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Lernt von den Studenten!

Von CHRISTIAN DRIES

Professoren begreifen den digitalen Wandel an den Hochschulen nicht. Stattdessen hacken sie auf ihren Studenten herum. Schluss damit!, fordert der Dozent.

Lernt von den Studenten!© Christian DriesDr. Christian Dries lehrt am Institut für Soziologie der Universität Freiburg
Auch wenn Studenten wohl nie eine besonders gute Presse hatten: Selten war ihr Ruf so ruiniert wie heute. Sie seien angepasste, ichverliebte, faule Nutzenoptimierer, bekommt man aus der Professorenschaft zu hören. Sie hingen wie der Kranke am Tropf an ihren Plastikwasserflaschen und wollten keine Bildungsinhalte mehr schlucken, die nicht zuvor von didaktisch getunten Alleinunterhaltern mundgerecht püriert wurden. Und mindestens ein Viertel von ihnen sei mit Ritalin und Co. gedopt!

Es stimmt: Wer an einer deutschen Uni unterrichtet, benötigt eine hohe Frustrationstoleranz. Ein gutes Drittel unserer »Kunden« - so werden Studierende im Universitätsjargon tatsächlich genannt - wäre an einer Fachhochschule oder in einem Ausbildungsbetrieb besser aufgehoben. Hausarbeiten mit über zehn Kommafehlern pro Seite und dürftig verschleierte Plagiate haben keinen Seltenheitswert, während Bücher den meisten Bacheloranwärtern eher im Weg stehen. Wer sich in der Bibliothek damit abmüht, wird von Kommilitonen allen Ernstes gefragt, warum er oder sie zu blöd sei, im Internet Zusammenfassungen zu lesen. Zu schade ist sich ein Teil der jungen Leute auch für elementare Höflichkeitsformen. E-Mails mit »Hallo Prof« und »dann hat sich der Scheiß erledigt« finden sich - »mit lieben Grüßen« - in den Postfächern vieler Kollegen.

Wie alle Leidensgenossen habe ich mich über diese »Kunden« schon mächtig geärgert, ihre geradezu ontologische Bräsigkeit und ihr cooles Desinteresse gegeißelt und mich selbst an eines der neuen feinen University Colleges gewünscht, in denen nur die bildungshungrigen Besten der Besten unterrichtet werden (ich kenne den Unterschied). Wie viele meiner Kollegen nervten mich die aufgeklappten Laptops, Tablets und ostentativ auf den Tischen platzierten Smartphones, mit denen gedankenflüchtige Seminaristen nebenbei ihr Facebook-Profil im Blick behalten und E-Mails checken. Und wie die meisten meiner Kollegen tröstete ich mich damit, dass Dampfablassen in jedem Job zu den Kernkompetenzen zählt. Doch obwohl vieles so ernüchternd ist, wie es entnervte Hochschullehrer unablässig von den Dächern pfeifen, hat das längst routinierte Bashing inzwischen an Stimmigkeit verloren.

Die Beschimpfung der Lernenden durch die Lehrenden ist in etwa so alt wie die Idee der pädagogischen Wissensvermittlung. Immer schon stritten sich die Jugendverächter mit den Enthusiasten, die im Neuen das Innovative sahen statt den Verfall. Die endlose Debatte gehört zum Bildungsbetrieb wie das Amen in die Kirche. Im Gegensatz zum Gottesdienst ist sie durchaus unterhaltsam, zeichnet sich jedoch wie etliche Kulturkämpfe vor allem durch eines aus: ihre Unentscheidbarkeit. Gute Argumente gibt es für den Niedergang wie für die hoffnungsvolle Zukunft. Meist reicht nur eine kleine Perspektivverschiebung. So lässt sich die allerorten beklagte Erosion der Höflichkeit auch als begrüßenswertes Symptom abnehmender Autoritätsgläubigkeit interpretieren. Informelles Verhalten kann beides bedeuten: Mangel an Form und Suche danach.

Das ist kein Plädoyer für anything goes. Wenn gestandene Gymnasiallehrer berichten, sie könnten heute nicht mehr auf demselben Niveau unterrichten wie noch vor fünfzehn Jahren, dann sollte uns das tatsächlich nachdenklich stimmen. Und wenn frisch examinierte Schüler dann sogar in geisteswissenschaftlichen Studiengängen Bücherlesen lästig finden, ist das ein zweifellos gravierendes Problem. Die Kritiker haben recht: Es ist etwas faul in der Bildungsrepublik Deutschland.

Aber eine realistische Lagebestimmung wird nur daraus, wenn man mitbedenkt, dass wir es sind, die die Strukturen verantworten, in denen sich der Unterricht abspielt. Wir waren es (und unsere akademischen Lehrer), die sich nicht genügend gegen den Bologna-Wahnsinn gewehrt haben. Wir sind es, die unsere modularisierten Studiengänge überfrachten und die vor den realitätsfernen Auflagen der Akkreditierungsagenturen kuschen. Wir sind es, die unsere »Kunden« auf einen Studienmarathon hetzen, bei dem für manche Hausarbeit am Ende der Semesterferien nur noch eine Woche Luft bleibt. Wie sollte dabei je ein befriedigendes Ergebnis herauskommen?

Umgekehrt sind es nicht nur wir, die unter diesen Auswüchsen leiden; auch unsere Studenten fühlen sich mit ihren aus der Not geborenen, hingeschluderten Elaboraten unwohl. Sind sie es, über die wir klagen sollten, wenn sie in Sprechstunden fragen, wie sie denn bloß ihr Studium in der Regelzeit abschließen und noch zwei Praktika und einen Auslandsaufenthalt dazwischenquetschen sollen? Wer hat ihnen das kleine Einmaleins der permanenten Selbstoptimierung beigebracht? Wer hat sie dazu genötigt, neben den eigentlichen Inhalten des Studiums auch noch unablässig an ihren »soft skills« und »Qualifikationsprofilen« zu feilen? Und wer von uns ließe sich nicht selbst andauernd vom eigenen Smartphone ablenken?

Aus der subjektiven Perspektive sind immer die anderen schuld - die alten Honoratioren, die Uni-Verwaltung, die zu jungen Kollegen. Tatsächlich sitzen wir alle im selben Boot. Und vielleicht sehen wir deshalb auch nicht, was uns wirklich umtreiben sollte und worüber wir eine ernsthafte Debatte führen müssen: Es ist der epochale Wandel der Digitalisierung, dem wir kulturkritisch aufgescheucht, aber weitgehend sprach- und ideenlos beiwohnen.

Dass es auch anders geht, zeigt uns der 84-jährige französische Philosoph Michel Serres mit seinem Buch Erfindet euch neu! - Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation. Zwar ist sein Hymnus auf die Digital Natives, die er liebevoll »kleine Däumlinge« nennt, weil sie so behände auf ihren Smartphones tippen, nicht frei von großväterlicher Verklärung. Seine Beschreibung aber liest sich so nüchtern wie luzide: Der Lehrende alten Typs, die klassische Vorlesung und die gute alte Bibliothek werden vielleicht bald verschwinden. Ein paar Klicks auf YouTube zeigen schon jetzt: überall Lehrende. Das Wissen liegt auf der Straße, und das, was wir einst unser »Vermögen« nannten, so Serres, tragen die Jungen heute in ihren »Kognitionsbüchsen« ständig mit sich herum.

Der Effekt ist bis in die neuronalen Tiefenstrukturen ihrer Hirne messbar. Kurz: Der ganze biologische, kognitive, mediale, akademische Apparat der Wissensproduktion und -distribution steht vor seiner größten Umwälzung seit Humboldts Universitätsreform und der Erfindung des Buchdrucks. Neues Wissen kommt künftig nicht mehr nur vom Katheder, es folgt vielmehr dem »Prinzip der Serendipität« (Serres) - es entsteht zufällig, digital, in »Echtzeit«, kollaborativ, über alle möglichen Schranken, wissenschaftstheoretischen Grenzregime und Idiosynkrasien hinweg.

Ein solcher revolutionärer Wandel fordert seinen Preis. Vieles, was uns lieb und teuer ist, gehört womöglich unter Artenschutz. Schon jetzt rangiert das Buch an der Uni nur noch unter »ferner liefen«. Wie man ohne Lektüre Kant, Hegel, Geschichte oder Soziologie studieren sollte, ist kaum vorstellbar. Mangelnde Fantasie darf uns aber nicht daran hindern, genau darüber nachzudenken, ohne ständig Verlustrechnungen aufzumachen. Wenn wir uns weiter nur über die wahlweise überangepassten oder allzu unbekümmerten Jungen mit ihren »Kognitionsbüchsen« ärgern, ohne uns zu fragen, was da eigentlich auf uns zukommt und wie wir den unaufhaltsamen Wandel mitgestalten wollen, ist uns - aus tausend Kehlen - bald das schallende Lachen der thrakischen Magd gewiss, die in der Geburtsstunde des europäischen Geistes den ersten aller Philosophen verhöhnte, weil er, weltfern sinnierend, in den Brunnen vor ihm fiel.

Aus DIE ZEIT :: 18.06.2015

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