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Machtwechsel in Europa

Von ANDREAS SENTKER

Die Zukunft der Forschung liegt nicht mehr nur in Männerhand.

Machtwechsel in Europa© Rawpixel - Fotolia.comDass Frauen in der Forschung immer stärker vertreten sind, bestätigen nun auch Wissenschaftskonferenzen
Wie man die Welt rettet? Zum Beispiel, indem man die deutsche Familienpolitik stoppt. Sagt der Gesundheitsforscher Hans Rosling. Der mit Leidenschaft gegen Ideologien und Denkfehler kämpfende Schwede war vergangene Woche einer der 500 Sprecher beim Euroscience Open Forum (Esof) in Kopenhagen. Und er hatte noch mehr Empfehlungen im Gepäck: Kernenergie gegen Klimawandel, Gentechnik gegen Hunger ... Wie sieht die Welt von morgen aus? Werden wir unser Gehirn verstehen? Es optimieren können? Wo werden wir leben und mit wem? Reicht die Erde für uns alle aus? 4.000 Forscher, Politiker, Studenten, Journalisten haben fünf Tage lang solche Fragen diskutiert. Alle zwei Jahre findet das größte interdisziplinäre Treffen in Europa statt. Nach Stockholm, München, Barcelona, Turin und Dublin feierte das Forum in Kopenhagen seinen zehnten Geburtstag.

Der Traum von Europa als einem Forschungsraum, der kluge Köpfe aus aller Welt anzieht, ist ehrgeizig. Aber die Hoffnung, dass er eines Tages wahr werden kann, wird bei solchen Konferenzen greifbar. Wer die überfüllten Vorträge besucht, im Eineinhalbstundentakt zwischen Hirn-, Gesundheits- und Klimaforschung pendelt, den Debatten in den Pausen lauscht, spürt die Vielfalt und Attraktivität des europäischen Forschungsraums. Hier trifft sich der europäische Nachwuchs. Und hier treffen sich - noch eine gute Nachricht - immer mehr Frauen.

Ähnliches ist auch in Lindau zu beobachten, wo in dieser Woche fast 40 Nobelpreisträger auf 600 Nachwuchsforscher aus 80 Ländern treffen. Einst war die Lindauer Konferenz ein mit seltsamen Ritualen gespicktes Ehrentreffen alter Männer, deren Anwesenheit am Bodensee die deutsche Forschung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder in den Fokus der Weltöffentlichkeit rücken sollte. Heute versammelt und fördert die Konferenz junge Talente. Und unter denen bilden in diesem Jahr erstmals die Frauen die Mehrheit. Viel zu lange waren große Wissenschaftskonferenzen das Revier grauhaariger Männer, die die Karrieren etwas weniger grauhaariger Männer förderten. Das Euroscience Open Forum wie die Konferenz am Bodensee sind anders - und dieses Anderssein offenbart eine große Chance: Die Zukunft der Forschung ist nicht mehr nur in den Händen und Hirnen von Männern gefangen.

In Kopenhagen ist der 65-jährige Rosling auch unter den Sprechern eine der grauhaarigen Ausnahmen. Warum er die Sehnsucht deutscher Politiker nach mehr Nachwuchs stoppen will? Weil ein im reichen Westen der Welt geborenes Kind viel mehr Ressourcen verschwenden wird als ein Neugeborenes in einer Großfamilie in Ghana. Rosling fasst seine Einsicht so zusammen: »Nicht die anderen sind das Problem. Wir sind es.« Ein guter Grund, das europäische Format Esof dorthin zu exportieren, wo Menschen sehnsüchtig auf ein Aufbruchssignal hoffen: nach Afrika. Eine Art African Science Open Forum soll die klügsten jungen Köpfe des Kontinents versammeln. Die Premiere ist bereits geplant: für 2015.

Aus DIE ZEIT :: 03.07.2014

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