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Leugnen und verschleiern



von MARTIN KLINGST, STEFANIE SCHRAMM, JOHN F. JUNGCLAUSSEN, VERA SPROTHEN und ULRICH SCHNABEL

Obwohl die Wissenschaft immer mehr Beweise für den Klimawandel sammelt, gibt es in vielen Staaten einflussreiche Skeptiker.

Leugnen und verschleiern© Baran ÖzdemirEs herrscht Uneinigkeit beim Thema Klimawandel

USA

Der Klimawandel wird in den USA seit vielen Jahren von einer überwiegend konservativen Koalition aus Unternehmern, Forschern und Politikern bekämpft. Für sie ist die Erwärmung der Erde bloße Theorie. Klimaschutzgesetze sind für sie Ausdruck staatlicher Bevormundung und linker Ideologie. Seit Barack Obama regiert und einen stärkeren Klimaschutz, eine »grüne Revolution « fordert, hat sich die Kampagne der Skeptiker zu einem Kreuzzug entwickelt. Für Zwischentöne und eine rationale Debatte ist in der politisch aufgeheizten Atmosphäre kein Raum. Der rechte Aufruhr zeigt Wirkung: Die Regierung schiebt Umweltschutzgesetze auf die lange Bank. Obama wagt es kaum noch, das Wort »Klimawandel« in den Mund zu nehmen. Die offizielle Sprachregelung heißt: Alles, was von Staats wegen für die Umwelt getan wird, dient vorrangig Amerikas »Energiesicherheit« und »zukunftsträchtigen Jobs«. In Schulen wird die Klimaforschung ähnlich verteufelt wie die Evolutionstheorie. Der Kongress von South Dakota etwa mahnte die Lehrer in einer Resolution, »ausgewogen« zu unterrichten. Ausgewogen heißt, den Schülern klarzumachen, dass Warnungen vor einer Klimaerwärmung allein »auf Theorie, aber nicht auf gesicherten Fakten« beruhten. Dass es Klimawandel seit ewig gebe und sich die Atmosphäre gegenwärtig eher abkühle. Außerdem, so die Resolution, sei das fälschlich verteufelte Kohlendioxid »kein Umweltverschmutzer«, sondern eine »sehr nützliche Substanz für das pflanzliche Leben«. Auch das müssten die Lehrer unterrichten. In der Republikanischen Partei bekennen sich nur noch wenige Politiker öffentlich zur Klimaforschung. Die Präsidentschaftskandidaten Rick Santorum und Ron Paul halten diese Wissenschaft sowieso für blanken Unsinn. Newt Gingrich, der einst seiner Partei mehr Mut in Sachen Klimaschutz empfahl und demnächst ein Buch über die Umwelt herausgeben will, ließ neulich eine Mitautorin wissen, ihr kritisches Kapitel über die Anti-Klimawandel-Bewegung sei unerwünscht. Mitt Romney verspricht seinen Anhängern, im Falle seiner Wahl sämtliche Umwelt-und Klimaschutzgesetze der Demokraten unverzüglich aufzuheben.
Martin Klingst

China

»Mir ist hier noch kein Klimaskeptiker begegnet «, sagt Andreas Oberheitmann. Seit fünf Jahren arbeitet der Ökonom und Sinologe vom Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Peking, er leitet dort das Forschungszentrum für internationale Umweltpolitik an der Tsinghua-Universität. »Für die Menschen in China ist der Klimawandel offensichtlich: Im Norden gibt es Dürren, im Süden Überschwemmungen, der Meeresspiegel steigt.« Die Überzeugung, dass der Klimawandel real ist und durch den vermehrten Ausstoß von Kohlendioxid ausgelöst wird, durchdringt alle Schichten: die Forschung, die Politik, sogar die Industrie. Darüber aber, wie China auf den Klimawandel reagieren soll, gehen die Meinungen auseinander. Was die Reduzierung des CO2-Ausstoßes angeht, so hält die Regierung die offizielle Position aufrecht, dass zunächst und vor allem die westlichen Industrienationen in der Pflicht seien; China sei noch ein Schwellenland, das seine Wirtschaft weiter aufbauen müsse. »Da wird immer wieder das Dilemma von Wachstum und Umweltschutz betont«, sagt Oberheitmann. In der Innenpolitik aber habe der Klimaschutz trotzdem eine relativ starke Stellung. »Da geht es ja zugleich um Energiesicherheit. Und das ist ein ganz heißes Thema hier.«
Stefanie Schramm

Großbritannien

In Großbritannien hat ein Politikveteran die Führung unter den Klimaskeptikern übernommen. Nigel Lawson, ein Lord im Oberhaus, ist seit mehr als vierzig Jahren im politischen Geschäft und gründete 2009 die Global Warming Policy Foundation (GWPF). Der Thinktank hat sich zum Ziel gesetzt, politische Strategien infrage zu stellen, »die von dem Beitrag der Menschheit an der Klimaerwärmung ausgehen und versuchen, sie zu mindern«. Heute ist die GWPF die wichtigste Plattform der Klimaskeptiker. Und nicht nur der Autor Andrew Montford, der 2010 mit seinem Buch The Hockey Stick Illusion für Furore sorgte, fühlt sich unter Lawsons Schirmherrschaft »endlich politisch vertreten«. Zwar gibt es in kaum einem anderen europäischen Land so viele klimaskeptische Journalisten wie in Großbritannien, doch stehen sie einer schier übermächtigen politischen Koalition gegenüber. Bei keinem anderen Thema ist die Politik so parteiübergreifend einig, wie beim Klimawandel. Aber die britische Regierung hat ein Problem, das für sie dringender ist: den Staatsbankrott. Ambitionierte Klimaziele fallen der Haushaltssanierung zum Opfer. So wurden die Subventionen für Solaranlagen auf Eigenheimen gestrichen und die sogenannte »grüne Investmentbank«, die in klimafreundliche Projekte investieren soll, bekommt nur noch eine Milliarde Pfund Startkapital, halb so viel wie geplant. Für Nigel Lawson, der unter Margaret Thatcher selbst Schatzkanzler war, sind das richtige Entscheidungen. Er hält den Umbau zur - armen Wirtschaft für »verfehlt und ruinös«. Der linksliberale Journalist George Monbiot warnt hingegen, auf die eigene Klimapolitik mit der Axt loszugehen sei das falsche politische Signal. »Am Ende gewinnt Lord Lawson, und dann verlieren wir alle.«
John F. Jungclaussen

Australien

In Australien sprechen Klimaskeptiker mit lauter Stimme. Sie haben sogar eine eigene Partei, die No Carbon Tax Climate Sceptics Party. Sie hat zwar den Einzug ins Parlament nicht geschafft, aber auch die Mainstream-Politiker haben sich auf dem mit riesigen Rohstoffvorkommen gesegneten Kontinent sehr lange gesträubt, irgendetwas gegen die Erderwärmung zu unternehmen. So hatte sich Australien als einziges Industrieland neben den USA bis 2007 geweigert, das Kyoto- Protokoll überhaupt zu ratifizieren. Erst vergangenes Jahr gelang es der Labor-Regierung, gegen erbitterten Widerstand ein Emissionshandelssystem zu verabschieden, das in diesem Sommer in Kraft tritt. Waschechte Australier, nicht nur die im Bergbau tätigen, beschimpfen Klimaschützer als »Untergangspropheten « oder »Treibhaushysteriker«. Und sie finden in der konservativen Presselandschaft ein dankbares Forum. Speziell die zu Rupert Murdochs Imperium zählenden Publikationen und Sender torpedieren die These des von Menschen gemachten Treibhauseffekts. Allen voran die Tageszeitung The Australian: Nach einer Analyse von Robert Manne, einem führenden australischen Intellektuellen, waren darin 700 von 880 Artikeln zum Klimawandel zwischen 2004 und 2011 tendenziös. Australien leidet unter extremen Naturkatastrophen und steigenden Temperaturen. Dennoch schimpft selbst der pensionierte Chefklimatologe des australischen Wetterdienstes, William Kininmonth, zusammen mit anderen Forschern im USWirtschaftsblatt Wall Street Journal, der Konsens über die Erderwärmung sei in Wahrheit reiner »Alarmismus«. Verstärkung bekommen die Skeptiker von der reichsten Frau im Land, Gina Rinehart, einer Eisenerz- Magnatin. Die Multimilliardärin hat sich vor ein paar Tagen als größte Anteilseignerin in den schwächelnden Großverlag Fairfax, Herausgeber des Sydney Morning Herald, eingekauft. Rinehart war maßgeblich an einer Propagandakampagne der Rohstoffindustrie gegen eine CO2-Steuer beteiligt. Nun furchten Beobachter, Rinehart, auch Iron Lady genannt, werde ihre Macht als Eignerin nutzen, um die Berichterstattung uber den Klimawandel in ihrem Sinne zu beeinflussen.
Vera Sprothen

Dänemark

In Dänemark haben Klimaskeptiker neuerdings einen schweren Stand. Seit im Herbst die Sozialdemokratin Helle Thorning-Schmidt die Macht übernommen hat, wird Klimaschutz bei unserem nördlichen Nachbarn großgeschrieben. Bis 2020 will Dänemark seinen Ausstoß schädlicher Klimagase um glatte 40 Prozent reduzieren - ambitioniertere Ziele haben derzeit nur die Malediven. Das bekommt auch Bjorn Lomborg zu spüren: Dem bekanntesten Klimaskeptiker Dänemarks hat die neue Regierung kurzerhand die Zuschüsse für sein Copenhagen Consensus Center gestrichen. Findet Lomborg keine neuen Sponsoren, könnte seine Denkfabrik im Sommer vor dem Aus stehen. Dabei hat sich der Schrecken aller Umweltschützer durchaus gewandelt. In seinem weltweiten Bestseller Apokalypse No! spielte Lomborg vor über zehn Jahren noch die Gefahren des Klimawandels herunter und rechnete seinen Lesern vor, dass es mit der Erderwärmung längst nicht so schlimm kommen würde. In seinem 2010 erschienenen Buch Smart solutions dagegen legte er eine erstaunliche Kehrtwende hin. »Der Klimawandel ist eines der größten Probleme der Menschheit«, schreibt er darin und bezeichnet die »ungebremste Erwärmung « als allgemein akzeptiertes Faktum. Selbst der Chef des Weltklimarats Rajendra Pachauri, der Lomborg einst mit Hitler verglich, findet seither lobende Worte für den gewandelten Skeptiker. Aber Lomborg wäre nicht Lomborg, wenn er sich nicht wieder mit dem Mainstream anlegte. Von der üblichen Klimapolitik der CO2-Reduktion hält er noch immer nichts. Besser sei es, in die Forschung zu investieren und auf »smarte Lösungen« in der Zukunft zu hoffen. Ob diese Hoffnung aufgeht, weiß allerdings niemand. Doch jetzt muss Lomborg erst einmal dafür sorgen, dass sein eigenes Zentrum eine Zukunft hat.
Ulrich Schnabel



Aus DIE ZEIT :: 09.02.2012

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