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Magere Bilanz

VON THOMAS KERSTAN

Im Jahr 2008 hat die Kanzlerin die Bildungsrepublik proklamiert. Ein Bildungsökonom rechnet vor, wie weit der Weg noch ist.

Magere Bilanz© Alonzo Adams - iStockphoto.comEine erste Zwischenbilanz zeigt, dass die Ziele des Bildungsgipfels 2008 noch Zukunftsmusik sind
Beim Bildungsgipfel mit den Ministerpräsidenten 2008 in Dresden hat die Bundeskanzlerin den Aufbruch in die »Bildungsrepublik Deutschland« verkündet - verbunden nicht nur mit allgemeinen Versprechen, sondern auch mit überprüfbaren Zielen.

Anlässlich des Bildungsgipfels an diesem Donnerstag in Berlin hat der Essener Bildungsökonom Klaus Klemm im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes nun eine erste Zwischenbilanz gezogen. Auf diese Ziele hatten sich der Bund und die Länder 2008 festgelegt: Die Ausgaben für Bildung und Forschung sollen bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen; bis 2013 soll für 35 Prozent der Kinder unter drei Jahren ein Krippenplatz bereitgestellt werden; die Quote der Schulabgänger ohne Abschluss soll von acht auf vier Prozent eines Jahrgangs halbiert werden; die Quote der jungen Menschen ohne Berufsabschluss soll ebenfalls halbiert werden, von 17 Prozent auf 8,5 Prozent; die Studienanfängerquote soll auf 40 Prozent eines Altersjahrgangs steigen, dabei sollen auch die doppelten Abiturientenjahrgänge zu ihrem Recht kommen; mehr Berufstätige sollen sich weiterbilden: 50 Prozent statt 43 Prozent.

Klemms Untersuchung lässt einen erheblichen Nachholbedarf der Politik erkennen. Sichtbare Erfolge gibt es nur in einem Feld: Die Studienanfängerquote wurde von 40 Prozent im Jahr 2008 auf 43 Prozent im Jahr 2009 gesteigert. Kleiner Wermutstropfen: Wenn dieser Trend anhält, dann wiederum müssten mehr Studienplätze finanziert werden, als im »Hochschulpakt« von Bund und Ländern vereinbart wurden. Zur Weiterbildungsbeteiligung kann Klaus Klemm keine Aussagen machen, weil keine aktuellen Daten vorliegen.

Auf den anderen Feldern sieht es düster aus: Der Krippenausbau liegt weit hinter dem Plan zurück. 2009 gab es erst für 20 Prozent der unter Dreijährigen einen Platz. Es fehlen noch 320 000 Plätze. Völlig ungeklärt ist, wie der Bedarf an Fachkräften gedeckt werden soll, der nötige Ausbau der Ausbildungskapazitäten findet nicht statt. Wie die Zahl der Jugendlichen ohne Schulabschluss halbiert werden soll, ist laut Klemm nicht einmal ansatzweise zu erkennen. Weder ist es in greifbarer Nähe, dass alle Hauptschüler einen Abschluss machen, noch gibt es eine gezielte Hilfe für die Förderschulen, aus denen rund die Hälfte der Jugendlichen ohne Hauptschulabschluss stammen. Auch für die Halbierung des Anteils junger Menschen ohne Berufsabschluss gibt es keine Anzeichen. Zum einen, weil dazu zunächst mehr Jugendliche einen Schulabschluss brauchten, zum anderen, weil Ausbildungsplätze fehlen.

Klaus Klemms Zwischenbilanz ist also ernüchternd, und er hält die geplante Erhöhung der Bildungsausgaben für dringend geboten. Interessant ist dabei, dass er eine andere Rechnung aufmacht als die Bundesregierung. Diese spricht immer von 13 Milliarden Euro, die jährlich zusätzlich für Bildung ausgegeben werden müssen, um das Zehnprozentziel zu erreichen. Klemm kommt in seinen Berechnungen durchaus plausibel auf einen jährlichen Zusatzbedarf von rund 25 Milliarden Euro.

Auf einer Konferenz im Jahr 2009 gingen Kanzlerin und Ministerpräsidenten von jährlichen Zusatzausgaben in Höhe von 41 Milliarden Euro aus. Knapp 40 Prozent der Ausgaben für Bildung und Forschung werden privat finanziert, gut 60 Prozent öffentlich. Bliebe es bei dieser Quote, dann landete man tatsächlich bei einem Mehrbedarf von 25 Milliarden Euro jährlich, den Bund und Länder tragen müssten. Klaus Klemm leistet einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die Bildungsfinanzierung. Man darf gespannt sein, welche Rechnung die Teilnehmer des Bildungsgipfels präsentieren.

Aus DIE ZEIT :: 10.06.2010

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