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Macht einen Schnitt!

Aufgezeichnet VON CHRISTIAN HEINRICH

Die meisten Ärzte sind Spezialisten. Trotzdem ist es möglich, in eine andere Branche zu wechseln. Zwei Umsteiger erzählen, wieso sie jetzt glücklicher sind - und warum das Medizinstudium trotzdem hilfreich war.

Macht einen Schnitt!© Jenzig71 - photocase.deZwei Ärzte berichten über ihre Karrieren außerhalb der Medizin

Willibald Zeck

Willibald Zeck ist 41 Jahre alt und leitet die Gesundheits- und Ernährungsabteilung des Unicef-Länderbüros der Philippinen

Willibald Zeck: »Wenn ich ein Krankenhaus aufbaue, kann ich viel mehr bewegen«

Mit welchen Mitteln lässt sich die Zahl der HIV-Infektionen auf den Philippinen verringern? Wie können noch mehr Kinder gegen Masern und Tetanusinfektionen geimpft werden? Wie kann man die Anzahl von unterernährten Kindern weiter senken? Das sind die Fragen, die mich als Leiter der Gesundheits- und Ernährungsabteilung des Unicef-Länderbüros auf den Philippinen täglich beschäftigen.

Natürlich können wir uns kaum um einzelne Fälle kümmern. Wir versuchen vielmehr, grundlegende Weichen zu stellen: Kampagnen anschieben, aufklären, die Versorgung und die Ausstattung verbessern. Dazu bin ich viel auf Konferenzen, in Sitzungen und Arbeitskreisen außerhalb und innerhalb der Vereinten Nationen. Da es dabei neben der medizinischen Sachkenntnis vor allem auf das Pflegen von Beziehungen ankommt, versuchen wir, vieles auf diplomatischem Wege zu erreichen. So arbeiten wir beispielsweise eng mit dem Gesundheitsministerium der Philippinen zusammen. Dass wir hier wirklich Einfluss nehmen können, hat sicher auch damit zu tun, dass ich selbst Mediziner bin: Durch meine klinische Erfahrung als Gynäkologe bringe ich notwendiges Expertenwissen mit. Das wird hier sehr geschätzt.

Wir setzen uns vor allem dafür ein, dass viele Initiativen die ärmsten Filipinas und Filipinos erreichen. In groß angelegten Programmen versuchen wir, die Bevölkerung für bestimmte Gesundheits- und Ernährungsrisiken zu sensibilisieren, zum Beispiel gegen schwere Unterernährung von Kindern und für langes Stillen vonseiten der Mütter. Dazu schulen wir Ärzte und Hebammen, wir integrieren den Aspekt des Stillens in die Lehrpläne für die Ausbildung zur Krankenpflegekraft. Für besonders unterernährte Kinder stellen wir sehr kalorienhaltige therapeutische Nahrung bereit.

Auch der Aufbau einer landesweiten Krankenversicherung für alle Einkommensschichten ist ein Ziel. Zudem ist es uns wichtig, die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit auf die Probleme der Philippinen zu lenken. Nach dem heftigen Taifun Haiyan im Jahr 2013 war ich zum Beispiel mit Eva Padberg und David Beckham im Land unterwegs. Die rückten als Unicef-Botschafter die akute Notlage in den Mittelpunkt. Bei derartigen Naturkatastrophen bin ich dann auch wieder nah dran an der medizinischen Arbeit vor Ort. Etwa nach den schweren Taifunen, die hier immer von September bis Januar wüten. Da helfen wir, Krankenhäuser wieder aufzubauen oder Hilfslager einzurichten.

Oft sehe ich dann medizinische Notfälle in den überfüllten heimischen Gesundheitszentren. Und obwohl ich sofort helfen möchte, überlasse ich die konkrete Behandlung den Ärzten vor Ort. Da nicht einzugreifen fällt einem eben nicht leicht, wenn man vor ein paar Jahren noch selbst in solchen Krankenhäusern gearbeitet hat. Es ist auch so, dass man im klinischen Arbeitsumfeld direkteres, positives Feedback bekommt. Wenn ich einen Patienten operierte, ging der gesund nach Hause. Ich wusste dann, was ich geleistet hatte.

Aber meine Entscheidung, einen Master in Humanitärer Hilfe zu machen, dann in den Bereich Public Health zu gehen und letztendlich für die Vereinten Nationen tätig zu werden, bereue ich dennoch nicht. Ich glaube, dass ich mit dem, was ich tue, auf einer höheren Ebene etwas zum Positiven verändern kann. Wenn ich zum Beispiel mit meinem Team bestimmte Gesundheitszentren wieder aufbaue, gehen Dutzende Menschen an die Arbeit. Dadurch kann sich das medizinische Personal kurze Zeit später um Notfallpatienten kümmern. Damit bewege ich indirekt mehr, als ich als einzelner Arzt jemals direkt bewegen könnte. In anderen Fällen sehe ich erst Jahre später, dass die eigene Arbeit Früchte getragen hat. Aber dafür lässt sich in den Statistiken ablesen, dass von dieser Arbeit dann meist auch viele Tausend Menschen profitiert haben.

Im Rahmen des von den Vereinten Nationen vorgeschriebenen Rotationsprinzips werde ich für die Unicef wohl bald wieder in ein anderes Land gehen müssen. Man könnte meinen, man brauche eine Menge Abenteuerlust in meinem Job. Klar, ein bisschen davon ist sicher nicht verkehrt. Aber vor allem sollte man bodenständig sein, geerdet und diszipliniert. Wenn sich um einen herum alles ständig verändert, ist es wichtig, dass man psychisch und sozial stabil ist. Meine Frau zum Beispiel arbeitet für die österreichische Botschaft in Manila. Wir leben zurzeit unter einem Dach, das ist ein großes Glück. Bei unseren Berufen weiß man nie, wie lange es so bleibt.

Nils Breuer

Nils Breuer ist 37 Jahre alt und arbeitet bei der Beratungsgesellschaft KPMG im Bereich Healthcare Consulting

Nils Breuer: »Ich wollte neue Herausforderungen«

Obwohl ich gar nicht wie ein Arzt arbeite, kommt es mir als Unternehmensberater sehr zugute, wie ein Arzt zu denken. Im Bereich Healthcare Consulting berate ich vor allem Krankenhäuser, Krankenkassen und Pharmaunternehmen. Dabei geht es um unterschiedlichste Fragestellungen: Wie lässt sich die Notfallversorgung organisatorisch optimieren? Wie kann das Management die Patientenversorgung verbessern? Wie lassen sich Kosten senken, ohne dass darunter die Qualität leidet? Um diese Fragen für all unsere Kunden zufriedenstellend zu beantworten, arbeiten wir interdisziplinär im Team - Betriebswirtschaftler, Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler.

Weil ich selbst als Arzt gearbeitet habe, kann ich eine andere Perspektive auf die Menschen und Abläufe in den Kliniken einnehmen als viele meiner Kollegen. Ich weiß, wie Ärzte denken und wie das Pflegepersonal denkt, ich weiß, wie ihr Arbeitsalltag aussieht. Das ist extrem wertvoll, weil ich helfen kann, Brücken zu bauen zwischen beiden Seiten. So haben wir beispielsweise in einer Klinik zunächst die medizinischen und nicht medizinischen Prozesse in den Ambulanzen und der Notaufnahme analysiert und im Anschluss umstrukturiert. Mit dem Ergebnis, dass die Wartezeiten für die Patienten deutlich reduziert werden konnten. Und dass das Personal durch effizientere Prozesse entlastet wurde. Dazu konnten noch Kosten eingespart werden. Für alle Beteiligten also ein Gewinn!

Natürlich funktioniert das nicht immer. Selbst wenn wir versuchen, alle Interessen zu berücksichtigen, haben viele Angestellte immer noch Angst vor Veränderungen. Diese Menschen bei den oft schwierigen Prozessen zu begleiten ist ebenso spannend wie herausfordernd. Haben wir eine Beratung erfolgreich abgeschlossen, kommt ein völlig neuer Kunde mit neuen Fragestellungen und neuen Ansprüchen. Langweilig wird es hier nicht - genau das Richtige für mich!

Ursprünglich wollte ich ganz klassisch Patienten behandeln. Das war mein Berufswunsch, seit ich acht Jahre alt war. Nach dem Abitur studierte ich daher in Göttingen Medizin, anschließend fing ich im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg in der Orthopädie an. Das machte mir auch wirklich Spaß, aber ich wollte weiterlernen, am liebsten mir auch ganz neue Bereiche erschließen.

Neben dem Beruf absolvierte ich daher zunächst einen MBA in Gesundheitsökonomie sowie später auch noch einen Abschluss in Medizinrecht. Auf diese Weise lernte ich neue, spannende Facetten und Möglichkeiten des Arztberufes kennen. All das führte mich letztlich zur Unternehmensberatung und zu KPMG. Auch weil ich wusste, dass sich in der Beratung immer wieder neue Herausforderungen und Probleme ergeben, die gelöst werden müssen. Und so kann ich mir einen anderen, spannenderen Beruf heute gar nicht mehr vorstellen.

Aus DIE ZEIT :: 26.02.2015

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