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Loslassen

Von MEIKE FRIES

Das Können, nicht der Titel eines Ingenieurs ist entscheidend.

Loslassen© 106313 - Photocase.comDie Technischen Hochschulen halten weiterhin an ihrem Diplom-Ingenieur fest
Der deutsche Diplom-Ingenieur feiert im Oktober seinen 111. Geburtstag, dabei siecht er schon seit über zehn Jahren dahin. 1899 erlaubte Kaiser Wilhelm II. den polytechnischen Hochschulen, den Titel »Diplom-Ingenieur« zu vergeben. 1999 beschlossen die europäischen Kultusminister im Zuge der Bologna-Reform, den Diplom-Ingenieur zu begraben. Bachelor und Master sollten ihn ablösen, europäische Abschlüsse vergleichbar werden. Bis 2010 sollte der Dipl.-Ing. Geschichte sein.

Dagegen bäumen sich die neun führenden Technischen Hochschulen in Deutschland (TU9) derzeit auf, es ist nicht das erste Mal. Zwar wolle man die neue Studienstruktur nicht infrage stellen, werden sie nicht müde zu wiederholen. Doch sollen Studenten den alten Grad mit dem Masterabschluss erlangen können. Weil der deutsche Diplom-Ingenieur eine weltweit angesehene Marke sei, ein Markenzeichen gar, sagt TU9-Präsident Ernst Schmachtenberg.

Auch Bundesbildungsministerin und Bologna-Verfechterin Annette Schavan stimmt in den Chor mit ein. Der Titel des Dipl.-Ing. habe »weltweit einen guten Klang«. Dabei ist das diploma in vielen Ländern weniger wert als der Bachelor. In der Diskussion scheint es vor allem um Äußerlichkeiten zu gehen, um Etiketten. Marken, Markenzeichen, Klänge - der Marketing-Sprech ist entlarvend. Man kann getrost annehmen, dass deutsche Ingenieurskunst wegen ihrer Qualität international geschätzt ist und nicht wegen der Titel auf den Visitenkarten.

Letztlich kommt es auf die Studieninhalte an, auf die Qualität der Ausbildung. Beim Berufseinstieg zählt das individuelle Können. Bachelor und Master sind noch dabei, sich als anerkannte Abschlüsse zu etablieren. Das Festhalten am Diplom erschwert das. Es spricht nichts dagegen, mit dem Bachelor denjenigen Studenten einen Berufseinstieg zu ermöglichen, die anwendungsorientiert arbeiten wollen. Gleichzeitig müssen Politik und Hochschulen ausreichend Masterplätze zur Verfügung stellen für diejenigen, die nach dem Bachelor weiterlernen und in die Forschung gehen wollen. Die Rückkehr zum Diplom-Ingenieur ist nostalgisch, und sie ist auch deswegen problematisch, weil sie Begehrlichkeiten weckt. Haben nicht der Diplom-Physiker und der Diplom-Chemiker auch einen guten Klang?

Aus DIE ZEIT :: 12.08.2010

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