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Macht Studieren dumm?

Von Jan-Martin Wiarda

An der Universität Tübingen kann man beobachten, was die neuen Bachelorstudenten von jenen Kommilitonen unterscheidet, die noch nach dem alten System studieren.

Macht Studieren dumm?: Bachelor Magister© Dan Wilton - iStockphoto.com
Vor ein paar Wochen schließlich wusste auch Sigi Lehmann, die ewige Optimistin, dass es so nicht weitergehen konnte. Sie starrte auf das riesige Loch im Dienstplan und begann zu tippen. Der Brief, den sie schrieb, hatte etwas von einer Selbstaufgabe: Die Chefin der Tübinger »Uniwelle« beantragte beim Uni-Rektor, ihre Sendezeit zu kürzen. 15 Jahre lang hatte Lehmann Hunderte Freiwillige aller Studienfächer zu nebenberuflichen Radiojournalisten ausgebildet, hatte bei ihren Livesendungen mitgefiebert, sie gepusht und manchmal auch geärgert. Bis die Studenten plötzlich keine Zeit mehr hatten. Jetzt sitzt Lehmann in ihrem Büro neben dem verwaisten Studio und ringt um Erklärungen. »Es ist diese neue Art zu studieren«, sagt sie. Etwa zur selben Zeit, als die 57-jährige Radiochefin das Loch in ihrem Dienstplan wachsen sah, begann Philipp Lottholz, einen Überlebenskampf auszufechten. Der 22 Jahre alte VWL-Student mit der Popperfrisur gehört zum Tübinger AIESEC-Vorstand, einer europaweiten Studentenorganisation mit dem hartnäckigen Ruf, ein Club von Strebern zu sein. Was in guten Zeiten ein Vorteil war, Streber gibt es schließlich immer. AIESEC vermittelt Praktikanten an Unternehmen und organisiert internationalen Austausch.

In besagten guten Zeiten standen auf der Mitgliederliste 50 Namen. Im vergangenen Wintersemester waren es noch 17. Selbst die Streber hatten Wichtigeres zu tun. Lottholz wurde klar: »Wenn nichts passiert, können wir dichtmachen.« An Deutschlands Hochschulen ereignet sich eine Kulturrevolution, und auf den ersten Blick ist es keine, die zu Hoffnungen Anlass gibt: Ob in Tübingen, Köln, München oder Chemnitz, Professoren finden keine Hiwis mehr, Studentencafés müssen früher schließen, weil ihnen die Barkeeper ausgehen, Hochschulgruppen aller Parteien stemmen sich gegen die Selbstauflösung. »Labil« seien die Jungakademiker, »teilnahmslos« und »immer unpolitischer« - so lauteten die Schlagzeilen von Focus bis Tagesspiegel, als Konstanzer Hochschulforscher kürzlich vermeldeten, dass sich nie zuvor so wenige Studenten für Politik interessiert hätten wie heute: nur noch 37 Prozent. Materialismus, Fachidiotie und Karrieredenken träten an die Stelle des freien Geistes, klagen Querdenker wie der Berliner Politikwissenschaftler Peter Grottian: »Der Bachelor macht dumm!« Der Bachelor und sein großer Bruder, der Master, sind die neuen, europaweit gültigen Studienabschlüsse, die bis Ende des Jahrzehnts die traditionellen Titel von Magister bis Diplom ablösen sollen - mit exakt vorgegebenen Studienplänen und »Credits« genannten Leistungspunkten, die als Belohnung für regelmäßige Semesterprüfungen das Hammerexamen am Ende ersetzen.

Ins selbe Horn wie Grottian bläst der Bamberger Soziologe Richard Münch, der zum vielleicht meistzitierten Kronzeugen der Feuilletons gegen die Ökonomisierung der Bildung aufgestiegen ist: »Anstatt ihrer Wissbegierde zu folgen, jagen die Studenten nur den Credits hinterher!« Die Leistungspunkte machten jedes außeruniversitäre Engagement wertlos, die Attraktivität von Vorlesungen messe sich nicht mehr am Erkenntnisgewinn, sondern am Punktewert. Und plötzlich erhält sogar eine Frage ihre Berechtigung, die zunächst nach einer billigen Pointe klingt: Macht Studieren dumm? Und wenn ja, was hat die »Bologna- Prozess« genannte Studienreform damit zu tun?

"Ich kann die jungen Leute verstehen", sagt der alte Hausmeister

Kaum ein Ort ist für eine Spurensuche nach dem, was ein Studium heute tatsächlich in seinem Kern ausmacht, geeigneter als Tübingen, die mittelalterliche Stadt in der schwäbischen Provinz, wo jeder vierte Einwohner eine Immatrikulationsbescheinigung besitzt. Die Eberhard-Karl-Universität mit ihren 22 000 Studenten bietet 70 Studienfächer von der Archäologie bis zur Zahnmedizin, ist weder Reform- noch Elite-Uni, dafür aber ausgestattet mit einer 532-jährigen Geschichte, seit sie von Graf Eberhard im Bart gegründet wurde. Entsprechend unaufgeregt und in längeren Zeiträumen betrachtet man hier die Dinge. Was das bedeutet, lässt sich am besten in einem Gespräch mit Hartmut Krause erfahren, denn wenn es so etwas wie das personifizierte Gedächtnis einer Universität gibt, dann ist es der Mann im gelben Freizeitpulli. Morgens steht er manchmal in der Eingangshalle der Neuen Aula mit ihrem Marmorprotz, und manchem der Studenten, die dann an ihm vorbeiziehen, erscheint es so, als habe er immer hier gestanden. Immerhin: Vier Rektoren hat Krause tatsächlich kommen und gehen sehen, dazu jedes Jahr eine neue Studentengeneration, die erste langhaarig und im Schlabberlook, die letzte in Sakko und gestärktem Hemd.

»Heute haben die Professoren die Jeans an und ihre Hiwis den Anzug«, sagt Krause in seinem langsamen schwäbischen Singsang. Vor 29 Jahren hat er in Tübingen als Uni-Hausmeister angefangen. Inzwischen trägt er den Titel des Oberpedells und immer seltener den blauen Arbeitsmantel seiner drei Dutzend Mitarbeiter. 1980 konnte er das Haus um 18 Uhr zusperren, heute hocken die Studenten auch sonntags in der Bibliothek. »Neuerdings latschen sie sogar samstags früh um acht hier rein. Das gibt's gar nicht«, sagt Krause, hält inne, korrigiert sich: »Früher hätte es das nicht gegeben.« Doch dann sagt der Hausmeister etwas Unerwartetes: »Ich kann die jungen Leute verstehen. Draußen wartet keiner mehr auf dich. Wenn du schlau bist, machst du schnell deinen Abschluss und bist hier wieder weg.« Die Angst, dass da draußen keiner auf sie wartet - ist sie es, die die heutige Studentengeneration so hektisch macht? Die Angst, trotz Hochschulstudiums später mit Hilfstätigkeiten abgespeist zu werden? Seit der Medienkarriere der »Generation Praktikum« haben zahlreiche Umfragen nach ihr gefahndet - mit zum Teil widersprüchlichen Ergebnissen.

Während laut DGB 70 Prozent der befragten Hochschulabsolventen optimistisch in ihre berufliche Zukunft blicken, bewerteten im Studierendensurvey der Kons tanzer AG Hochschulforschung von 2007 65 Prozent ihre Aufstiegschancen als schlecht - der höchste je gemessene Wert. Das Hochschulinformationssystem (HIS) wiederum berichtete, dass neun Monate nach dem ersten Praktikum nur noch vier Prozent der Uni- Abgänger ohne Job dastehen. Zehn Jahre nach dem Abschluss, besagt die neueste HIS-Absolventenstudie, liegt die Arbeitslosenquote gar, fast unglaublich, bei einem Prozent. Allen guten Zahlen zum Trotz: Unter Erstsemestern war die Angst vorm Abstieg schon lange vor der gegenwärtigen Rezession real. Doch woher kommt sie bloß? Womöglich liegt die Auflösung des Widerspruchs ja in der Erkenntnis, dass das Gros der heutigen Studenten in der jahrelangen, tiefen Krise nach dem Dotcom-Boom das politische Denken gelernt hatte, eine Krise, in der Deutschland schon zum »kranken Mann« Europas erklärt worden war.

Selbst linke Studenten wollen sich marktförmig verhalten

Als Andrea Rüdiger sie hört, die Frage nach der Angst, sitzt sie in einem Café an der Neckarbrücke und nippt an ihrem Tee. Wenn es archetypische Vertreter der neuen Studentengeneration gibt, dann zählt sie dazu: 23, Bachelorstudentin der Politologie und Volkswirtschaftslehre, 24 Pflichtstunden in der Woche, vier Klausuren am Semesterende. Sie sagt: »Bei mir schlagen zwei Herzen in einer Brust. Einerseits versuche ich, mich marktförmig zu verhalten. Andererseits sollte die Uni ein geschützter Raum sein, um mich in Ruhe bilden zu können.« So pendelt Andrea Rüdiger ständig zwischen dem Leistungsdruck und Wissensdurst: Sie hat ein Jahr in Paris studiert, sich in ein Doppelstudium gestürzt und ist aktives Mitglied bei den Grünen. Umgekehrt aber sorgt sie sich, dass sie so statt der üblichen sechs Semester womöglich acht brauchen wird. Und tröstet sich mit dem Gedanken, dass sich die zusätzliche Zeit, wie sie es formuliert, »auszahlen« werde. Auszahlen - ist das die Punktesammelmentalität, von der Münch spricht? Zumindest klingt es nach einem Widerspruch: Eine Studentin, die sich selbst zum linken Spektrum zählt, hat Angst, nicht konform genug zu sein. Und da ist noch etwas: Andrea Rüdiger steht den Stress nicht nur durch, sie lässt sich bewusst auf ihn ein.

»Die meisten Leute brauchen den Druck, die Orientierung«, sagt sie. »Zu diesen Leuten gehöre ich.« Das Schwanken zwischen den Extremen von Karrieredenken und ehrlich empfundenen Idealen ist typisch für Studenten wie Andrea Rüdiger. Sogar ehrenamtliches Engagement steht noch hoch im Kurs - solange es sich in den engen Stundenplan einpassen lässt. Diese Erfahrung haben auch Philipp Lottholz und seine verbliebenen Mitstreiter gemacht. Bei AIESECInfoabenden rücken sie seitdem nicht mehr die Pflichten einer Mitgliedschaft in den Vordergrund, sondern preisen die Möglichkeit an, Erfahrung mit kleineren Projekten zu sammeln, der Vorbereitung politischer Diskussionsabende etwa - immer mit dem Nachsatz, dass der Wiederausstieg möglich sei.

Mit Erfolg: In Tübingen hat AIESEC wieder 30 Mitglieder. Man kann über diese unbedingte Strebsamkeit erschrecken, man kann sie aber auch als positive Umdeutung der Angst vor dem Abstieg betrachten, wie der Jugendforscher Klaus Hurrelmann es tut. »Ich würde mich davor hüten, die Haltung der jungen Leute einfach so abzuwerten«, sagt der Leiter der Shell- Studie, die zuletzt 2006 den drastischen Wertewandel der Jugend hin zu beruflichem Ehrgeiz und dem Streben nach familiärem Glück dokumentiert hatte. Hat Hurrelmann recht, dann wäre die neue Leistungsbereitschaft der Studenten, ihre vermeintliche Stromlinienförmigkeit, eine gesunde Strategie angesichts von Wirtschaftskrise und Jugendarbeitslosigkeit.

Mit dem Bachelor hätte all das wenig zu tun. Woraus sich die Frage ergibt: Sind die verbliebenen Magister- und Diplomstudenten vielleicht gar nicht so anders? Möglicherweise bringt ein Besuch bei den verbliebenen nicht stromlinienförmigen Studenten Aufschluss. Wenn es die in Tübingen überhaupt noch gibt, dann findet man sie an einem Abend im Semester im Studentenclub gegenüber der Neuen Aula, einem unverputzten Schlichtbau auf der Abrissliste des Rektorats. Draußen hängt ein Betttuch mit der Aufschrift: »Clubhausfest Mathe, bis 0:00 Uhr Bier für 1 Euro«, drinnen im Büro der Fachschaften-Vollversammlung hockt eine 31-jährige Studentin im schwarzen Kapuzenpulli auf dem Boden, die ihren echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, das bringe nur Ärger. Sie hat einen Ph. D. in Philosophie, ein Diplom in Biologie, dazu das Physikum in Medizin. Gerade schreibt sie an ihrer Promotion in Biologie, Thema: »Rezeptoraktivierung und Gewebeschädigung«. Seit Jahren hält sie sich mit Studentenjobs über Wasser. Empfindet sie keinen Druck, endlich richtig Geld zu verdienen? »Ich verstehe die Frage nicht«, sagt sie.

Im Erdgeschoss dreht einer die Bässe auf, die Musik beginnt zu wummern, die Mathematiker-Party beginnt. Neben der Studentin im Kapuzenpulli sitzt Roland Schwiese, dessen Vollbart ein bisschen zu den Akten in den Regalen passt: Protokolle alter Vorstandssitzungen von 1977 und Flugblätter von 1981. Schwiese ist studentisches Mitglied im Uni-Senat und hat »das Glück«, wie er sagt, noch ein Magisterprogramm erwischt zu haben. Der 27-Jährige studiert Politikwissenschaft im Hauptfach, fügt aber gleich hinzu, dass er bereits eine Goldschmiedelehre abgeschlossen habe. Nicht dass am Ende einer denkt, er habe all die Jahre getrödelt. Jetzt ist er im 7. Semester, vier könnte es wegen seines hochschulpolitischen Engagements noch dauern, vielleicht auch sechs. Natürlich, sagt Schwiese, werde er durch die Verzögerung Nachteile haben.

»Der Rechtfertigungsdruck ist da. Den anderen gegenüber. Auch mir selbst gegenüber.« Während seine Kommilitonin neben ihm noch aus einer anderen Zeit zu stammen scheint, ist Schwiese längst im Hier und Jetzt von Leistungsdruck und Leistungswillen angekommen - wie all die anderen Magisterstudenten in Tübingen, die genauso wie ihre Bachelorkollegen auf die Regelstudienzeit schielen und sich Sorgen um ihre Jobchancen machen. Und was ist mit dem von Bologna-Gegnern gepflegten Ideal, die Magisterstudenten widmeten sich dank ihrer wenigen Pflichtveranstaltungen wie frühere Studentengenerationen dem freiwilligen Besuch weiterer Vorlesungen? Eine Frage, bei der Felix Haaß unwillkürlich grinsen muss. Der 23-jährige Hiwi steht am Overheadprojektor und ordnet die Folien, die er gleich für seinen Professor auflegen soll. Es geht um die Menschenrechte weltweit, der holzgetäfelte Hörsaal beginnt sich langsam zu füllen. Haaß ist auch für das Führen der Anwesenheitsliste zuständig. Und die besagt: Von den 14 Magisterstudenten, die sich zu Beginn des Semesters eingetragen haben, tauchen noch ganze vier hin und wieder auf. »Die anderen haben wohl das Selbststudium zu Hause vorgezogen«, sagt Haaß, der selbst Masterstudent ist, trocken. Laut des Uni-eigenen Career Centers ist es aber wohl eher so, dass viele von ihnen sich in die für Magisterstudenten ebenfalls freiwilligen Coaching- und Berufsvorbereitungskurse einbuchen.

Sogar Richard Münch sagt inzwischen: »Die Vorstellung eines Studiums gemäß den sogenannten Humboldtschen Idealen, allein der Selbstentfaltung und einem ganzheitlichen, verwertungsfreien Bildungsbegriff gewidmet, war schon vor Bologna und Bachelor nur Fiktion.« Sicher haben auch die Studiengebühren in Baden-Württemberg ihr Übriges getan, dass die Studentin im Kapuzenpulli bilanziert, sie kenne mittlerweile jeden Langzeitstudenten persönlich. Nein, die neuen Abschlüsse sind nicht schuld am Mentalitätswandel. Wahr ist aber, dass sie hervorragend zu den neuen Studenten und ihrer Sehnsucht nach Struktur passen. Was auch heißt: Ein schlechter Bachelor kann eine Menge kaputt machen - dann nämlich, wenn er, wie Münch kritisiert, nur noch den Wunsch der Studenten nach Ordnung befriedigt, sie mit Stoff überlädt und nicht mehr zum selbstständigen Denken anregt. Doch sind die neuen Studiengänge wirklich so mies, wie ihr Image nahelegt?

Wenn auf diese Frage jemand die Antwort kennt, dann Christine Renz. Jede Woche kommen verunsicherte Bachelorstudenten in ihre Sprechstunde. »Nicht nur, weil sie wie die allermeisten Studenten in Deutschland unter katastrophalen Studienbedingungen leiden, sondern weil sie dazu auch noch jede Woche in der Zeitung lesen müssen, wie katastrophal ihr Abschluss angeblich ist«, schimpft die Dozentin für neue deutsche Literaturwissenschaft. »Wir reden eine Studienreform schlecht, bevor wir ihre Folgen abschätzen können.« Renz hat ihr Büro im fünften Stock des Brechtbaus, einer jener Siebziger-Jahre-Betonburgen, in der die meisten Universitäten ihre Geisteswissenschaften untergebracht haben. Der Blick aus dem Fenster geht auf bewaldete Hänge mit schicken Villen, doch Renz ist nicht in der Stimmung, ihn zu genießen. »Das Gerücht, das Bachelorstudium kratze nur an der Oberfläche, ist so hartnäckig, wie es falsch ist«, sagt sie. In Germanistik zum Beispiel lernten die Studenten heute in sechs Semestern fast so viel, wie sie früher in einem viel längeren Magisterstudium gelernt hätten. »Die Guten werden durch den Bachelor nicht schlechter. Aber diejenigen, die vorher unterzugehen drohten, haben eine bessere Chance.«

Und es gibt sie wirklich in Tübingen, anspruchsvolle Bachelorprogramme, und zwar mehr, als mancher Beobachter zunächst vermutet: Studiengänge mit Tiefgang und Wahlmöglichkeiten und mit Studenten, die neugierig sind und Antworten auf ihre Fragen finden. Da sitzen dann zum Beispiel 25 Studenten in einem Seminar und lesen Das Kapital I von Karl Marx, und zwar alle 802 Seiten, halten sich gegenseitig Referate über Akkumulation, Mehrwert und das Verständnis von Eigentum. Zu der seltsamen Realität der Studienreform gehört aber auch, dass die meisten Studenten denken, ihr Bachelor sei eine seltene Ausnahme, während alle anderen genauso schlecht seien, wie der Ruf es behauptet: Schmalspur eben. Wenn es allerdings jemanden gibt, der zu Recht und frei von jeder vermeintlichen Humboldt-Nostalgie die Studienreform kritisiert, dann ist es Michael Schmidt. Seit 13 Semestern studiert der 27-Jährige mit Dreitagebart und Geheimratsecken Ur- und Frühgeschichte, Paläoanthropologie und Germanistik auf Magister. Zweimal die Woche streift er sich eine bekleckerte Arbeitshose über, dazu Knieschützer und Handschuhe, fährt hinaus zu irgendeiner Baustelle und verlegt Fliesen. Acht Stunden lang. Im Sommer zehn.

»Ich bin dankbar, dass ich keinen Bachelor machen muss«, sagt er. »Da könnte ich mir keine kompletten Tage freihalten. Und dann müsste ich mein Studium an den Nagel hängen.« Das ist die eigentliche Bologna-Misere: Das vollgestopfte Studium schränkt nicht nur das ehrenamtliche Engagement ein, sondern macht das Leben mit und von Studentenjobs fast unmöglich. Ganz zu schweigen von den Auslandsaufenthalten, die in dem engmaschigen Netz an Kursen, Klausuren und Praktika kaum mehr Platz finden. Womit am Ende der Tübinger Spurensuche eine letzte Frage steht: Ist ein anderer Bachelor möglich? Einer, der den Studenten die Orientierung bietet, die sie wollen, sie intellektuell herausfordert und ihnen trotzdem die Zeit lässt, die sie brauchen? - »Möglich ja. Auf jeden Fall aber sieht ein solcher Bachelor anders aus als der, den wir fast überall eingeführt haben«, sagt Bernd Engler. Vor dem Uni-Rektor liegt ein dicker Stapel bedruckten Papiers, »Leitfaden für die Überarbeitung der BA-Studiengänge« steht drauf. Jetzt könnte man sagen: Noch mehr Papierkrieg, als ob Bologna nicht längst ein Fest für Bürokraten geworden wäre. Doch die Reform der Reform könnte sich als Segen erweisen, Englers Leitfaden will Schluss machen mit dem 6-Semester-Bachelor als Normalfall, wieder mehr Freiräume schaffen für ein Leben neben dem Studium. Dann, so hofft Engler, wird er vielleicht auch einen weiteren Brief von Sigi Lehmann erhalten. Mit der Bitte, die Uniwelle wieder sonntags senden zu lassen.

Aus DIE ZEIT :: 23.04.2009

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