Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Lettland schlägt Deutschland - Chancengleichheit in Osteuropa

Das Interview führte Alexandra Straush

Frauen, die Karriere in der Wissenschaft machen wollen, haben es in Osteuropa leichter. Die Gender-Expertin Anke Lipinsky erklärt warum.

Lettland schlägt Deutschland© william87 - Fotolia.comLaut einer EU-Studie liegen osteuropäische Länder, wie Lettland, in puncto Gleichstellung von Frauen in der Wissenschaft, vor Deutschland
DIE ZEIT: In der EU-Studie She Figures zu Frauen in der Wissenschaft steht Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern nicht gut da. Auf drei Forscher kommt gerade mal eine Frau. In Litauen und Lettland hingegen sind die Forscherinnen sogar knapp in der Überzahl. Bulgarien, Ungarn und Rumänien erreichen immerhin nahezu ausgewogene Verhältnisse. Haben uns die osteuropäischen Staaten in Sachen Gleichstellung etwas voraus?

Anke Lipinsky: Nein, ganz im Gegenteil. Denn man muss auch sehen, wie diese Zahlen zustande kommen. Der hohe Frauenanteil unter den Forschern in Osteuropa rührt vor allem daher, dass Stellen im öffentlich geförderten Wissenschaftssystem in diesen Ländern schlecht bezahlt sind. Die Männer orientieren sich daher eher in Richtung Wirtschaft. Der Konkurrenzdruck an den Hochschulen ist auch dadurch geringer, und damit steigen die Chancen für Frauen. Aber das relativiert sich dann auf dem Weg nach ganz oben. Bei den Vollprofessuren liegt der Frauenanteil zum Beispiel in Lettland nur noch bei 32 Prozent.

ZEIT: Das ist aber immer noch besser als in Deutschland. Nach der EU-Studie liegt der weibliche Anteil an den Professuren hierzulande bei 15 Prozent.

Lipinsky: Das stimmt. Aber es gibt immerhin eine positive Entwicklung: Im Jahr 2002 lag der Frauenanteil an den Professuren gerade mal bei acht Prozent. Er hat sich nun innerhalb von zehn Jahren nahezu verdoppelt, und die neuesten Zahlen liegen noch höher, bei 19 Prozent. Das ist auch eine Folge der Gleichstellungspolitik.

ZEIT: Die haben die Osteuropäer offenbar gar nicht nötig.

Lipinsky: Noch nicht. Bulgarien zum Beispiel kümmert sich nicht aktiv um die Gleichstellung, weil das Geschlechterverhältnis recht günstig ist. Das Land zehrt vom kulturellen Bonus der postsozialistischen Staaten: Vollbeschäftigung, Kinderbetreuung, das sozialistische Verständnis von Gleichheit - das hat zu anderen Rollenmodellen der Geschlechter geführt. Aber schaut man sich zum Beispiel die naturwissenschaftlich-technischen Promotionen von Frauen an - deren Anteil geht in Bulgarien über die Jahre zurück.

Lettland schlägt Deutschland © ZEIT-Grafik Anteil der Frauen in der Wissenschaft in Europa
ZEIT: Trotzdem ist laut Statistik ausgerechnet Rumänien das EU-Land, in dem Forscherinnen auf dem Weg nach oben am wenigsten Probleme mit der gläsernen Decke haben.

Lipinsky: Das liegt daran, dass gewisse Rahmenbedingungen die Statistik verzerren. In Rumänien ist das Verhältnis von Professoren zu wissenschaftlichen Beschäftigten günstiger als in Deutschland. Das heißt, der wissenschaftliche Nachwuchs hat mehr Chancen aufzusteigen, einfach weil es mehr Professuren gibt. Das gilt natürlich für beide Geschlechter gleichermaßen. Günstig für die Frauen ist zusätzlich die geringere Mobilität in Osteuropa. Die Forscher bleiben häufiger bei einer Institution. Es gibt zum Beispiel kein Hausberufungsverbot. Anders als in Deutschland ist niemand gezwungen, für einen weiteren Karriereschritt die Hochschule zu wechseln. Studien haben gezeigt, dass weibliche Netzwerke engmaschiger sind als die von Männern. Bei geringerer Mobilität können Frauen ihre sozialen Kontakte also besser nutzen, um voranzukommen.

ZEIT: Als ein Grund für den Schwund an Talenten wird die harte Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter zwischen Doktorarbeit und Professur genannt. Das gilt für alle EU-Staaten und beide Geschlechter. Warum ist der Ausfall bei Frauen dennoch höher als bei Männern?

Lipinsky: Die Wissenschaft wird gelegentlich als greedy occupation, als gierige, vereinnahmende Profession bezeichnet. Die Beschäftigungsverhältnisse wissenschaftlicher Mitarbeiter sind unsicher, die Bezahlung ist schlecht, die Leistungserwartungen sind hoch. Diese anstrengende Qualifizierungsphase fällt mit der Zeit der Familiengründung zusammen. Frauen setzen deshalb oft andere Prioritäten. Sie wählen zum Beispiel als Alternative wissenschaftsnahe Berufe. Vor allem wenn sie sich ausrechnen können, dass ihre Chancen in einer durch Männer geprägten Wissenschaftskultur schlecht stehen. In Frankreich sehen diese Rahmenbedingungen besser aus. Hier entscheidet sich früher in der Karriere, wer in der Wissenschaft Fuß fasst. Schon die Assistenten sind verbeamtet. Die Folge sind weniger Karrierebrüche und mehr Forscherinnen mit Kindern.

ZEIT: Was müsste passieren, damit Frauen die gleichen Chancen haben?

Lipinsky: Man müsste beispielsweise die Rahmenbedingungen von Berufungsverfahren ändern. Bei der Besetzung einer Professur spielt es eine große Rolle, wie viele Publikationen jemand bislang hatte. Dabei sollte aber nicht nur die pure Anzahl der Veröffentlichungen in Fachzeitschriften beurteilt werden, sondern stärker die Qualität. Untersuchungen haben nämlich gezeigt, dass Männer im Durchschnitt mehr publizieren als Frauen. Das heißt aber nicht, dass ihre wissenschaftliche Leistung besser ist.

ZEIT: Die Politik rühmt sich, mit 150 Millionen Euro in vier Jahren 264 weiblich besetzte Professuren gefördert zu haben. Ist das Professorinnenprogramm mehr als nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Lipinsky: Jede Einzelmaßnahme hilft weiter. Interessant an dem Programm ist vor allem, dass die Hochschulen im Förderantrag ein Konzept einreichen mussten, wie sie Gleichstellung erreichen wollen. Solche strukturellen Maßnahmen haben im Zweifel eine nachhaltigere Wirkung.

ZEIT: Wie sehen Sie eine Quotenregelung?

Lipinsky: Bei der Besetzung von Gremien, die wichtige Entscheidungen treffen, beispielsweise Berufungskommissionen, macht eine starre Quote durchaus Sinn. Denn man weiß aus Erfahrung, dass sich eine Männergruppe eher für einen männlichen Bewerber entscheidet. In Belgien gibt es deshalb eine Zielvereinbarung, dass solche Gremien von beiden Geschlechtern anteilig besetzt sein sollen. Auch Frankreich will von 2015 an in öffentlich geförderten Einrichtungen eine solche Quotierung einführen.

ZEIT: Und wie steht es mit Quoten bei Personalentscheidungen?

Lipinsky: Das ist nicht realistisch. Je nach Fächerkultur steht ganz anderes wissenschaftliches Personal zur Verfügung. In den Ingenieurwissenschaften und anderen technischen Zweigen zum Beispiel liegt der Professorinnenanteil im europäischen Schnitt bei 7,9 Prozent. Ihn drastisch erhöhen zu wollen setzt voraus, dass überhaupt entsprechend qualifizierte Forscherinnen im wissenschaftlichen Mittelbau vorhanden sind. Besser als eine starre Quote ist deshalb das sogenannte Kaskadenmodell: Danach sollte das Ziel für den Frauenanteil auf einer Stufe dem Frauenanteil auf der darunter liegenden entsprechen. Wenn also in einem Fach 30 Prozent der berufungsfähigen wissenschaftlichen Mitarbeiter weiblich sind, sollte auch ein 30-Prozent-Anteil bei den Professuren das Ziel sein.

Aus DIE ZEIT :: 14.08.2013

Ausgewählte Stellenangebote