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Love me, Gender...

VON MARCEL SCHÜTZ

Aufhören! Der Gender-Hype versperrt den Blick auf die eigentlichen Probleme des Wissenschaftsbetriebs.

Love me, Gender…© .marqs - photocase.deIn der Wissenschaft sollte der Fokus nicht auf der Gesellschaftsoptimierung liegen
Kennen Sie die »Checklisten für gelebte Gender-Kompetenz«? Sie wären womöglich eine nützliche Lektüre vor dem Besuch eines »Gender-Forschungssalons«. Die wohlklingenden Maßnahmen des sogenannten Gender-Mainstreamings, wie die Anhänger der Geschlechtergerechtigkeit eine damit verfochtene Umerziehungspolitik fachsprachlich nennen, nehmen kein Ende mehr. Ganze Abteilungen und »Kompetenzzentren« für »Gender Management« wurden an den Hochschulen ins Leben gerufen. Es gibt »Gender-Hochschulzertifikate«. Ein »Professorinnenprogramm«. Dass an der Fachhochschule Potsdam gar Unisex-Klos als »gendergerechte Toiletten« gefeiert wurden, wundert kaum noch. Die ZEIT widmete dem Thema »Frauen in der Wissenschaft« vor zwei Wochen einen vierseitigen Schwerpunkt. Unter anderem schrieben die ZEIT-Autorinnen Anna-Lena Scholz und Leonie Seifert: Männliche Netzwerke und unbewusste Vorurteile verhinderten, dass es mehr Frauen in der Wissenschaft gebe.

Wozu all der Hype und Aufwand? Oder präziser: Gegen wen oder was? Die unausgesprochene Antwort: Gegen das maskuline System, gegen gläserne Decken, die Macht der Tradition oder auch schlicht gegen die biologische Ungunst, wonach der eine eben schnell mal den Nachwuchs zeugt und die andere lange Last damit hat. Als Messlatte dient meist nur ein einziger Job: die heiß umkämpfte Professur. Herr Ordinarius oder Frau Ordinaria. »Derzeit sind nur 20,4 Prozent aller Professorinnen und Professoren weiblich«, berichtet das Bundesbildungsministerium. Unübersehbar: der moralische Appell des unscheinbaren »nur«. Also wird fleißig gegendert. Alles, was Gender ist, erfährt in der Wissenschaft höchste Priorität. Und was noch nicht zum Genderthema gemacht wurde, wird früher oder später eines. Auch an Experten, Symposien, Medienbeiträgen fehlt es nicht. Wichtig ist, sich nach außen »gendergerecht« zu inszenieren. In Fragen des wissenschaftlichen Arbeitens wird die Präferenz für Genderdebatten besonders deutlich. Das Problem: Es versperrt den Blick auf die eigentlichen, handfesten Probleme im akademischen Arbeitsleben.

Schließlich plagen den Forschungsnachwuchs Sorgen, die wenig Anlass bieten, zwischen Frau und Mann zu unterscheiden. Man denke nur an den Ärger mit der Befristungspraxis. Oder an den Fetisch um die Exzellenz, die man vermessenerweise glaubt, vermessen zu können - was zur Abwertung des großen Rests führt. Angesichts der Zumutungen, die für das Arbeiten in der Wissenschaft daraus resultieren, sind festgefahrene Genderrituale geradezu ein Luxusproblem der akademischen Community. An den Unis erzeugen nicht die Geschlechter die Konkurrenz. Sondern wissenschaftsfremde Bewertungsraster, in denen es schon lange nicht mehr primär um Originalität und Autonomie von Forschung geht, sondern um Mainstream und Hochschulpolitik. Hier hilft manchem Verantwortlichen ein nicht selten krampfhaftes Diskutieren ums Gender-Klein-Klein vorzüglich dabei, von wichtigen Baustellen der akademischen Personalpolitik abzulenken.

Wenn Rektoren behaupten, der Erfolg ihrer Universität liege in der Steigerung der Anzahl weiblicher Professuren begründet, und Ministerien vorgeben, welche Institute sich mit Genderfragen zu befassen haben, werden gesellschaftliche Bedürfnisse auf der einen und wissenschaftliche Anliegen auf der anderen Seite unselig vermischt. Darunter leidet die Wissenschaft. Deren Mittel sind ohnehin schon sehr begrenzt. Rund 150 Gender-Professuren gibt es in Deutschland, also Lehrstühle mit einer wissenschaftsbezogenen ausgewiesenen Geschlechtsmarkierung. Neue kreative Lehrstuhlwidmungen hatte im vergangenen Jahr das Düsseldorfer Wissenschaftsministerium parat: »Gendersensible Gewaltpräventionsforschung«, »Experimentelle Physik und Geschlechterforschung in der Physik«, »Christliche Sozialwissenschaft und sozialethische Genderforschung«, »Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Marketing unter besonderer Berücksichtigung von Genderfragen«, »Medizinische Psychologie: Neuropsychologie und Gender Studies«. So die Auswahl der neuen Professuren, die so klingen, als sei das nur ein Witz.

Welch vorgestriges Misstrauen vielerorts noch vorherrscht, lässt sich in einer Berliner Fachhochschule beobachten. Mit »Genderprofiling« sollen die Studiengänge Pflege, Soziale Arbeit und Pädagogik eine Bereicherung erfahren. Zwar sei, heißt es in einer Information der Hochschule, »davon auszugehen, dass eine Beschäftigung mit Genderaspekten in Forschung und Lehre bereits stattfindet«, allerdings fehle es »an einer systematischen Erhebung und Darstellung, wo und wie dies erfolgreich geschieht - und (noch) verbessert werden kann«.

Mit Maßnahmen im Sinne der Gender-Bürokratie kennt man sich auch an der Universität Leipzig aus. Dort verbannte man im vergangenen Jahr alle männlichen Formulierungen aus der Grundordnung, bis am Ende totale Weiblichkeit blieb. Wie sehr selbst Bewertungsmaßstäbe der Wissenschaft davon berührt werden, zeigt sich bei der nicht selten anzutreffenden Praxis, studentische Hausarbeiten nach dem Kriterium »gendersensibler Schreibstil« zu bewerten. Wer in den entsprechenden Seminaren solcher - offenbar ausschließlich weiblicher - Dozenten sitzt und die entsprechende Gender-Etikette nicht wahrt, wird pauschal mit Punktabzug bis hin zu einer schlechteren Notenwertung gegängelt. Es ist bekannt, dass Lehrende, die es so halten, aus Prüfungsämtern, Dekanaten und Rektoraten nichts zu befürchten haben.

Natürlich muss man sich rechtfertigen, wenn man(n) gesteht, mit Gendersensibilität im Allgemeinen wenig anfangen zu können. Weil man nicht überall jene Benachteiligung wittert, die andere gerade in feinsten Nuancen zu erkennen glauben. Denn ebenso wie Weiblichkeit in der Forschergemeinde zunimmt, ist stumpfe Klischeepflege bei jüngeren Semestern rückläufig. Doch die Gender-Fokussierung mit allem Stereotypen- und Klischeedenken floriert wie noch nie. Dass ausgerechnet Hochschulen die Zumutung ertragen müssen, jede erdenkliche Selbstproblematisierung der Gesellschaft nicht nur zu absorbieren, sondern mit regelrechter Kulturpflege langlebig zu halten, anstatt sie getrost zu ignorieren, lähmt die Köpfe und den Betrieb. Dabei besteht der Sinn von Universitäten gerade darin, sich nicht mit jedem beschäftigungstherapeutisch daherkommenden Sozialthema befassen zu müssen. Der Wissenschaft geht es zunächst einmal darum, in Ruhe ihre Arbeit zu machen. Und nicht um große symbolträchtige Gesellschaftsoptimierung. Es ist insofern eine ziemliche Qual, fortlaufend mit den Unterstellungen angeblich systembildender Benachteiligungen konfrontiert zu werden. Das mag ein unangenehmer Befund für all jene sein, die sich so ganz den Doktrinen einer am sozial Erwünschten ausgerichteten Wissenschaft verschrieben haben. Empirisch entspricht er - aller Gendergesinnungspolitik und Gendergefälligkeitsforschung zum Trotz - schlicht der Funktionalität des akademischen Betriebs.

Aus DIE ZEIT :: 21.04.2016

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