der Realwirtschaft.

ZEIT: Angesichts solcher Dimensionen wirken Häuser der Eigenarbeit fast possierlich.

MITTELSTEN SCHEID: Man muss klein anfangen, leider. Ich kann nicht in die Zukunft schauen, ich möchte aber daran arbeiten. Wir unterstützen auch viele Versuche, regionale Wirtschaftskreisläufe wieder ernst zu nehmen. Die sind überschaubarer, demokratischer, oft ökologisch verträglicher.

ZEIT: Fördert diese Regionalität nicht Ressentiments gegen die Globalisierung?

MITTELSTEN SCHEID: Überhaupt nicht, Regional und Global gehören zusammen. Die wichtigste Frage ist doch: Wie sollen sich die armen Länder entwickeln? Sollen wir denen, die mit Neid auf unser Konsumniveau schauen, sagen: Das dürft ihr leider nicht erreichen, das verträgt die Welt nicht mehr? Dann können wir uns in Europa gleich hinter hohen Mauern verschanzen. Wenn wir die Globalisierung als etwas Notwendiges und Positives retten wollen, dann müssen wir einen Lebensstil entwickeln, der nachhaltig und weltweit tragfähig ist.

ZEIT: Wie leben Sie mit dem Widerspruch, dass Sie das Wachstum anprangern, zugleich aber kommt das Geld Ihrer Stiftung aus einem Unternehmen, das weltweit zukauft und wächst?

MITTELSTEN SCHEID: Als Beirat der Firma freue ich mich, wenn Vorwerk wächst. Nicht das Wachstum eines einzelnen Mitglieds der Wirtschaft stellt ein Problem dar, sondern der Zwang zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum.

ZEIT: Werbung des Direktvermarkters Vorwerk preist die Hausfrau als Managerin: »Ich führe ein erfolgreiches kleines Familienunternehmen.«

MITTELSTEN SCHEID: Mir gefällt, dass die Arbeit der Hausfrauen darin Respekt und Achtung erfährt. Gewiss, mit der Ökonomisierung dieses Wertes war ich nicht ganz so einverstanden.


ZEIT: Sie sollten Vorwerk eigentlich übernehmen, warum haben Sie es nicht getan?

MITTELSTEN SCHEID: Mein Vater war ein begeisterter Techniker, er stellte hochintelligente Fragen, war sozial engagiert. Aber die ständige Eingespanntheit war für mich nicht nachahmenswert. Ich hatte auch das Gefühl, dass mir dazu die Fähigkeit fehlt. So habe ich mich entschieden, Philosophie zu studieren.

ZEIT: Zum Ärger Ihres Vaters?

MITTELSTEN SCHEID: Er hat das mit Schmerzen akzeptiert. Im Nachhinein bedaure ich auch eine gewisse Rücksichtslosigkeit. Ich war damals in den sechziger Jahren voll auf dem antikapitalistischen Trip, habe meinen Hintergrund negiert. Wir haben uns aber Ende der siebziger wieder sehr schön angenähert, als meine Eltern die Ertomis- Stiftung gründeten. Ihre und meine Stiftung sind heute unter einem Dach, sie haben dieselbe Grundidee: Vorhandene Kräfte stützen und nicht Defizite ausgleichen.

ZEIT: Privaten Stiftern wird gelegentlich zu großer gesellschaftspolitischer Einfluss vorgeworfen.

MITTELSTEN SCHEID: Das ist ein sehr wichtiges, schwieriges Thema. Man muss es sogar noch zu spitzen: Meist ist ja die Hälfte dessen, was Stiftungen investieren, auch noch von den Steuerzahlern finanziert, da gestiftete Summen steuerlich absetzbar sind. Da könnte die Gesellschaft mit großer Berechtigung fragen: Wieso entscheidet ihr über Summen, die wir zur Verfügung stellen?

ZEIT: Was antworten Sie darauf?

MITTELSTEN SCHEID: Ich kann das nur als Dilemma akzeptieren. Denn ich bin andererseits davon überzeugt, dass private Initiativen und die Verantwortung dafür sehr wichtig sind und in der Mehrzahl der Fälle Innovationen vorantreiben.

ZEIT: Seit einiger Zeit ist ein »Netzwerk Wandel stiften« geplant, dabei wird auch über mehr Transparenz und demokratische Entscheidungen bei den Stiftungen nachgedacht.

MITTELSTEN SCHEID: Wir machen mit in diesem Netzwerk, schätzen die Kooperation und Offenheit. Wir wollen aber nicht, dass in die Projekte zu viel reinregiert wird.

ZEIT: Keine Mitbestimmung über privates Geld?

MITTELSTEN SCHEID: Die Mehrheit der Stiftungen hat ja einen Beirat, der Perspektiven von außen einbringt. Mit der Anstiftung bin ich da eine echte Ausnahme. Ich fühle mich am wohlsten, wenn ich mit einigen Mitarbeitern unabhängig entscheiden kann und nicht jede Kleinigkeit rückkoppeln muss. Wenn mir einer sagt, dass er diese Haltung für unmöglich hält, dann finde ich das okay.


Der Mensch und seine Idee
Jens Mittelsten Scheid, 1941 geboren, wuchs in Wuppertal auf. Dort war sein Vater persönlich haftender Gesellschafter des internationalen Konzerns Vorwerk & Co. Der Sohn wollte das vor allem durch Direktvertrieb von Haushaltswaren bekannte Unternehmen nicht übernehmen, sitzt aber im Beirat. Den Eltern folgte er in der Überzeugung, dass Eigentum verpflichtet. So verwaltet und inspiriert er ein Konglomerat von Familienstiftungen unter dem Dach der Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis gGmbH. Sie haben zahlreiche soziale und ökologische Initiativen angeschoben, aber auch Forschung und kulturelle Projekte wie das Franz Marc Museum in Kochel am See. Mittelsten Scheid lebt mit seiner Familie in München. Für sein innovatives gesellschaftspolitisches Wirken erhält er am 7. Mai den Deutschen Stifterpreis.


Aus DIE ZEIT :: 06.05.2010

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