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»Man sieht es mir nicht an« - Akademiker mit Handicap

Von YVONNE WEINDEL

Unternehmen sind verpflichtet, behinderte Menschen einzustellen. Doch was passiert, wenn sich eine betroffene Akademikerin um eine Stelle bewirbt? ZEIT-Autorin Yvonne Weindel hat es versucht.

Man sieht es mir nicht an© cirquedesprit - Fotolia.comAkademiker mit Handicap haben es auf dem Arbeitsmarkt schwer
Meine gelähmte rechte Hand liegt gut versteckt unter dem Tisch in meinem Schoß. Sechs Leute sitzen mir in Hufeisenform gegenüber. Wasser wird gereicht, Floskeln werden ausgetauscht. Das Vorstellungsgespräch nimmt seinen üblichen Lauf, Frage-Antwort-Spiel.

Doch etwas ist anders: Aus meiner Bewerbung ging hervor, dass ich behindert bin. Und nun, da die begutachtenden Blicke der Runde auf mir ruhen, frage ich mich: Werde ich gerade zu einer Schmarotzerin? Zu einer, die glaubt, Karriere machen zu können, weil sie krank ist? Will ich aus Mitleid genommen und auf einen Quotenjob gehievt werden? Mein Leben als Behinderte ist noch frisch. Vor etwa einem Jahr erhielt ich die Diagnose ALS: Amyotrophe Lateralsklerose.

Die Krankheit lähmt die Nerven und endet tödlich. Um auch offiziell auf die Seite der Kranken zu wechseln, genügte der eilige medizinische Befund der Ärztin. »Dann können Sie wenigstens mal kostenlos ins Museum gehen«, sagte sie und lächelte. Nur wenige Wochen später lag ein Schreiben des Sozialamtes mit dem Aufdruck »Feststellungsverfahren über das Vorliegen einer Behinderung« auf meinem Schreibtisch. Es bescheinigte mir einen Behindertengrad von 30 Prozent, nicht üppig, aber genug, damit der Gleichbehandlungsgrundsatz im Bewerbungsverfahren gültig wird. Ein vollmundiges Versprechen leuchtet mir da entgegen: »Bei gleicher Eignung werden schwerbehinderte Bewerber bevorzugt eingestellt.«

Seit 2006 schreibt das Antidiskriminierungsgesetz diesen Passus bei Stellen im öffentlichen Dienst vor. Neuerdings sprechen Politiker und Verbände auch gerne von »beruflicher Teilhabe«, ein wohlklingender Begriff aus der UN-Behindertenrechtskonvention, die Deutschland im März 2009 unterzeichnet hat. Behinderte sollen es seitdem besser haben: mehr Rechte, mehr Normalität, mehr Chancen - auch in der Berufswelt. Das klingt nach einem ernst gemeinten Angebot, also habe ich mich auf eine Redaktionsstelle in einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt beworben. Einen tadellosen Lebenslauf und die Kopie der neutralen Feststellung meiner Behinderung habe ich beigelegt.

Diesen Bewerbungsversuch überhaupt erst zu wagen, dazu hat mich die Geschichte von Saskia Gomer ermutigt, deren echter Name hier nicht stehen soll. Es ist die Geschichte einer Nutznießerin. »Zweihundert Bewerber hab ich ausgestochen«, erzählt sie, »für einen Ausbildungsplatz bei den Grünen.« Gomer hat nur eine Niere, dafür einen Schwerbehindertenausweis. Sie ist Mitte zwanzig - hübsch, mit Berliner Schnauze, keine Fehltage in der Ausbildung, einen Einser-Abschluss als politische Verwaltungsangestellte - und arbeitet jetzt im Bundestag. Sie hat keinen Rollstuhl, keine Missbildungen, sie ist cool und sexy, nichts deutet bei ihr auf ein Handicap hin, stattdessen: Vorzeigekarriere.

Ich frage mich, ob Personalchefs bei einer jungen, scheinbar kerngesunden Saskia Gomer wohl gnädiger sind als bei mir, einer 40-jährigen Mutter von drei kleinen Kindern. Bald wird man mir die Krankheit ja auch ansehen. Ob die verantwortlichen Entscheider in gute und schlechte Behinderte einteilen? Offiziell verneinen Betriebsräte und Pressesprecher, die ich um ihre Meinung bitte. Ich höre viel politisch Korrektes, Abgegriffenes - immer wieder das Gerede von sozialer Verantwortung und gelebter Toleranz. Niemand will zu den 37.000 deutschen Unternehmen gehören, die noch nie einen Behinderten eingestellt haben.

Nur, wo sind sie denn alle, meine behinderten Kollegen? Und ich meine nicht jene, die jeden Morgen in die Behindertenwerkstatt gefahren werden, sondern hoch qualifizierte Arbeitnehmer wie Gomer und mich. Es gibt sie, aber sie sind selten im Job, meistens arbeitslos. Eine Pilotstudie des Lehrstuhls für Arbeit und berufliche Rehabilitation der Universität Köln zeigt erstmals das Ausmaß (siehe Kasten). Die Verlierer des momentanen Aufschwungs sind Akademiker mit Handicap. Unter ihnen ist die Arbeitslosigkeit in den vergangenen vier Jahren um 17 Prozent gestiegen, wohlgemerkt bei Arbeitnehmern unter fünfzig.

Wir brauchen keinen Spucknapf, sondern einen anspruchsvollen Job

Wem immer ich während meiner Recherche erzähle, dass ich ebenfalls zu diesen Akademikern mit Handicap gehöre - die Reaktion ist stets ähnlich: Mitleid schlägt mir entgegen, hastig wird beteuert, dass es sicher auch Ausnahmen gebe. Beim Coming-out als Behinderte endet man immer als Opfer. Das Missverständnis in den Köpfen scheint nicht korrigierbar. Das ist deprimierend, denn wir sind keine Krüppel - wir sind normal. Dreitausend Behinderte mit Abitur, Hochschulabschluss oder Promotion brauchen derzeit in Deutschland keinen Spucknapf und kein Lätzchen, sondern einen ernst zu nehmenden Job, der ihrer Qualifikation entspricht.

Doppelt behindert

Die Bedenken der Chefs
Die Universität Köln hat im Auftrag der Aktion Mensch Arbeitgeber und behinderte Akademiker zu deren Arbeitssituation befragt. Der am häufigsten genannte Grund, warum Arbeitgeber keine Akademiker mit Behinderung einstellen, sind Bedenken wegen ihrer Leistungsfähigkeit. Dann folgen Argumente wie finanzieller Mehraufwand und besonderer Kündigungsschutz. Weitere Ergebnisse des Lehrstuhls für Arbeit und berufliche Rehabilitation unter bit.ly/analyse-uni-köln.

Die Ausgleichsabgabe
In Deutschland sind private wie öffentliche Arbeitgeber (ab 20 Mitarbeitern) verpflichtet, Behinderte einzustellen. Bei mittelständischen Unternehmen schreibt das Gesetz eine Quote von fünf Prozent vor. Die wenigsten erfüllen diese Anforderung. Unternehmen, die weniger als zwei Prozent Behinderte beschäftigen, zahlen eine Ausgleichsabgabe von 290 Euro im Monat. Sie kommt den Integrationsämtern zugute, die damit zum Beispiel behindertentaugliche Arbeitsplätze schaffen.
»Behindert zu sein hieß jahrelang: Karriere in der Sonderschule. Das ist noch nicht aus den Köpfen draußen«, kommentiert Mathilde Niehaus, Leiterin der Kölner Studie, die anhaltend geringe Akzeptanz von hoch qualifizierten Behinderten in der Arbeitswelt. »Studienergebnisse zeigen: Wenn Unternehmen gute Erfahrungen mit behinderten Arbeitnehmern machen, ändern sie ihre Vorurteile, aber das dauert einige Zeit, bis sich der Geist hier wirklich wandelt.« Mathilde Niehaus ist eine besonnene Wissenschaftlerin, sie vertraut auf die Inklusion.

So lautet ein weiteres Zauberwort aus der Behindertenrechtskonvention, das alles richten soll: diesmal in der Schule, beim gemeinsamen Lernen von Behinderten und Nichtbehinderten. Falls diese Idee funktioniert, wird es in Zukunft mehr Abiturienten mit Handicap geben - und irgendwann hoffentlich auch mehr Jobs für sie. Was aber ist mit den Ungeduldigen von heute, mit uns? Wie eine fürsorgliche Mutter säuselt die Politik ihre Fantasien von »Inklusion« und »Teilhabe« in unsere Ohren. Wir werden akribisch verwaltet und mit Sozialprivilegien überhäuft. So bleiben die meisten von uns, ohne aufzumucken, in ihrer Opferecke.

Schicksalsergeben, so kennt man Behinderte. Aber ich will kein Gnadenbrot und brauche keine freien Museumseintritte als Trostpflaster, sondern ich möchte weiter ernst genommen werden. Ich bin krank, aber nicht kopflos. Das ist der Grund für meine Bewerbung als Behinderte. Es ist ein Selbstversuch.

Nach einer Stunde ist das Vorstellungsgespräch vorbei. Man hütet sich vor offener Diskriminierung, das Gesetz verlangt es so: kein Wort zu meiner Behinderung, nicht der geringste Hinweis auf meine Krankheit und ihre Folgen. Ich verlasse den Raum, und niemand weiß, dass dies vermutlich meine letzte Arbeitsstelle wäre. Man sieht es mir nicht an, dass ich in zehn Jahren vielleicht nicht mehr laufen kann; nur noch sabbere; mein Lungenmuskel nicht mehr kontrahiert; dass ich drei Kinder hinterlasse. Das vorgeschriebene Schweigen schützt mich, und doch kommen mir Zweifel am Verfahren: Warum sollte mich jemand einstellen, wenn er nur erahnen darf, welches Schicksal hinter mir lauert? Meinem potenziellen Arbeitgeber bleiben nur Spekulationen, er kauft die Katze im Sack. Warum sollte er das tun?

Das zeigt, wie nutzlos die verordnete Chancengleichheit ist. Ein zweckloser Gummiparagraf, der mich ins Auswahlverfahren reindrückt, mir aber keinen Job bringt, selbst bei höchster Qualifikation nicht.

Das Risiko ist zu hoch, der gute Wille zu schwach, und der mutige Chef fehlt zu oft. So übergehen Arbeitgeber Behinderte weiter. Sie laden pro forma zu Vorstellungsgesprächen, weil das Gesetz sie zwingt, und kaufen sich dann doch lieber frei - die Ausgleichsabgabe in Deutschland macht es möglich (siehe Kasten). Doch wovor haben sie Angst? Vor den zusätzlichen Kosten für die barrierefreie Toilette, den behindertentauglichen Arbeitsplatz? Fürchten sie die Unkündbarkeit oder die fünf zusätzlichen Urlaubstage, die vollzeitbeschäftigten Behinderten zustehen? Das alles sind viel zitierte Entschuldigungen - doch sie sind alle irrational. Die Kosten werden durch die Integrationsämter oder Reha-Träger gedeckt, und Kündigungsschutz genießt zum Beispiel auch das Betriebsratsmitglied. Am Ende bleibt eine Woche mehr Urlaub.

Bei der Porsche AG, dem deutschen Vorzeigebetrieb schlechthin, pflegt man bewusst eine hohe Behindertenquote; man übersteigt die gesetzliche Pflicht von fünf Prozent und spricht auch schon mal von positiver Diskriminierung. »Wenn wir für die 150 Ausbildungsplätze im Jahr 7.000 Bewerbungen bekommen, dann schauen wir uns jeden der behinderten Bewerber wohlwollend an. Die haben in dieser Masse tatsächlich einen enormen Vorteil«, sagt Manfred Buck, Vertrauensperson der Schwerbehinderten im Unternehmen. Aber was ist mit Leitungspositionen, mit Führungskräften, rekrutiert man hier auch Behinderte? Manfred Buck überlegt eine Weile, dann muss er verneinen. Ausbildung ja, Abteilungsleiter nein.

Warum das so ist, will oder kann Buck nicht beantworten. Die Firmen schweigen, auch weil sie schlechte Publicity fürchten. Die gefühlte Wahrheit aber ist: Vorurteile, Stigmatisierung, Diskriminierung killen unsere Jobs. Und je höher der Posten, desto massiver. Doch was, wenn ich uns überschätze? Sind Behinderte vielleicht doch leistungsschwächer, häufiger krank und stören die Kollegen? Selbstzweifel sind unsere Spezialität, oft eintrainiert von klein auf. »Nein, in der Praxis gibt es keinen Leistungsunterschied«, beruhigt Manfred Buck von der Porsche AG. »Wir haben beispielsweise einen Rollstuhlfahrer eingestellt, der vorher rund 900 Bewerbungen geschrieben hatte - ohne Erfolg. Er ist heute bei uns als volle Arbeitskraft und begeistert seine Kollegen auch mit seinem trockenen Humor.«

Klar, Behinderte erzählen die besten Witze, mit der Idiotenrolle kennen sie sich aus. Wie mein Kollege Jan Kampmann, auch Journalist. »Die Leute sind ganz aus dem Häuschen, wenn die merken, dass ich lesen und schreiben kann, obwohl ich im Rollstuhl sitze.« Kampmann lacht über diesen Blödsinn. Er lächelt auch, wenn ihn wildfremde Frauen bemuttern wollen. Jan Kampmann ist dickhäutig, und er hat einfach weitergemacht nach seinem Unfall in der siebten Klasse. Er ist in seine alte Schule gerollt, hat Basketball in der U-22-Nationalmannschaft gespielt, in Birmingham seinen Master gemacht und als Sportreporter von den Paralympic Games in London berichtet. »Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich das alles nicht hätte machen sollen, das hat mich vielleicht so weit gebracht«, sagt er. Diesmal lächelt er nicht. Jan Kampmanns berufliche Karriere ist eine Ausnahme. Und doch sind Menschen wie er nicht alleine. Die meisten verheimlichen - wenn sie können - ihr Handicap im Arbeitsleben. Sie bleiben unentdeckt mit einer Epilepsie, mit Krebs oder wie ich bisher mit meiner ALS-Erkrankung. Hauptsache, die Hülle stimmt. Damit kann man jeden Personalchef täuschen. Dass darunter die Muskeln zittern und die kaputten Nervenzellen alles lahmlegen, muss keiner wissen.

Es ist die Arroganz der Gesunden, ihre Besessenheit vom potenten Leistungsträger, die uns zu verlogenen und feigen Kollegen macht. Dabei müssten wir spotten, denn Krankheit kann jeden treffen, aber das ist ein plattes Argument. Seit einem Jahr verstecke ich meine Hand - doch die Krankheit werde ich damit nicht aufhalten können. Ich muss dazu stehen. Wochen später endet mein erstes Bewerbungsverfahren als Behinderte mit einer Absage. Für ein persönliches Gespräch haben die Verantwortlichen keine Zeit; nur schriftlich erhalte ich eine Antwort: Nein, man habe noch nie einen behinderten Kollegen in der Politikredaktion eingestellt. Nach mehreren Anläufen ringt sich schließlich die Gleichstellungsbeauftragte zu einem Statement am Telefon durch: »Sie haben bei uns einen sehr guten Eindruck hinterlassen, aber wir müssen ja auch an die Zukunft denken, deshalb habe ich gegen Sie gestimmt, wie alle anderen auch.«

Aus DIE ZEIT :: 06.03.2014