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Macht Forschen glücklich

Von Josef H. Reichholf

Viele Begründungen lassen sich vorbringen, warum Wissenschaftler forschen. Gezwungen werden sie selten dazu. Ursprünglicher ist die Freude an der Entdeckung von Neuem oder an der Lösung von Problemen. Endorphine belohnen sie dafür. Dahinter steht vielleicht ein evolutionäres Erfolgsprinzip.

Macht Forschen glücklich?© daniel.schoenen - Photocase.de
Glück gehabt zu haben, kann sehr fröhlich stimmen. Doch weitaus tiefer wirkt das Glücksgefühl nach vollbrachter schwerer Eigenleistung. Beide Formen des Glücks unterscheiden sich so sehr, dass uns dies selbstverständlich erscheint. Aber warum können wir dennoch "Glück" empfinden, wenn wir es nur einem günstigen Umstand oder dem bloßen Zufall verdanken? Psychologie wie auch Philosophie tun sich schwer mit dem Phänomen Glück, das in den Empfindungen so real ist wie die Bilder, die uns das Gehirn aus den optischen Signalen des Sehens fertigt. Bilder lassen sich objektiv, also buchstäblich auf ihren Gegenstand, das Objekt, bezogen, darstellen, ansehen und vergleichen. Welche Empfindungen sie bei den verschiedenen Menschen auslösen, wissen wir nicht, aber aus den Reaktionen geht manch Gemeinsames klar genug hervor. Glückszustände liefern keine Bilder, die sich anschauen und bewerten lassen. Dafür aber messbare chemische Signale. Ein ganz wesentliches geht von der körpereigenen Erzeugung Morphiumähnlicher Stoffe aus, den Endorphinen. Ihr Chemismus ist gut bekannt. Ihre Wirkungsweise auch, wie auch die von anderen, im Körper erzeugten Stoffen mit hormonähnlicher Wirkung. Zu nennen sind hier vor allem die Melatonine und das Ocytoxin, ein Peptidhormon. Sie beeinflussen die Stimmung und vor allem auch die Geburt. Wenn der Volksmund ironisch feststellt, es tut so gut, wenn der Schmerz aufhört, so drückt er die Wirkung ganz treffend aus.

Doch solche Stoffe kommen nicht allein beim Menschen, sondern auch bei anderen Säugetieren vor. Regelrecht süchtig werden und sich nach menschlichen Begriffen schwer berauschen können sogar Insekten; Käfer zum Beispiel, wenn sie vergorene, Alkohol enthaltende Pflanzensäfte im Übermaß aufnehmen. Die besondere Bedeutung von Freude und Glück für den Menschen erklärt das nicht. Im Gegenteil: Konrad Lorenz hatte sicherlich ganz zutreffend festgestellt, dass Tiere so herrlich faul sein können. Er war richtig fasziniert von dieser Gegebenheit. Wohl nie würde es unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, zu denen der genetische Unterschied nur etwa 1,2 Prozent beträgt, einfallen, um die Wette zu laufen und am Ziel (auf Schimpansisch) auszurufen: Erster! Ohne besonders angelernt werden zu müssen, machen das Kinder, vor allem Jungen, jedoch mit Begeisterung.

Was hat es mit diesem Siegenwollen auf sich? Bei Rangeleien und Kämpfen werden die Kräfteverhältnisse geklärt. Eine Rangordnung kann sich aufbauen - wie bei Schimpansen und vielen anderen Säugetieren auch. In einer Vielzahl von Sportarten jedoch geht es gar nicht darum, den oder die Gegner physisch zu besiegen. Auch eine Rangordnung spielt nicht immer eine Rolle; meistens bleiben die anderen "auf der Strecke", die "unter ferner liefen..." eingestuft werden. In anderen Fällen tragen sie zum Sieg "ihres" Spitzenvertreters bei, wie im Radsport oder im Fußball, wenn die Verteidiger eigentlich das Spiel entschieden haben, aber das (Stürmer-)Tor letztlich zählt. Gewiss, es geht heutzutage häufig um viel Geld, das die Anstrengungen allemal lohnt. Aber die Millionen und Abermillionen Jogger erhalten nichts außer dem guten Gefühl, etwas geleistet zu haben. Verursacher sind die Endorphine. Bevor sie ihre Euphorie auslösen, bedarf es der heftigen Anstrengung. Je mehr, desto besser. Ein höchst merkwürdiges Belohnungssystem, dessen Wurzeln in einem wohl sehr wichtigen, einem überlebenswichtigen Zusammenhang stehen müssen. Um diesen tieferen Gründen nachzuspüren, ist es nötig, tiefer in die Vergangenheit des Menschen, in seine evolutionäre Geschichte, zurückzugehen.

Als biologische Gattung weisen die Menschen, auch die ausgestorbenen Arten der Gattung Homo, einige Besonderheiten auf, die sie sehr stark und klar von den nächstverwandten Primaten unterscheiden. Eine davon, unsere aufrechte, zweibeinige Fortbewegungsweise, ist von der Fossilgeschichte recht gut dokumentiert. Die biologische Menschwerdung ließ uns zu Läufern werden; zu so guten Läufern, dass gut trainierte Menschen im Dauerlauf besser als jedes andere Säugetier abschneiden. Der Rekord liegt bei 600 km am Stück. Das schafft kein Rennpferd, auch kein Hund. Selbst die auch in unserer Zeit noch von vielen Menschen bewältigte Marathondistanz überfordert ausgezeichnete Läufer der Tierwelt. Anhaltenden Lauf, aber auch schnellen Sprint, der auf Schrittlängen bezogen fast der Leistung eines Geparden gleichkommt, schafft der Mensch dank des besten Kühlsystems, das in der Welt der Säugetiere zu finden ist. Unsere nackte Haut ermöglicht ein so effizientes Schwitzen, dass die im Spurt wie im Dauerlauf (oder bei schwerer körperlicher Arbeit) zustande kommenden Wärmeüberschüsse schnell genug aus dem Körper abgeführt werden können.

Ein "nackter Affe" zu sein, wie vor Jahrzehnten Desmond Morris den Menschen in seinem Erfolgsbuch bezeichnete, stellt keinen Mangel dar, sondern neben dem Gehirn in seiner besonderen Entwicklung die menschlichste der menschlichen Eigenheiten. Arnold Gehlen bezeichnete den Menschen zu Unrecht als Mängelwesen, weil Homo sapiens dies in keiner Hinsicht ist, weder in körperlicher, noch was seine angeborenen Verhaltensweisen betrifft, die als non-verbales Kommunikationssystem zum Beispiel ohne weiteres auch von anderen Säugetieren, jedenfalls von allen Menschen verstanden werden. Doch neben Zweibeinigkeit und Nacktheit gibt es noch eine Eigenschaft, die unabhängig von Gehirn und Denken den Menschen biologisch kennzeichnet. Es ist dies die schwere Geburt. Bei dieser muss ein an sich zu groß geratener Kopf durch eine unpassende Geburtsöffnung, die als starrer Knochenring ausgebildet ist, hindurch. Dass die Leistung einer schweren Geburt mit Glücksgefühlen belohnt wird, liegt ganz auf der Linie evolutionärer Ursprünge.

Der tiefere Grund reicht weit zurück in die Evolution des Menschen. Unsere fernen Vorfahren gewannen die entscheidenden Vorteile durch eine Steigerung der Fortpflanzungsleistung (Zahl der überlebenden Kinder pro Frau) auf das Doppelte, verglichen mit Schimpansen oder Gorillas. Aller Wahrscheinlichkeit nach gelang dies durch den Wechsel in der Ernährung von wenig proteinhaltiger Pflanzenkost zum Fleisch von Großtieren. In schnellem Lauf musste es "gewonnen" werden und wer die Ersten am frisch toten Großtier waren, entschied sich in der Konkurrenz (sic!) mit den anderen Gruppen, die auch zum Fleisch liefen. Nicht die physisch Stärksten, die in der sozialen Rangordnung dominieren, bringen auf diese Weise am meisten Fleisch im besten Zustand, sondern die Schnellsten, die Erste werden. In der Evolution muss es so recht frühzeitig schon zu einem Wechsel vom "Recht des Stärkeren" zum "Vorrecht des Ersten", zur Priorität, gekommen sein. Sie setzte sich durch, trieb den evolutionären Fortschritt voran - und wurde belohnt mit Endorphinen. Eifersüchtigst wacht gerade auch die wissenschaftliche Gemeinschaft darauf, dass das Prioritätsrecht gewahrt bleibt. Die Erstentdeckung ist entscheidend für den Ruhm, und nicht das, was später vielleicht einmal, wenn überhaupt, daraus gemacht wird. Das macht glücklich; messbar am Ausstoß von Endorphinen.

Über den Autor
Professor Dr. Josef H. Reichholf leitet die Wirbeltierabteilung der Zoologischen Staatssammlung in München, lehrt an der Technischen Universität München und hatte 20 Jahre lang Lehraufträge an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu evolutionsbiologischen und biogeographischen Themen. Mit der Evolution des Menschen befasst er sich seit Jahrzehnten von der ökologischen Seite. Er veröffentlichte dazu die Bücher "Das Rätsel der Menschwerdung" und "Warum wir siegen wollen" (dtv, München). Von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung wird ihm der diesjährige Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa verliehen.

Aus Forschung & Lehre :: September 2007

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