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Life Science in Österreich

Von Kurt Hermann

Einige der größten Lizenz- und Finanzdeals der europäischen Biotechindustrie finden in Österreich statt. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisten die Niederlassungen internationaler Pharmariesen.

Life Science in Österreich© rachel - Photocase.com
Österreich ist in den letzten Jahren zu einem attraktiven Standort für technikorientierte Unternehmen geworden. Vom Jahr 1998 bis zum Jahr 2009 nahmen hier die Ausgaben für Forschung und Entwicklung (F+E) von 1,8 auf 2,7 % des Bruttoinlandsprodukts zu. In Europa stiegen die F+E-Ausgaben im gleichen Zeitraum durchschnittlich von 1,8 auf 1,9 %, in Deutschland von 2,3 auf 2,7 %. Zu dem hohen Wert in Österreich hat nicht zuletzt ein unternehmerund investorenfreundliches Steuersystem beigetragen. So sind für jeden Euro, der in F+E eingesetzt wird, 1,25 Euro oder bei überdurchschnittlichen Ausgaben sogar 1,35 Euro von der Steuer absetzbar. Als Alternative besteht die Möglichkeit, vom Finanzamt eine Steuerprämie von 8 % des F+E-Aufwands zu erhalten. Die Gewinne werden mit maximal 25 % besteuert. Hinzu kommt das Modell der Gruppenbesteuerung für internationale F+E-Unternehmen: In Österreich angesiedelte Unternehmen können Verluste ausländischer Töchter gewinnmindernd geltend machen.

Etwa 300 internationale Unternehmen haben ihr Osteuropa-Headquarter in Österreich. Beispiele sind Boehringer Ingelheim, Eli Lilly, Nestlé, Siemens und Volvo. Mehr als die Hälfte der österreichischen Life-Science-Unternehmen wurden in den letzten zehn Jahren gegründet; etwa 80 % davon sind stark expandierende kleine und mittlere Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial. 50 % der in Österreich ansässigen Life-Science-Unternehmen betreiben mit insgesamt 6000 Mitarbeitern F+E. Im Jahr 2007 gaben sie dafür (Statistik Austria) etwa 813 Mio. Euro aus. Das sind 9,4 % ihres Jahresumsatzes von 8,7 Mrd. Euro. Dabei sticht der Biotechsektor hervor: 75 % der Firmen forschen aktiv. Im Jahr 2007 investierten sie dafür etwa 608 Mio. Euro.

Campus Vienna Biocenter

Das Institut für Molekulare Pathologie (IMP), ein Joint Venture zwischen Boehringer Ingelheim und Genentech, wurde im Jahr 1988 eröffnet. Es bildete die Keimzelle des Campus Vienna Biocenter. Die etwa 250 Mitarbeiter aus 30 Ländern studieren biologische Vorgänge mit Modellsystemen. Alle Forschungsergebnisse werden publiziert. Boehringer Ingelheim, seit 1993 alleiniger Gesellschafter des IMP, verfügt über die Rechte zur kommerziellen Verwertung von Erfindungen. Das Institut für molekulare Biotechnologie (Imba) haben die Österreichischen Akademie der Wissenschaften und Boehringer Ingelheim gegründet. Mehr als 150 Mitarbeiter aus 23 Ländern suchen molekularbiologische Zusammenhänge bei der Entstehung von Krankheiten. Aus diesem Wissen sollen Ansätze für die Diagnose, Prävention und Therapie von bisher nicht oder nur unzureichend behandelbaren Krankheiten abgeleitet werden. Zwischen dem Imba und dem IMP besteht eine enge Forschungszusammenarbeit; die Infrastruktur nutzen sie größtenteils gemeinsam.

Das Unternehmen Intercell antstand im Jahr 1998 als Spin-off der Universität Wien am Campus Vienna Biocenter. Das Geschäftsmodell stieß schnell auf das Interesse von Risikokapitalgebern. In drei Finanzierungsrunden investierten sie insgesamt 75,5 Mio. Euro. Allerdings: "Die Firma ist derzeit nicht profitabel", sagt Gerd Zettlmeissl, CEO von Intercell. Nachdem beispielsweise im Jahr 2008 ein Nettogewinn von 17,2 Mio. Euro resultierte, brachte das letzte Jahr einen Verlust von 18,4 Mio. Euro, und auch in diesem Jahr steht ein vergleichbarer Verlust ins Haus. Zurückzuführen ist dies vor allem auf Investitionen in F+E. Die Investitionen, wachsende Einkünfte und 158 Mio. Euro Cash am Ende des 1. Quartals sind zuversichtlich stimmende Faktoren.

Drei erfolgreiche Start-ups

Das Unternehmen Affiris entwickelt Medikamente für Krankheiten wie die Alzheimer-Krankheit und Gefäßverkalkung. Das Unternehmen erarbeitet dafür einen maßgeschneiderten Impfstoff. Darüber hinaus ist die Entwicklungspipeline gut gefüllt, und das Geschäftsmodell sieht alle Treppenhaus des Imba im Campus Vienna Center. (Architekt: Boris Podrecca, Foto: Imba) zwei Jahre ein neues Produkt in der klinischen Erprobung vor. Nabriva Therapeutics hat in zwei Finanzierungsrunden insgesamt 57 Mio. Euro erhalten. Nicht alltäglich ist, dass die Investoren der ersten Runde auch die 15 Mio. Euro der zweiten Runde aufbrachten. Gemäß Ralf Schmid, CFO des 2006 gegründeten Unternehmens, steht damit bis 2011 genügend Geld zur Verfügung. Schwerpunkt der Forschung sind Pleuromutiline. Diese neue Antibiotikaklasse wird auf ihre Eignung als Medikament gegen Erkrankungen der Haut und der Atemwege untersucht. Apeiron Biologics ist ein privat finanziertes Biotechunternehmen aus Wien, das Josef Penninger, der Direktor des Imba, gründete.

Hauptprojekt war, das rekombinante humane Angiotensin Converting Enzyme 2 (APN01) als Biotherapeutikum bis zur ersten klinischen Phase zu entwickeln. Dieses ist ein Enzym-Biotherapeutikum für die Behandlung des akuten Lungenversagens (ARDS). Nach der Lizenzvereinbarung mit Glaxo Smith Kline arbeiten die Forscher wieder vermehrt an einem Projekt zur Krebsimmuntherapie sowie an einem neuartigen Ansatz zur Schmerztherapie.

Investitionsstrategien

Das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim legt großen Wert auf langfristig angelegte Partnerschaften. Ein Beispiel dafür ist die 1989 begonnene Zusammenarbeit mit Genentech. Die damals kleine US-Biotechfirma verfügte nur in wenigen Ländern über eine Vertriebsorganisation. Boehringer übernahm die Vertriebsrechte für Actilyse/ Activase (löst Blutgerinnsel auf) in Europa, Südamerika und Australasia. im Jahr 1985 gründeten die beiden Unternehmen zusammen das IMP. Seit 1993 gehört das IMP nur noch zu Boehringer Ingelheim. Die Zusammenarbeit mit Genentech besteht nach der Genetech-Übernahme durch Roche weiter. Jeder Zusammenarbeitsvertrag ist ein Unikat, das den Ansprüchen und Erwartungen der Partnerfirmen gerecht werden soll. Ein Beispiel für eine Beteiligung ist die belgische Ablynx, der Boehringer Ingelheim bei der Vorbereitung des Börsengangs half. Der vor einem Jahr gegründete Corporate Venture Capital Fond soll in Biotech- und Start-up-Firmen investieren, die vielversprechende Therapieansätze und Technologien erforschen. Das Unternehmen Glaxo Smith Kline (GSK) investiert über eine Venture-Capital-Gesellschaft in Life-Science-Firmen; seit ihrer Gründung gelangten mehr als 600 Mio. US-Dollar in 25 private und staatliche Firmen.

Im 2005 gegründeten Centre of Excellence for External Drug Discovery fokussiert sich eine Gruppe Mitarbeiter auf die Entdeckung und Entwicklung neuer Projekte von Partnerunternehmen. GSK hat mehr Late-Stage-Vereinbarungen als jedes andere Unternehmen in der Industrie. Jährlich werden etwa 15 neue Kooperationen im Early-Stage-Bereich vereinbart (Affiris, Intercell, Apeiron Biologics und Prot Affin in Österreich). Österreich ist der größte Standort des amerikanischen Baxter- Konzerns in Europa und es ist der bedeutendste Forschungsstandort von dessen Bio-Science-Division. Schwerpunkt ist die Entwicklung, Herstellung und der Vertrieb von biotechnischen und biopharmazeutischen Arzneimitteln. Dazu zählen rekombinante therapeutische Proteine wie Faktor VIII zur Behandlung der Hämophilie (Bluterkrankheit), aus Blutplasma gewonnene therapeutische Proteine wie Immunglobuline, Gerinnungsfaktoren oder Fibrinkleber sowie Impfstoffe (am bekanntesten ist wohl die Zeckenimpfung).


Über den Autor
Kurt Hermann ist Chemiker und Journalist. Email: ekhermann@bluewin.ch


Aus Nachrichten aus der Chemie» :: November 2010

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